Opferfleisch

13 Oktober, 2009 (00:20) | | tage-bau | Kommentieren

Bene sieht sich während der Fahrt nach den Uferfelsen um; da ist der Goll Gwen, die Steinerne Frau. Der Sage nach stand an dieser Stelle früher einmal ein Fischerdorf. Einst während eines Winters trieb der Wind einen der Fischer auf einer Scholle ins offene Meer hinaus. Seine Frau wartete Tag und Nacht an dem felsigen Ufer auf ihn. Keinerlei Bitten konnten sie dazu bewegen, in das Dorf zurückzukehren. Der Mann kam nie mehr heim, die trauernde Frau aber verwandelte sich zu Stein.
Makklath hält sein Gespann an und bedeutet Bene, auch zu halten. Er steht vom Schlitten auf und kommt auf Bene zu, in der Hand ein Stück gefrorenes Fleisch. Bene knurrt plötzlich der Magen, er hat seit der Frühe noch nichts gegessen.
Makklath hockt sich neben Bene. Er zieht sein Messer heraus, schneidet etwas Fleisch ab und reicht es Bene. Den Rest schneidet er in kleine Stücke: „Das ist für die Steinerne, die es uns vielfach zurückgibt.“
Er stellt sich hin; das Gesicht dem Felsen zugewandt, murmelt er Opfersprüche. Die Hunde wittern das Fleisch und lauschen ihrem Herrn. Dann vergräbt Makklath die Fleischstücken im Schnee und tritt die Stelle fest.
Kaum ist des alten Fischers Gespann losgefahren, ziehen Benes Hunde heftig an der Leine. Von dem jähen Ruck fällt Bene vom Schlitten und schlägt lang hin aufs Eis. Auf einmal geraten die Hunde durcheinander und drängen sich wirr zusammen. Der umgekippte Schlitten schleift hinter dem verkeilten Knäuel her.
Makklath hört den Lärm und dreht sich um. Er stoppt sein Gespann, stürzt mitten in den verkeilten Hundehaufen und knallt mit der Peitsche hinein. Bene schreit er an:
„Ah, du Nichtsnutz! Kannst noch nicht mal Hunde lenken! Was lernst du überhaupt im Tempel?“
Bene hilft schweigend, das Gespann zu entwirren. Die Schelte des Alten kränkt ihn. Als er sich wieder auf den Schlitten setzt, ruft er Makklath zu:
„Das war wegen dem eingebuddelten Fleisch.“
„Was sagst du da?“ Den alten Fischer packt die Wut. „Das eingebuddelte Fleisch! Wie sprichst du denn vom heiligen Opfer! Und so einer geht in den Tempel!“
„Im Tempel lernen wir so etwas nicht“, antwortet Bene. „Im Gegenteil, Tassiach sagt, dass es die Gil Golls nicht gibt. Sowieso haben die Hunde das Fleisch schon aufgefressen.“
„Untersteh dich, so zu reden!“ schreit Makklath. „Oder willst du Unglück auf unsere Fischer heraufbeschwören?
Bene treibt die Hunde an, holt Makklath ein und sagt schuldbewusst: „Vergraben wir doch noch etwas Fleisch. Ich kann das machen.“ Makklath lächelt freundlich.
„Nein, lass mal. Sie hat das Opfer erhalten.“ Bene verwundert sich. Mit eigenen Augen hat er doch gesehen, wie die Hunde das Fleisch verschlangen. Wann konnte sie das Opfer erhalten haben? Bene schaut sich um: Über dem Ufereis ragt, leicht vorgebeugt, die steinerne Gwen und blickt auf das weite Meer hinaus.

Aus: Der Flug des Adlers (Skizze, Eichenmädchen)

Kathrin Drescher AutorenBio:

Beitrag vom: 13 Oktober, 2009 (00:20) | Autor: Kathrin Drescher | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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