Winter in Kreuzberg 1

26 Januar, 2011 (20:39) | | tage-bau | (3) Kommentare

Fußgänger bahnen sich mühsam den Weg aneinander vorbei über die schmalen Pfade, die man ihnen auf den eisverkrusteten Gehwegen frei gelegt hat, Autos stehen eingekeilt zwischen den Schneeklumpen, die der Winterdienst ihnen von der Straße vor die Türen gekehrt hat, hell erleuchtete Fenster von Restaurants und Cafés geben den Blick frei auf einsame Tische und gelangweilte Kellner: Winter in Kreuzberg.
Spätestens ab acht Uhr abends kann man keinen legalen Parkplatz mehr finden, weil selbst die umtriebigsten Zeitgenossen bei diesem Wetter zu Couchpotatoes mutieren.
Nur in einem engen Kreuzberger Hinterhof trifft sich eine Handvoll Leute, die tapfer Kälte und Dunkelheit widerstehen, zum monatlichen Ritual: Literaturwerkstatt im Büchertisch.
Bücherregale bis unter die hohe Decke, eine kleine Theke für das leibliche Wohl, an der zur Pause eine Suppe unentgeltlich abgegeben wird, Reihen von Klappstühlen mit Blick auf einen Lesetisch. Der unvoreingenommene Besucher könnte glauben, dass sich hier die Reste der Kreuzberger 68er treffen und Sartre und Marcuse lesen und ab und zu aus der Mao-Bibel zitieren.
Weit gefehlt. Man trifft sich hier nicht, um andere zu lesen. Man trifft sich, um sich selbst zu lesen.
Diese Literaturwerkstatt ist allerdings auch keine der heutzutage so beliebten Lesebühnen, die vornehmlich Vorleseübungen im Repertoire haben. Im Büchertisch wird nicht vorgelesen, hier wird gelesen. Selbst Geschriebenes. Lyrik und Prosa.
Der Abend kann beginnen.
Etwa dreißig Teilnehmer haben sich bei diesem lausigen Wetter hier versammelt. Nepomuk Ullmann tritt vor, stellt sich an den Lesetisch. Nepomuk Ullmann, schwarz gekleidet, mit Hut, ist der Regisseur, der Dramaturg dieses Abends. Heute wie vor 35 Jahren. Ehrenamtlich. Immer. Warum macht jemand so etwas?
Und vor allen Dingen: Wie macht er das? Wie schafft er es, über 35 Jahre die Menschen in seine Werkstatt zu holen?
Mein junger Freund Christoph arbeitet über Kreativität und er ist davon überzeugt, dass Kreativität immer einen sozialen Aspekt hat, und dass nur der kreativ sein kann, der Ambiguität aushalten kann. Christoph wird wegen dieser Doktorarbeit in der nächsten Zeit in Berlin leben – ich muss ihn unbedingt mit Nepomuk Ullmann bekannt machen.
Nepomuk Ullmann teilt einen Fragebogen aus: „Was ich überhaupt nicht weiß: ob ich noch erwünscht bin.“ Dreißig Teilnehmer schweigen.
Nepomuk Ullmann liest die Fragen vor, gibt den einen und anderen Kommentar: „Ich will niemanden beeinflussen.“ Seine Stimme ist leise, seine Gebärden unaufdringlich. „So viele Freunde habe ich nicht, wo ich so schwierig bin – und das soll auch so bleiben.“ Dreißig Teilnehmer schweigen.
Dann singt Anka, begleitet sich auf der Gitarre. Lieder, die sie selbst geschrieben, deren Melodien sie selbst komponiert hat. Eine ruhige, klare Stimme, die Töne steigen die Bücherleitern hoch, hängen unter der Decke, füllen die Höhe, „â?¦ use your wings“ singt Anka.
Dreißig Menschen, von denen zwölf später eigene Texte lesen werden, lauschen aufmerksam. „â?¦use your wingsâ?¦“
Nepomuk Ullmann liest zuerst eigene Texte. Er redet wie beiläufig. Mit hinterlistig gedämpfter Stimme spricht er seine schwarzen Bilder von unerträglichem Leid und seine verzweifelte Anklage gegen Verdrängung und Vergessen wie Nebensächlichkeiten ins Publikum: „Mit Blick in den Abgrund kotzen wir Steine.“
Er erzählt von einer geplanten Gedenkstätte in Frankreich, die nicht eingeweiht werden kann, weil 3500â?¬ für einen deutschen Redner fehlen.
„Wer an Gräbern tanzt, der hat das Leben,
denn hier ruhen die Worte, die uns fehlen.“
Anka singt: „â?¦use your wingsâ?¦“
Dann lesen die Teilnehmer.
Nepomuk Ullmann hat die Namen auf einem kleinen Zettel notiert und ruft sie nacheinander auf.
Sie lesen Gedichte, Geschichten, Fragmente.
Sie lesen das Leben.
Nepomuk Ullmann kritisiert nicht, wertet nicht, lobt nicht.
Er achtet die Texte und ihre Schreiber. Er respektiert jede Art von Mitteilung, unterbricht nicht, korrigiert nicht.
Seine wenigen Bemerkungen richten sich an die Autoren, lassen die Texte unberührt: Da ist jemand seit über einem Jahr zum ersten Mal wieder dabei, jemand hat ein Büchlein herausgegeben, einen anderen bittet er, zu seinen alten Texten zurück zu kehren.
Nepomuk Ullmann weist darauf hin, dass seine Veranstaltung keinen Eintritt kostet, dass jeder willkommen ist, dass es die Suppe, wie immer, umsonst gibt.
Die Autoren kommen nicht nur aus Kreuzberg. Ihre Texte sind so unterschiedlich wie die Titel: „Kreuzberg 2023“, „Die besten Kartoffeln von Berlin“, „Satan liebt mich“ oder „Der Doppelgänger“.
Nepomuk Ullmann, der Mann mit Hut, der nur wenige Freunde hat, weil er so schwierig ist, versammelt in seiner Literaturwerkstatt Menschen unterschiedlichster Herkunft und Begabung aber mit dem gleichen Wunsch, von sich und aus ihrem Leben zu erzählen und ihre Texte mit anderen Menschen zu teilen. Seit 35 Jahren.
Und alle Doktorarbeiten zum Thema Kreativität sind ihm wahrscheinlich schnurzpiepegal.
Der Abend endet mit Liedern von Anka. Sie holt ihre Töne aus der Höhe, bringt sie zurück zu den Menschen, die konzentriert zuhören: – â?¦ use your wingsâ?¦“
Draußen ist kalter Winter.

Elvira Surrmann AutorenBio:

Beitrag vom: 26 Januar, 2011 (20:39) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (3) Kommentare
Kommentare



Hartmut schrieb:

Interessant und sehr anschaulich, wie du das Treffen schilderst.
Nichts fesselt so sehr wie Menschen.
Das trägt dein Text in sich.
Und dann noch dazu Kreativität und Literatur, auch deine.

Hartmut

Kommentiert am 3. Februar 2011 um 23:20



sylvia schrieb:

danke Elvira, es ist so lebendig und so anregend, dass man
sofort mitten dazwischen hüpfen möchte! Toll!

Kommentiert am 5. Februar 2011 um 16:21



Elvira Surrmann schrieb:

Oh, danke!!
Bin im Moment selten online, weil mein Rechner Pickel hat aber viel unterwegs in Kreuzberg. Ich finde es spannend und manchmal richtig aufregend, alle die verborgenen Menschen und Orte zu entdecken. Ich werde Nepomuk Ullmann fragen, ob wir im Büchertisch lesen können. Herzlichst, Elvira

Kommentiert am 6. Februar 2011 um 12:25



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