Weihnachten ist für alle (I)

24 Dezember, 2004 (12:16) | | tage-bau | Kommentieren

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Viola stand am Rathausvorplatz und betrachtete den alten, mageren Mann mit dem faltigen Gesicht. Es schien ihr, als sei alles an ihm mit einer grauen Farbe überdeckt, seine ungewaschenen Kleider, die ausgebeulten Kniedellen in seinen Hosenbeinen und die vorwitzig aus den Schuhlöchern sich streckenden Zehennägel, Eine Schmutzkruste überzog den Rest von dem, was einstmals Stiefel gewesen waren.
Ja, selbst das Gesicht mit seinen tiefgezogenen Regenfalten über der Stirn und den unrasierten Stoppeln am Kinn hatte an Farbe verloren.
Der alte Mann lag zurückgelehnt auf der Bank. Sein verbeulter Schlapphut mit aufgeschlagener Krempe war zurückgerutscht über den Kopf. Er hatte die Augen geschlossen und stützte sich im Halbschlaf auf einen Rucksack, den sicher schon sein Großvater über Jahrzehnte getragen hatte. Die Ecken glänzten speckig und dünn. Eine der beiden Lederschnallen war abgerissen und ließ sich nicht schließen. Hätte er sprechen können, der alte Rucksack, sicher könnte er viele bunte Geschichten erzählen.
Viola hätte gerne eine von ihnen gehört.
Sie hatte vergessen, dass sie sich gleich mit Martina, der um vier Jahre älteren Schwester, am Alten Markt treffen sollte, um mit ihr nach Hause zu gehen.
Der große Zeiger der Rathausuhr war schon 10 Minuten über die Zeit und lief weiter in schnellen Schritten.
Viola öffnete den Mund und schob langsam einen Fuß vor den anderen, um den Alten nicht zu erschrecken.
Unmerklich war sie ihm ein Stück nähergekommen.
Da entdeckte sie es.
Über ihm, an einen Zweig des breiten, kahlgeblätterten Ahorn, war ein Vogelbauer gehängt. Und ein kleiner Vogel mit gelbblauen Federn hatte den Kopf zwischen die Stäbe gesteckt und sich aufgeplustert.
Das Mädchen stieß einen kleinen Schrei aus. Ach, war der schön. Ob er wohl singen konnte? Sie streckte die Nase neugierig ein ganzes Stück vor. Dann hob sie vorsichtig den Zeigefinger, steckte ihn erst nachdenklich zwischen die Lippen, kaute ein Weilchen auf ihm herum und zog ihn schließlich nass mit einem Ruck wieder heraus.
Zaghaft und doch entschlossen klopfte sie dem Großvater auf das Knie.
»Hallo!«
Nein, er musste wohl sehr müde sein. Der alte Mann rührte sich nur wenig im Schlaf, hob unschlüssig einen Arm und ließ ihn bald wieder fallen.
»Der Vogel wird doch ganz kalt.«
Viola sagte es erst leise, wiederholte dann ihre Worte mehrmals und deutlich immer nachdrücklicher vor sich hin. Immer lauter. Schließlich machte sie eine Pause, hielt den Atem an und schrie los:
»Der Vogel wird doch ganz kalt.«

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Beitrag vom: 24 Dezember, 2004 (12:16) | Autor: Mone Hartman | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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