Ein dreißigjähriger Mann (aus „Mäander“)

22 Dezember, 2009 (11:16) | | suppenküche | (2) Kommentare

Da liegt er, halb zur Zimmermitte hin auf die Seite gelagert, gelähmt bis auf Arme und Kopf, der riesig, beinahe unförmig wirkt, feist in der unteren, hochgewölbt in der oberen Hälfte, also birnenförmig, gekrönt mit dünn gewordenem Lockenhaar, das korkenzieherartig, in drahtigen Strähnen in seiner hohen Stirn klebt, die für mich aber weniger große Intelligenz als vielmehr enorme Dummheit verrät:

mein Eindruck, wohl beeinflußt von persönlichen Erfahrungen mit diesem dreißigjährigen Mann, der eher an ein Riesenbaby erinnert, hauptsächlich wegen seiner körperlichen Hilflosigkeit, aber auch seine oft naiven Äußerungen tragen dazu bei, als sei er geistig ebenfalls behindert, zumindest zurückgeblieben, was nicht der Fall ist, sondern an seinem behüteten, abgeschirmten Dasein von Geburt an liegen muss,

ist er doch mit offenem Rücken zur Welt gekommen, querschnittsgelähmt, schon immer wie unter einer bemutternden Glasglocke gehalten, fern jeder Realität, im Bann eines infantilen Narzißmus befangen, zuerst von der Mutter verwöhnt und verzogen, fettgefüttert, zu einer fatalen Passivität abgerichtet, später von ständig wechselndem Personal ver- und vor allem bewahrt,

nur mit der eigenen unzulänglichen Leiblichkeit konfrontiert, seinen zahllosen körperlichen Fehlfunktionen, die etliche Operationen nötig machten, was ihn nur noch mehr auf sich selber fixierte, auf seine nie endenden Krankheiten,

noch verschlimmert durch seine zunehmende Verfettung, einhergehend mit Schnaufen bei jeder Bewegung sowie einem dauernden Untersichlassen, ein ewiges Rieseln und Wegsacken von dem, was er oben süchtig an Zuckergetränken in sich reinkippt und an Süßigkeiten in sich hineinstopft, wodurch er aus der Analphase nie herausgekommen zu sein scheint,

jedenfalls hat er ein fast zärtliches Verhältnis zu seinen Ausscheidungen, seinen ständigen Begleitern, um die sich ein Großteil seines Denkens dreht: Verdauung und ihre durch Pulver, Tropfen und Zäpfchen behobenen Verstopfungen, urologische Probleme mit regelmäßigen Arztvisiten und Krankentransporten in die umliegenden Kliniken.

Auch sonst scheint er keine kritische Distanz zu sich selber zu haben, sich vielmehr buchstäblich sauwohl zu fühlen in seinem Gegrunze, Gerülpse und Gestank, oftmals begleitet von ihn erleichterndem Erbrechen bei anschließendem Weiterfressen – behaglich wie ein Schwein in den eigenen Fäkalien, wobei sich der Eindruck des Schweinischen bzw. Ferkelhaften noch durch seine Erscheinung geradezu aufdrängt:

ein prallgemästetes Wesen in rosiger Haut, halb auf den Rücken gelegt, ein gestrandeter Wal, von Kissen und Polstern gestützt, mit unterentwickelten Beinchen am aufgequollenen Leib, verkümmerten, beim Wenden leblos mitschlackernden Gliedmaßen, die an die Baumelbeine gewisser Stoffpuppen erinnern,

und seine Arme, ebenfalls vielzu winzig an seinem mächtigen Leib, kann er nur eingeschränkt bewegen, tapsige Fühler, daran spastisch verzerrte Händchen, zum Greifen kaum in der Lage.

Doch bei aller monströsen Häßlichkeit ist er von einer erstaunlichen Selbstakzeptanz durchdrungen: eine zweite über ihn gestülpte gefühlige Glasglocke, ein subjektiver Filter, der alle Unbill von ihm fernhält, ihn in wohliger Behaglichkeit dahindämmern lässt, in völliger Eigenverliebtheit,

während er kritische Urteile über andere fällt, hauptsächlich über das Pflegepersonal, das er einteilt in solche, die ihm schmeicheln, und solche, die auch mal skeptische Bemerkungen machen, wobei die Kritischen bei ihm unten durch sind, er die Verlogenen aber emphatisch sympathisch findet.

Ich gehöre zur letzteren Kategorie, halte mit meiner Meinung hinterm Berg und rede ihm nach dem Maul, weil ich keine Lust auf Diskussionen mit ihm habe, ist er doch völlig uneinsichtig, ja lernresistent, zudem mimosenhaft empfindlich, und reagiert auf Widerstand mit Rückzug und völligem Verweigern.

Soll er doch in seiner rosigen Scheinwelt dahinvegetieren, denke ich ohne Skrupel: was hat er denn sonst, und außerdem erleichtert es mir die ohnehin nicht geliebte Arbeit.

Kasper Grimm AutorenBio:

Beitrag vom: 22 Dezember, 2009 (11:16) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (2) Kommentare
Kommentare



Surrmann schrieb:

Hatte er eine Chance?

Kommentiert am 22. Dezember 2009 um 15:28



Kasper Grimm schrieb:

Nein, er hat keine Chance. Das ist das Tragische.

Kommentiert am 23. Dezember 2009 um 8:40



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