Herbst in Kreuzberg 2

19 Oktober, 2010 (21:48) | | tage-bau | Kommentieren

Seine Erinnerungen sind wie hungrige Wölfe. Sie schleichen umher, man sieht sie nicht, man hört sie nicht, aber sobald sie ein passendes Wort oder ein Bild gefunden haben, stürzen sie sich darauf, reißen daran herum in wilder Gier auf weitere Wörter und Bilder, sie wühlen darin herum, bis alles bloß liegt, hervorgezerrt aus dem Vergessen. Offene Wunden, zum Fraß bereitet.
Jedes Jahr war er mit seinen Kindern nach Berlin gefahren, hatte ihnen gezeigt, wo er in der Schleiermacher Straße gewohnt hatte, wo er in der Bergmannstraße in die Schule gegangen war und mit welchen U-Bahnen er sich, als er endlich Canisius-Schüler und im Besitz einer Schülerfahrkarte war, durch die Stadt treiben ließ, stundenlang. Geh“ nicht mit fremden Männern, hatte die Mutter gemahnt.
Er hatte seine Erinnerungen für die Kinder sorgfältig dosiert, sie waren jung, ihre Seelen verletzlich.
Jetzt ist er krank und schickt seine Töchter für ein paar Tage allein zu Freunden nach Kreuzberg. Während die Mädchen im Kellerkino bei Hugo „Wir Kellerkinder“ sehen und sich auf dem Türkenmarkt am Maybachufer bunte Tücher kaufen, hat er Zeit, ihnen in seinen Gedanken zu folgen, durch die Straßen zu laufen wie damals.
Ihm begegnet Frau Kühl, die ihm von den toten Pferden am Straßenrand erzählt hatte und seine Kinderfantasie erwacht und zeigt ihm wieder und wieder die zerschossenen Tierleiber, aus denen halb verhungerte Menschen Fleischstücke reißen. Er erinnert sich an die Erzählung der Frau Kühl von den tausend Leichen, die unter dem Hermannplatz verschüttet waren. Und er sieht sich wieder flüchten vor den Mitschülern, die ihn, den zurück gekehrten Flüchtling, verspotteten und verprügelten, bis er sich in den Keller flüchtete – den Keller unter den Trümmern der Marheinekehalle, wo kurz nach dem Krieg wieder Markt abgehalten wurde. Hier war er in Sicherheit vor seinen Verfolgern und hier gab es Milch und Eier und er konnte sich nicht satt sehen und das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Spiel“ nicht in den Ruinen, hatte die Mutter gemahnt.
Er kann sie nicht bändigen, die Erinnerungen. In seinen Büchern, die er über all die Jahre gesammelt und in seiner Wohnung gestapelt hat, sucht er nach Bestätigung, nach weiteren Wörtern und Bildern, nach Nahrung für die Erinnerung, damit sie endlich satt wird und müde. Kreuzberg ist weit weg und so nah. Immer noch lebt er einen Teil seines Lebens in den Trümmern und Kellern seiner Kindheit, in der langsam dahin zuckelnden Straßenbahn, in den eingestürzten U-Bahnhöfen.
In der Schleiermacher Straße gibt es schon lange keine Ruinen mehr, die Grundschule in der Bergmannstraße wird nicht mehr als Schule genutzt. Im Chamissokiez haben nicht mehr die Kinder aus den Hinterhöfen das Sagen.
Die renovierten und restaurierten Häuser geben ihre Geheimnisse nicht mehr preis. Man sieht ihnen die Verzweiflung des Großvaters nicht mehr an, der im sicheren Vertrauen auf den Respekt vor den Zeugnissen einer großen Kultur Frau und Tochter in das Inferno nach Dresden schickte. Und im Rathaus Kreuzberg erinnert nichts mehr an das Herzklopfen der Kinder, die sich trotz Verbot im Paternoster auf und ab fahren und im Dunkel des Kellers oder des Dachbodens von einer Seite auf die andere schaukeln ließen.
Mehr als die Hälfte seiner Mitschüler lebten, wie er, ohne Vater. Viele wuchsen ohne Mutter auf.
Das Kreuzberg seiner Kindheit war kein guter Ort für Kinder. Getröstet hat ihn die Inschrift an der Kirche am Marheinekeplatz: Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan – und niemand kann sie zuschließen. Offenbarung 3,8
Er hatte viel Zeit, sie zu lesen. Weil er gerne kokelte, musste er früh um sieben, wenn die Mutter zur Arbeit ging, mit ihr die Wohnung verlassen. Bis zum Unterrichtsbeginn strolchte er durch die Straßen.
Jetzt ist er krank. Wenn er wieder gesund wird, will er im Frühjahr nach Kreuzberg kommen. Dann wird er, wie immer, durch das Nachkriegskreuzberg seiner Kindheit streifen auf der Suche nach den Wörtern und Bildern, die unter der Zeit verschüttet sind und die seine Erinnerungen erlösen können.

Elvira Surrmann AutorenBio:

Beitrag vom: 19 Oktober, 2010 (21:48) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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