Die Erde kann alles

11 Oktober, 2009 (22:33) | | tage-bau | Kommentieren

Den Fang bringen Bene und Larat zur Schammen-Oma, bis jene eines Tages zugibt, sie habe genug von den Fischchen.
„Lasst uns einen Gemüsegarten anlegen“, schlägt sie den Jungen vor.
Für den Gemüsegarten wird an der Südseite ihres Hags ein Stück Land umgegraben. Auf die Krume schütten sie in zwölf Reihen lockeren Dung von den Viehweiden.
„Das werden Zwiebeln“, sagt die Schammen-Oma, während sie den Samen in den Boden bringt. „Das hier Salat und dies Rüben.“
Damit die hungrigen Dorfhunde die Beete nicht durchwühlen, spannen sie ein altes Fischfangnetz ringsherum.
Jeden Morgen sieht Bene nach, ob der Samen aufgeht. Aber die Krume bleibt schwarz und die Beete leer.
Nach einigen Tagen zweifelt Bene, dass überhaupt etwas aus dem Garten wird. Zudem heißt es bei den Kornbauern, dass an einem steinigen Ort wie Kel Sunt nichts gedeihen könne. Nur der Schmied erklärt mit Bestimmtheit:
„Die Erde kann alles.“
Bene versteht den Sinn dieser Worte nicht. Zunächst denkt er, es sei ein Beiname der Schammen-Oma, aber niemand nennt sie so. Da fängt Bene an, sich die Erde als eine Kornbauerin vorzustellen, die in Kwan’Den nicht weit von Kel Sunt wohnt; die Kornbauern selbst nennen ihre Siedlung „Fruchtbare Erde“.
Doch eines Tages glaubt Bene seinen Augen nicht zu trauen: Aus der schwarzen Krume im Garten lugen zartgrüne Sprossen hervor. Mit angehaltenem Atem blickt er auf dieses junge Grün: Die Sprossen sind nicht dicker als eine Knochennadel. Bene steigt vorsichtig über das Netzgatter und kniet sich neben die Reihen hin. Von seinem Atem zittern die feinen Halme, doch halten sie sich aufrecht.
Mit einem Satz springt Bene über das Gatter zurück und rennt zu Larat. Er klopft an den Türbalken und ruft:
„Larat! Komm! Die Erde hat geholfen!“ „Schrei doch nicht so! Was für eine Erde?“ fragt Larat erschrocken.
Bene sprudelt aufgeregt hervor, dass die ersten Sprossen herausgekommen seien.
Die Schammen-Oma freut sich nicht weniger als Bene und Larat. Nur ihr Alter hindert sie, ebenso wie Larat und Bene um das Beet herumzuhüpfen.
Jeden Tag kommt mehr Grün zum Vorschein, und in Benes Herzen regt sich ein neues, nie gekanntes Gefühl. Es überkommt ihn, seit er die ersten zarten Sprossen erblickt hat. Vor kurzem noch hat er lockeren Dung in den Garten getragen, Beete geradegezogen und winzige Samenkörner in Vertiefungen gesteckt. Und jetzt auf einmal wächst aus diesem Samen in der Ackerkrume ein Halm, ein neues Leben. Bene weiß noch nicht, dass das, was er erlebt, das Gefühl ist, einen kleinen Sieg über die Natur errungen zu haben.

Aus: Der Flug des Adlers (Skizze, Eichenmädchen)

*Farbliche Ähnlichkeiten oder gar inhaltliche Übereinstimmungen mit Parteien und Koalitionen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt! ;-)

Kathrin Drescher AutorenBio:

Beitrag vom: 11 Oktober, 2009 (22:33) | Autor: Kathrin Drescher | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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