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Wie man vergibt

25 September, 2010 (11:52) | | lesung karlsruhe, terrere est humanum? | Kommentieren

Wenn es um Vergebung geht, fällt mir zuerst die Religion ein. In der Bibel ist die Vergebung der Sünden für die Gläubigen im Verhältnis zu Gott und zu den Mitmenschen geregelt: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern (Matthäus 6,12).“
Schlägt man die Tageszeitungen auf, gewinnt man den Eindruck, das Wort „Konfrontation“ ist in der Familie, zwischen gesellschaftlichen Gruppen wie unter Staaten der Vergebung weit vorangestellt.
Wieso ist das so? Die Konfrontation soll scheinbar Vorteile bringen. Jeder möchte sich durchsetzen. Raubüberfälle, Verkehrsunfälle und Familiendramen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Tagesgeschehen. Wo bleiben die guten Nachrichten?
Die Medien berichten einseitig, sagen die einen. Die Menschen interessieren sich für negative Nachrichten mehr, sage unter anderem ich, und sie werden damit bedient.
Also beginnen wir beim einzelnen Menschen nach „guten Nachrichten“ wie der Vergebung zu suchen.

Die Vergebung
Haben Sie das auch schon erlebt? Etwas passiert und Sie werden wütend. So richtig wütend. Jemand tut Ihnen unrecht. Womöglich sitzt dieser Jemand am längeren Hebel und Sie können wenig unternehmen. Es gibt wenig schlimmeres als ohnmächtige Wut.
Ich kann mich erinnern, wie es bei mir war. Ein Administrator bei Wikipedia löschte die Seite „Hans-Jürgen John“ unter der Rubrik „Deutsche Schriftsteller“ mit allen Links und den Hinweisen auf meine Geschichten. Nun muss man wissen, dass Wikipedia ein Online-Lexikon ist, das von jederfrau und jedermann lektoriert und ergänzt werden kann.
Da kommt also einer daher und löscht den Hinweis auf die Arbeit von 17 Jahren. An und für sich kein Beinbruch. Doch dann sehe ich, dass das Löschdatum manipuliert ist. Es wurde auf den Januar 2007 rückdatiert. Wohl um eine ansonsten fällige Löschdiskussion in 2010 zu vermeiden.
Die Seite „Hans-Jürgen John“ war in 2010 noch Bestandteil von Wikipedia. Wenn mich jemand für so wichtig hält, dachte ich mir, dass er gleich solche Mittel einsetzt, dann fühle ich mich geehrt und halte den Vorgang immer noch für keinen Beinbruch.
Doch dann stellte ich mir vor, wie eine politische Gruppierung, die eigene Absichten verfolgt, mehrere Admins bei Wikipedia einschleust und so Ihre Sicht der Dinge quer durch alle Bereiche der Lexika durchsetzt. Geschichte könnte so umgeschrieben werden. Peu à peu und kontinuierlich. Kein Problem mittels Fälschung von Löschdaten und Vermeidung von Löschdiskussionen. Jetzt gehe ich auf die Barrikade. Ich beginne mit Buchstaben und Sätzen zu werfen.
Als ich mich vor Jahren beim Tage-bau als Textbauer bewarb und anmeldete, musste ich eine Kopie meines Personalausweises einsenden. Ich schreibe unter meinem Namen im Netz und ich stehe zu dem, was ich schreibe. Jemand, der über Jahre einige Tausend Wikipedia Seiten geändert bzw. gelöscht hat, darf dies unter einem anonymen Benutzernamen tun.
Inzwischen habe ich mich mit mehreren Themen aus der Sparte Lebenshilfe befasst. „Wie man liebt“. „Wie man Probleme löst und Ziele erreicht“. Und jetzt: „Wie man vergibt“.
Das hat mir gezeigt, dass über jeder Sache der Mensch im Vordergrund stehen muss. Es gibt nichts wichtigeres, als den Mitmenschen. Ich habe mich dazu hinreissen lassen, unbedingt die Identität des betreffenden Admins bei Wikipedia herausfinden zu wollen. Alles was ich jetzt im Rückblick sehe ist, dass ich einen Standpunkt hatte und den ohne Rücksicht durchsetzen wollte. Das war und ist falsch. Somit entschuldige ich mich hiermit bei diesem Admin bei Wikipedia und lasse die Sache auf sich beruhen. So sehr ich mich im Recht fühle. Ich bitte um Vergebung.
Das ist nicht leicht, merke ich. Das ist so, als würde man sich tief verbeugen und dem eigenen Schatten ins Gesicht sehen. Noch während man sich verbeugt, wird der Schatten plötzlich länger und länger. Und sobald man sich wieder aufrichtet, ist man wie befreit.

Das Vergessen
Kürzlich sah ich mir mit Freunden ein Geburtstagsvideo an. Es waren zwei Wochen seit der Feier vergangen. Die Menschen darauf lachten und waren fröhlich. Und obwohl ich bei dem Fest dabei war und den Film teilweise mit aufgenommen hatte, waren mir so viele, schöne Szenen dem Gedächtnis entfallen. Das ist wohl einer der Gründe, wieso ich schreibe. Mit einem Sieb als Gedächtnis ist man auf Papier und Bleistift oder das Notebook angewiesen.
Andere wiederum vergessen kaum etwas. Sie haben diese Fähigkeit, sich Menschen, Daten und Geschehnisse zu merken und können diese meist auch zeitlich zuordnen und abrufen. Welch eine Gabe, sage ich, der Vergessliche.
Dann gibt es noch die Ereignisse, die nicht vergessen werden dürfen. Die Erinnerung daran muss in den Köpfen der jungen Generationen wach gehalten werden, um zu verhindern, dass Sie sich wiederholen. Immer wieder denken wir an den Holocaust oder werden daran erinnert. Das ist gut so.
Religionen dienen vielen Menschen als Wegweiser. Sie dienen dem Wohl des Menschen und regeln die Einzelheiten im Miteinander und Zueinander. Religionen sollen kaum zwischen den Menschen stehen und falls die Erinnerung an den Holocaust zukünftige Freundschaften und ein Miteinander verhindert, ja Menschen heute noch gegeneinander aufbringt, dann ist das falsch. Der Blick zurück darf nicht den Blick nach vorne ersetzen.
Im täglichen Leben der Menschen untereinander ist die Vergebung die Mutter des Vergessens. Es mag wohl Zufall sein, dass hier der weibliche und der sachliche Artikel zum Vergleich passen. Die Vergebung, das Vergessen. Die Vergebung ist die Mutter des Vergessens. Erst wenn Sie vergeben können, dürfen Sie vergessen und Ihr Leben unbeschwert weiter führen.
Und ist es nicht so, dass wir im Arbeitsleben vom Alltag umschlungen sind wie von einer Python, deren Kopf sich dem umwundenen Opfer nähert und es hypnotisiert?
Erst im Alter, wenn die Gedanken weniger gehetzt klingen, kommt mit der Ruhe die Vergangenheit vorbei und setzt sich uns gegenüber an den Tisch. Sie isst das Gleiche wie wir, sie begleitet uns überall hin und lässt sich kaum abschütteln.
Bis wir erkennen: Die Vergangenheit ist ein Teil von uns. Sie beginnt uns ein Ereignis nach dem anderen zu servieren. Jeden Streit ohne Versöhnung, jede Ungerechtigkeit, jede Schuld. In manchen Fällen ist es dann zu spät, um um Vergebung und Verzeihung zu bitten. In anderen ist die Hürde, Stolz genannt zu hoch, um sie jetzt noch zu nehmen. Allerhand Ausreden fallen uns ein. Vielleicht ist der Betroffene längst weggezogen oder verstorben. Umso schlimmer. Für uns.
Sie kennen doch sicher diese grossen Vulkane, die zuerst unterirdisch schlummern, bis sich genügend Druck angesammelt hat und sie Asche oder Gestein oft kilometerweit in die Atmosphäre speien. Lassen Sie es bei sich nicht so weit kommen. Dinge, die unerledigt sind, lagern in ihrem Unterbewusstsein und blockieren Ihre Lebenslust. Ihr Bewusstsein serviert Ihnen dann die betreffenden Ereignisse immer wieder – bis Sie Ihre Hausaufgaben gemacht haben.

1.Regel: Machen Sie den ersten Schritt und legen Sie Streit bei.

Es ist zu Ihrem Vorteil, wenn Sie vergeben. Es kommt zu einer Aussprache, Missverständnisse werden ausgeräumt. Vielleicht hegen Sie einen Groll gegen jemanden, der unberechtigt ist. „To know all ist to forgive all“ – „Alles zu wissen, bedeutet alles zu vergeben“ hat einmal ein weiser Mann gesagt. So oder so. Führen Sie eine Entscheidung herbei.
Was hat denn nun das eingangs erwähnte Vergessen mit Vergebung zu tun? Wenn Sie jede Ungerechtigkeit im Gedächtnis behalten, wird es schwer für Sie zu vergeben. Sie fühlen sich im Recht. Das ist der grösste Hinderungsgrund für die Beilegung von Streit. Das Recht haben wollen, möglichst mit Urkunde und Urteil vom Gericht. Und so wird mit Anwälten und Gutachtern gestritten, bis entweder das Geld ausgeht, die Gegenseite gewinnt oder die letzte Instanz erreicht ist.

Das Verständnis
Die Vergebung ist die Mutter des Vergessens. Unser Kopf ist wieder frei für Neues. Untrennbar zu dieser Familie gehört das Verständnis. Wie soll ich jemanden verstehen, der gegen mich vorgeht, der mich verletzt, der mir schadet? Versetzen Sie sich in Ihr Gegenüber. Wie kommt wohl Ihr Verhalten bei dem anderen an? Egal, ob es sich um Beziehungsstreit, Nachbarschaftskonflikte oder Spannungen zwischen Staaten handelt. Versuchen Sie das Verhalten Ihres Gegenübers zu verstehen und Sie werden Lösungen finden, um Konflikte aufzuweichen.

2.Regel: Versetzen Sie sich in Ihre Mitmenschen und versuchen Sie zu verstehen.

Beitrag vom 25 September, 2010 (11:52) | Autor: Hans Juergen John | Rubrik: lesung karlsruhe, terrere est humanum? | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Sommer in Kreuzberg IX

20 September, 2010 (21:01) | | beautiful people, lesung karlsruhe | Kommentieren

Es regnet.
Nach einer kurzen, heftigen Sonnenliebschaft tändelt der Sommer jetzt mit dem Herbst.
Hugo ficht das nicht an.
Hugo führt nicht nur die kleinste Kneipe Berlins mit dicht gedrängten vier Stehplätzen, sondern auch die schönste Handdruckerei Berlins, in der er die kostbaren Werke Kreuzberger Künstler auf ebenso kostbares Papier bringt, eine angeschlossene Galerie mit immer wieder überraschenden Ausstellungen und, wie es sich für Kreuzberg gehört, einen Keller. Keinen tiefen Keller, sondern einen im Souterrain mit schmalen Fensterstreifen an der Wand gleich unter der Decke. Es gibt Kellerkneipen, Kellergalerien, Wellnesstempel, Bioläden und Fahrradwerkstätten in Kellerläden, die noch in den Siebzigern in der Regel als Kohlen- und Kartoffellager und häufig als Trödelläden genutzt wurden.
In einem dieser Souterrainkeller im Hinterhof in einem ehemaligen Fabrikgebäude lagert Hugo Papier, Farbe und alle anderen Utensilien, die in einer Druckerei als regelmäßiger Nachschub benötigt werden.
Hugo hat in ebendiesen Keller zum Filmabend mit Erbensuppe eingeladen. Eintritt: 2â?¬ 50 Pfennig. Titel des Films: Wir Kellerkinder, Deutschland 1959, mit Wolfgang Neuss und Karin Baal. Es kamen die Eingeladenen und ein paar Zuschauer mehr, Stühle mussten heran geschleppt werden, frische Luft gab’s im Regen unterm Sonnenschirm, die Erbsensuppe schmeckte köstlich, eine Zuschauerin hatte Kuchen beigesteuert, andere Wein, Brot, Süßkram. Der Tontechniker hatte mit der Technik zu kämpfen, schließlich begann die Vorführung.
Die Alten, die gekommen waren, kannten den Film oder nicht, aber sie kannten die Stimmung. Erstaunlich, wie schnell Geschichte wieder in die Gegenwart geholt werden kann. Ja, so haben wir uns gefühlt. Nach dem Krieg war nicht Frieden, sondern Nach-Krieg.
Die Jungen, die gekommen waren, kannten den Film nicht. Sie kannten auch nicht die Stimmung. Sie konnten lachen und staunen. Das war Wolfgang Neuss? So war der mal? Und Karin Baal. Wer war das?
Vor zu viel Nässe schützte der Sonnenschirm die anschließenden Gespräche, sie drehen sich um den Film, um Erfahrungen, auch die aktuellen.
Kann man das nicht wiederholen? Filme im kleinen Kreis. Gespräche anschließend, locker, ohne Moderation, damit man nicht allein bleiben muss mit der Begegnung auf der Leinwand? Eine schüchterne Anfrage, was alles soll Hugo sonst noch stemmen? Eine scherzhafte Antwort, dann war das heute die Eröffnung des Kellerkinos. Scherz? Wer weiß.
Drei ganz junge Zuschauerinnen waren gekommen. Schülerinnen, eine Woche Ferien in Berlin. Für sie war alles fremd, der Film, die Menschen, die Kellerlocation, der Hinterhof.
An ihrem letzten Tag vor der Abreise befragt, was sie als die eindrucksvollste oder schönste Erinnerung mit nach Hause nehmen, antworteten sie ohne zu zögern, das bei Hugo. Das bei Hugo? Sie hatten sich in die hinterste Ecke gedrückt. Nur miteinander gekichert und getuschelt, später nie davon gesprochen. Das bei Hugo?
Ja, war die Antwort, das war cool, weil so alle zusammen waren, die jungen und die alten und es kein Unterschied war, wie sie miteinander geredet haben. Voll cool war das.

Beitrag vom 20 September, 2010 (21:01) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: beautiful people, lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Blenden

20 September, 2010 (14:42) | | lesung karlsruhe, lug & trug | Kommentieren

Du hauchst mir züngelnd von den warmen Winden
Ein Säuseln in mein Dir geneigtes Ohr
Und lutschst aus fernen Filmen das hervor,
Das uns gegeben schien, nie zu erblinden,

Als Bild zu thronen überm Alltagschor:
Erinnerungen, die sich neu erfinden,
Um aufzutauchen, ohne zu verschwinden.
In meine Iris lächelst Du’s empor!

Jetzt sag hier nicht, Du wolltest mich nur blenden:
Ist heute das, was war, nicht auch noch wahr?
Du wolltest Dich total an mich verschwenden:

Dein Körper sprach es lüstern, wild und klar!
Hör auf, das Gestern selbst ins Schwarz zu wenden,
Weil es sonst immer schon nur Lüge war!

Beitrag vom 20 September, 2010 (14:42) | Autor: Walther | Rubrik: lesung karlsruhe, lug & trug | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


lebendig | nichts

20 September, 2010 (07:55) | | lesung karlsruhe | Kommentieren

die stillen klingeldrähte surren, leuchten
in nacht und nebel noch lebendiger
verschieden. ungetrocknet aus den feuchten
laken spulen sie sich wendiger

als ringelwürmer der verschlungnen träume,
an denen ich mich, schlafender, verschlucke.
dies rauschen: regen der durchs haar der bäume
fährt mit weißer hand, in die ich ducke

mich wie unter decken, wo versteckt
ist noch der text als hinter ihm verschwinden.
und eben darin ist die faust gereckt

zum schläfrig, schüchtern, einverstandnen kampf.
die wunden nackt, befreit von ihren binden,
bin ich zurück im dunst und unter dampf.

video.poem

Beitrag vom 20 September, 2010 (07:55) | Autor: Jörg Meyer (oegyr) | Rubrik: lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Das Leben lässt sich heute noch vertagen

15 September, 2010 (10:27) | | herz & lenden, lesung karlsruhe | Kommentieren

Komm, träufle mir die Sünde in die Augen!
Es ist ein Wintermorgen, es ist Föhn,
Und alles an der Welt strahlt jung und schön:
Komm, lass uns aneinander Honig saugen!

Damit ich uns an diesen Traum gewöhn,
Beginn ich damit, uns die Angst zu rauben,
An mehr als diesen einen Tag zu glauben.
Ein Schneebrett rast mit Pfeifen und Gedröhn

Ins Tal und schüttet alle Straßen zu.
Wir hören aus dem Wald die Wölfe klagen.
Damit du bleibst, versteckte ich die Schuh:

Das Leben lässt sich heute noch vertagen.
Die Liebe plane ich als letzten Coup.
Mit Küssen stille ich die vielen Fragen.

Beitrag vom 15 September, 2010 (10:27) | Autor: Walther | Rubrik: herz & lenden, lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Liebe lie li Libelle

25 August, 2010 (22:55) | | lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Kommentieren

Die Azurjungfer
auf einem Erlenblatt über dem See
Ich verliebe mich und schaue sie an
Da summt ein feines Stimmchen:
„Ich liebe dich“
„Oh, du kannst sprechen!“
„Ja, ich kann zaubern
Fliege los, du Lieber
Auch du bist eine Libelle“
Was?
Ja, du bist meine Liebelle
Wirklich, ich fliege auf, sie hinterher
Wir bilden ein Rad
und tanzen durch die Bäume, die übern See ragen

Beitrag vom 25 August, 2010 (22:55) | Autor: Hartmut Sörgel | Rubrik: lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Sommer in Kreuzberg VII

8 August, 2010 (16:53) | | beautiful people, lesung karlsruhe | Kommentieren

Noch ist es schön warm.
Sommer eben. Aber das kann sich ändern. Der letzte Winter hat es gezeigt.
Die Pole wandern. Wer weiß, wann einer der Pole in Kreuzberg ankommt. Und wie lange er sich dann hier aufhält. Der letzte Winter war ein Vorgeschmack darauf.
Die meisten Kreuzberger halten sich am Sommer fest: Es wird schon nicht so schlimm werden mit dem Winter.
Nur Herr T. nicht.
Herr T. hat ein Antiquariat am Rande von Kreuzberg.
Sein Antiquariat scheint sich nicht von anderen, ähnlichen Bücher- und Kunstklausen zu unterscheiden. Wenn da nicht der Pinguin wäre.
Sie haben richtig gelesen. Ein Pinguin. Ein echter. Ausgestopft.
Wie kommt ein Pinguin nach Kreuzberg?
Ganz einfach. Herr T. hat die Zeichen der Zeit, an denen der gemeine Kreuzberger achtlos vorüber geht, längst erkannt. Herr T. trägt die Ahnung der wandernden Pole schon lange mit sich herum. Was liegt da näher, als sich mit der Tierwelt der Polregionen zu befassen? Als er auf einer Reise einem Plastikpinguin das Fliegen beibringen konnte, war es um ihn geschehen. Den Pinguinen gehörte fortan seine Liebe.
Dann geschah das Unglück: Ein ausgestopfter Pinguin, den er unter dem Arm nach Hause tragen wollte, flog ihm davon. Herr T. war untröstlich. Das muss man sich einmal vorstellen: Nur weil ein Plastikpinguin das Fliegen lernte, war er jetzt dazu verurteilt, allen Pinguinen, ungewollt, das Fliegen beizubringen.
Herr T. ahnte, dass die Verschiebung der Pole enormere Auswirkungen auf das Leben der Menschen und Tiere haben würde, als es sich der gemeine Kreuzberger vorstellen kann und begann zu sammeln: Pinguine aus Plüsch, Papier, Pappe, Porzellan, Holz, Glas, Silber – Pinguine aus allen Materialien, die man sich vorstellen kann. Pinguine auf Bettwäsche, Teppichen, Pullovern und Mützen, Pinguine als Klobürste, Schlüsselanhänger, Blumenvase und Thermoskanne.
Herr T. ist auf die Klimakatastrophe gut vorbereitet, er wird das Geschäft seines Lebens machen, wenn der Südpol in Kreuzberg landet.
Vermutlich wird der Pinguin in seinem Antiquariat, der bisher gut festgebunden ist, dann zum Leben erwachen und andere Pinguine anlocken. Herr T. wird einen Zaun um die Pinguine ziehen und Eintritt nehmen. Wer genug Pinguine gesehen hat, kann ein Andenken mit nach Hause nehmen.
Wir sind sehr gespannt, wie sich die Sache entwickeln wird.
Herr T. wird uns auf dem Laufenden halten. In einer kleinen Schrift, der ein ausgestanzter Pinguin in einem Tütchen beigefügt ist, kann man sich von den Vorgängen überzeugen. Seinen „Ersten Nachrichten aus einem imaginären Museum“ werden hoffentlich bald weitere folgen.

Beitrag vom 8 August, 2010 (16:53) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: beautiful people, lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Mal.Kunst

4 August, 2010 (09:33) | | lesung karlsruhe, zugvögel/wind.bahnen | Kommentieren

Das weite Rund war weiß, und ganz am Rand
Stand eine Pappelwand. Das war rechts oben.
Links unten schien ein kleiner Krieg zu toben.
Von dort ging schlangengleich ins Unbekannt

Ein Weg, der, in das Schicksal fest verwoben,
Als Ornament erscheinen mag. Das Land
War schneebedeckt. Die Mitte blieb vakant.
Links oben sich als Fixpunkt auszuloben:

Ein altes Haus auf einem kleinen Hügel
Versuchte sich in dieser schweren Kunst.
Dem Adler wuchsen schattig Riesenflügel,

Als er ins Rund stieß aus dem Wolkendunst.
Der Pinselstrich nahm Augen an die Zügel:
Wer führt, erreicht auch des Betrachters Gunst.

Beitrag vom 4 August, 2010 (09:33) | Autor: Walther | Rubrik: lesung karlsruhe, zugvögel/wind.bahnen | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Schattenbild

11 Juni, 2010 (11:00) | | lesung karlsruhe, lug & trug | Kommentieren

Ich war es, der Dich aus der Ferne grüßte,
Mein Schattenbild entfloh aus fremder Welt,
Ich kam und ging und war nicht mal bestellt.
Und, was ich hinterließ, ist leere Wüste.

Es war mein Schrei, der aus dem Echo gellt.
Und glaube nicht, dass ich nicht alles wüsste!
Ich segelte entlang der schroffen Küste
Und flog im Holländer am Himmelszelt:

Ich war Pirat der niedersten Gelüste.
Mein Herzgesicht ist widerlich entstellt.
Es war die Todesbraut, die mich früh küsste,

Als ich durch wilden Sturm und Hagel düste:
Du bist mein Licht, abseits von Ruhm und Geld,
Mein Trost, der selbst mein Scheitern mir versüßte.

Beitrag vom 11 Juni, 2010 (11:00) | Autor: Walther | Rubrik: lesung karlsruhe, lug & trug | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


rebellische ruinen

11 Juni, 2010 (06:59) | | lesung karlsruhe | Kommentieren

wir fallen, stürzen uns in untergang
zu sehr, als dass als fallend fall noch gälte.
wir fallen nicht, wir sind der überschwang,
der uns’rem fallbruch nun die nenner zählte.

die liebe gilt verfallenen ruinen,
dem nachher, das wir zukunft eingeschrieben.
das jetzt indes, es lebt sein übersommern,
wo mich der pfeil trifft von der frau aus pommern.

was war, das ist nun immer, was mich schälte
in den kokon des untergangs rebellisch;
was war schon noch? doch ist’s noch nicht gefällig.

ich sing“ es nachts, das lied, das stürzend wehte,
und bin sein vetter nicht, nur leuchtturmwärter,
dem türme stürzten, brücken wie die schwerter.

als Video-Poem

Beitrag vom 11 Juni, 2010 (06:59) | Autor: Jörg Meyer (oegyr) | Rubrik: lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Kopflos

3 Juni, 2010 (13:54) | | lesung karlsruhe, lug & trug | Kommentieren

Sein Denken schenkte ihm die letzte Schöpfung:
Am Schopf gepackt zog sie sich aus dem Sumpf
Von selbst, und auch ihr Lachen klang schon dumpf;
Und nach Errettung kam sofort die Köpfung;

Das junge Blut gerann an Halses Stumpf.
Der dumme Kopf erging sich in Verschwörung,
Denn es ereilte bös ihn die Betörung:
Es dachte sich, des Hirns beraubt, der Rumpf,

Er könnte sich in wilde Schlachten stürzen.
Die Trennung durch des Schwertes raschen Hieb
Kann Leiber im Getümmel rasch verkürzen.

Doch all dies Wissen überwand der Trieb:
Er wollte Langeweile mit dem Kitzel würzen,
Von dem am Ende nichts als Tod ihm blieb.

Beitrag vom 3 Juni, 2010 (13:54) | Autor: Walther | Rubrik: lesung karlsruhe, lug & trug | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


löse meines schiffleins ruder

3 Juni, 2010 (06:19) | | lesung karlsruhe | Kommentieren

ich rat“ dem untergang, der nächstem rettung
riete, werfe bücher in den ring.
ich weiß doch nichts, der ich nicht les“, von schätzung,
wovon ich schreiben müsste, wenn einst ging“

mein ruder loser über wasser, wellen
brächen sich daran im bruch des boots,
und eine hand noch streckte aus den zellen
wie hänsel gretel hin den stift statt brot.

dem scheitern sang ich manches lied, den küsten
grub ich wracks in ihre riffe ein,
und dunkel blieb das licht in bücherkisten.

titan war ich, ein funker der titanic,
ein held am abgrund, sprungbereit – hinein
ins meer, in tiefe, wo ich bitte: trenn“ mich!

als video.poem

Beitrag vom 3 Juni, 2010 (06:19) | Autor: Jörg Meyer (oegyr) | Rubrik: lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Ravi Shankar

7 April, 2010 (22:59) | | goldener schnitt, lesung karlsruhe | Kommentieren

Ravi Shankar, der weltbekannte indische Sitarspieler und Komponist wird heute 90.
Vor 8 Jahren erlebte ich ihn und schrieb lauschend mit.
Hier ein Stück
26.6.02 Museumsinsel Abends
Ravi Shankar tritt zum letzten Mal auf in Berlin
Der alte Mann, seine Mitspieler stützen ihn bei jeder kleinen Stufe auf der Bühne.
Seine Tochter Anoushka ist auch dabei. Sie spielt wie er Sitar.

Sharu Keshi Raga Südindien

 
                                  Vor Mamalipuram 
                                     spielen die Wellen
                                          ich bin die Sitar 
                                         über den Ozean gleitend
                                        hinter mir verschlingen Strudel 
                                      die Töne
                                in  leuchtenden Fontänen
                         Auf ihnen reitet
                  eine Schildkröte
              immerzu rufend 
                  Mamamama mama 
                      lilipuramdaram
                        Schnell wendet sie 
                             singend den Hals
                                   Auf ihren Rücken 
                                      trommeln zwei Fische:
                                       Woher kommst du 
                                     wohin gehst du?
                                   Nirgendwohin
                             rufe ich lauthals zurück
                      als durch die Tiefen 
                   der dunklen Wellen
           dem Staub der Tage 
              der Nächte
                     Im vergehendem Licht 
                           der tanzenden Händler
                        stürzt ein Tisch
                    mit kleinen Trommeln 
                           trommelnd 
                              in sich zusammen
 

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Beitrag vom 7 April, 2010 (22:59) | Autor: Hartmut Sörgel | Rubrik: goldener schnitt, lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Er strahlt ins Weite

5 März, 2010 (20:46) | | goldener schnitt, lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Kommentieren

„wie wolken um die zeiten legt“ (friedrich hölderlin)

Der Worte in den Atem schreibt, um zu verführen:
Er strahlt ins Weite. Er strahlt gelb, rot, grün und blau:
Die Lichterfelder, die sich spreizen, die ich schau,
Die wollen mich im Innersten ganz leicht berühren “

Sie staunen, diese wunderbaren, schlängeln schlau
Sich durch die Luft, und niemand kann sie jemals spüren,
Weil sie sich zärtelnd aus dem Nichts zum Äther küren!
Sie binden sich und winden sich, und ganz genau

Wie man die Wolken um die Zeiten legt, bewegt
Es Suchende, die Lebenden, die Endenden:
Der Worte in den Odem haucht, ist angeregt

Von Bilderlauten, die er malt, die wendenden,
Verwunschenen, die, um die Zeiten sich gelegt,
Am Himmel ballenden und sich verschwendenden!

Für öygr

Beitrag vom 5 März, 2010 (20:46) | Autor: Walther | Rubrik: goldener schnitt, lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


singend gesunken

5 März, 2010 (03:30) | | lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Kommentieren

„wie wolken um die zeiten legt“ (friedrich hölderlin)

wie wasser sich ums wort gelegt, in eis
umschlossen über lang vergang’ne zeiten
als sehnenderes kyrie eleis,
bevor es singend sank ins sich verschweigen.

die teiche schließen sich noch fest um nachen.
des hades fährmann braucht ’nen packeisbrecher.
ich rufe ihn mit meines ruders sprachen,
und freud weist ihm den weg in den versprecher.

wir streiche(l)n ihm die wortverspielten zeilen
aus seinem fahrplan des zu früh versinkens
und handeln aus verspätung, ein verweilen.

die wolken legten zeit um uns’re gläser,
in denen wir des totenschiffers winken
missachteten als trunk’ne wortverweser.

als video.poem

Beitrag vom 5 März, 2010 (03:30) | Autor: Jörg Meyer (oegyr) | Rubrik: lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Was Du willst

27 Dezember, 2009 (17:59) | | lesung karlsruhe | Kommentieren

– für meine Liebste –

Was willst Du, sprachst Du, mit der Klage sagen,
Wenn sich der Winter selbst in Decken hüllt
Und alles sich mit weißem Pulver füllt,
Die zu bedecken, die dort immer lagen,

Die Gegenden, die sich in Längen streckten,
In Breiten sich verbreitend nichts verstehn,
In Höhen sich erhöhend nicht mehr sehn,
Im Runden sich verbunden dennoch eckten?

Sag nichts und schweige nicht, mach bitte Worte:
Die Stille steht so still und stets allein.
Und suche für die Tuche nach der Borte,

Es soll, was lose scheint, gefasster sein.
Der Mund ist manches Mal mehr als nur Pforte:
Auch Liebe trübt die Sprache, nicht nur Wein.

Beitrag vom 27 Dezember, 2009 (17:59) | Autor: Walther | Rubrik: lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


trunken geweint

27 Dezember, 2009 (05:45) | | lesung karlsruhe | Kommentieren

für lilly

der nacht, noch wankend durch die dürren straßen,
wir singen liederlich ins telefon
die alten lieder, die uns sanft bestrafen
und züchtigen den damals süßen ton.

wir stellen worte züchtiger um uns
als uns gebührte, die an süßen sünden
vergingen sich in jetzt erblühter brunst,
von solchen versbefüßten nackt zu künden.

ein fuß dem vers gesungen, bein umbeint
enjambemaniert, wo schritte schüchtern wagen
die pfade, die als weg zu uns gemeint.

auf antwort warten solcher nächte fragen,
auf welche so zerdrückte träne weint
die wimpernflut, der trunken wir erlagen.

Beitrag vom 27 Dezember, 2009 (05:45) | Autor: Jörg Meyer (oegyr) | Rubrik: lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Weihnacht 2009

24 Dezember, 2009 (14:59) | | alptraum/ego.wunde, herz & lenden, lesung karlsruhe | Kommentieren

für meine Liebste

Was war denn das nur für ein kurzes Jahr,
So voll gepackt bis an sein letztes Ende:
Man hebt verdattert seine müden Hände,
Den Kopf noch schüttelnd wird erst langsam klar,

Was war, was ist, was kann mit uns geschehen:
Es wird sich wenden, Glück wird zu Verdruss,
Verdruss wird Glück. Wir eilen bis zum Schluss,
Bis unsre alten Augen nichts mehr sehen.

Wenn wir uns dabei nicht zu sehr verlieren,
Dann will ich’s tragen durch die ganze Zeit.
Denn wer allein ist, dessen Herz wird frieren,

Er wird verkümmern an dem Lebensleid.
Sei um mich, will ich still und leise flehen,
Dass Du mir bleibst und dass wir uns verstehen.

Beitrag vom 24 Dezember, 2009 (14:59) | Autor: Walther | Rubrik: alptraum/ego.wunde, herz & lenden, lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


wiesenfilz

14 Oktober, 2009 (19:03) | | lesung karlsruhe, suppenküche | 5 Kommentare

unheilig rötlich
steigt
herbst aus
dem nachtrevier
entknittert
uns
im herzumdrehen
zwischen kaffee
bad und duft
schlagen meine flügel
federleicht
den ton
an und ein lächeln
kriecht
mitten hinein
ins
zeilen
gespräch
deiner sachlichkeit

Beitrag vom 14 Oktober, 2009 (19:03) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: lesung karlsruhe, suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (5) Kommentare


Initialzündung

21 September, 2009 (10:44) | | alptraum/ego.wunde, lesung karlsruhe | 1 Kommentar

Das, was Kafka in jener Nacht, als er die Erzählung „Das Urteil“ schrieb, erlebt hatte, war, wie er empfand, der Durchbruch zu dem, was er eigentlich wollte, ein Schreiben, das all sein vorher Geschriebenes weit zurückließ, als hätte er nicht nur eine Schallmauer durchbrochen, sondern sei damit gleichsam in eine neue Dimension hineinkatapultiert worden, so dass er die oben erwähnte Erzählung quasi als sein Opus 1 betrachtete, alles davor aber als nullig, Fingerübung für den entscheidenden Wurf, der weit über sein bewusstes Wollen hinausging, vielmehr als eine Art spontanes, unwillkürliches Geschoß fungierte, nicht von ihm selbst gesteuert und seinem Willen unterworfen, gleichwohl aber durch ihn vorbereitet und mit der Schubkraft aus den Tiefen seiner eigenen Energiereserven aus seinem Unbewussten herausdetoniert, ein für ihn selber unerhörtes Ereignis, wohingegen die Familienmitglieder, etwa seine Schwestern, denen er es, entgegen seiner sonst verschlossenen Art, spontan vortrug, eher irritiert, ratlos angesichts dieses eigenartigen Textes waren… doch Kafka war sich des Ungewöhnlichen, Neuen, was er da geschrieben hatte, vollkommen sicher, und doch hat er testamentarisch verfügt, seinen gesamten literarischen Nachlass zu vernichten, was sein Freund Brod zum Glück nicht ausführte wofür ihm imgrunde der Literaturnobelpreis gebührt hätte.

Beitrag vom 21 September, 2009 (10:44) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: alptraum/ego.wunde, lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | (1) Kommentar


steilufer

16 September, 2009 (15:07) | | lesung karlsruhe, rausch (zustände) | 7 Kommentare

ein erster sturm legt
die see
in grobe falten
gischtgekrönt
läuft das wasser
über
kleine kiesel
langsam
zurück
verliert sich
letztes licht
in der tiefe
dieses tages
und unter
ausgeheulten himmeln
glänzt der sommer
nach

Beitrag vom 16 September, 2009 (15:07) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | (7) Kommentare


Von der Fürchterlichkeit frühmorgendlichen Aufstehens

23 Januar, 2009 (09:34) | | beautiful people, lesung karlsruhe | Kommentieren

Ip-ip-ip! Diese scharfen hellen Töne: mit ihren rücksichtslosen Spitzen stechen sie ins diffuse Gewebe des Schlafs, ermorden ihn – er zerplatzt, und ich bin preisgegeben einer Hundsmüdigkeit, einem Zerschlagenheitsgefühl, möchte mich verkriechen, zurück in den Schlummer, doch es reicht nur bis unter die Decke. Auch dorthin dringen die ipsenden Pfeile. Sie bombardieren mich im Rhythmus von Sekundenbruchteilen – Nähmaschinennadeln, angetrieben vom Schwungrad der Zeit, ihrem Büttel, dem Wecker, dessen Schnabel in mich hineinhackt, mich auflöst, das heißt, mein träumendes Alterego: eine Nebelmasse, schlagartig zerrissen, und ich schrecke auf und hinaus aus dem Nest, der kuscheligen Mulde, taste blindlings nach dem Mordinstrument, das immer noch sein Ip-ip-Stakkato ausstößt, aus vollen Rohren schießt, dieses Scheißding von einer akustischen Kalaschnikow!
Zurückfallen. Mein Schutzschild, die Decke, hält das Weckerfeuer nicht ab. Ich wälze mich auf die Seite, schwinge mich mit einem Ruck auf die Bettkante: ein Trick, den mir meine chronischen Rückenschmerzen beigebracht haben. Jedenfalls ein instinktiver Reflex des Aufschwingens, wodurch ich möglichst schonend in die Senkrechte gelange: meine Beine dienen dabei als Schwungpendel, hoppla, und meine Füße schlüpfen somnambul sicher in die bereitstehenden Pantoffeln. Gegen den Boden gestemmt, taumele ich aus der Schlaftrunkenheit in die Wachregion, die allmählich Übergewicht bekommt – uh, habe ich Kopfschmerzen: gestern mal wieder zuviel gesoffen. Jetzt spüre ich auch den Blasendruck. Die Abschussrampe des Weckers hat sich in eine Schneidemaschine verwandelt, die mir das Hirn in Scheiben zersäbelt. Immer noch bin ich nicht in der Lage, dem Ding den Schädel einzuschlagen – wenn ich dich kriege! Da: zack, und ich fege es von seinem Scharfschützenposten – Stille, so wohltuend nach diesem Luftangriff aus dem stockfinsteren Nichts. Dafür beginnt nun das Tuckern im Dez, schwillt an zum Hämmern – wo habe ich bloß die Kopfschmerztabletten?
Zwei platzen aus der Alufolie. Ich würge sie halbwegs herunter. Bitterer Gries im ausgedörrten Hals – steckengeblieben: Husten und Röcheln. Flucht nach vorn – Sturm auf das Bad. Ich erreiche den Wasserhahn, saufe, bin gerettet, nein – Toilette! Ich plumpse auf die Klobrille. Grelle Schmerzen im Kiefer: kommt von dem kalten Wasser an meinen entzündeten oder bloßliegenden Zahnnerven – wenigstens drängt es den Kopfschmerz zurück, den auch die beginnende Paracetamolwirkung betäubt. Pass doch auf – ich lange hinunter: fast wäre der Strahl zwischen Porzellanrand und Hartplastiksitz hindurchgeschossen.
Ich stelle mir vor, in dieser Haltung eine Mater-Dolorosa-Figur abzugeben – na gut: vielleicht auch nur eine lächerliche Witzfigur. Obwohl mir nicht zum Lachen zumute ist: es ist ein Scherz mit m, also ein Schmerz – nicht nur in meiner rindsledernen Hirnrinde, sondern außerdem ein Säbelhauen quer durch meine Kreuzgegend, wo ich die heikle Stelle habe, diese Kandidatin für einen Bandscheibenvorfall: lenden- und flügellahm, fühle ich mich, als sei ich genau dort wie ein Insekt auf die Nadel gespießt, buchstäblich ans eigene Kreuz geschlagen. Jetzt eine falsche Bewegung, und es setzt Geißelhiebe – dabei ist es egal, wie ich mich rühre: alles wird wie die Erbsünde geahndet. Ich bin von vornherein verdammt mit meinem vermaledeiten Rücken: Gnade! Doch Gott straft mich mit seinen Donnerkeilen, nagelt mich fest in eine gekrümmte, stocksteife Haltung – oder ist es die stechende Forke des Teufels? Egal: Kopf- und Zahnschmerzen sind dagegen ein Vorspiel der Hölle. Wie überlebe ich bloß die Waschprozedur? Nicht dran denken – nur an den Kaffee: auf, und die Maschine an!

Beitrag vom 23 Januar, 2009 (09:34) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: beautiful people, lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Augenliebste verklagt

31 Dezember, 2008 (15:34) | | alptraum/ego.wunde, lesung karlsruhe | Kommentieren

Augenliebste verklagt

Was wär
Wenn Sehn nur ein Versehn wär
Wär dann ums Versehen
Ein Unversehen da

Nichts sei
Sagen welche dies wissen
Ohne die andre Seite
Nicht mal Medaillen

Bronze glänzte schon
Sei aber nicht wie Gold
Unken sie ganz
Wie das Schweigen

Das so gerne
Beredt wär wenns dürfte
Darf nicht ein jeder
Bedarf mal dürfen

Meine Augen
Liebste schenk ich dir
Ich hab nichts Besseres
Das zu schenken wär

Wert
Und Unwert
Sind so Gegenteile
Und wertlos sind alle

Armen Herzen
Meine Augenliebste
Meine armen
Augen

Klagen verklagt

Beitrag vom 31 Dezember, 2008 (15:34) | Autor: Walther | Rubrik: alptraum/ego.wunde, lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Suizidale Anwandlung

18 Dezember, 2008 (09:32) | | alptraum/ego.wunde, lesung karlsruhe, netz@uge.nblick | Kommentieren

Die Frage, wie ich mich am besten aus diesem Leben schaffe, stellt sich mir in Abständen immer wieder. Dem zur Unerträglichkeit verkommenen Dasein entwischen. Wie das anstellen? Irgendwie assoziiere ich dabei eine große Sauerei: ich hinterlasse mich selbst als Kadaver – ungeheuerlich! Noch schlimmer: ich muss meinen Körper zu diesem Behufe versehren, will ich an das gewünschte Ziel gelangen. Muss ihm also Gewalt antun, sei’s durch Schnittwunden – gleich schwebt mir die um mich herum sich ausbreitende Blutlache vor, die meine treusten, schmählich von mir geschockten Hinterbliebenen dann auch noch wegwischen dürfen: nein! Oder der Sprung von einer schwindelerregenden Höhe und das Aufplatzen da unten. Apropos Zerbersten: wegspritzendes Hirn bei grässlich entstelltem Kopf nach einem Schuss in denselben – auch das widerspricht meinem ästhetischen Empfinden so sehr, dass ich schon deshalb lieber weiter lebe und leide, als mir und anderen eine derartige Schweinerei zuzumuten. Bleibt das Verhungern. Es kommt meiner Feigheit, mir Gewalt anzutun, ziemlich entgegen, ist es doch eine passive Sterbensart, allerdings eine, die äußerste Willensstärke voraussetzt. Eine Selbsttötung auf diese Weise verschont mich vor geschmacklosen Ausübungen an mir selbst, die ich ja noch nicht mal an anderer Kreatur vollbringen kann. Ich wollte mal ein angefahrenes Kaninchen am Straßenrand von seinem Leid erlösen – allein, ich konnte es nicht, fand keinen Prügel, es totzuschlagen, oder Stein, den Schädel mit dem Blut aus der Nase und dem großen Angstauge einzudötschen: lief weiter, das quälende Bild vor mir, nicht auszulöschen. Oh, Unappetitlichkeit des Handansichlegens! Wie angenehm die Vorstellung eines kafkaesken Hungerkünstlers, der sich immer mehr ätherisch auflöst. Zuletzt bleibt seine bis auf Haut und Knochen ausgemergelte Hülle, schon zu Lebzeiten so mumifiziert, dass der verbleibende Kadaver nicht das Schreckensszenarium des Verwesens durchläuft. Oder den Mut eines Empedokles aufbringen und beherzt in den Ätna springen – da steckt auch das Wort Äther drin: ich, ein kerzengerades Rauchopfer direkt gen Himmel, sozusagen symbolisch. Aber das ist unverantwortlich vereinfacht – zurück auf den Boden der Tatsachen! Abgesehen davon: schon das dräuende Gespenst der absoluten Einsamkeit lässt mich zurückschaudern. Wie will und kann ich das gnadenlose Alleinsein und Hindämmern in aller Abgeschnittenheit aushalten? Und es geht ja nicht wie in einer Geschichte: der Körper löst sich nun mal nicht einfach in Wohlgefallen auf, erst recht nicht in Wohlgeruch. Eine Moorleiche wäre immerhin noch eine Alternative: ich würde nicht verfaulen, und die Menschheit entdeckte mich im Idealfall nach einigen Jahrtausenden wieder und feierte mich als eine Art Ötzi, dem sie ein museales Mausoleum errichtete. Aber krud realistisch gesehen: Verrottung und Gestank ist des Leibes Los. Es geht eben nicht, wie so schön im Brahmsschen Requiem besungen: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras, und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen – das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen.“ Von wegen: kein duftendes Heu, dienstbar noch dem lieben, wiederkäuenden Vieh – vielmehr faulender Festschmaus der Schmeißfliegen oder feisten Maden, die sich in meiner Bauchhöhle und Hirnschale mästen, oh, wie mich übelt! Also bleibt mir nichts, als aus diesem finsteren Stimmungstief wieder herauszukommen und höheren Mächten mein Schicksal zu überantworten. Sei’s drum: Arsch hoch, und hopp!

Beitrag vom 18 Dezember, 2008 (09:32) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: alptraum/ego.wunde, lesung karlsruhe, netz@uge.nblick | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Ein heikles Wort

4 Dezember, 2008 (05:44) | | goldener schnitt, lesung karlsruhe | Kommentieren

Mir fällt auf, dass Kafka eigentlich immer die Perspektive von unten bevorzugt, den Schmutz beschreibt, das Sinn- und Nutzlose, Schäbige, Demütigende, Alte, Banale, den Verlierer, Verurteilten, Außenseiter und Verzweifelten. Selbst unter den Tieren wählt er meist ein niedriges, das unterirdisch wohnt, Ungeziefer, Dachs und Maulwurf oder das Volk der Mäuse. Gut, einmal hat er auch das höchstentwickelte gewählt: den Affen, den aber im negativen Sinne des Wortes – wie er seine Wärter nachäfft und seiner Natur zuletzt doch nicht Herr wird. Ich frage mich, was mich daran so fasziniert. Andere schauen lieber auf die Welt der Geld- und Erfolgreichen, des nur noch in der Phantasie existierenden Adels aus glamourösen Zeiten, der Promis, des Sports und Lifestyles: eine ganze Journaille nährt sich ordentlich davon. Mich interessiert dagegen die kafkaeske Welt der Underdogs und Verstoßenen, das Insistieren auf das Verrottende, Erbärmliche, Glanzlose, Deprimierende: so viel anrührender – fast schon stereotyp in seiner existentiellen Vergeblichkeit, unschönen Ärmlichkeit und Stumpfheit sogar in Liebesdingen. Gegenteil des Idealen, romantisch Verklärten – ein Antikitschprogramm, dadurch umso eindringlicher, wirkungsvoller. Was, frage ich mich immer wieder, macht diese Sichtweise bloß so fesselnd, und ich finde stets nur eine Antwort: die schonungslose Wahrhaftigkeit – fürwahr ein heikles Wort.

Beitrag vom 4 Dezember, 2008 (05:44) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: goldener schnitt, lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Gerade noch geschafft

12 November, 2008 (14:54) | | lesung karlsruhe, suppenküche | Kommentieren

Wenn ich die alten Frauen, die ich ins Klo vor die Kachelwand gefahren habe, auffordere, sich an den beiden Haltegriffen festzuhalten und vom Rollstuhl aufzustehen, muss ich oft, da ihnen die Kraft dazu fehlt, nachhelfen, indem ich sie am Hosenbund wie am Schlafittchen fasse, hochziehe und nach vorn drücke. Ich rede ihnen zu. Da ihr Schließmuskel nun vom eigenen Gewicht befreit ist, entweichen Blähungen in kleinen Fürzen: lautmalerische Girlanden. Ich halte die Luft an, zerre alles an ihnen herunter: Jogginghose, Strumpfhose, Unterhose, Netzhose, Einlage – ehe sie, altersschwach zitternd und ängstlich jammernd, kollabieren, und lege ihre runzligen, von den Druckstellen rotgestriemten, in labberigen Falten herunterhängenden Gesäße frei. Gestank – ich atme flach durch den Mund auf und verlasse schleunig den Raum. Hinterher klammern sie sich erneut an den Haltegriffen fest, während ich, Papier in der einen Hand, die baumelnden Gesäßhälften mit den gespreizten Fingern der anderen auseinanderhalte. Kotverschmierte Hämorrhoiden: abtupfen, vorsichtig. Urintropfen perlen mir über den Handrücken. Ihr „Ach“ und „Oh weh“, worauf ich mit einem aufmunternden „Gleich vorbei“ reagiere. Ausdünstungen aus dem Klosett – der Blick hinein lässt mich würgen. Schon knicken ihnen die Beine weg, sacken sie schwer in sich zusammen – in ihre Hosen hinein, die ich mit beiden Händen aufhalte und an deren nachgiebigen Gummibändern ich sie dann nach hinten in den Rollstuhl bugsiere: puh, gerade noch geschafft.

Beitrag vom 12 November, 2008 (14:54) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: lesung karlsruhe, suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


urban odyssee (4)

11 November, 2008 (21:42) | | lesung karlsruhe, zugvögel/wind.bahnen | Kommentieren

http://www.sylviahagenbach.de/wp-content/uploads/2008/11/dunst-1.jpg

Es ist seltsam, aber je mehr ich mich anstrenge, desto schneller scheint sich alles, was zunächst viel versprechend erschien, wieder im Dunst zu verlieren.Vieles habe ich versucht, ganze Schuhkartons mit Strategiepapieren vollgestopft, bin gereist, habe gefragt, recherchiert, fotografiert und mich schließlich vollkommen verloren in diesem Wust an Möglichkeiten. Habe mich betrunken, mich treiben lassen, habe rumgesessen und auf Anschlüsse gewartet in Bahnhöfen, Überlandbusstationen, an U-und S-Bahn-Haltestellen. Ach, wo denn nicht! Ich bin es leid. Aber ich muss von vorn beginnen. Irgend etwas zieht mich immer weiter hinein und ich befürchte

Beitrag vom 11 November, 2008 (21:42) | Autor: Sylvia Hagenbach | Rubrik: lesung karlsruhe, zugvögel/wind.bahnen | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Gedanken (6)

11 November, 2008 (11:12) | | lesung karlsruhe, terrere est humanum? | Kommentieren

Paul ließden fremden Körper über die ferngesteuerte Bahre ins Wasser gleiten. „Ich hätte die Kiemen früher entdecken sollen.“ Er klang bedrückt.
„Danke für die Unterstützung.“ Jo wandte sich an ihre Besatzung, die sich nacheinander zurückzogen. Nur Paul blieb. „Was hätte ich denn tun sollen?“
Der leblose Körper sank auf den Grund des Beckens zu. Sie sah dabei zu und spürte einen Klos in ihrem Hals wachsen.
„Jo? Bitte! Ich hatte doch keine Ahnung, keine Vermutung was diesem Ding gefehlt hat.“
Sie nahm einen tiefen Atemzug und starrte Paul an, „Kannst du nicht wenigstens jetzt aufhören, ihn als Ding zu bezeichnen?“
„Entschuldige bitte. War nichtâ?¦“
„Verschwinde!“
„Aber Jo! Ich â?¦“
„Verschwinde!“, brüllte sie. Paul erschien ihr plötzlich wie ein Parasit, der ihr die Luft zum Atmen raubte.

Endlich war sie allein. Allein mit dem Fremden, den sie zu retten, nicht in der Lage gewesen war. Ohne darauf Einfluss zu nehmen rannen ihr die Tränen übers Gesicht. Sie war doch sonst viel härte im Nehmen. „Verdammt, ich fühle mich so mies. Ich habe dein Leben auf meinem Gewissen.“ Ihr Magen krampfte sich zusammen, als ihr Versagen ihr bewusst wurde. Müde kniete sie sich an den Beckenrand, sah auf den Körper dort unten im Wasser, auf die Spiegelung des Lichtes und wieder auf seinen Körper. Seine Arme trieben leicht angewinkelt auf dem Grund, so dass sie die Kiemen unter den Achseln sehen konnte. Die Öffnungen gingen auf und zu. Es musste sich um eine optische Täuschung handeln. Gebannt starrte sie auf die Kiemenöffnungen. „Ich weißnicht einmal deinen Namen.“ Sie ging seitlich an das Becken heran. Eindeutig konnte sie die Kiementätigkeit erkennen.
„Agimar“, sagte jemand leise zu ihr.
„Du lebst?“ Von unendlicher Erleichterung befallen schloss Jo für einen Augenblick die Augen.
„Langsam kehre ich zurück.“ Nach einem stillen Moment hörte sie, „Danke – Danke für mein Leben!“

Beitrag vom 11 November, 2008 (11:12) | Autor: Angela Planert | Rubrik: lesung karlsruhe, terrere est humanum? | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Gedanken (5)

6 November, 2008 (08:36) | | lesung karlsruhe, terrere est humanum? | Kommentieren

Auf dem fremden Schiff hatte Jos Besatzung zwei Metallplatten im Boden gefunden, nur keine Mechanik, um sie zu öffnen.
„Das ist es.“ Sie konnte das Wasser darunter beinah riechen. „Ein Knopf, eine Fernbedingung, irgendetwas muss es hier doch geben.“ Die Uhr tickte in ihrem Inneren. Sie wusste, viel Zeit blieb nicht, um den Fremden zu retten.
„Das Einzige, was ich gefunden habe, ist das hier. Sieht einem Mikro ähnlich, aber es reagiert auf unsere Sprach vermutlich nicht.“ Einer ihrer Männer wies auf die Wand.
„Auf unsere Spracheâ?¦“, wiederholte Jo. Der Fremde sprach von telepathischen Fähigkeiten. Funktionierte es vielleicht mit Telepathie? In ihren Gedanken schoben sich die beiden Bodenplatten zur Seite – nur in der Realität nicht.
„Wir müssen es manuell öffnen, notfalls mit einem gezielten Sprengsatz“ beschloss Jo.
„Unmöglich, Käpnt!“ Der erste Offizier schüttelte energisch den Kopf. „Dieses unbekannte Metall könnte eine Katastrophe auf unserem Schiff auslösen. Wollen sie das wirklich riskieren?“
„Nein, natürlich nicht.“ Jo war nach einem zornigen Schrei zumute. Mehrmals musste sie ihre Hilflosigkeit hinunterschlucken. Dieser Fremde hatte sie um Hilfe gebeten und sie sah sich nicht in der Lage eine dämliche Luke zu öffnen. Sie legte ihre Hand auf das runde mikroähnliche Gitter an der Wand. Seine Stimme halte in ihren Ohren „Wasser! Bitte, ich muss ins Wasser zurück“
„Käpnt! Ich habe einen blauen Knopf hier unten gefunden!“
Jo drehte sich zu ihrem Offizier um. Die beiden Platten schoben sich kaum hörbar unter dem Boden zur Seite. Licht flackerte auf und beleuchtete kurz darauf ein wassergefülltes Becken von ungefähr zwei mal sechs Metern.
„Ausgezeichnet.“ Hoffentlich war es noch nicht zu spät. Sie nahm ihr Funkgerät zur Hand, „Paul? Bring ihn her.“
„Jo! Es tut mir Leid. Er ist tot.“
„Bring ihn her!“ Jo schloss kurz die Augen. Paul verfügte über dieser unbekannten Lebensform keinerlei Erfahrung. Diese geringe Chance war sie dem Fremden schuldig und wenn dieses Wasserbecken seine letzte Ruhestätte sein sollte.

Beitrag vom 6 November, 2008 (08:36) | Autor: Angela Planert | Rubrik: lesung karlsruhe, terrere est humanum? | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Gedanken (4)

2 November, 2008 (12:41) | | lesung karlsruhe, terrere est humanum? | Kommentieren

Das war kein Traum. Dieser Fremde lag im Sterben und suchte, mit welchem Trick auch immer, den Kontakt zu ihr. Es lag allein in ihren Händen den Fremden zu retten. Von diesem Gedanken besessen eilte sie hinaus. Auf dem Frachtschiff musste es Wasser geben. Der Frachtraum! Hatte nicht der erste Offizier behauptet dort Wasserreste gefunden zu haben? Jo spürte die Anspannung in sich wachsen, während sie sich auf dem Weg zu dem fremden Schiff befand. „Ins Wasser zurückâ?¦“ halte die Stimme ihr im Ohr. Menschliches Leben im Wasser? Eine Art Amphibienmensch, der vielleicht sogar über Kiemen verfügte? Der Laserscanner konnte unter diesen Umständen keine bekannte Lebensform definieren. Jo suchte auf dem Schiff nach Hinweisen, nach einem gefüllten Wassertank oder Ähnlichem. Sie holte sich über Funk Unterstützung.
Inzwischen standen ihr fünf Helfer zur Seite, doch keiner fand auch nur einen Anhaltspunkt, der Jos Vermutung bestätigte. Sie musste erneut mit ihm in Kontakt treten.

Paul hantierte hektisch an dem Fremden herum, als Jo die Krankenstation betrat. „Jo, sieh dir das an.“ Paul hob die Hand des Fremden hoch, spreizte die Finger auseinander. Jo stockte der Atem. Sie hatte also Recht gehabt. Zwischen den Fingern entfalteten sich durchsichtige Schwimmhäutchen, ebenso zwischen den ungewöhnlich langen Zehen.
„Wo finde ich das Wasser?“, dabei sah sie in das regungslose Gesicht.
„Wasser? Wieso Wasser? Was soll die Frage?“ Paul fühlte sich angesprochen.
„Ich frage ihn.“
„Ihn?“ Pauls Blick wanderte auf den Fremden, dann wieder in Jos Gesicht zurück. Er nahm sie bei den Schultern. „Seit er hier ist, war er nicht ansprechbar. So faszinierend dieses Ding auch sein mag. Es stirbt!“
„Er ist kein Ding!“ Jo stießPaul zur Seite. Sie nahm die rechte Hand des Fremden. „Ich ahne, deine Kraft geht zu Ende. Aber ohne dich werde ich das Wasser nicht rechtzeitig finden.“ Jo wagte kaum zu atmen. Seine Stimme war vermutlich jetzt ganz leise. Es blieb still.
„Du bist überarbeitet.“ Paul drängte sich vor Jo. „Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand. Es ist vorbei.“
„Gar nichts ist vorbei!“ Die Wut über ihre Hilflosigkeit wurde laut, „Er muss ins Wasser zurück. Verstehst du? Er trocknet hier aus!“
„Jo! Ich habe ihn mit Kochsalzlösung versorgtâ?¦“
„Och! Du begreifst gar nichts!“ Sie musste Paul handfeste Beweise liefern. Sie legte ihre Hände auf den Hals des Fremden und strich hinunter bis zum Bauch. Seine Haut fühlte sich ungewohnt, gleichzeitig aber reizvoll an. Erneut legte sie die Hände auf die Schultern und fuhr die Rippen entlang.
„Was tust du da?“ Paul sah sie verdutzt an.
„Irgendwo müssen die â?¦“ Da, endlich hatte sie die Eingänge gefunden. Eine Handbreit unter den Achseln, an der Seite lagen die Öffnungen der Kiemen. „Hier Doktor! Vielleicht begreifst du jetzt, dass er ins Wasser zurück muss.“
„Käptn!“ meldete sich ein Offizier, „Das Frachtschiff hat einen geheimen Raum, aber wir können ihn nicht öffnen.“
„Ich bin unterwegs.“ Jo sah Paul in die Augen. „Wie müssen Zeit gewinnen. Lass Dir was einfallen, aber lass ihn nicht sterben.“

Beitrag vom 2 November, 2008 (12:41) | Autor: Angela Planert | Rubrik: lesung karlsruhe, terrere est humanum? | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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