Vicipedien, Schüler der Zukunft

24 Juni, 2010 (15:05) | | tage-bau | Kommentieren

Marc murmelte erneut die Aufgabe der Mathematikklausur vor sich hin.
„Erkläre den Eulerschen Polyedersatz am Beispiel eines Ikosaeders.“ Ausgerechnet diese schwierige Formel musste hier abgefragt werden. Wie setzte sie sich nur zusammen?
Hilfe suchend ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen.
An der Wand hingen an den Metallleisten die besten Zeichnungen aus dem Kunstunterricht. Für seine gezeichneten Ikosaeder hatte er vor den Ferien eine 2 bekommen. Die Form erinnerte ihn eher an eine vergewaltigte Kugel, der man Seiten aus Dreiecken verpasst hatte.
Wie zum Geier berechnete man das Ding? „V gleich … Wurzel aus …? Nein! So ein Shit aber auch!“ Die Formel schien wie ausgelöscht. Sein Kopf fühlte sich leer an.
„Scht!“ pustete der Lehrer nach hinten. Marc rieb sich das Gesicht und wandte sich wieder seiner Aufgabe zu.
Im nächsten Moment zuckte er zusammen, riss dabei einen langen Strich über sein Aufgabenblatt. Jemand stieß heftig die Tür zum Klassenzimmer auf. Im Türrahmen stand ein junger Mann, vielleicht ein ehemaliger Schüler. Seine dunklen Augen wanderten hektisch durch den Raum. Plötzlich zog er eine Pistole aus der Jackentasche hervor, zielte auf den Lehrer und schoss.

„Von diesem Lehreinrichtungsalltag habe ich gehört. Nur verstehe ich die Hintergründe für derartige Taten nicht.“ Ich nahm die virtuelle Brille ab.
„Dies beinhaltet das Psychologieprogramm, Ausgabe 19, Level 5 bis 18“, sagte die Stimme des Lernprogramms. „Um 2010 herrschte häufig Gewalt und nicht nur an den staatlichen Schulen. Dies, was du eben gesehen hast, steht nur als Beispiel für jene Zeit. Unterrichtet wurde in sogenannten Klassenräumen, mit einem Leiter, dem Lehrer, und 30 bis 40 lernenden Personen, Schüler genannt. In den staatlichen Lehreinrichtungen sieht es heutzutage nicht viel anders aus.“
Von dem Typ mit der Waffe abgesehen, faszinierte mich diese Geselligkeit. „In den staatlichen Schulen muss man auch heute noch ohne Peds lernen? Ich meine, man muss so richtig pauken, wie im Mittelalter?“
„Das Mittelalter findest du im Geschichtsprogramm, Ausgabe 29, Level 1 bis 47“, erklang die Computerstimme.
Ich blies meinen Atem aus. Das Programm verstand meinen Spaß nicht. In der Grundstufe hatte ich mich mal für ein Experiment entschieden, wofür ich einen Tag lang versuchte, ohne Peds, also ohne Lernsensoren, meine Stammvokabeln in Spanisch zu büffeln.
Mann, das war anstrengend! Nicht mal ein Viertel von dem, was ich sonst über die Peds aufnehmen konnte, hatte ich drauf.
Ein Lob auf Victor Ped. Ohne seine geniale Erfindung gäbe es sie nicht. Ich ließ meinen Blick durch den kleinen Raum schweifen, zu meinen fünf Vicipedien, die hinter ihrer virtuellen Brille ihr Input in sich aufnahmen. Nachdem, was ich gerade gesehen hatte, erschien mir der Raum ungemütlich, beinah kalt. Anderseits begannen meine Gedanken in dieser Art des gemeinsamen Lernens einige Vorteile zu sehen. Der Unterricht mit 50 Kameraden, einer Aufsichtsperson, die wie Vater auch mal einen Witz vom Stapel ließ, brachte Leben und Abwechslung in den Alltag. Bestimmt gab es unter den Vicipedien oder Schülern, viel mehr Kontakte.

„Du hängst deinen Gedanken nach! Konzentriere dich auf dein Lernprogramm“, mahnte die Computerstimme.
Ich riss die Peds von den Schläfen und stand auf. Die Aufsichtsperson erhob sich in der Ecke vom Stuhl. Sie starrte mich strafend an, als würde ich sie bedrohen. „Wenn du dich nicht wieder hinsetzt und den Unterricht fortführst, muss ich diese inakzeptable Störung melden.“
Ich knetete meine Lippen aufeinander und überlegte. Diese Lebendigkeit, die ich gerade in mir spürte, schrie nach mehr. Doch ich zweifelte, ob ich die Last der Konsequenzen tragen konnte und vor allem aber wollte. Der Verstoß hätte unabwendbare Folgen für mein weiteres Leben. Noch durfte ich alles lernen, jede Laufbahn einschlagen, die ich mir wünschte. Eine Meldung der Aufsichtsperson verwehrte mir diesen Weg.
Draußen auf dem Flur drangen Stimmen eines Gesprächs zu mir.
„Der Besitz von gewalttätigen Spielen für den Freizeitbereich wird an unserer Lehreinrichtung nicht geduldet.“
„Aber ich habe es doch nur ausprobiert. Ich wusste doch gar nicht…“ Die Stimmen wurden leiser. „Wir halten uns an die Vorschriften. Der Unterricht ist für dich beendet.“

Dies schien mir wie eine Mahnung. Mühevoll Vokabeln, Formeln zu pauken, schreckte mich zu sehr ab. Hier bestimmte ich mein Lernpensum zum größten Teil selbst, konnte mir jedes zur Verfügung stehende Wissen aneignen. An einer staatlichen Lehreinrichtung würde ich nur noch einen Bruchteil von dem aufnehmen können, was ich hier über die Peds vermittelt bekam. Nein! So wie der Kerl da draußen auf dem Flur durfte ich nicht enden. Ich wollte hier meinen Weg, als Viciped gehen.

Ich atmete tief, begab mich dann zu meinem Platz zurück. Dort drückte ich mir die beiden Peds auf meine Schläfen und wählte den Chip „Geographieprogramm, Ausgabe 14, Level 17“.

Ein Funke von dieser Lebendigkeit glühte noch in mir. Dieses prickelnde Gefühl musste ich mir bewahren.

Angela Planert AutorenBio:

Beitrag vom: 24 Juni, 2010 (15:05) | Autor: Angela Planert | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Einen Kommentar zu diesem Beitrag abgeben:





Idee: Enno E. Peter & Sabrina Ortmann

WordPress | Basis Theme: Andreas Viklund & webhosting sources | modified by TyrakusCMS