„dann ist dies nicht mein land“

8 Oktober, 2015 (06:44) | | hyper pixels | Kommentieren

(zum 66. „tag der republik“)

es war ja immer meines: gegenüber,
mein land, das fünfundzwanzig so vergangen.
ich war ihm dichtend hin und her hinüber,
ich drückte mich an seine zweifelnd wangen.

jetzt singt die kanzlerin das lobeslied
und gegen tod im mittelmeer dem flüchtling,
halbherzig nur, denn sie parteien blieb
die raute, schütt’re des geräuchert bückling.

sie selber aus dem pastorat geflohen,
wusst’ nicht, wo ist ein hier das mit uns wohnen,
war lang nur eines einheitskanzlers mädchen.

sie kreist in talkshows eiernd um probleme
und sucht verwischt geringeres der schädchen,
wo war sie flüchtig einst, nun die bequeme.

ögyr liest’s

6 Oktober, 2015 (13:18) | | tage-bau | Kommentieren

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das kriechtier

nah ists mir

es schleicht wie ich

nur ihm ihm

macht

das

nichts

schokozigaretten 1970

6 Oktober, 2015 (00:56) | | beautiful people, netz@uge.nblick | 1 Kommentar

wir aßen schlanke schokozigaretten
und schliefen ruhig und träumten sanft vom tage
des nachts in noch behüteten der betten,
denn alles schien uns damals in der waage.

mein erster schultag: jetzt begann der ernst
des lebens, kindern eh’dem kaum verständlich.
denn er beginnt, erst wenn du dich entfernst,
bewohnst die kalte stadt, bist nicht mehr ländlich.

wie fremd sind mir mein ich und die familie
nach fünfundvierzig jahren, halbes leben
später, dreifach fetter mit mir rauchend …

und es rührt mich, diese kinder schauend
an, aus denen sich die zeiten weben:
ist denn das leben nur ein rauchgebilde?

(für meine cousins (sven & jochen) und cousinen (kiki & brita))

ögyr liest’s

4 Oktober, 2015 (09:05) | | tage-bau | Kommentieren

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die großstadt malt gemälde. ein zigarettenautomat, längst seiner funktion enthoben, wird gefüllt mit abfall, der abfällt, wenn man ist, isst, trinkt, einkauft, prospekte liest und wegwirft, sich schneuzt. andere befüllen nicht, sie beschriften und bekritzeln und bekleben. wüsste man nicht, dass alles müll ist, kniffe man die augen ein wenig zu schlitzen, könnte man denken, man stünde vor einem gemälde des informel. träte man dicht hinzu, fasse an und betaste (was man nicht tut, weils nicht gut riecht), ertönte keine schrille klingel, keine sirene, kein geheul, die das museumspersonal auf vorwitzige oder klaubereite besucher hinweist. ganz unbeachtet hängt es da, das gemälde, das objekt. es lässt sich ruhig betrachten, selbstgewiss, selbstverständlich. und morgen sieht es wahrscheinlich schon ganz anders aus, dieses „work in progress“…

flurlicht

15 September, 2015 (03:38) | | blut.bahnen/rauschen, labyrinth/wort.gewebt. | Kommentieren

wir werden gehen, sagt man, durch den flur,
den langen, doch am ende sei das licht.
im dunkel, sanft beleuchtet, steht wie schwur
der ruhestuhl modell dem versgedicht.

das leben, ja, beginnet … und es endet
in beigen fluren von den krankenhäusern.
wie man’s auch dreht und kreisend wieder wendet:
wir komm’n und gehen dort … hilft kein beteuern.

flurlicht_web

doch dass das licht am end’ des flurs der nacht
nicht glimmt nur, sondern scheint, ja schreit so hell,
lässt letzten acker wie die saat einst leuchten.

wir gehen langsam und doch, ach, zu schnell
und blieben gern noch, wo wir hin uns scheuchten
vom licht am end’ zurück in anfangs schacht.

(für gf & jf)

ögyr liest’s

kommt!

5 September, 2015 (02:50) | | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

woher auch immer ihr gekommen seid,
von meiner schreibtischtäterschaft begrüß’
ich euch. denn hier auch ist ein mittenleid,
ein wohl gebettetes, das sagt sich tschüß

all der zufriedenheit, die wohl kartoffeln
noch wachsen lässt in deutschem blut und boden.
bevor ich demlei bin und eingewoben,
schlüpf’ ich in meine warmen filzpantoffeln.

denn ich bin auch nicht besser als die hasser,
weil ich ja auch nichts tu’, nur tränen weine
in meine dichtung, die nicht hält die wasser,

in denen ihr ertrinkt. doch geb’ ich meine
bereite kunst euch preis, dass ihr euch kauft
davon vielleicht von meiner tür den knauf.

ögyr liest’s

Ansprache eines wenig Noblen an die noble Verflossene

19 August, 2015 (09:59) | | beautiful people, herz & lenden, lug & trug | 2 Kommentare

Schau zu, wie du die nächste Herrschaft adelst:
Bei mir ist blaues Blut nicht mehr gefragt.
Das Negligé liegt löchrig rum, zernagt:
Selbst meine Hausmaus, die du immer tadelst,

Hat seinen Schnitt nicht mehr goutiert. Du rödelst
Wie wild geworden durch das Plüschgepränge
Des Nachsalons. Ach, wenn Dein Schimpfen klänge:
Es stört nur. Du störst. Kurz: Du episödelst.

Von gestern bist du, ausgelatscht und -lutscht:
Dein Rouge ist eine schwarz gestreifte Pampe,
Die Wimpern sind dir vom Geplärr verrutscht:

Mensch, zieh dich an, das Kleid hängt auf der Lampe.
Du glaubst, du hast dich an die Macht geputscht –
Ganz falsch: Du kommst jetzt auf die Resterampe.

anfangende

19 August, 2015 (03:30) | | lug & trug | Kommentieren

„… sicut erat in principio et nunc et semper …“

vom anbeginn das end’ vor uns’ren augen
dreh’n wir an allen der verschrägten schrauben
seit menschs – so uns – gedenken links herum:
von anbeginn der plumpe sack geht um.

in solchem suchen wir – äh, noch – das loch,
durch das in ewigkeit wir könnten schlüpfen.
oh, hilf’ mir suchen, wo, ach, ist es noch?
und welches von pandosen müsst’ uns lüpfen?

wir öffnen’s nicht, denn in dem anbeginn
macht’s ende stets verspätet’ andr’en sinn …
und unsinn auch, wenn es sich fragt: wer bin

ich unter eu’ren, die ihr mir beginnet?
und wessen end’ als anfang wär’ gewinn
dem, der an seinem anfang schon verschwindet?

[wohl mein bisher theologischstes sonett, wenn auch von der protestantisch-propper-norddeutschen kanzel gezetert – oder auch am ast, auf den ich dichte, sägend: also naturgedicht.]

ögyr liest’s

gewirrer gewoben

17 August, 2015 (03:14) | | herz & lenden | Kommentieren

wir gingen und wir gehen ins gewitter,
die wirren, die sich lieben, angehinkt
so süß, so salzig, sauer, doch nicht bitter
durch alle netze unbedingt verlinkt.

in ihnen sind wir beide die geschwister,
verfilzte uns’rer rot gewob’nen fäden,
die singen wie die saiten einer zither,
welch’ sich durch uns’re instrumente weben.

wir singen nicht nur, sind das selbe lied:
die pauk’ spielst du und ich im traum trompete.
jetzt wetterleuchten wir, weil nichts uns schied,

denn himmel sind seit je von uns erschwebte,
und zwischen ihnen ist der horizont
so silbrig, grenzenlos – von uns besonnt.

(für julija)

video.poem

amselmann.naturgedicht

16 August, 2015 (21:38) | | netz@uge.nblick | Kommentieren

du stolzer amselmann an meinem fenster,
fliegst kurz herein und setzt dich auf den stuhl
des dichters, der noch nestelt die gespenster
und ist dein sand in seiner uhr, die uhl,

die schaut in tiefer nacht nach vögelbeute,
mit großem aug’ und noch mehr lauschend’ ohr,
nach unterschied vom gestern zu dem heute,
nachdem das morgen war schon längst davor.

der amselmann fliegt künftig dir voran.
ich folge nach auf ikarussins flügel,
ein solcher sturzflug hat mich angst und bang

gemacht, dass ich auch deine flügel kürzel,
mach’ stadt, land, fluss daraus zum venushügel
und putze eifrig mir wie er das bürzel.

(für julija)

ögyr liest’s

vom zweifel der mich plagt

22 Juli, 2015 (10:58) | | ego.t/error.welt, haut.falten/masken.wahn | Kommentieren

Du gingst durch eine wolke
& wurdest dort zu rauch
du warst aus fremdem volke
& farbig warst du auch

Es glänzten helle sterne
belächelten den flug
in irgend eine ferne
der nähe war genug

Ich hatte traute stunden
mit dir & dich im arm
wir ließen uns uns munden
selbst winter wurden warm

doch du – du musstest reisen
in krieg & sieg & tod
die fenster die vereisen
vernebelten die not

Du würdest wieder kommen
so hattest du gesagt
ich schwieg in angst benommen
vom zweifel der mich plagt

zuckerfee(d)

18 Juli, 2015 (08:38) | | herz & lenden | Kommentieren

zum zuckerfest so süß getanzt
bist du, und ich dir eifernd nach.
der zucker, wie in vers gestanzt,
wird nach(t)getanzt schon in den schlaf.

wir brechen auf das fasten, schlachten
heut nacht’ ein jedes süßgetränk.
denn wohin wir uns reisten, brachten,
ist anvertrauen das geschenk.

wir feiern mit dem in uns fremden
und zücken, zücht’gen uns mit zucker.
mit uns ist tanz und sich verwenden,
die kenn’n musil und mooses brugger.

die mörder, hieß es, unter uns
sind auch das uns im tanz erkennen.
als kennten wir nicht solchen schwund,
baletten deren sich bekennen.

ich bin so zucker meiner zunge
an deiner katz’, die muschi nennt
nur das ballet auch meiner lunge,
ein atem, der den zucker kennt.

video.poem

Ein fach so

4 Juli, 2015 (21:45) | | alptraum/ego.wunde, terra/adern/fluss.linien | Kommentieren

Der tod hat seine sense geschärft:
ein fröhliches mähen bei fast 40
grad & 95 prozent luft feuchte

Die tages zeitung als sterbe tafel:
man fühlt sich schlecht weil man
am leben bleibt atmet & schwitzt

Ein fach so als sei das selbst verständlich

Ich schlage ein kreuz weil ichs mit
kreuz habe spende einer kerze schein
obgleich voll inhaltlich protestant

Vorsichts halber google ich nach
holz särgen fried wäldern urnen &
lokalen mit geeigneten neben räumen

Ein fach so als sei das nicht verständlich

Wenn einer stirbt

die ballade von der haltbaren backpflaume

1 Juli, 2015 (06:08) | | rausch (zustände) | Kommentieren

eine backpflaume bekümmerte sich,
daß sie so schrumplig sei.
sie sprach: sehet, das bin ich,
die backpflaume eklig – tanderadei.

und es feixten die frischen pflaumen,
die prallen und frühherbstgefärbten.
hämisch war jener pflaumen raunen
und schäbig die blicke der sonnengegerbten.

da kam ein mehlweißer bäcker vorbei.
der pflückte die reifen pflaumen
und machte kuchen daraus für gierige gaumen,
schnitt eine jede entzwei – tanderadei.

die prallen pflaumen wurden gefressen.
die backpflaume hingegen
wurde nicht gebacken, sondern vergessen
und blieb, schrumplig zwar, aber am leben.

die backpflaume schrumpelte weiter,
sogar ihr kern begann zu ergrauen.
da sagte sie sich: wenn ich auch scheiter,
so bleib ich doch unter den pflaumen.

und sie blieb und faltig und haltbar
und war guter dinge dabei.
und weil’s noch lang nicht so weit war,
schrumpelte sie, als sei’s einerlei – tanderadei.

(ögyr liest’s aus der backfischpflaume)

Freitags gehe ich zu ihr IV

24 Juni, 2015 (20:49) | | tage-bau | 1 Kommentar

Ihr Lieben, vor einigen Jahren habe ich hier die ersten drei Teile zum Text ‚Freitags gehe ich zu ihr‘ eingestellt. Nun sind aus aktuellem Anlass wieder ein paar Folgetexte entstanden. Hier die Nr. IV. Noch nicht ganz im Feinschliff. Aber ich wollte mich ja tagebuchmäßig mit dem beteiligen, womit ich mich zurzeit beschäftigt…was mir so durch den Kopf geht – und mit euch wieder zusammen arbeiten…(Es kommen ansonsten ganz verschiedene Themen …).

IV

April 2015, Jahre später. Dienstag.
Frau T. telefoniert mich an, erkundigt sich nach Frau I., vermutet, dass ich noch immer Kontakt habe. Mein Kontakt ist, antworte ich, in den vergangenen Jahren zusammengeschrumpft. Das letzte Mal habe ich die alte Dame vor anderthalb Jahren angeschaut. In der Zwischenzeit umrahmten uns selbst viele Sterbende. Der enge Familienkreis, Pflege über Jahre, Organisationsbedarf, Wohnungsauflösung… und das gleiche steht uns bei meiner Mutter bevor. Immerhin ist sie gerade 93 geworden und hatte im vergangenen Dezember Wasser in der Lunge.
Ab und zu, sage ich, rufe ich die hilfsbereite Nachbarin an und frage, ob Frau I. noch lebt. Da sie keine Kinder hat, wer wird mich verständigen? Das dauert gewöhnlich, da die Nachbarin gerne verreist oder tagsüber liebt, in eine anmutige Gegend radeln. Nur zuhause, das ist sie selten. Dann aber versorgt sie, und das seit mindestens 10 Jahren, die Wäsche von Frau I., mit der sie nicht einmal verwandt ist – so wie sie früher für sie eingekauft hat, Woche für Woche. Es gibt also doch diese irdisch gewordenen Engel. Wenn ich Frau oder Herrn Nachbar endlich erreicht habe, um nicht unvorhergesehen hineinzuplatzen, mache ich mich auf, nehme wie gewohnt den Türschlüssel aus dem Korb mit den unechten, verblassten Hortensien und trete ein. Wenn sie es noch sehen könnte, die liebe Frau I., es würde ihr weh tun. Sie hat den echten Blumenduft so geliebt. Der Schlüssel wartet seit etwa 10 Jahren im Korb. Wann es erstmals war, ich hab‘ es vergessen.
Das alles erzähle ich folgerichtig Frau T. und erinnere, wie ratlos ich vor anderthalb Jahren fortgeblieben bin, als ich versucht hatte, Frau I. wieder vorzulesen. Kurze Texte und Loewe-Balladen, die sie in Jugendtagen mochte, und dass sie aus ihrem unklaren Dämmern nicht mehr aufwachte. Ein andermal hatte mich eine Frau vom Pflegedienst ungehalten vertrieben, und ich war umsonst über die Autobahn angereist: „Jetzt können Sie nicht…“
Wecken aus wohltuendem Schlaf, der langsames Sterben über Jahre abkürzen kann, möchte ich nicht. Das überlasse ich den Pflegern. All‘ diese Unwägbarkeiten, die Frage der Glücksache, mein häusliches Alltagsleben, dazu eine gewisse Bequemlichkeit führten dazu, dass ich mich immer schwerer entschließen konnte, meine Besuche wieder aufzunehmen.
Im vergangenen Jahr war ich nicht einmal an ihrem Geburtstag erschienen.
Früher hatten wir noch zu mehreren, sich nun selbst einladenden Gästen, am Bett der Kranken mit ihr Sekt getrunken, und einmal hatte ich ein ganzes Blech Apfelkuchen gebacken für die vielen Menschen, die gar nicht mehr kamen. Hier am Bett blieb die Zeit stehen, für das Irdische wie das Überirdische, nirgendwo gehörte Frau I. mehr so ganz hin.
Doch war sie mir in den Vergangenheits-Jahren immer drängender in den Sinn gekommen, erst recht die Frage, ob sie noch lebt. Mindestens fünf Mal hatte ich die Traueranzeigen der Lokalzeitung, auch das Internet nach einem klaren Abschied durchsucht, unsicher, ob bei einer mittlerweile von den meisten vergessenen alten Lady eine Annonce noch erscheinen würde.
„Ich kann auch nicht kommen“, sagt Frau T., „…leide ja an der gleichen Augenkrankheit wie Frau I., Makula-Probleme… mein Kopf denkt noch gut, aber ich kann meinen kranken Mann nicht allein lassen…“ Nun aber, erinnert Frau T., wird sie bald 100!
„Ich weiß“, sage ich, habe es schon vor Monaten ausgerechnet. Ein Jahrhundert! Seit vielleicht 15 Jahren wächst die Pflebedürftigkeit wie ein Gespenst, die Laken des Todes sind immer schwerer aufzuhalten, mit Flügelfedern haben sie sich mit ihr auf einen D-Zug geschwungen, der irgendwohin in die Nacht rast – oder in fremdes Licht.
„Sie war eine angesehene Frau der Stadt“, Frau T. Stimme wird heller, höher, bedeutungsschwanger. Ich merke, dass sie an eine Würdigung, an ein Zeitungsportrait denkt, ob zum 100.Geburtstag oder wenn es endlich soweit ist. „Ich habe viel aufgeräumt, weggeworfen“, sagt sie. „Aber alles, was ich von Frau I. besitze, hebe ich auf.“
Sie blieb ihr immer verbunden, wenn sie auch seit Jahren nicht hin ging.
Früher, erzählt sie, habe sie noch angerufen, sich erkundigt, wie es ihr geht. Dann aber habe sie nicht mehr hören wollen, wie es mit dem Augenlicht von Frau I. so zügig bergab ging; schließlich sah sie ihre eigene Zukunft in dunklen Schatten sich spiegeln.
Makula bleibt Makula. Das wird nicht mehr besser.

„Ich werde wieder hingehen“, sage ich, erkläre, dass ich telefonieren muss, bis die Nachbarin ihr Rad,
die Einkaufstaschen abgestellt, die Besuche getätigt hat und beim Telefonläuten abnehmen kann.
Es dauert etwa eine Woche. Sie ist erst den Tag zuvor aus einem Frühlingsurlaub in Tirol zurück gekommen. „Es ist alles wie immer“, sagt sie, „der Schlüssel unter den lila Hortensien. Sie trinkt, isst ihren Brei, sogar große Portionen, aber schläft jetzt meistens…“

Als ich die Tür öffne, liegt die alte Dame durchsichtig und zusammengesunken in ihren blumengemusterten Kissen. Blumen, die sie so geliebt hat, füllen den ganzen Wäscheschrank aus. Der Körper ist mager geworden, aber sie erkennt mich sofort.
Am Fußende bestaunen mich ein Krankenpfleger und die Krankengymnastin.
„Niemand kommt mehr hierher“´, sagen sie erleichtert. „Endlich…“.
Da weiß ich, von nun an werde ich jede Woche kommen – wenn ich nicht gerade verreist bin – und bis zum Schluss.

Nächste Woche werde ich meinen Gartenflieder abschneiden, den violetten und ihr ihren Lieblingsduft in die Wohnung stellen. Damals hat sie mit mir noch geschimpft, weil ich nicht schnell genug die schmalhohe Stilvase fand

Angelika Zöllner

lange schwere krankheit poesie

24 Juni, 2015 (05:12) | | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

nach langer schwerer krankheit jüngst verstorben,
wird’s auch von mir, dem dichter, einstmals heißen.
nur niemand weiß dann, wessen ich verdorben,
zur lebezeit war anverwandt dem scheißen

auf alles, was nicht niet- und wörterfest,
in das elysium schon eingezogen
als das, was du mit mir erörtertest,
worin ich dich mit jedem vers betrogen.

und sei gewiss, wie doch gesund ich bin,
von mir ist manches weiter noch zu lesen,
denn noch tropft mir das wort vom bärt’gen kinn.

ich sei, so träumt’s mir nachts, ein unverwesen,
der wiedergänger meines reims gewinn
und darin wie die gleichen ungeschehen.

ögyr liest’s

Laufschritt

21 Juni, 2015 (18:15) | | alptraum/ego.wunde, lug & trug, netz@uge.nblick | Kommentieren

Die Brache lag im Winterwind so blass
Und tot; die Krähen nickten drüber hin.
Am Himmel ballte sich ein Grau. Im Sinn,
Im Augenblick war nichts. Das Regennass

Zerplatzte in der Furchen Bahn. Der Donner
Verfolgte Blitz um Blitz ganz atemlos,
Und eine kahle Eiche schien jetzt riesengroß.
Er rumpelte fast wie ein Dreißigtonner,

Der auf der schlechten Straße Leerfahrt fuhr.
Ich nickte mit den Krähen still im Takt
Und floh die kalten lauten Tropfen nur.

Nein, es war nicht die Angst, die mich gepackt
Hat: In den Laufschritt schickte mich die Tat,
Die mir die Erde nahm, auf die ich trat.

Feuchtefensterscheibe

21 Juni, 2015 (12:12) | | Foto-Text-Projekt | 2 Kommentare

Wolkenwasser

Er sprach,
– und brach ihr kleines Herz –
Nicht
Von einem „regen“ Kuss,
Sondern
Von einem Regenguss
Und sie,
Die
Für Wetterphänomene
Wenig übrig hatte,
Machte
Auf der Stelle,
– das ist die perfekte Welle –
Schluss!

^

^

Für manch einen
(ich kenn´ keinen feinen Wurstebrei, dem es nicht so geht)
ist es Stuss, weil immer alles immer einen Sinn in allem ergeben muss
und soll. Toll, da roll ich nur mit den Augen. Sag!,
darf ein jeder etwa glauben, was er mag?

In see gestochen

19 Juni, 2015 (15:31) | | herz & lenden, netz@uge.nblick | 4 Kommentare

Das leben ist ein schwankendes
wankendes boot auf wilden wassern
manch mal schießt es in den wind

Ein ander mal setzt es segel um sie
in fetzen verwandeln zu lassen die
in der takelage fähnchen spielen

der fähnrich setzt alles auf eine see
karte um die große über fahrt zu
begehen an steuer bord ein hai an

back bord ein schwert fisch der
fliegende holländer achtern & kein
land vor aus schreit das äffchen

im aus guck ich lass mich entern
entscheide ich nimm mich an den
haken ein hand segeln ist dröge

du darfst mich auch kiel holen meer
jungfrau winds braut see räuberin
die du mein herz harpuniertest

sonnenuhr

18 Juni, 2015 (09:47) | | tage-bau | 1 Kommentar

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die sonnenuhr sie geht
nur bei sonnenschein
nein sie tickt nicht
nein sie gongt nicht
und sie geht auch nicht
sie steht nur immer hier sie
hält den zeiger
in den wind kind
und wenn es regnet
wird sie nass ach was
sie geht nicht kaputt sie
rostet nur ein wenig
im lauf der zeiten ach
immer nur
stille steh’n und niemals geh’n
und nur den schatten
sich bewegen seh’n
langsam und leicht
ja ich weiss ja
es reicht jetzt ja
jetzt lass uns endlich
geh’n

die blüten auf die kleider malen

17 Juni, 2015 (00:24) | | haut.falten/masken.wahn | 1 Kommentar

die blüten malst du auf die grauen kleider,
die weiber werden schöner, doch noch nicht
so schön wie du und auch dein hungerleider
im hemd, zu eng, zu weit für das gedicht.

denn blüten muss man blühen, nicht nur sagen,
wird reifen bis zur frucht, die ich erahnt
in meinem knospend streben und mich fragen,
was mich (und auch mein kleid) seit dir verwarnt.

mein hemd doch lieber helles bunt als schwarz,
hawaii grüßend auch am ostseestrand?
ich schlüpf’ hinein und wie die blüten wart’,

was wird aus mir in deines blickes kleid.
wer bin ich dort? verkleidet dir verwandt
und letzter meiner schwarz geklagten art.

(für julija)

ögyr liest’s

Business as usual

1 Juni, 2015 (14:00) | | ego.t/error.welt, haut.falten/masken.wahn, labyrinth/wort.gewebt. | Kommentieren

Sehn süchte brechen sich in
begrifflichkeiten die wort
jongleure haben konjunktur

Auf dem affen felsen thronen
alpha tierchen & nehmen sich
brust schlagend den atem

Die welt atmet ein atmet aus
luna die göttliche sichelt sich
immer neue stückchen aus dem

Schwarz der nächte die mit
ein karätern über sät die himmel
über spannen ihre zelte dunkeln

Gefühls wüsten ein in denen sich
kamele durchs nadel öhr quälen
salam aleikum sprach der falsche

Friede der hof hält & die leben
brechen sich in zerr spiegeln &
geschliffenen sekt kelchen

stampfen singen gröhlen tanzen

30 Mai, 2015 (18:58) | | tage-bau | Kommentieren

allein zu haus und regenschauerschauerschauer. es knallt auf die dachfenster, draußen wölkt sich alles grau bis blauschwarz. jazztime auf dem marktplatz – ab und zu hör ich was. die armen, jahr für jahr mistwetter. ganz schön tapfer denk ich und mops mich. ich könnte – aufräumen. kontoauszüge ordnen. kleiderschrank innen begutachten. das alles und noch viel mehr.  achwas. achwas. am laptop guck ich durch die musiksammlung. summe hier summe da tralala. Norwegian Wood. ich singe leise. dann tu ich mir die ohrstöpsel vom mp3-player rein, geh durch die wohnung und singe vor mich hin. dann lauter, California dreaming alle stimmen, haha, wirklich alle, haha, ich hoffe unter mir ist auch keiner zu hause. Highway to hell. da stampfen die bestrumpften beinchen, die arme zappeln durch die luft. Weisse Rosen aus Athen, Ein Schiff wird kommen. Achim Reichel Aloaheahealoahea, Slade Alive, Status Quo, Stones einfach alles was wir früher mal so zertrampelt haben und mit der luftgitarre zerhackt… nun bin ich fertig. es war großartig. keiner hat geklingelt, besenstiel hab ich auch nicht gehört. perfekt. schön locker jetzt. lass regnen, hört sich schön an.

schattenwurf

27 Mai, 2015 (12:32) | | tage-bau | Kommentieren

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auf das wechseln rot gelb grün achtest du nicht aber auf den steten schatten an sonnigen tagen streng auf das pflaster geworfen hier nimm und sieh – aber das tut niemand. armer schatten, vergeblicher wurf.

stream on zwei liter selters

27 Mai, 2015 (11:29) | | tage-bau | 2 Kommentare

zwei liter selters am tag machen die verdauung schlank polstern die fältchen lassen die stadtwerkerechnung im ruhigen bereich zwei liter sekt sind netter als zwei liter selters dann merkst du den tag nicht so liegst in der koje hörst die straßenbahn kreischen den müllmann krakelen und du sektselig liegst  mit klebrigem haar im bett zeugs ikea blau zerknittert zweige und ästchen hinter geschlossenen lidern während du auf die augäpfel drückst sekt ist mir lieber als kornbrot nicht kauen nur runter gießen ja danke herr doktor, das haben sie prima gemacht ja klar brauchen wir sekt gleich heute gleich jetzt bringen sie kirschsekt sekt von domin von brinkmann von bobrowski vonvonvon adel sie werden schon hören neinnein das giesst sich nicht leicht ach geh mir mit selters

 

 

 

rear window

27 Mai, 2015 (01:46) | | rausch (zustände) | Kommentieren

im glas des fensters rechts der balkon / auf den nie einer tritt, keine blätter gesehen / außer in die sonnenbrille blinzelnd; links: / wie du blühst, stille frucht / leib. das brot ist voll / kornknirscht am morgen, frisch noch / beim schnitt, erinnert das geräusch des / mähdreschers, wenn er die halme legt // im heu noch das gras / öffnet die fenster / dass wir entwichen / heimlich die heimchen zirpen oder / eine straßenbahn fährt vorbei // station auf die zwölf / haltestelle ich den wecker auf fünfzwanzig / bilde mir den morgen, an dem du / schon erwachtest.

gedichte, sagst du, seien wie sekt. was wir aber brauchen, sagst du, sind zwei liter selters am tag.

mit dem glas in die fenster der fenster / geschaut damals / gelauscht den (ge-) räuschen der liebe, an die wände gepresst // es scheint, sagte ich, als sprache und schwirren, schwitzen wie insekten / ich hatte den kolben am pleuel / zündschnur an den kerzen / schwor dem herzen / reimte die rimshots // und die mädchen warfen die haare zurück / im sturz der geisterbahnen // senkten den kopf und lächelten / wie jetzt du / entsatz im fenster / im glas vorm balkon.

ögyr liest’s

Seiten für zeiten

24 Mai, 2015 (16:53) | | alptraum/ego.wunde, herz & lenden, labyrinth/wort.gewebt., lug & trug | 1 Kommentar

Es ist zeitig zeit geworden ab
schiede ab scheiden seiten
wechsel bäder warm geduscht

Sprich nicht wörtlich sinniere
sinn gemäß deiner ist ab
gekupfert – du hast dich für

Ein paar silberlinge versilbert &
als pfennig fuchser gemausert
die haus maus kann das mausen

Nicht lassen der käse ist dir
leber wurst war zeuge als du
falsch zeugnis redetest um

Dem rede fluss bahn zu geben
deine schwell werte schwollen
Wie deine einbildung bildete –

Mein bilder sturm ist halb
seitig gelähmt als du mich um
geblättert hast seiten für zeiten

erleuchtet

21 Mai, 2015 (11:01) | | tage-bau | 2 Kommentare

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an der laibung des dachfensters hängt eine zeichnung. eine schnelle zeichnung aus der hand, hingeworfen nach dem verspeisen eines stapels butterkekse. Matthias hat sie gemacht, schnell aus dem handgelenk geschüttelt. darunter das zitat fand ich in dem selbst gebastelten adventskalender von Kerstin. seit jahren hängts zusammen an der wand, ich freu mich dran, aber alltag ists auch schon geworden. nicht immer nehm ichs wirklich wahr. doch manchmal fällt die sonne drauf oder dahinter, wie gestern abend. schon ist alles erleuchtet – nur für den moment. dann erlischt das papierphänomen als wäre nichts gewesen.

bis morgen häuslich

21 Mai, 2015 (01:09) | | zugvögel/wind.bahnen | 2 Kommentare

bis nachher, morgen, sind noch viele träume
bereit und in der playlist,
im luftschloss stehen leer die räume,
doch sagen noch nicht, welcher’s ist:

ist’s dies’ kabuff, die windzerschrägte kate,
die längst von mir befreite zelle,
das haus, in dem ich auf dich warte
wie türen auf der heimatlichen schwelle?

schon gestern hatt’ ich tief geträumt
vom umzug und dem wechsel der tapeten,
dass ich die alten wändekader ausgeräumt
und säße schon auf den raketen,

auf den’n ich reite zu dir übermorgen
wie münch’ aus seinem lügenhausen.
ich werde dir noch einen traum besorgen
und kämme mir schon mal die flausen.

(für julija)

(gelesen hier)

nach dem chor

19 Mai, 2015 (20:58) | | tage-bau | Kommentieren

…steige ich nicht am Kröpcke um. ich kaufe mir am bahnhof eine kugel vanilleeis, gehe über den bahnhofsvorplatz und stehe bald vor drei schwarzgekleideten menschen, die musik machen. dudelsack, große trommel, schellenkranz. klingt gut, nach mittelalter, geht in die beine. eine frau um die 50, orangenes käppi, orangene weste, hohe stiefel, tanzt dazu, kippe in der hand und leicht beduselt. drei wischmoppförmige spitznasige hunde bellen ab und zu dazwischen. hinter dem bahnhofsdach ragt der fernsehturm in den neonhimmel, seine zwei riesenaugen mit dem VW-logo wirken leicht panisch. in der straßenbahn höre ich, dass ich weder an der Schlägerstraße noch an der Geibelstraße aussteigen darf, muss ich zum glück auch nicht. es gibt eine bombenräumung. kampfmittelbeseitigung lese ich auf dem bildschirm. die bahn rollt langsam durch die zwei stationen. security-leute stehen breitbeinig auf den bahnsteigen. gespenstisch. ich smse meinen bruder an. alles ok schreibt er, wir dürfen in der wohnung bleiben. 31.000 andere südstädter werden evakuiert. hängen jetzt in schnell hergerichteten sporthallen und ähnlichen notfallquartieren herum. bald fangen sie mit der bombenentschärfung an. hoffentlich geht alles gut.

Idee: Enno E. Peter & Sabrina Ortmann

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