Winter in Kreuzberg 3

29 März, 2011 (23:19) | | tage-bau | Kommentieren

Februar. Ein paar Sonnenstrahlen haben aus dem Winter einen kleinen Kreuzberger Frühling gemacht. Die ersten Cafés haben Tische und Stühle nach draußen gestellt. Vor der Wilhelmine und dem Knofi sitzen Sonnenhungrige, in Decken gewickelt, wärmen ihre Hände an Tassen mit heißen Getränken und halten ihre winterblassen Gesichter der Sonne entgegen. Die Passanten in der Bergmannstraße haben es nicht mehr so eilig wie gestern, Touristen schlendern über den Chamissoplatz auf der Suche nach dem ultimativen Restaurant.
Bergmannstraße. Chamissoplatz. Willibald-Alexis-Straße. Klangvolle Namen für Berlinsucher. Für Immobiliensucher. Für Erfolgsucher. Vor fünfzig Jahren machte sich hier eine Gruppe von Künstlern auf, Kunst unters Volk zu bringen, den Menschen im Kiez bezahlbare und trotzdem anspruchsvolle Kunst anzubieten. Nicht nur den Preis erschwinglich zu machen, sondern auch Hemmschwellen abzubauen: mit einem Künstlermarkt unter freiem Himmel.
Die Kreuzberger Kunstszene lebte von klingenden Namen wie Mühlenhaupt, Sauernheimer, Grage, Märchen, Koschwitz, Lesser, Simon, Fuchs, Weitemeier und wie sie alle heißen. Ihre Kunst wuchs auf dem Boden von Not und Entbehrung: „Ende der fünfziger Jahre, als die Kunst laufen lernte in Kreuzberg, suchte sie ein Zuhause, ein Dach über dem Kopf, in Kellerräumen, kargen Stuben und Fabriketagen der Hinterhöfe. Nicht selten dienten Atelier und Druckwerkstatt auch als Schlaf- und Wohnstätte. Der Weg des einzelnen Künstlers war hier fast immer ein Weg der Selbstfindung und Selbstentdeckung.“ (Kerfin, Katalog Artur Märchen 1982)
Im Kiez um den Chamissoplatz wohnt einer von ihnen noch heute: Gerhard Kerfin. Der sonnige Tag ist wie geschaffen für einen Besuch. Zwei Treppen hoch, Stuckdecken, Blick vom großen Balkon auf den weiten Innenhof mit seinen Bäumen und Büschen. Gerhard Kerfin wohnt in einer Wohnung, wie sie hier heute häuserweise an Investoren verscherbelt werden.
Gerhard Kerfin, ein Kreuzberger, wie er im Buche steht: nicht in Kreuzberg geboren, irgendwann zugezogen, lange Jahre ausgehalten, die er als endlos empfand „mit ihrer bedrückenden, inneren Einsamkeit“.
Dann der Spätsommer 1961: Er lernt die Künstlerszene kennen, kommt innerlich in Kreuzberg an. Von da ab „habe ich mich mehr und mehr in Kreuzberg zu Hause und nicht länger als ein ‚Fremder‘ gefühlt.“
Kerfin, der auszog, sich selbst zu finden, der sich immer wieder verlor, weil ihm viele Wege angeboten wurden, die nicht zu seinem Ziel führten, die er zeitweise gehen musste, um zu überleben, „Umwege“, sagt er, „notgedrungen zum Zwecke des Broterwerbs zur Versorgung von Frau und Kind.“
Heute blickt Gerhard Kerfin auf ein langes, bewegtes und erfülltes Leben zurück.
Er begrüßt seine Besucher von seinem Bett aus mit einem frisch gebrühten Kaffee. Dieses breite Bett ist der Kern seines Wohnzimmers, hier liest und schreibt er und empfängt seine Gäste. An den Wänden hängen die Erinnerungen seines Lebens: Fotos, Zeichnungen, Drucke, Gemälde, viele von seinen alten Freunden aus der Kreuzberger Künstlerszene: Mühlenhaupt, Grage, Märchen, Eggert.
Wenn Gerhard Kerfin erzählt, schließt er den Blick seines Zuhörers auf für einen schillernden Kosmos, in dem das Leben zwischen Extremen verlief: Armut und Genie, Suff und Liebe, Einsamkeit und Mission.
Gerhard Kerfin bezeichnet sich selbst als Kreuzberger Urgestein:
Aus seiner Geburtsstadt Nauen, in der er Kindheit und frühe Jugend verlebte, nach Berlin gekommen nach Schulzeit und Lehre, Abitur nachgeholt trotz seiner Lehrer („Sie wollen zu hoch hinaus.“ „Sie sind verbildet, das liegt an Ihrer Herkunft.“), Einstieg in die gehobene Beamtenlaufbahn, Kennenlernen der Kreuzberger Künstlerszene, Ausstieg aus Job und bürgerlichem Leben, verdingt sich bei Mühlenhaupt und wird Dichter. Poet. Der Titel seiner ersten Veröffentlichung ist programmatisch für sein Leben: – von hollywood bis hinter tegel“.
Kerfins Künstlerleben läuft nicht gradlinig, er führt eine innere Doppelexistenz. Mit 16 liest er Hegel und bewegt sich damit abseits der üblichen Jungmännerwelt der Lehrlinge, später fühlt er sich gleichzeitig als Handwerker und als Dichter – ein dauernder innerer Spagat, der ihn zu seiner ganz eigenen poetischen Aussageform führte: Seine Sprache ist schnell und präzise, denn zum gemächlichen Schreiben fehlte oft die Zeit.

Kerfin hat seine Abwendung vom bürgerlichen Leben hin zur Künstlerexistenz im Kreis der Kreuzberger Boheme nicht bereut.
Bewegt betrachtet der Besucher die alten, handgeschriebenen Gedichtbändchen, die Kerfin, in Ermangelung der finanziellen Druckmöglichkeiten in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, von Hand geschrieben und die seine Malerfreunde illustriert haben und versteht, was die Kreuzberger Boheme zusammen gehalten hat.

Elvira Surrmann AutorenBio:

Beitrag vom: 29 März, 2011 (23:19) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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