Der Papst kam nur bis Edeka

22 Januar, 2012 (15:36) | | tage-bau | (6) Kommentare

Es war alles gut vorbereitet: der Konvoi, die Bodyguards, die Scharfschützen.
Die Polizei hatte in nächtelanger Kleinarbeit einen unüberwindlichen Schutzwall um den berühmten Gast gezogen.
Aber schon vor Wochen waren sie gewarnt worden, der alte Herr habe einen Dickschädel.
Er fahre nach Deutschland, habe er verlauten lassen, da sei er schließlich zu Hause. Solle er sich vor seinen eigenen Landsleuten verstecken? In Sicherheit bringen lassen? Das sei absurd.
Es klappte alles prima. Die Bodyguards kamen nicht zum Einsatz, die Scharfschützen mussten nicht schießen und schließlich beantragte Herr Gott bei Herrn Allah und Herrn G“ott für seinen Schützling und gegen die Randalinskis in Kreuzberg einen kräftigen Sturzregen. Der wurde ihm gewährt und der Papst konnte ruhig schlafen.
Am nächsten Morgen wurde er von Vogelgezwitscher geweckt. Man hatte ihm erzählt, dass die Nuntiatur schön romantisch an einem Friedhof liege, der wiederum an einem Park liege. Daher also die Vögel. Schön so, sinnierte der alte Herr, mitten in der Großstadt. Unser Herr Jesus lässt seine Kinder nicht verderben.
Er hatte in Rom, als er seinen persönlichen Koffer gepackt hatte, mit dem unbestimmten Gefühl, davon Gebrauch machen zu können, einen Jogginganzug eingepackt. Irgendwann hatte er einmal gehört, dass es Stadtteile in Berlin gebe, in denen die Leute hauptsächlich in Jogginganzügen herumliefen. Er meinte sich zu erinnern, dass dieser Stadtteil Neukölln heiße.
Er zerrte den Jogginganzug hervor. Neukölln, Kreuzberg, so groß konnten die Unterschiede nicht sein.
Niemand sah ihn, als er zum Gartenzaun schlich. Überall stand Polizei herum. Wie sollte er da in den Park kommen? Sie würden ihm nie die Erlaubnis geben. Herr Jesus, raunte er, kannst du mir nicht helfen? Dein Vater hält mich hier wie einen Gefangenen!
Jesus seufzte. Das ist nicht so einfach. Es gibt ein Abkommen mit Herrn G“ott und Herrn Allah. Beide wollen verhindern, dass ihre Schäflein in Sünde fallen wegen deines Besuchs. Weißt du, nicht alle können dich gut leiden und dem einen und anderen gehst du ganz schön auf den Sack!
Jesus! Wie kannst du so sprechen! Wenn das dein Vater hört!!
Benedikt, geh“ zurück ins Haus! Ich kann dir nicht helfen!
Herr Jesus, wenn ich zurück in Rom bin, werde ich extra ein Hochamt lesen zu deiner Ehre!
Hochamt, Hochamt, spottete Herr Jesus, du solltest besser darüber nachdenken um welche Todsünde es sich handelt, wenn man seinen Herrn bestechen will! Nein, nein, ich will dich nicht bestechen, vergiss, was ich gesagt habe! Aber bitte, lass“ mich durch den Zaun! Du weißt, wie es dahinter aussieht! Warum willst du mir das vorenthalten?
Bei mir ist das etwas Anderes, antwortete Herr Jesus, und außerdem trage ich keinen Jogginganzug.
Der Papst sah an sich herunter. Geht das so nicht? Werde ich auffallen?
Herr Jesus verdrehte die Augen. Auffallen?!
In diesem Moment wurde der Wachposten am hinteren Gartentor abgelöst. Der Papst sah seine Chance.
Herr Jesus, flüsterte er, danke! Danke! Und schon war er zwischen den Grabsteinen unterwegs, ein alter Herr im Jogginganzug. Ein wenig unsicher, wie er sich zu verhalten habe, um nicht als Papst aufzufallen, wanderte er an den Grabsteinen vorbei. Eine Katze rannte über den Weg. Eine Frau hockte an einem Grab und schluchzte, während sie die Blumen ordnete und den Grabstein säuberte. Der Papst war gerührt. Er hob seine Hand und segnete die Frau, bevor er vorüber ging. Ein paar Schritte weiter kam ihm ein junger Mann mit Hund entgegen.
Ey, Mann, wat bis du für ’ne Figur? Der Papst sah ihn fragend an. Hohoho, haste wohl zuviel Papstfernsehen gesehen, wa? Amüsierte sich der Typ und segnete den Papst gleich dreimal.
Der Papst ging schweigend weiter. Um in den angrenzenden Park zu kommen, musste er einen Umweg über die Straße machen. Niemand erkannte ihn, niemand sah ihn an, niemand nahm Notiz von ihm, obwohl außer ihm niemand einen Jogginganzug trug.
Im Park war die Bevölkerung wirklich international, so wie er sich das in Berlin vorgestellt hatte. Junge schwarze Männer bewachten gefährliche Nebenwege, die sicher nicht gut zu begehen waren. Der Papst gesellte sich zu ihnen, wusste nicht so recht, wie er ein Gespräch beginnen sollte, hatte ihre Sprache nie gehört. Einer der Männer trat auf ihn zu. Wieviel? Wieviel? Der Papst dachte angestrengt nach. Wussten sie doch, wer er war, und erkundigten sich nach dem Preis für eine Messe? Der Mann sagte etwas in seiner fremden Sprache, die anderen lachten. Für dich. Extra! Zwanzig Euro! Der junge Mann feixte. Der Papst grub seine Hände in die Taschen der Jogginghose. Er hatte vergessen, Geld einzustecken. Einer der Männer, die bisher an der Mauer, an der der Nebenweg entlang führte, gestanden hatte, kam auf ihn zu. Hau ab, Alter. Aber der Papst gab nicht auf. Sie sprachen deutsch, also konnte er mit ihnen reden. Ich freue mich, Sie hier zu treffen, begann er, als ein schriller Pfiff die Luft durchschnitt. Sofort waren seine Gesprächspartner verschwunden, wie vom Boden verschluckt. Augenblicke später kam eine Polizeistreife auf ihn zu.
Was machen Sie hier?
Ich? Ich gehe spazieren.
Ihren Ausweis, bitte! Ausweis. Hilflos angelte der Papst in seinen Hosentaschen. Ich – ich – der Ausweis, den habe ich zu Hause.
Name und Adresse!
Ehm, ich, also, Benedikt, ich meine, â?¦
Die Polizistin zupfe ihren Kollegen am Ärmel. Komm, lass‘ den! Mit einem vielsagenden Blick tippte sie sich an die Stirn. Das war zuviel.
Sie können mich gerne nach Hause begleiten, tobte der Papst, da hinten, er zeigte auf die Nuntiatur, die man durch die Bäume hindurch undeutlich sehen konnte. Aber die Polizisten waren schon weiter gegangen.
Ist das die Art, wie man mit einem Papst spricht, empörte er sich.
Du hast es so gewollt, hörte er die Stimme des Herrn Jesus durch das Blätterdach.
Der Papst schwieg beschämt. Ich hätte einen Anzug einpacken sollen, sagte er sich, dieser blöde Jogginganzug war eine schlechte Idee.
Er verließ den Park, wanderte die Straße entlang. Niemand außer ihm trug einen Jogginganzug, aber keiner nahm davon Notiz.
Vor Edeka stand ein Mann und bettelte. Guten Tag, sagte der Papst, warum stehen Sie hier?
Der Bettler zog seinen Hut. Guten Tag. Ich arbeite hier. Ich sammle den Müll auf, den die Leute wegwerfen, ich halte die Reihen mit den Einkaufswagen in Ordnung und bringe die Flaschen rein, die weggeworfen werden.
Werden Sie von Edeka bezahlt? Fragte der Papst erstaunt.
Nein, sagte der Bettler, nur manchmal, wenn etwas übrig ist, kann ich mir davon nehmen. Und manche Leute geben mir ihren Einkaufswageneuro, wenn sie herauskommen.
Warum gehen Sie nicht arbeiten, fragte der Papst.
Arbeiten, der Mann lachte, wo soll ich eine Arbeit bekommen? Sie haben mich alle betrogen! Auch meine Freunde! Ich war reich, hatte ein Geschäft, als ich im Knast war, haben sie mein Geschäft kaputt gemacht, und im Knast war ich, weil mich ein Freund verpfiffen hatte. Ich hatte nichts gemacht. Aber man kann sich auf niemanden verlassen, alle wollen dich nur kaputt machen, wenn du Hilfe brauchst, trampeln sie noch auf dir herum und die Politik macht nichts dagegen, die machen noch mit, das hat man bei den Banken gesehen. Er nahm einen kräftigen Schluck aus einer Bierflasche, wischte sich den Mund ab und hielt dem Papst die Hand hin, kannst du mir einen Euro leihen?
Der Papst schüttelte den Kopf, stülpte die Taschen seiner Jogginghose nach außen.
Auch kein Geld, sagte der Bettler. Aber hier kannst du nicht stehen! Wir sind schon zu viert. Noch einer ist zuviel!

Elvira Surrmann AutorenBio:

Beitrag vom: 22 Januar, 2012 (15:36) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (6) Kommentare
Kommentare



Hartmut schrieb:

„Ahî, wie kristenlîche nû der bâbest lachet,…“
sagt Walther von der Vogelweide
in einem Unmutstongedicht.
Wie, hat er deinen Text gelesen?
Schön war die Vorstellung des tagebaus im lettrétage
dank deiner Vorbereitung.

Hartmut

Kommentiert am 23. Januar 2012 um 11:07



sylvia schrieb:

JA! es war wunderbar, noch mal ganzganz lieben dank an dich, Elvira, dass du diesen schönen ort für eine tage-bau-lesung an land gezogen hast und das alles organisiert hast!

übrigens hab ich heut bei Edeka den papst getroffen. er hatte einen neuen kardinalsroten jogginganzug an und er stand mit drei anderen jogginganzugträgern am flaschenrückgabeautomat. benedikt, sagte der eine, jetzt sei nicht so, rück die flasche raus und rin damit. benedikt schüttelte den kopf, murmelte irgendwas von weihwasser auffüllen und lief zwischen all den regalen flink auf die kasse zu, drängelte sich durch, entschuldigung, entschuldigung murmelnd und verschwand im gewühl des wochenmarktes. seitdem wird er vermisst und über den rundfunk kommen stündlich suchmeldungen. ich weiss, wo er hin ist. aber ich verrate es nicht…

Kommentiert am 23. Januar 2012 um 18:20



kathrin schrieb:

Dieser Schluss der Geschichte un‘ nu „Ahî, wie kristenlîche nû der bâbest lachet,…“, da kommt einem ja ein Lachtränchen..
Bin wieder wohlbehalten in München, und möcht‘ mich auch sehr herzlich an dieser Stelle für diesen fabelhaften Leseort und dessen Organisation für uns bei Elvira bedanken!!
Aah pst, ich weiß, wo er jetzt steckt, (wohn gleich beim edeka!), aber wenn ich das sag, können wir trotz Flaschengeld doch dann keinen mehr draufmachen. ;-)

Kommentiert am 23. Januar 2012 um 23:49



Surrmann schrieb:

Danke für eure lieben Kommentare. Mir sind mehrere Lachtränchen gekommen und ich habe, einfach eure Zustimmung voraussetzend, die Papstteile der Kommentare ins Kreuzbook gesetzt. Ich hoffe, ihr seid nachträglich einverstanden!
Ich fand den Abend sehr schön und bin beschwingt nach Hause gegangen. Auch die nachträglichen Reaktionen waren sehr ermutigend – alle Texte sind gut aufgenommen worden, Hartmuts Lautmalerei, Angelas Romanauszug, Kathrins Gartentext und Sylvias Geisterrose. Werners Sonette fand ich sehr gut gelesen. Gelobt wurde auch die Vielfalt der Texte. Der kleine Junge, der anwesend war, möchte gerne auf der nächsten Lesung mitlesen!
@Hartmut: Den Text mit dem kristenlîchen Papstgelächter habe ich in meinen Büchern nicht gefunden, kannst Du mir die Fundstelle mitteilen? Danke!!!
Mit herzlichen Grüßen aus Kreuzberg,
Elvira

Kommentiert am 24. Januar 2012 um 17:51



Hartmut schrieb:

Die Fundstelle, ein Buch mit den Gedichten von 1979,
aber du findest es auch hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Unmutston
Beschwingt war es, die Vorträge, die Vortragenden, die Gespräche, alles.
Grüße aus Köpenick

Hartmut

Kommentiert am 24. Januar 2012 um 22:05



Surrmann schrieb:

Danke, Hartmut, habe die Seite gleich ausgedruckt.
Gruß,
Elvira

Kommentiert am 27. Januar 2012 um 17:01



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