Engelschor (aus „Mäander“)

30 November, 2009 (13:39) | | goldener schnitt | (1) Kommentar

Hildegard von Bingen – der Name bringt in mir etwas zum Erklingen, d.h. die Klänge der Klosterfrau steigen in mir auf, Dome aus Tönen, Melodienbögen wie Wasserfälle.

Ich steige ein in diese Klangwelt und fahre mit ihr hinauf und hinab: eine akustische Achterbahn mit steilen Höhen und Tiefen, Links- und Rechtskurven – hei, wie es mich packt und erhebt, in freiem Fall abstürzen lässt und mich dann auffängt in einer sanften Aufwärtsbewegung, hinauf zu strahlenden Gipfeln.

Gesang von Engeln: keusche Frauen mit Stimmen so rein wie ihre Herzen beim Lobgesang Gottes. Chorgesang, dieser Schlüssel zum Jenseits, getragen von freudiger Inbrunst – eine andere Art von Brunst: sublimierte Sexualität, erotische Erhebung, orgiastisches Schweben, in Euphorie umgesetzte Sinnlichkeit, Aufschwung in höhere Sphären.

Sanglicher Höhenflug: das scheint mir mit Engelsschwingen gemeint – Metapher fürs Abheben in überirdische Regionen, die aber doch mit der Erde verknüpft sind, gebunden an leibliche Stimmen, die von den Frauen aufsteigen, Instrumente wie Fiedeln, Flöten, Harfen, Lauten und Orgeln, nur dass sie lebendig sind, vitale Resonanzkörper, beseelte Klangorgane, emotional aufgeladen, zu einem Chor vereint, unisono, Schleifen ziehend in erhabener Stille, die nachhallt während der Atempausen, himmlische Stimmsäulen und „bögen, ineins verschmolzen, irisierend in hellen und dunklen Nuancen, schillernd wie Regenbögen, Spektralfarben aus Mezzo, Alt und Sopran.

Ihr Singen: ins Ätherische verflüchtigte Liebe, von der alles Schwere und Lehmige abfällt, ja, selbst das Verschwitzte wird kondensiert zu balsamischem Duft, geläutert in der Symbiose allumfassenden Glücks.

Und wieder setzt dieses pfeifende Instrument ein mit süßer Melodik, die mir so innig vertraut ist: zierliche, süchtigmachende Arabesken, nun unterlegt mit einer zweiten, tieferen Stimme – hypnotisierende Laute aus einer Drehorgel oder einem Harmonium, quirlend, hüpfend und strudelnd, mäandernd, auseinanderlaufend in mehrere Stimmen, wieder zusammenfließend, unterbrochen von Trillern, Luftsprüngen der Freude. Violine und Harfe lösen das Organetto jetzt ab, und ihre Klänge werden von Flötenlauten durchflochten.

Dann werden sämtliche Instrumentalstimmen zu einem filigranen Gebilde verwoben: köstlicher fliegender Teppich, auf dem ich dahinschwebe. Jetzt wird der Orgelklang zu einem Quäken, umrankt von aufblühenden weiblichen Stimmen: strahlend, golden und bernsteinfarben, fließend wie Honig, und ein Schauder durchflutet mich.

Mein Körper ist eine Art Tempel, in dem der Engelschor widerhallt, sein Lobgesang nicht auf einen abstrakten Gott, sondern auf das unmittelbare Dasein, auf eine sich plötzlich mir offenbarende Harmonie, die alles durchdringt: Trost jenseits des deprimierenden Alltags, und ich wische mir heimlich die Augen.

Kasper Grimm AutorenBio:

Beitrag vom: 30 November, 2009 (13:39) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: goldener schnitt | Beitrag drucken Beitrag drucken | (1) Kommentar
Kommentare



Werner Theis schrieb:

Diese Art von Musik berührt selbst den, der nicht (mehr) glaubt.

Kommentiert am 6. Dezember 2009 um 18:29



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