Freitags gehe ich zu ihr IV

24 Juni, 2015 (20:49) | | tage-bau | (1) Kommentar

Ihr Lieben, vor einigen Jahren habe ich hier die ersten drei Teile zum Text ‚Freitags gehe ich zu ihr‘ eingestellt. Nun sind aus aktuellem Anlass wieder ein paar Folgetexte entstanden. Hier die Nr. IV. Noch nicht ganz im Feinschliff. Aber ich wollte mich ja tagebuchmäßig mit dem beteiligen, womit ich mich zurzeit beschäftigt…was mir so durch den Kopf geht – und mit euch wieder zusammen arbeiten…(Es kommen ansonsten ganz verschiedene Themen …).

IV

April 2015, Jahre später. Dienstag.
Frau T. telefoniert mich an, erkundigt sich nach Frau I., vermutet, dass ich noch immer Kontakt habe. Mein Kontakt ist, antworte ich, in den vergangenen Jahren zusammengeschrumpft. Das letzte Mal habe ich die alte Dame vor anderthalb Jahren angeschaut. In der Zwischenzeit umrahmten uns selbst viele Sterbende. Der enge Familienkreis, Pflege über Jahre, Organisationsbedarf, Wohnungsauflösung… und das gleiche steht uns bei meiner Mutter bevor. Immerhin ist sie gerade 93 geworden und hatte im vergangenen Dezember Wasser in der Lunge.
Ab und zu, sage ich, rufe ich die hilfsbereite Nachbarin an und frage, ob Frau I. noch lebt. Da sie keine Kinder hat, wer wird mich verständigen? Das dauert gewöhnlich, da die Nachbarin gerne verreist oder tagsüber liebt, in eine anmutige Gegend radeln. Nur zuhause, das ist sie selten. Dann aber versorgt sie, und das seit mindestens 10 Jahren, die Wäsche von Frau I., mit der sie nicht einmal verwandt ist – so wie sie früher für sie eingekauft hat, Woche für Woche. Es gibt also doch diese irdisch gewordenen Engel. Wenn ich Frau oder Herrn Nachbar endlich erreicht habe, um nicht unvorhergesehen hineinzuplatzen, mache ich mich auf, nehme wie gewohnt den Türschlüssel aus dem Korb mit den unechten, verblassten Hortensien und trete ein. Wenn sie es noch sehen könnte, die liebe Frau I., es würde ihr weh tun. Sie hat den echten Blumenduft so geliebt. Der Schlüssel wartet seit etwa 10 Jahren im Korb. Wann es erstmals war, ich hab‘ es vergessen.
Das alles erzähle ich folgerichtig Frau T. und erinnere, wie ratlos ich vor anderthalb Jahren fortgeblieben bin, als ich versucht hatte, Frau I. wieder vorzulesen. Kurze Texte und Loewe-Balladen, die sie in Jugendtagen mochte, und dass sie aus ihrem unklaren Dämmern nicht mehr aufwachte. Ein andermal hatte mich eine Frau vom Pflegedienst ungehalten vertrieben, und ich war umsonst über die Autobahn angereist: „Jetzt können Sie nicht…“
Wecken aus wohltuendem Schlaf, der langsames Sterben über Jahre abkürzen kann, möchte ich nicht. Das überlasse ich den Pflegern. All‘ diese Unwägbarkeiten, die Frage der Glücksache, mein häusliches Alltagsleben, dazu eine gewisse Bequemlichkeit führten dazu, dass ich mich immer schwerer entschließen konnte, meine Besuche wieder aufzunehmen.
Im vergangenen Jahr war ich nicht einmal an ihrem Geburtstag erschienen.
Früher hatten wir noch zu mehreren, sich nun selbst einladenden Gästen, am Bett der Kranken mit ihr Sekt getrunken, und einmal hatte ich ein ganzes Blech Apfelkuchen gebacken für die vielen Menschen, die gar nicht mehr kamen. Hier am Bett blieb die Zeit stehen, für das Irdische wie das Überirdische, nirgendwo gehörte Frau I. mehr so ganz hin.
Doch war sie mir in den Vergangenheits-Jahren immer drängender in den Sinn gekommen, erst recht die Frage, ob sie noch lebt. Mindestens fünf Mal hatte ich die Traueranzeigen der Lokalzeitung, auch das Internet nach einem klaren Abschied durchsucht, unsicher, ob bei einer mittlerweile von den meisten vergessenen alten Lady eine Annonce noch erscheinen würde.
„Ich kann auch nicht kommen“, sagt Frau T., „…leide ja an der gleichen Augenkrankheit wie Frau I., Makula-Probleme… mein Kopf denkt noch gut, aber ich kann meinen kranken Mann nicht allein lassen…“ Nun aber, erinnert Frau T., wird sie bald 100!
„Ich weiß“, sage ich, habe es schon vor Monaten ausgerechnet. Ein Jahrhundert! Seit vielleicht 15 Jahren wächst die Pflebedürftigkeit wie ein Gespenst, die Laken des Todes sind immer schwerer aufzuhalten, mit Flügelfedern haben sie sich mit ihr auf einen D-Zug geschwungen, der irgendwohin in die Nacht rast – oder in fremdes Licht.
„Sie war eine angesehene Frau der Stadt“, Frau T. Stimme wird heller, höher, bedeutungsschwanger. Ich merke, dass sie an eine Würdigung, an ein Zeitungsportrait denkt, ob zum 100.Geburtstag oder wenn es endlich soweit ist. „Ich habe viel aufgeräumt, weggeworfen“, sagt sie. „Aber alles, was ich von Frau I. besitze, hebe ich auf.“
Sie blieb ihr immer verbunden, wenn sie auch seit Jahren nicht hin ging.
Früher, erzählt sie, habe sie noch angerufen, sich erkundigt, wie es ihr geht. Dann aber habe sie nicht mehr hören wollen, wie es mit dem Augenlicht von Frau I. so zügig bergab ging; schließlich sah sie ihre eigene Zukunft in dunklen Schatten sich spiegeln.
Makula bleibt Makula. Das wird nicht mehr besser.

„Ich werde wieder hingehen“, sage ich, erkläre, dass ich telefonieren muss, bis die Nachbarin ihr Rad,
die Einkaufstaschen abgestellt, die Besuche getätigt hat und beim Telefonläuten abnehmen kann.
Es dauert etwa eine Woche. Sie ist erst den Tag zuvor aus einem Frühlingsurlaub in Tirol zurück gekommen. „Es ist alles wie immer“, sagt sie, „der Schlüssel unter den lila Hortensien. Sie trinkt, isst ihren Brei, sogar große Portionen, aber schläft jetzt meistens…“

Als ich die Tür öffne, liegt die alte Dame durchsichtig und zusammengesunken in ihren blumengemusterten Kissen. Blumen, die sie so geliebt hat, füllen den ganzen Wäscheschrank aus. Der Körper ist mager geworden, aber sie erkennt mich sofort.
Am Fußende bestaunen mich ein Krankenpfleger und die Krankengymnastin.
„Niemand kommt mehr hierher“´, sagen sie erleichtert. „Endlich…“.
Da weiß ich, von nun an werde ich jede Woche kommen – wenn ich nicht gerade verreist bin – und bis zum Schluss.

Nächste Woche werde ich meinen Gartenflieder abschneiden, den violetten und ihr ihren Lieblingsduft in die Wohnung stellen. Damals hat sie mit mir noch geschimpft, weil ich nicht schnell genug die schmalhohe Stilvase fand

Angelika Zöllner

Angelika Zoellner AutorenBio:

Beitrag vom: 24 Juni, 2015 (20:49) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (1) Kommentar
Kommentare



»Tod ist nicht gleich Tod« schrieb:

Dein Text erinnert mich an ein Diakonieseminar.
Ich fragte Julia, stark komprimiert und pointiert, ob sie gut zu Vögleln war?

Klar ist die Schreibweise wichtig und ja! richtig ;)

Wir probten das Ansprechen eines Sterbenden, der nur noch mittels seiner Augen kommunizieren kann. Von Begleitern eines Hospizes wurden wir angeleitet und erfuhren noch manches mehr! Mich hat das sehr geprägt und ich hielt einen Augenblick davon in einem Bild fest.

Es lässt sich über »Tod ist nicht gleich Tod«, aufrufen und zu diesem bekam ich neben weiteren von alicefairy den folgenden Kommentar: „Nico.es ist immer schwer Abschied zu nehmen……Ich kenne das von meiner geliebten Nachbarin..sie konnt auch nur mehr mit den Augen kommunizieren……aber (…)“

Kommentiert am 25. Juni 2015 um 16:49



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