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Sommer in Kreuzberg III

In Kreuzberg wird es eng.
Ein Vorort muss her. Am Hermannplatz schwappt Kreuzberg nach Neukölln über. Kreuzkölln.
Es ist schwül, die Wolken hängen tief. Im Froschkönig ist es angenehm unprätentiös. Ein Hauch von Studentenkneipe weht durch das kleine Lokal. Wolfgang Fehse wird aus „Karneval in X oder : Die Macht der Poesie“ lesen.
Noch ist es zu früh. Der Wirt entschuldigt sich. Das ist nur in Berlin so, dass zu allen Veranstaltungen die Leute zu spät kommen. Nie kommt einer pünktlich. In anderen Städten ist das anders. Wenn da eine Veranstaltung um neun anfängt, dann sind die Leute auch um neun da. In Berlin nicht. Hier kann man nie pünktlich anfangen.
Es ist schwül, der Weißwein schön kalt.
Als Fehse an den vorbereiteten Tisch tritt, strömen die Zuhörer aus dem Schankraum in den hinteren Teil der Kneipe.
„Sie brauchen die stille, behagliche Gleichförmigkeit des sinnlosen Arbeitsalltags! Sie brauchen das Schlurfen über die Gänge mit der Kaffeekanne in der Hand! Sie brauchen den ekligen Geruch von Bohnerwachs und Beamtenschweiß,“ liest Fehse und zeigt den tapferen Kampf seines Helden, des Dr. Küberling, der Rimbeau mit Rambo verwechselt, mit seinem Chef.
Wer sind die Zuhörer? Kreuzkölln ist nicht Kreuzberg. Keine dunklen Gesichter, keine Kopftücher, alle sprechen deutsch und trinken Alkohol.
In der zweiten Reihe ein männliches Mittelalter in Weiß: weiße Hosen, weißes Hemd, weiße Turnschuhe.
„Doch“!, liest Fehse, „Doch! Und Sie brauchen das Ertrinken in unzähligen Vordrucken und Ausführungsvorschriften. Das ist Ihre Welt und sonst gar nichts!“
Die Schwüle wird fast unerträglich. Die Haut ist von einem leichten Schweißfilm bedeckt.
„Nein!“, liest Fehse, „nein! Ich brauche das Abenteuer, den Aufbruch! Ich kann mehr als die Erstellung von Statistiken!“
Ein Geräusch in der zweiten Reihe. Das weiße männliche Mittelalter schnarcht. Grinsen in der Umgebung. Vom Nebentisch wird er zart angestoßen, wacht auf und lauscht erneut der Stimme des Lesers.
„Fahren Sie nicht eher und nicht später an die Schranke. Gute Reise, Dr. Küberling, und viel Erfolg.“
Es hat angefangen zu regnen. Der Geruch von nassem Staub streicht über die Tische. Beifall.
Die Zuhörer drängen sich wieder im Schankraum. Bier und Wein gegen den Durst, Gespräche gegen die Einsamkeit. Ein Gast sucht seinen Begleiter. Er hat über seinen Bieren nicht gemerkt, dass dieser schon vor einer Weile das Lokal verlassen hat.
Zurück in Kreuzberg öffne ich weit die Fenster, die Luft ist frisch und riecht nach nassem Gras. Ich versuche, Dr. Küberling in den Wolken zu lesen:
„DANN WERDEN UNSERE SCHIFFE
AUF STRUDELN KREISEN
UND ES WIRD NACHT SEIN
HEIßE GLßHENDE NACHT
UND VßGEL WERDEN AUFFLIEGEN
WEIT HINAUF AUS DEM NICHTS
WEIT HINAUF.“
Auf dem Balkon gegenüber wird gefeiert. Auf deutsch und französisch. Ich kann mich nicht auf die Wolken konzentrieren. Gläser klirren. Nein, sagt eine Stimme, sie müssen morgen früh arbeiten gehen. Dann wird eine Türe geschlossen. Ich höre nur noch den Regen.