Ein heikles Wort

4 Dezember, 2008 (05:44) | | goldener schnitt, lesung karlsruhe | Kommentieren

Mir fällt auf, dass Kafka eigentlich immer die Perspektive von unten bevorzugt, den Schmutz beschreibt, das Sinn- und Nutzlose, Schäbige, Demütigende, Alte, Banale, den Verlierer, Verurteilten, Außenseiter und Verzweifelten. Selbst unter den Tieren wählt er meist ein niedriges, das unterirdisch wohnt, Ungeziefer, Dachs und Maulwurf oder das Volk der Mäuse. Gut, einmal hat er auch das höchstentwickelte gewählt: den Affen, den aber im negativen Sinne des Wortes – wie er seine Wärter nachäfft und seiner Natur zuletzt doch nicht Herr wird. Ich frage mich, was mich daran so fasziniert. Andere schauen lieber auf die Welt der Geld- und Erfolgreichen, des nur noch in der Phantasie existierenden Adels aus glamourösen Zeiten, der Promis, des Sports und Lifestyles: eine ganze Journaille nährt sich ordentlich davon. Mich interessiert dagegen die kafkaeske Welt der Underdogs und Verstoßenen, das Insistieren auf das Verrottende, Erbärmliche, Glanzlose, Deprimierende: so viel anrührender – fast schon stereotyp in seiner existentiellen Vergeblichkeit, unschönen Ärmlichkeit und Stumpfheit sogar in Liebesdingen. Gegenteil des Idealen, romantisch Verklärten – ein Antikitschprogramm, dadurch umso eindringlicher, wirkungsvoller. Was, frage ich mich immer wieder, macht diese Sichtweise bloß so fesselnd, und ich finde stets nur eine Antwort: die schonungslose Wahrhaftigkeit – fürwahr ein heikles Wort.

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Beitrag vom: 4 Dezember, 2008 (05:44) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: goldener schnitt, lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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