Traum (aus „Mäander“)

20 November, 2009 (08:20) | | alptraum/ego.wunde | 1 Kommentar

Laufen durch einen Herbstwald. Hellgelbe Ahornblätter gondeln wie große Schneeflocken hernieder. Meine Schuhe schlurfen durch einen feuchten Laubteppich, von dem ein würziger Geruch aufsteigt. Hin und wieder krächzt ein Vogel. Hellgrauer Himmel: eine Leinwand, darauf die unnachahmlichen Farben der Bäume in der Mauser gemalt – sieh nur, wie ihr Wipfelgefieder sich lichtet und ihr Knochengerüst zum Vorschein kommt.

Allmählich verwandelt sich der Wald in eine dicht zusammengedrängte Menge von Riesenskeletten, eingehüllt in jene Karnevalskostüme, die nur aus Flicken bestehen, von denen sich einer nach dem anderen ablöst, manchmal ganze Händevoll, wenn sich ein Baum als Knochengerüst schüttelt, als schauderte er vor einem noch verborgenen Schrecken zusammen. Auch ich kann ihn nur erahnen, spüren in zunehmender Spannung und wachsender Bedrohlichkeit, die sich steigert in Entsetzen, erklingt in einem schartigen Gelächter, das wie eine zackige Klinge durch die Luft fährt, sie aufsägt, und ich begreife: ihr helles Grau ist keine konkave Himmelshöhlung, sondern die konvexe Wölbung eines Rieseneis, aufgeratscht durch diese Art Rabenschreie, und kleine Spinnen, Panikkügelchen, trommeln wie schwarze Hagelkörner auf mich nieder.

Ich laufe unter dem Krächzen der als Bäume verkleideten Skelette, denen in einem plötzlichen Sturm die letzten Laubflicken von den Totenschädeln gerissen werden, und jetzt zeigen selbst die Blätter ihr wahres Gesicht: von sanft niederschaukelnden Riesenflocken in strahlendem Gelb haben sie sich in dunkle Nachtfalter verwandelt – bis auf eines, ein herbstfarbener Schmetterling, der mir vorweggaukelt, mich herausgeleitet aus diesem psychotischen Alptraum, und das Totenreich in einen Märchenwald zurückverwandelt mit jedem Flügelschlag.

Ich laufe ihm freudig hinterher, immer ausgelassener, einen Steilpfad hinauf, der abrupt vor einer Steilwand abbricht, doch statt eines Gipfelkreuzes steht eine Straßenlaterne auf ihrer Höhe, die sich, wie ich instinktiv weiß, gummiartig nach vorn biegen kann, und ich erklimme ihren Schaft, der sich wie eine Palme mit mir in der Krone vorneigt, hinab zu den Menschen da unten, die zu mir heraufwinken. Da kracht und bricht der Laternenpfahl, ein einziges rostiges Gesplitter, und ich schlage dank der dicken Laubschicht sanft vor den Füßen der im Halbkreis stehenden Menschen auf, die mir plötzlich feindselig gesonnen zu sein scheinen.

Mein Lächeln gefriert, mein ganzer Körper wird von einer eisigen Kälte erfasst. Ich habe ihr Heiligtum, die Gipfellaterne, geschändet. Hinter mir die Steilwand, vor mir der sich zusammenziehende, immer enger werdende Halbkreis des Mobs, Mordgier in den Augen. Ich reiße meine eigenen Augen auf, wie ein Ertrinkender seinen Mund im letzten Moment über der Wasseroberfläche – nur so kann ich mich retten. Mir ist, als sei ich der Lynchjustiz durch rechtzeitiges Erwachen entkommen, und ich springe aus dem Bett und flüchte ins Bad.

Beitrag vom 20 November, 2009 (08:20) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag drucken Beitrag drucken | (1) Kommentar


Gute Nacht

5 September, 2008 (09:19) | | schrieb im tage-bau: | Kommentieren

Schlafentzug ist Traumbetrug und tut mir gut!;

Wenn ich mal wieder vollgestopft,
mit Allerlei,
sei es von guter Intention oder von der Art her Hohn.

Den Rat bekam ich mal vor Jahren,
als ich keinen Sinn mehr sah
und eine Flut dämonischer Gewalte in mir trieb und widerhallte.
Es hagelte faustspitz geladen,
auf mich nieder.
immer immer, immer wieder. Immer müde Glieder.

Um diesen Kreis zu quadrieren,
musste ich die Nacht riskieren, wach zu bleiben.
Nur,
so der Doktor,
sei es möglich, sich zu scheiden.

Also tat ich,
statt zu leiden,
Kaffee brühen, der mich bei dem Mühen stützte, nicht zu ruhen.
Animierte mich zu schreiben
oder sonst etwas zu tun.
Eine ganze Nacht durchwacht macht klar im Kopf,
die Augen schwer und sehr,
sehr mehr noch objektiv.

Der Blick am Morgen sah gerade,
deutlich klar was alles schief.
Seit dem Tage mag ich glauben,
es ist gut sich Schlaf zu rauben,
wenn derselbe einen quält
und die Stunden bis zum Morgen
voller Sorgenfalten zählt.

Wohingegen eine Nacht,
kreativ durchdacht vollbracht,
zwischen Traum
und Wahrheit wählt
und das Seelenleben stählt.

Beitrag vom 5 September, 2008 (09:19) | Autor: Nico Fuchs | Rubrik: schrieb im tage-bau: | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


An die Machthaber dieser Spiele

25 August, 2008 (20:59) | | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

Verwandeln will ich alle tiefen Narben,
Von denen, die zu früh gegangen sind;
Von denen, die im Schmerz gefangen sind;
Gefallen sind in dieser Kriege Garben;

Die an dem Galgenbaum gehangen sind;
Die kämpften für gerechte, gute Farben;
Für die, die Feuertode brennend starben;
Die in den Kerkern schon vergangen sind.

Verhandeln will ich gegen die Kanaillen,
Die, strassbetresst, mit goldenen Medaillen,
Vermeinen, dass die dumme Menschheit schweigt;

Ich sende ihnen freundlichst meine Furien;
Ich schicke ihnen Bosheit und Injurien;
Ich baue gern den Pranger, der sie zeigt.

Beitrag vom 25 August, 2008 (20:59) | Autor: Walther | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Wolkenkuckucksheim

14 Juli, 2007 (14:07) | | suppenküche | 1 Kommentar

Geisterbilder, eingebrannt, tief in Seele und Verstand, lassen uns oft von Dingen ahnen, die einst vor langer Zeit geschahen und für immer nun, auf ewig Feuermale, in uns stehen. Wenn wir träumen, wird ganz klar, was einmal wie und warum war, um ein Haar so gewesen wäre, wenn da nicht die Leere uns so fatal in die Quere gekommen wäre. Vielleicht wirst du das Brennen, von dem ich hier berichten möchte, kennen. Vielleicht wirst du es anders nennen, aber kennen wirst du es.
Denn so ein Traum lebt längst nicht immer, was einmal geschehen war, nicht immer scheint die Seele nur sehen, was wirklich war. Für den Bruchteil einer Sphäre, ist da, unter dem gelebten Leben, ein Wunsch zu sein, so wie der Schein, ein Wesen, wunderbar rein; es ist wahrlich kein Unding und braucht keine substantiellen Worte! Unglaublich, aber wahr. Es gibt noch surrealere Orte, als den Wunsch in deinem Sein ein Held zu sein.
Gibt es einen Unterschied, und wenn, wie sieht ein solcher aus? Erinnerungen an einen Traum, sind sie, kaum anders als erlebte Taten und verraten mehr Belieben als Tatsächliches? Hässliches tut immer weh und geh einmal einen Strand entlang, barfuß, wenn die Sonne brennt. Romantisch ist was anderes, wenn man vor Schmerzen auf die Decke oder in das Wasser rennt! Was somit bleibt, sind nur die Bilder einer vergangenen Zeit. Es reiht ein Fieber sich, von dem wir träumen oder nachts erwachen. Mit dem wir ängstlich hadern oder über das wir lachen.
Es sind Visionen, die verwischen oder sich gar mit dem vermischen, was wir nie gelebt haben. Und so entsteht Elaborat, Vergangenheit. Befreit von Wirklichkeit, ist sie zum Streit bereit und wird nicht selten siegen. Denn es sind nur Bilder, nichts, was bleibt, ist mehr als das und doch so viel und mehr als das, was wir so lieben und manipulieren und retuschieren. Schlechte Szenen löschen oder überdecken wir; es gibt viele Dinge in uns drin, die wir gar verstecken, nie mehr wiedersehen, wir drehen Negative um und projizieren diabolisch, philosophisch, metaphorisch, alles noch und noch einmal.
Stellt sich nun die Frage, was ist mit dem, der der Fantasie die Größe gibt, um zu regieren und der sie gar nicht lebt, die Dinge die er sinnt? Was wird er wohl träumen? Wird er was versäumen? Wird er was verschenken? Wird er drüber denken? Kann man unterscheiden, zwischen Traum und Wirklichkeit, wenn wirklich viel, viel Zeit vergangen ist?
Ich weiß nicht wie! Ähnlich wie bei einer Melodie, die herrlich klang und immer noch klingt, obwohl man sie selber nie sang und heute noch nicht singt, könnte ich wetten, dass es keinem der’s versucht, gelingt.

Beitrag vom 14 Juli, 2007 (14:07) | Autor: adminxx1 | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (1) Kommentar


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