Im letzten Winter

5 September, 2013 (20:48) | | tage-bau | Kommentieren

Die Idee, im Winter Urlaub zu machen und zu diesem Zweck ins Wendland zu fahren, fanden meine Berliner Freunde ziemlich abgefahren. Aber ich dachte mir, im März ist ja nicht mehr wirklich Winter und außerdem kann ich mich an wunderschöne März-Wochenenden erinnern mit sattem Grün auf den Feldern, bunten Krokussen in den Gärten und dem weiten Blick über die Elbe von der Fähre aus.
Die Fähre fällt dieses Jahr aus. Auch das satte Grün und die bunten Krokusse. Statt dessen Grau. Der Himmel, die Elbe, der See – alles grau. Selbst der Schnee – grau. Plötzlich fällt mir auf, wie farbenfroh die Verkehrsschilder sind: knallrote Ränder, tiefes Schwarz auf blitzendem Gelb, grelles Blau â?¦
Langsam entschleunigt das Gehirn, schärft sich die Wahrnehmung. Das Grau bekommt Farbe. Der Himmel – ganz anders grau als die Elbe, der See anders grau als die überschwemmten Wiesen nebenan. Hier ein Blaugrau, dort Grüngrau, Braungrau â?¦ Die Weidenkätzchen blühen in strahlendem Silbergrau, die meterlangen Eiszapfen in spiegelndem Eisgrau.
Dann fällt mir diese Zeitschrift in die Hände. Alles so schön bunt hier im Wendland. Ein paar Rundlingsdörfer wollen Weltkulturerbe werden. Haben sie verdient. Dann lese ich von einer deutlichen Steigerung des Medieninteresses. Und von der Hoffnung, dass das Thema „zu einer weiteren Belebung der Märkte und Strukturen führen“ und dass es ein Wirtschaftsfaktor sein soll, der kulturtouristisch auszuwerten sei. Soll heißen: mehr Tourismus, mehr Arbeit, mehr Geld. Die Wendländer werden ihre Uhren nicht mehr nach der Tagesschau stellen oder nach dem Glockengeläut ihrer Kirchen, sondern nach dem Klackern der Rollkoffer auf dem Kopfsteinpflaster und dem time-table der Animateure.
Ein paar bauliche Veränderungen müssten auch sein, schließlich ist der Kunde König. Satemin zum Beispiel braucht dringend eine Disco und einen großen Parkplatz, schließlich soll ein Weltkulturerbe nicht den Öko-Radlern vorbehalten bleiben. Schreyahn darf den Anschluss an die Moderne nicht verpassen – Christo wäre der geeignete Künstler. Ganz Schreyahn könnte hübsch verpackt werden. Bewohner und Gäste könnten derweil in Bugalows, dem sogenannten Schreyahner Speckgürtel, untergebracht werden. Dringend notwendig für den Fremdenverkehr eines Weltkulturerbes ist eine flotte Autobahnanbindung. Eine direkte Trasse nach Hamburg bietet sich an, da sind keine Rundlinge im Weg. Eine internationale Hotelkette sollte rechtzeitig in die Planungen einbezogen werden. Für Loge schlage ich als Wahrzeichen des Aufstiegs einen Hotelturm vor, von dessen 32. Etage man einen spektakulären Blick auf den kreisrunden Dorfplatz hat.
Was machen alle diese Touristen, wenn sie das Weltkulturerbe besichtigt haben? In Ägypten fliegen sie mit einem Ballon über die Pyramiden in den Sonnenaufgang. Neulich ist ein Ballon abgestürzt. Also kein Ballon. Oder doch? Vielleicht so einer wie in Berlin, der an einer Strippe hängt und trotzdem viel höher über den Straßen schwebt als die höchste Hochhausetage. Bleibt das Problem mit dem Sonnenaufgang. In Ägypten scheinen die Tourismusfachleute davon überzeugt zu sein, dass die Sonne jeden Tag aufgeht – pardon, dass man sie jeden Tag aufgehen sehen kann. Was sollen die Wendländischen Animateure machen, wenn die Touris im Ballon sitzen aber die Sonne nicht zu sehen ist? Also doch kein Ballon.
In Ägypten kann man auch auf Kamelen zu den Pyramiden reiten. Strauße gibt’s hier in der Gegend ja schon – aber Kamele? Ob die UNESCO das akzeptieren würde? Schließlich will sie ein Konzept, in dem auch der weitere Schutz des Erbes festgelegt ist. Also keine Kamele. Pferdewagen? Pferdewagen sind möglich. Auch Besichtigungen vom Pferderücken aus. Und Esel. Esel gibt’s hier schließlich auch. Man könnte von Mammoisel aus Besichtigungsritte zu Pferd und von Köhlen aus – nein, das geht nicht. Dann kämen die durchschnittlich besser betuchten Reiter eher nach Mammoisel als nach Köhlen – nein, das ist ganz undenkbar. Wir wollen keinen Bürgerkrieg im Wendland! Für jedes Dorf also Pferde, Esel, Wagen.
Dann die Andenkenläden! Sie brauchen ein neues Konzept. Sind wir sicher, dass alle Touris Wendland-Kunst nach Hause tragen wollen? Es gibt so viele Zeitgenossen, die sich dem Weniger-Ist-Mehr-Einrichtungskonzept verschrieben haben und sowohl Kunst als auch Kitsch nur in Einzelstücken in ihren minimalistischen Wohnungen dulden. Also muss das Andenken auf den Verbrauchsbedarf: T-Shirts mit I Jabel, Tassen mit lachenden Eseln Gruß aus dem schönen Wendland und Bettwäsche mit dem Gorleben-Logo Wir haben auch aufgegeben.
Ein professionelles Tourismusunternehmen muss auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kunden eingestellt sein. Ein Dorf sollte die Möglichkeit zum Rückzug vom lauten Stadtleben in Form eines retreats anbieten. Bausen würde sich da eignen. Das Dorf benötigt keine baulichen Veränderungen, alles kann innerhalb der Häuser angeboten werden. Um unnötige Enttäuschungen seitens der Touristen zu vermeiden, kann ein Haus im fernöstlichen Stil mit Buddha-Statuen und einem Zen-Garten hinter einen hohen Hecke und ein anderes Haus mit eher westlich-religiösen Anklängen zum Beispiel mit einer beleuchteten Marien-Statue und Hildegard-von-Bingen-Menues eingerichtet werden. Dass in Lüchow zur Komplettierung des Angebotes ein modernes Kaufhaus und in Dannenberg eine Moschee gebaut werden müssen, versteht sich von selbst. Problematisch bleibt nur noch der Service. Die Übernahme des finanziellen Aufwands für die Einkleidung der Animateure, Fremdenführer, Kellner und Kellnerinnen mit wendländischen Trachten dürfte für die hiesige Geschäftswelt angesichts der zu erwarteten Gewinne keine Frage sein. Die sprachliche Ausstattung des genannten Personenkreises wohl eher. Wenn das Wendland mit Tourismus punkten will, muss das Personal Russisch, Chinesisch/Japanisch und Arabisch perfekt, Spanisch und Englisch ausreichend und zur Ergänzung mindestens eine weitere Sprache in Grundzügen beherrschen. Sprachenschulen zur Vorbereitung des Projektes sind deshalb in Lüchow, Dannenberg und Clenze einzurichten. Da man von dem zukünftigen Personal nicht erwarten kann, sich die notwendigen Sprachkenntnisse auf eigene Rechnung anzueignen, muss rechtzeitig geklärt werden, ob die zukünftigen Arbeitgeber oder das Arbeitsamt die Kosten tragen werden. Zum Aufbau der Sprachenschulen können eventuell auch Eurogelder in Betracht gezogen werden.
Es ist immer noch grau im Wendland. Viele Farben Grau wetteifern miteinander um die Aufmerksamkeit meiner Blicke. Ich entsorge die bunte Zeitschrift.
Ach Gott, ihr aufständischen Wendländer vergangener Zeiten, wo seid ihr? Habt ihr, seit Adi Lambke tot ist, das Querstellen verlernt? Reißt euch zusammen – das Wendland braucht euch!!!

Elvira Surrmann AutorenBio:

Beitrag vom: 5 September, 2013 (20:48) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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