Weihnachten ist für alle (III)

27 Dezember, 2004 (13:20) | | tage-bau | Kommentieren

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„Ich muss heimgehen“, erinnerte sie sich plötzlich. „Heute ist Weihnachtsabend. Bald kommt das Christkind zu dir, Bruno. Hast du dir auch etwas Gutes gewünscht? Wenn ich du wäre“, und Viola warf einen Blick auf die bloßen Zehen des alten Mannes, die schmuddelig aus den Stiefeln starrten, „hätte ich mir ? neue Schuhe bestellt“.
„Hm“, meinte Bruno etwas verlegen, und die Runzeln sammelten sich freundlich in seinem Gesicht.
„Zu mir kommt kein Christkind mehr.“
„Kein Christkind? Das kommt zu allen Menschen, hat Mutter gesagt.“
Viola spielte ungeduldig mit ihren Fingern. Das konnte nun wirklich nicht stimmen. Die Mutter schwindelte doch nicht.
„Zu solchen Menschen wie mir kommt schon lange niemand Besonderes mehr“, antwortete Bruno leise und legte seinen Arm um den Vogelkäfig, in dem es ganz still geworden war.
„Früher einmal, als ich so klein war wie du, da ist es noch manchmal gekommen.“
Es musste sehr lange her sein. Aber auf einmal war es dem Alten, als läge ein Duft von Pfefferkuchen in der Luft, und er zog ihn genüsslich durch die Nase. Lichterkerzen und rotbackige Äpfel an den Zweigen. Ein wenig Lametta als silbriges Engelshaar ausgehängt über dem Grün. Hatte es das tatsächlich einmal gegeben?

Er sah seine Schwester vor sich, mit zusammengebundenem Pferdeschwanz auf dem Kopf und einer festlichen Weihnachtsschleife im hellen Haar. Das rote Samtkleid glättete sie vorsichtig mit den Händen. Wie oft war sie zur verschlossenen Türe geschlichen und lauerte neugierig durch das Schlüsselloch. An den Tagen vorher hatte sie schon alle Schränke durchstöbert. Er selbst hingegen hatte sich lieber überraschen lassen.
Es war lange vorbei, das Knistern in der Stube und das Rauschen von unsichtbaren Flügeln. Er hatte es fast vergessen. „Einmal“, hub er an und schaute Viola direkt in die aufgerissenen, runden Augen. „Einmal habe ich vom Christkind einen bunten Hampelmann bekommen. Das war mein liebster Spielkamerad in seinem buntkarierten Kostüm, mit einer weißen Halskrause und einem schmalen roten Rändchen rund um den Hals.
Ich führte allerhand Stücke mit ihm auf, erfand ein Theater, das ich nicht besaß, und verkleidete ihn mit Tüchern, mal als König, mal als Hexenmeister. Hierfür knetete ich ihm eine spitze Nase mitten in sein Gesicht.“ Der Alte musste laut lachen. Und Viola kicherte mit. Diese Nase hätte sie gern auch einmal lang gezogen.
„Er hatte eine lange Schnur zum Aufziehen, und man konnte ihn tanzen und hoch springen lassen.“
Der Alte seufzte und schneuzte sich die Nase in seinen Ärmel.
„Hier.“
Viola fischte kopfschüttelnd ein angebrauchtes Taschentuch aus ihrer Manteltasche hervor.
„Das geht besser,“
Bruno schnaubte ein paar mal prustend in das Papiertaschentuch und ließ es schließlich in seinem Ärmel verschwinden.

Auf einmal stand, wie aus dem Boden gewachsen, ein vielleicht 10 – jähriges Mädchen mit zornrotem Kopf und blitzenden Augen hinter Viola und fasste sie energisch an der Kapuze. Sie trug ein pinkfarbenes Kopftuch mit blauen Tupfen, unter dem das gleiche Kraushaar widerspenstig hervorquoll wie bei der Kleinen.
„Hier steckst du, bei einem schmuddeligen alten Mann. Jetzt kommst du aber sofort nach Hause!“
„Nein, nein!“ Viola versuchte, sich loszureißen und schaute wütend auf Martina. Tatsächlich hatte sie die große Schwester völlig vergessen. Aber nun war es ihr gleich.
Die kleine Sechsjährige stampfte mit den Füßen auf, und ihre schicken Lederstiefel mit blauen Schnürbändchen an der Seite klapperten auf dem Pflaster.
„Aber das ist doch Bruno! Und er ist nicht dreckig … “
Naja. Sie zögerte. Sauber war der Alte nun gerade auch nicht zu nennen.
„Er ist doch mein Freund! Nicht wahr, das bist du doch, Bruno?“
Der alte Mann hob die knochigen Hände und nickte begütigend.
„Morgen komme ich wieder, “ rief Viola. „Untersteh dich!“

Martina zerrte sie am Ärmel hinter sich her, nicht ohne ihr zuvor ein paar Tüten zum Tragen in die Hände gedrückt zu haben.
„Die Läden sind längst zu. Du kommst mich nicht abholen und treibst dich herum.“
Bruno hörte die beiden noch eine Weile schimpfen und wettern. Die Geräusche der Worte trug ein leichter Wind ihm zu, der plötzlich aufkam und ihm Kälte in die durchlässigen Kleider wehte.
„Zu Bruno kommt kein Christkind“, war das letzte, was er noch aufnahm. Wie ein Echo hallte es ihm durch den Kopf, wieder und wieder. „Zu Bruno nicht … zu Bruno kommt kein Christkind. Zu Bruno nicht …“ Der Alte rückte den Käfig noch ein wenig näher zu sich heran, zog seinen abgetragenen Mantel aus und breitete ihn über den Vogel und sich.
Als die Glocken Weihnachten einläuteten, schlief Bruno schon lange.

Am anderen Morgen erwachte der Alte nur schwerfällig. Seine Glieder waren steif gelegen. Er rieb sich die Augen. Was hatte ihn nur für ein Traum genarrt. Die ganze Nacht über war die zutrauliche Stimme des Mädchens um ihn gewesen. Ihr freundliches Gesicht, das krause, unbändige Haar mit den roten Haarspangen. Ihr unbeschwertes Lachen und ihre Hände. ja, fast war ihm noch jetzt, als höre er den Elefant auf ihrem Mantelrücken Trompeten-Töne ausstoßen und sähe die Giraffen ihre Hälse hochrecken vor lauter übermütiger Fröhlichkeit. So hatte lange niemand mit ihm gesprochen.
Aber was war das? Plötzlich stieg ihm ein verlockender Duft in die Nase. Er öffnete die Augen jetzt ganz, beinahe ein wenig unwillig, um den Traum festzuhalten. Wenn er ganz wach war, würde er ihn vergessen und nicht wiederfinden ? wie schon so oft.
Neben ihm auf der Bank stand eine weiß blitzende Thermos-Kanne mit blauem Zwiebelmuster und warmem Kaffee. Er roch ganz frisch aufgebrüht. Und vor ihm, zu seinen Füßen, befand sich eine braune Papiertüte, prall bis oben gefüllt. Bruno bückte sich. Er musste nachsehen, auch wenn Peter sich eben meldete und heftig zwitschernd gegen die Gitterstäbe stieß. Es war lange hell. jetzt wollte er aufgedeckt werden. Zuerst zog Bruno eine dicke Cervelat-Wurst heraus. Scheibenbrot, Butter – runde Äpfel und
Walnüsse. Tatsächlich, sogar duftende Pfefferkuchen mit Schokoladen-Guss und bunten Streuseln verziert. Wer die wohl gebacken hatte?
Der alte Mann sah sich nach allen Seiten um. Mit den Augen wanderte er die Häusereingänge und verwinkelte Ecken ab.
Das konnte doch nicht alles für ihn sein. Es war niemand zu sehen.
Schließlich zog er einen Blechbecher aus seinem Rucksack, öffnete die Thermoskanne und füllte ihn bis obenhin fast zum Rand.
Hm. Das wärmte.
Nachdem er die zweite Tasse zur Hälfte geleert hatte, drehte er sich um zur Rathausuhr. Der kleine Zeiger stand auf der Neun. Ach, hatte er heute lange geschlafen. Heute war Weihnachtstag. Deshalb war es so leise um ihn.
Nun war es wirklich höchste Zeit, Peter die Decke abzunehmen und vom Brunnen einen Guten?Morgen?Schluck für ihn zu holen. Der Vogel jubelte und sprang, schüttelte sich das Wasser von den gelbblauen Federn. Am liebsten hätte ihm der Alte die Türe geöffnet und ihn aus dem Käfig gelassen.
Ob er ihn zurückbekommen hätte?
Das Licht hing spätsommerlich warm den Dächern. Nicht zu glauben, dass jetzt Dezember war. Zwar zog die Sonne eine kürzere Bahn über den Himmel als sonst, aber sie strahlte hell und verlockend.
Bruno dachte, dass er nachsehen müsse, ob in Vohwinkel noch die Rosen blühen im Garten.
Dieses Jahr war alles vertauscht.
Zuunterst in der braunen Packpapiertüte lag noch ein Päckchen. Fest verschnürt in weihnachtliches Geschenkpapier mit musizierenden Engeln darauf. Der Alte löste die Schleife mit fliegenden Händen. Er hielt einen Papieranhänger in der Hand mit einem Weihnachtsbaum und leuchtend roten Kerzen daran
„Für Bruno“, entzifferte er die ungelenken Buchstaben.

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Angelika Zoellner AutorenBio:

Beitrag vom: 27 Dezember, 2004 (13:20) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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