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Winter in Kreuzberg 2

Kreuzberg liegt am Berg.
Allen, die über diese Behauptung schmunzeln mögen, empfehle ich einen Spaziergang aus dem Berliner Urstromtal auf die Teltower Hochebene, genauer gesagt von Kreuzberg nach Tempelhof über den Tempelhofer Berg, durch den Jahnpark oder den Kreuzberg, oder über die Hermannstraße, die aus dem kurzen, steilen Anstieg des Kreuzbergs eine lang gezogene, leicht ansteigende Trainingsstrecke für Radfahrer macht.
Auf der Grenze zwischen Kreuzberg und Tempelhof verläuft die Dudenstraße Richtung Schöneberg und auf der anderen Seite des Mehringdamms Richtung Neukölln der Columbiadamm. Diese Trasse trennt nicht nur zwei Stadtteile, sondern zwei Welten: Kreuzberg, den Bezirk, der stets in Veränderung begriffen ist, der Neues aufsaugt, wie ein trockener Schwamm, der sich allen Konflikten dieser Welt stellt, diese brodelnde Mischung aus Kreativität und Hoffnungslosigkeit, Zorn und Warmherzigkeit von Tempelhof, dem alten Besitztum der Tempelherren, stiller Rückzugsbezirk für Bildungsbürger und Schwule.
Auf dieser Scheidelinie findet man auf der Kreuzberger Seite Vorposten gegen die Tempelhofer Behaglichkeit wie das Golgatha, in dem man auf dem Kreuzberg der Geselligkeit frönen kann, das Antiquariat Tode mit seinen Schätzen an alten Büchern, den Gargoyle SM-Club mit dem dezenten Ausstellungsfenster und der Streckbank im Keller und das Haus der Deutschen Buchdrucker, 1924-1926 erbaut nach Entwürfen von Max Taut und Franz Hoffmann und finanziert ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen. Und, zwischen Antiquariat und SM-Club, eine Kneipe:
Big Easy Inn.
An diesem kalten, sonnigen Wintermorgen sitzt der Wirt, der Witze und Kochbücher sammelt und das lange Haar zum Pferdeschwanz zusammen gebunden hat, hinter der großen Fensterscheibe beim Frühstück. Er ist seit elf Jahren Wirt in dieser „Eckkneipe“, die nicht an der Ecke liegt, aber lange Zeit wie die bekannten Berliner Eckkneipen Treffpunkt war für Geselligkeit und politische Information. Er ist der zehnte Wirt und wird der alten Dame Big Easy Inn in zwei Jahren die Feier zum hundertsten Geburtstag ausrichten. Es ist in diesen Zeiten nicht einfach, eine „Eckkneipe“ zu erhalten, nur wenige haben überlebt. Aus den anderen sind Restaurants geworden oder Clubs. „Eckkneipen“ sind heute nicht mehr das verlängerte Wohnzimmer und haben auch keine Hinterzimmer mehr für verbotene Spiele oder subversive Politikeinmischung wie in vergangenen Zeiten.
Der Wirt möchte seine „Eckkneipe“, die nicht nur eine eigene hundertjährige Geschichte hat, sondern auch auf geschichtsträchtigem Boden steht, in die neue Zeit hinein retten.
Im Internet findet man das Big Easy Inn auf Seiten wie „raucherlokale-index“, „smoke-spots“ und „raucherlocation“, mit Beschreibungen wie: „Typischer Kneipencharakter“, „Kleiner Raum mit Rauchertoilette“, „Pilskneipe“, „â?¦ jetzt auch als kleine bescheidene Pension â?¦ Wer beim Frühstück nicht satt wird, bekommt sein Geld zurück!!! … und es wird weiterhin geraucht ….“
Hier oben, hoch auf der Teltower Hochebene mit Blick auf Berlin im Urstromtal, hat es auch in der Vergangenheit öfter geraucht. Im dreizehnten Jahrhundert rauchten an der Tempelhofer Höhe die Herde der Ziegeleien, in denen der hier abgebaut Lehm gebrannt wurde. Im dreißigjährigen Krieg brannte wohl eher die Erde: schwedische Truppen rückten von hier aus gegen Berlin vor. Und unter Friedrich Wilhelm I. rauchte in der Nähe der heutigen Fidicinstraße eine Kanone, wenn ein Deserteur eingefangen werden sollte.
Nicht nur das Rauchen, auch der Alkohol hat in der heutigen Dudenstraße eine lange Tradition. Auf dem Abhang der Hochebene gedieh Jahrhunderte lang ein prächtiger Wein, der nicht nur hier getrunken, sondern auch in großen Mengen exportiert wurde bis nach Russland. Noch im zwanzigsten Jahrhundert trug ein Lokal in der Bergmannstraße den Namen „Dust’rer Keller“, eine Reminiszenz an einen Weinkeller in den Weinbergen oberhalb der heutigen Bergmannstraße. Der Weinanbau ging aus verschiedenen Gründen zurück und das Bier verdrängte den Wein. Auf der Anhöhe übernahmen Brauereien das Regiment. Im Big Easy Inn schenkt der Wirt Bier seiner Heimat aus: süffiges Gessner, das heute aus der größten Thüringischen Brauerei kommt.
Außer Trank und Rauch liebten die Gäste des Big Easy Inn die Musik. Aus dem Jahr 2005 stammt folgende Internetnotiz: „Kneipe zum Abhängen mit R“N“R aus der Konserve. Von 50ties über Doo Wop und Teddyboy bis Neobilly wird dort alles gespielt.“
Der Wirt zuckt die Schultern, das will heute niemand mehr hören.
Und natürlich kann hier, auf der Grenze zwischen Konfliktfreude und Rückzug der Schabernack gut gedeihen.
Im 16. Jahrhundert hatte ein Astrologe dem amtierenden Kurfürsten die Zerstörung Berlins durch eine große Flut vorausgesagt. Zweimal floh der Verängstigte auf den Kreuzberg, um wie weiland Noah das Desaster lebend zu überstehen. Zweimal geschah außer Regen nichts. Fast nichts. Beim zweiten Mal wurden ein Kutscher und seine Pferde durch einen Blitz erschlagen.
Der Wirt kennt sich mit Übersinnlichem besser aus. Seine Mutter war ein „Kräuterweiblein“, kannte ungewöhnliche Therapien und verhalf ihrem Sohn dadurch zu einer robusten gesundheitlichen Konstitution.
Während oben genannter Kurfürst ein Narr wider Willen war, holt sich der Wirt des Big Easy Inn echte Narren in seine Kneipe. Narren wie Ralf-Peter Franken in der Tradition der mittelalterlichen Vaganten wie Francois Villon. Hemmungslos dichtet Franken als J. Odenthal seine derb-erotische Gesellschaftskritik. Und wohin passt der Autor des Büchleins „Der fettige Fetisch“ besser als nach Kreuzberg zum Karneval der Kulturen? Hier ist er im Big Easy Inn 2009 mit seiner „Chromosomenband“ aufgetreten und wird wahrscheinlich auch in diesem Jahr seine Berliner Fangemeinde zum Karneval der Kulturen wieder beglücken.
Der Wirt zeigt auf die Fotos an den Wänden, es war einmal sehr lebendig hier.
Jetzt trifft sich abends und zu besonderen Gelegenheiten noch ein kleines Grüppchen von Stammgästen im Big Easy Inn.
Der Wirt wird aus seiner „Eckkneipe“ kein Restaurant machen. Auch keinen Club.
Wenn Kreuzberg seine „Eckkneipe“ nicht mehr braucht, wird er in Rente gehen.