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lowfat spread margin is.s.t alles

7 März, 2012 (12:44) | | lug & trug, suppenküche | Kommentieren

eine studie des verwunderbaren
geräumigkeiten gestreckt und gehont
lasse träumen wenn du gehst

unwohltätigkeiten versemmelt
gebrauchsunfertig verpackt mit
lowfat rahm abgeschmeckt

die halsreizung in zahlung nehmen
der salbeitee verriecht als arbeitswut
auf gesundenschein wer bleckt

die falschen zähne geblendet
mit veneers weil der wolf gern grinst
wenn ers rotkäppchen verklappt

zwischenraumfüllungen regen zu
verspekulationen an der zins spread
ist im margenverfall die bank

schließt nicht auf mir nichts dir
nichts wir alles am zahltag springt
keiner auf weil alles schon sitzt

Beitrag vom 7 März, 2012 (12:44) | Autor: Walther | Rubrik: lug & trug, suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


fragmente

28 April, 2010 (11:16) | | suppenküche | Kommentieren

lautlose enge
eine tür
klackt
und am verwilderten
traum
krallen sich die tentakel
der windsbraut
fest
fraktale
geschoben hinter
zuckende lider
auf dem weg
zur schweinemast
– fällt ihr ein –
räkeln sich weißrosa
gänse
blümchen
im gestank
des abdeckerwagens
zerhackt von ständig
wiederkehrenden repeller
schatten
überleben kaum noch
gedanken an blüten
schnee
schweißgebadet
zerrt sie das pendel
aus dem halbschlaf
und stülpt ihr
vogelgezwitscher über
den beginnenden
lebensrest

Beitrag vom 28 April, 2010 (11:16) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


So kalt

11 Januar, 2010 (19:47) | | suppenküche | 2 Kommentare

Du hast letztens
Sehr laut gesprochen Dein
Ich sage jetzt was ist
Und wird
Es steht immer noch

Im sonst leeren Raum
Schartig stolz
Aufrecht
Unaufgeräumt aber
Wahr

Das für immer Du
Hat diesen Ort verlassen
Es zerstob in den
Vier Winden
Und mir ist so kalt

Beitrag vom 11 Januar, 2010 (19:47) | Autor: Walther | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (2) Kommentare


Doggod. Der Übergang. (Teil 7, Schluß)

11 Januar, 2010 (10:48) | | suppenküche | Kommentieren

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In der Nacht kam es wieder. Doggod war in der sogenannten I-Position gelagert: ein längliches Kissen im Rücken, ab dem Steißbein bis über den Kopf hinaus, dem es ebenfalls als Ruhepolster diente. Die Arme rechts und links auf sogenannten Fritzchen, kleinen Kissen, erhöht. Unter den Achillessehnen zusammengerollte Handtücher, damit die Fersen sich nicht wund legten, und gegen die Zehen eine zusammengelegte Decke gedrückt, um Spitzfüße zu vermeiden. Der Kopf noch durch das hochgestellte Oberteil des Bettes erhöht, so dass er fast sitzend dalag.

Er konnte nicht schlafen, obwohl er das Wachen als einen fürchterlichen Zustand empfand: es war, als blicke er offenen Auges, nein mit abgeschnittenen Lidern in den Abgrund seines Daseins, das ein einziger Alptraum zu sein schien. Es nahm womöglich noch an Intensität zu: dagegen waren die heraufbeschworenen Höllenqualen aus seiner Kinderzeit ein billiges Gruselmärchen.

Wie mir selber entkommen? dachte er, ohne auch nur den Kopf hin- und herdrehen zu können: einfach gelähmt, dem Grauen nackt, unausweichlich ausgeliefert. Ein neues Grollen oder was auch immer bahnte sich in seinem Körper an. Eine Art Vibrieren, erst in Fingern und Zehen, das Strömen einer zunehmenden elektrischen Energie, das anfangs über Hände und Füße nicht hinauskam, allerdings den Vorteil hatte, sie intensiver zu durchbluten und ihre Leichenkälte mit Wärme zu füllen. Dies war der erste Hinweis auf eine Besserung seiner Lage. Er genoß die Hitze in seinen äußersten Gliedmaßen, spürte dann zu seiner Freude, dass sie sich allmählich in die Extremitäten, hinauf zu seinem Rumpf hocharbeitete, als ein Kribbeln, wie er es früher bei einem eingeschlafenen Bein oder Arm gespürt hatte: angenehm und unangenehm zugleich. Doch dieses Prickeln schaffte nicht den Sprung in seinen Leib hinein, als wären da Sperren, an denen es abprallte.

Gebannt achtete er auf diesen Vorgang. Er vergaß das Schreckliche seiner Situation und konzentrierte sich nur noch auf seine mittlerweile scheinbar glühenden Arme und Beine, Hände und Füße. Da, plötzlich, schlugen kleine Wellen wie leckende Zungen auf seinen kalt und leblos daliegenden Körper über, ohne aber tiefer eindringen zu können. Es war ein Kitzeln an Herz und Geschlecht von außen, und er bedauerte, dass es nicht ganz auf sie überschlug. Er strengte sich sogar an, mit Hilfe einer Art Selbstsuggestion diese belebenden Flammen in seinen Leib hineinzusaugen, stellte sich den wie ein Vakuum vor, das jenes Feuer anzog, quasi zu sich hereinschlürfte, und schließlich klappte es, erst ansatzweise, doch dann immer weiter, als okkupiere es mit seinem Willen zunehmend seine Organe.

Zuerst flammten Herz und Geschlecht sozusagen, jedenfalls spürte er einen Brand darin, der aber nicht wehtat, sondern euphorisch stimmte, als sei er ein Brandopfer zu Ehren einer Gottheit, in die er sich mit Freuden, fast jauchzend auflöste, als würde er mit dem Verglühen seines wie zu Asche auseinanderfallenden Fleisches in eine höhere Sphäre übergehen, nicht zu Rauch, sondern zu einer magischen Energie werden. Würde jetzt die gesichtslose Schwester eintreten, das wusste er, erschräke sie ebenso wie damals, als er geschwebt zu haben meinte – übrigens auch jetzt: er spürte magnetische Kräfte, die ihn wie ein Kissen aus unsichtbaren Wellen vom Untergrund abhoben, hochstemmten, der Zimmerdecke entgegen, während seine Bettdecke an ihm herabhing und wie von Windstößen wehte. Jetzt hatte er Angst, die Schwester käme tatsächlich herein und machte dem Spuk ein Ende.

Aber ein Spuk ist doch etwas Unwirkliches, dachte er, wohingegen dieser Zustand nicht nur sein Gegenteil, sondern etwas weit darüber hinaus war: eine Überwirklichkeit, etwas Übersinnliches, nur andeutungsweise wahrgenommen mit seinen erbärmlichen Sinnen, eine Gnade, wie er schlagartig wusste, eine Art Erleuchtung. Er hatte zu einer solch erniedrigten Kreatur werden müssen, um dies jetzt erfahren zu können. Er wollte, dass es gar nicht mehr aufhörte. Allein die Vorstellung, es würde enden, wäre ihm wie die Vertreibung aus dem Paradies vorgekommen.

Und so strengte er sich an, diesen Zustand zu erhalten, indem er sich übermenschlich zusammenkrampfte, um die außerirdischen Kräfte in sich zu halten, die immer wieder aus ihm herausströmen wollten – nein, hiergeblieben, und er ächzte mit verzerrtem Gesicht, wobei er sich wie eine glühende Kohle in waagerechter Menschengestalt fühlte, die auf ihr Zentrum zu verkokelte: er durfte unter keinen Umständen vorher erlöschen – musste bis aufs letzte Atom aufgezehrt werden von diesem seltsamen Feuer und Licht, das ihm unermesslich erschien.

Zuletzt löste sich das Angespannte in ihm. Am nächsten Morgen fand man ihn tot in seinem Bett. Das Erstaunlichste dabei (man hatte längst mit seinem Ableben gerechnet) war der gelöste, ja, erlöste, geradezu verklärt friedliche Ausdruck im Gesicht dieses Schmerzensmannes Doggod – ein Name, über den man sich Zeit seines Lebens lustig gemacht hatte: Dog God oder umgekehrt God Dog – Hund Gott oder Gott Hund, herrje, wie platterdings tiefsinnig!

Die Leute erst vom Pflegepersonal und dann vom Bestattungsinstitut waren sicher, ein weiterer Schlaganfall habe Doggod den Rest gegeben. Mir will aber scheinen, dass dem nicht so ist – sieh nur das Licht auf der Hauswand: könnte das nicht er sein, sozusagen sein Zwinkern aus einer Welt, die wir gemeinhin als Spökenkiekerei abtun?

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Beitrag vom 11 Januar, 2010 (10:48) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Doggod. Etwas Absurdes. (Teil 6)

10 Januar, 2010 (13:58) | | suppenküche | Kommentieren

So völlig auf sich selbst zurückgeworfen, durchlebte Doggod eine weitere innere Verwandlung. Er hatte nichts mehr, woran er sich noch halten konnte. Der Vergleich mit seiner früheren und heutigen Situation war so schmerzhaft, dass sich ihm jede Erinnerung aus Selbstschutz verbot. Sogar die Konzentration auf seine unmittelbare Umgebung war durch die reibungslose Präzision des alltäglichen Ablaufs aufs Minimum reduziert.

Blieb das Horchen ins momentan sich abspielende Innere. Schmerzen. Kribbeln an der Grenze zur tauben Seite. Hunger und Durst waren ausgeschaltet durch die künstliche Ernährung – daher eher ein Übersättigungsgefühl. Auch verspürte er keinen Drang zum Wasserlassen, floß doch die einlaufende Flüssigkeit gleich in den angeschlossenen Beutel – statt dessen ein Brennen vom Reiben in der Harnröhre und am empfindlichen Ausgang.

Gefühle, Empfindungsabläufe? Auch die blendete er reflexartig aus, wie durch einen automatischen Sicherheitsmechanismus. Also begann er seine Herzschläge zu zählen, seiner Atmung zuzuhören und assoziierte das mit Naturereignissen: Windströmungen rund um den Globus – das Wummern stellte er sich als Puls im Erdmittelpunkt vor.

So übertrug er sein Selbst auf die Welt. Er identifizierte sich mit ihr, während sein Ich-Bewusstsein nach und nach verblasste. Sein Stuhlgang wurde zu einem Lavaausbruch eines noch aktiven Vulkans, seine Lagerung zu einem Erdbeben oder schwindelerregenden Wellengang, Einstiche von Spritzen oder Kanülen zu Erdbohrungen und Transfusionen zu etwas, das dem Regen entsprach.

Eines Tages wurde er von störenden Tönen in den Wachzustand zurückgeholt, vielmehr genötigt, sie wahrzunehmen: peinigend. Er war ihnen wehrlos ausgeliefert, konnte sich nicht die Ohren zuhalten oder wenigstens die Decke über den Kopf ziehen. Ping ping – plong: immer dieselbe Klangabfolge, wie bei der Wassertropfenfolter – nicht auszuhalten, obwohl er es doch musste, da er sich dieser Zumutung nicht entziehen konnte.

Plong – ping ping: mal eine andere Reihenfolge, und das war schon eine Befreiung. Nun ständig diese Tonfolge: plong ping plong. Die unmerklichen Abwandlungen begannen ihn zu fesseln. Gespannt lauschte er den kleinen Variationen, hingegeben, absorbiert wie früher selbst nicht bei Aufführungen seiner Lieblingsstücke im Konzertsaal.

Minimalistische Musik, endlos wiederholt, mit feinen Abstufungen, unterschiedlichen Rhythmen, gerade dadurch umso magischer. Morton Feldman fiel ihm ein, sein stundenlanges Streichquartett, in der Musikhochschule aufgeführt: Doggod hatte sich entsetzlich gelangweilt, wie auf die Folter gespannt gefühlt – ähnlich wie anfangs bei diesen monotonen und doch abwechselnden Klängen, die ihn nun in ihren Bann zogen.

Da wird irgendwo ein Klavier gestimmt, schoß es ihm durch den Kopf. Er lag dem Fenster zugekehrt und sah auf eine nackte Ziegelwand. Die war ihm bisher als häßlich, tot, geradezu beleidigend für sein ästhetisches Empfinden vorgekommen, als schändliches Beispiel einer einfallslosen Bauweise: ohne Verzierungen oder Verschnörkelungen, wie sie an älteren Bauten in sogenannter Backsteingotik so reizvoll ins Auge sprangen – nichts als langweiliges Stein-auf-Stein.

Jetzt gewahrte er Licht darauf: warm, golden, eingetrübt durch Schattenintervalle, wieder aufstrahlend, dann gedämpft, mattgrau, und erneut aufblendend im triumphierenden Sonnenschein. Rechtecke in Reih und Glied: wie sie in den unterschiedlichsten Nuancen schimmerten, erloschen, danach ganz anders leuchteten – jedes auf seine eigene Art, die sich nie wiederholte, nicht mal mit sich selbst von vorhin.

Die Unebenheiten auf der Oberfläche der Steine wurden, wenn sich eine Wolke vor die Sonne schob, durch den Schatten verborgen und dann, schien die Sonne wieder ungehindert auf die Ziegelwand, durch das grelle Licht erneut hervorgehoben: so erschien dieselbe Stelle immer wieder wie umgewandelt. Das Ganze wurde begleitet von den tropfenden Klängen verschiedenster Höhen und Tiefen, die von einem in der Nähe gestimmten Klavier herrührten – diese Gewissheit war Doggod plötzlich egal. Er schaute und lauschte nur noch, schwitzend auf die Seite zum Fenster gebettet.

Allmählich erfaßte ihn eine Euphorie. Sie schien ganz tief aus seinem Innersten aufzusteigen. Wellen der Freude, die ihn nicht nur stimmungsmäßig erhoben, sondern auch körperlich. Ihm war das erst gar nicht bewusst – bis die gesichtslose Schwester eintrat. Sie stieß einen Schrei aus und floh aus dem Zimmer. Aufgeschreckt, stürzte er in einen Abgrund – nein, zurück ins Bett: weich landete er auf der federnden Antidekubitusmatratze. Was ihn eigentlich schockierte, war, dass er wirklich aus der Höhe herabgefallen zu sein schien.

Das Entsetzen hatte der Schwester individuelle Züge verliehen: ein in die Leere hineingestempeltes Panikgesicht. Auch Doggod sträubte sich gegen die unglaubliche Tatsache, geschwebt zu haben: das war doch absurd. Doch er schmeckte das Glück noch nach, das er während seiner Versenkung gespürt hatte, verzaubert durch das Geklimper und die Lichtspiele.

Auf einmal war es still und dunkel. Er fühlte sich, wie wenn ein Traumwandler durch den Schrei aufgefahren, aber nicht vom Dach, sondern ins schweißnasse, unangenehm ausgekühlte Laken gefallen war.

Eine Bestätigung dafür bekam er nicht. Es konnte auch eine Einbildung gewesen sein. Als die Schwester später wiederkam, verriet sie nur ihr gipsweißes Gesicht: eine Totenmaske, die kein Geheimnis preisgab, nichtssagend wie eh und je.

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Beitrag vom 10 Januar, 2010 (13:58) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Doggod. Variationen. (Teil 5)

8 Januar, 2010 (09:34) | | suppenküche | Kommentieren

ßberhaupt das vordergründig Glanzlose. Bei näherem Hinschauen bekam es ein eigenartiges Schillern. Es verkehrte sich geradezu: das Blendende wurde banal, und das Unscheinbare lud sich mit einer Intensität auf, die Doggod vorher nicht gekannt hatte.

Zum Beispiel das Attraktive bei Maria: Langeweile legte sich wie Mehltau darauf. Ihre glatte Oberfläche barg eine Leere, der ihre gefühllose Grausamkeit entsprach: Kombination aus Phantasielosigkeit und Geltungssucht einer Verwöhnten.

Hingegen Martha. Ein Blickfang war sie nicht – vielmehr wurde sie leicht übersehen. Wohl daher kümmerte sie sich nicht besonders um das Äußerliche. Sah Doggod aber in die Tiefe, kam sie ihm umso reicher vor, je ärmer ihm die andere dabei erschien. Marias Lächeln war leer und ihre Pflege lieblos – gleichsam ungedeckte Schecks. Doch Marthas Mimik: ganz beseelt – ihre Handgriffe voller Mitgefühl, als würde sie das, was sie mit anderen machte, sich selber antun.

Nicht nur bei den beiden Krankenschwestern fiel ihm das auf, auch in anderen Dingen. Das früher Ignorierte bekam Gewicht und das vormals ins Auge Springende verlor an Wert. Wie inhaltslos alles Protzige und Gleißende, sei es nun das wichtigtuerische Auftreten des Oberarztes mit seinen unnatürlich weißblitzenden Zähnen oder der Chromglanz des modern und funktional eingerichteten Zimmers – so kalt und stereotyp im Gegensatz zu den mitleidigen Augen und warmherzigen Bemerkungen der Putzfrau oder, ein Stilbruch, das hierher verirrte Nachtschränkchen aus der Zeit vor der Grundrenovierung: jede Blechbeule und Macke im zerkratzten Lack ein individuelles Merkmal, das dem Ganzen ein unverkennbares Gesicht gab.

Als das Schränkchen kurz darauf gegen ein nagelneues ausgetauscht wurde, bekam Doggod heftige Zuckungen und daraufhin eine Beruhigungsspritze von Martha: hoffentlich würde sie nicht auch noch ausgewechselt – sie wurde. Und nicht mal Maria bekam er für sie zurück, sondern eine Gesichtslose, die in ihrer Unpersönlichkeit und Perfektion allerdings ideal zur übrigen Zimmereinrichtung paßte.

Maria hatte ihr innerliches Vakuum wenigstens durch Zwicken und schlechte Scherze kompensiert: etwas, das ihre Gegenwart doch noch präsent gemacht hatte. Aber diese Neue war gar nicht vorhanden, selbst in ihrer Anwesenheit: so geschickt in allem, dass er sie bei ihren Verrichtungen nicht mal spürte. Auch sprach sie nicht privat mit ihm, nur im Zusammenhang mit der Lagerung oder medizinischen Versorgung.

Hätte sie nur hin und wieder einen blöden Witz über ihn gerissen oder aus Versehen an seinem Gummischlauch gezogen – wenigstens die Nase über ihn gerümpft. Aber nichts da. Für sie hätte er ebenfalls ein exakt hierhin gehöriger Gegenstand sein können – ihm jedenfalls erschien sie (er konnte nicht mal ihren Namen behalten) als eins dieser technischen Geräte in der ihn umgebenden Maschinerie, die seine lebenswichtigen Funktionen in Gang hielt.

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Beitrag vom 8 Januar, 2010 (09:34) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Doggod. Nach dem Sturm. (Teil 4)

7 Januar, 2010 (08:44) | | suppenküche | Kommentieren

Das ständige Grübeln war nicht auszuhalten. Es führte zu nichts als zu immer schlimmerem Horror und hätte Doggod fast zerrieben. Konnte er sich anfangs noch halbwegs bewegen, war er plötzlich total gelähmt: wahrscheinlich ein weiterer Anfall – die Ärzte stellten diese Diagnose, weil sie keine andere Erklärung dafür hatten.

Hinzu kam das Übel der handgreiflichen Weißkittel. Sie wuchteten ihn grob hin und her. Nie ließen sie ihn in Ruhe. Sie lachten noch über ihn hinweg, als machten sie sich lustig über seinen entstellten Körper. Obwohl halbseitig taub, reagierte er äußerst empfindlich und brachte das unter konvulsivischen Krämpfen zum Ausdruck: seine einzige Möglichkeit zu kommunizieren.

Als zusätzliche Demütigung lief ihm manchmal auch noch der Durchfall aus dem Anus: kitzelnd, wenn er über die Hinterbacke rann, die noch fühlen konnte, und taub, wenn er nur die Peristaltik des Schließmuskels spürte.

Als hätte der Überlebenstrieb das Kommando über ihn, das gekenterte Schiffswrack, an sich gerissen (ein insektenhafter Wille, trotz allem nicht abzusaufen), passierte etwas Merkwürdiges: seine Psyche schaltete ab, stellte sich praktisch tot, kappte die Taue seiner selbstquälerischen Vorstellungen, die ihn sonst noch in den Wahnsinn getrieben hätten.

Allmählich wurde er vollkommen ruhig. Der Sturm legte sich. Doggod dümpelte bald in einem endlosen Stillen Ozean träge vor sich hin, war nunmehr einfach nur noch da, jenseits von Panik und Verzweiflung, nicht einmal mehr traurig oder wehmütig angesichts des verlorenen Paradieses: als solches erschien ihm sein vorheriges Leben, das er damals, noch gesund, nie als Idyll empfunden hatte, ganz im Gegenteil.

Tiefer Frieden kehrte in ihm ein – nicht zu verwechseln mit Glück oder Seligkeit, auch nicht mit Gleichgültigkeit oder Apathie. Was mit ihm und um ihn herum geschah, entfernte sich von ihm. Es war ihm nicht egal. Er registrierte alles viel intensiver, als er es früher je erlebt hatte: ein stilles Schauen, scheinbar so neutral wie seine krankheitsbedingte Stummheit, als liege er in einem Wachkoma, eingesperrt in seinem Körper wie im Gefängnis.

Es war eine Art Lock-in-Syndrom und doch ganz anders. Nur seine Augen konnten sprechen, aber nicht mal dem Personal, das ihn pflegte, fiel das auf. Und es geschah ja auch schleichend, nicht sofort. Er wurde behandelt wie ein klinisch Toter. Sie machten ihre Witzchen über ihn. Schönheitsfehler seines Leibes, die er, noch im Besitz seiner Kräfte, aus Eitelkeit verborgen hatte, wurden zum allgemeinen Gespött: die ulkig kleinen Füßchen, die große Warze direkt unter seiner Brustwarze, die ungewöhnlich lange Narbe von einer dramatischen Blinddarmoperation, was wie ein Kaiserschnitt aussah, wozu ja auch sein wabbeliger Bauch und Brustspeck paßte – eine richtige Poularde, nicht Weibchen noch Männchen.

Zogen sie ihm die Pobacken auseinander, blühte eine Fleischblume auf: ein Blütenkranz ineinander gefältelter und gerüschter Hämorrhoiden. Aber das Lustigste war das Mickerchen von einem Penis: ein Witz, nicht viel mehr als eine große Klitoris – also doch ein Hermaphrodit? Und was die Sache noch lächerlicher machte: das kleine Ding krümmte sich bei einer Erektion unmöglich zur Seite. Doggod hatte schon als Kind die größten Minderwertigkeitskomplexe deswegen gehabt: so blamabel, dass er später nicht mal zu Prostituierten gegangen war. Dabei war es äußerst reizbar, auch jetzt noch, wo er selber mehr und mehr in eine allgemeine Lähmung versank.

Sein Kümmerling war nicht davon befallen – noch nicht: vorerst hatte er damit die größten unfreiwilligen Lacherfolge. Denn, und das schien an ein medizinisches Wunder zu grenzen – jedenfalls machte das Personal eine Sensation daraus: wie er bei Berührungen unter Kontraktionen litt (untypisch für einen Fall wie ihn), so war er auf empfindliche Weise erektionsfähig, was wegen dem Katheter und der pathologischen Krümmung seines Glieds mit solchen Schmerzen einherging, dass sie besonders heftige Spasmen seiner Gliedmaßen auslösten. Das war auch eine Art, sich mitzuteilen, zwar keine so flehentliche wie über seine Augen, aber die beachtete ja ohnehin keiner.

Waren die Pfleger und Schwestern unbeobachtet, machten sie sich einen Jux daraus, Doggod wie einen Hampelmann zappeln zu lassen, indem sie wie bei einem solchen nicht am Faden, sondern an seinem Urinschlauch zogen. Schwups, fuhr er wie ein Stehaufmännchen in die Höhe – fast wie beim Elektroschock eines nicht festgeschnallten Patienten, dem die Elektroden an der Eichel statt an den Schläfen fixiert worden waren: froschartige hampelmännische Zuckungen halt.

Ihm tat es gefrechst weh, und den anderen war es ein Gaudi. Kamen noch Doggods Gefühle für die schöne Schwester dazu: Maria. Sie hatten es schnell heraus und schickten sie meistens zu ihm zur Grundpflege, während sie sich kichernd im Hintergrund hielten. Maria war so gemein, wie sie hübsch war – besonders vor Publikum: da war sie so gewissenhaft, als legte sie ihr praktisches Examen vor einer Prüfungskommission ab. Bei der Intimpflege war sie besonders pingelig, und die anderen hielten sich die Seiten, während Doggod, kurz vorm nächsten Schlaganfall, in die Höhe stand. Sein Krummer stand auch, als sie ihn unter der Vorhaut reinigte, skrupelhaft, dieser Engel in Weiß – Maria, ach, mariengleich, geradezu marianisch: er konnte ihr bei aller Bosheit nicht böse sein, und wenn er daran zugrunde ging.

Doch da befiel jene eigenartige Ruhe auch sein Hampelchen: immer weniger spielte es Stehaufmännchen, verlor anscheinend das Interesse für seine Peinigerin, die er mit umso glühenderen Augen anstarrte. Nun schwand auch ihr Interesse an dem gar nicht mehr komischen Langeweiler, den fortan ein unscheinbares Mauerblümchen versorgte: Martha, so gutmütig, wie Maria grausam gewesen war, die Doggod noch eine Zeitlang vermisste.

Bald beobachtete er Martha so aufmerksam wie zuvor Maria. Die bemerkte das, wenn sie manchmal hereinkam, um nach ihrem „Ferkelschwänzchen“ zu schauen, und wurde eifersüchtig auf die glanzlose Konkurrentin, zumal sie sich nicht mehr verdrängen ließ von Doggod, den sie liebevoll umhegte. Aber dem war das jetzt einerlei, hatte er sich doch in diese seltsame Ruhe zurückgezogen: ein Vakuum – wie ein Brennglas um ihn herum, durch das er alles übersensibel wahrnahm.

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Beitrag vom 7 Januar, 2010 (08:44) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Doggod. Fatale Gefühle. (Teil 3)

5 Januar, 2010 (14:04) | | suppenküche | 3 Kommentare

Doch das Lachen verging ihm alsbald. Wer lag da im Bett? Genauer: Doggod wusste zwar, dass er selber es war, der das dachte – nur der Körper gehörte nicht zu ihm, war ein ganz anderer als der, den er bisher von sich gekannt hatte. Es schien, als sei er zwar wieder aufgewacht, aber in einem falschen Film, nicht bei sich zu Hause, sondern in einem Horrorkabinett.

Er sah an sich herunter. Dieses verkrümmte Pfötchen ohne Gefühl: wie im Alptraum letztens, nur dass es sich da um ein Leichenbein gehandelt hatte – einem Opfer, wie er sich vorstellte, in einem bestialischen Akt abgeschlagen, und dann, ausgeblutet, zu ihm ins Bett gelegt, um sich einen makabren Scherz mit ihm zu erlauben.

Aber – er riß die Decke mit der anderen Hand fort, die ihm noch gehörte, ihm zumindest gehorchte: da lag es ja noch, das tote Bein, nicht etwa allein, sondern mit der ganzen Seite eines Fremden. Genauso hätte man ihm eine Schweinehälfte unter die Decke legen, ihn wecken und glauben machen können, er sei das höchstpersönlich.

Es tat seine Wirkung: er winselte wieder – zum Schreien war er zu verzagt. Eine Krankenschwester betrat das Zimmer: so frisch, gesund und anziehend. Auf der Stelle war er in sie verliebt. Unwillkürlich durchflutete ihn eine Welle der Erregung. Parallel dazu wurde er dafür bestraft – nicht wie früher mit Schuldgefühlen, wenn ihn mal wieder die fatale Sinnlichkeit gepackt hatte, nein, es tat nur höllisch weh, und die gesunde Hand zuckte nach unten.

Fürchterlich: ein endloser Bandwurm ringelte sich aus ihm heraus und stellte sich tot, als er ihn anfaßte. Gummiartig fühlte er sich an und war so lang, dass sein Anfang schon unter der Decke hervorgekrochen sein musste: die Schwester könnte ihn sehen, und erschrocken zog Doggod ihn zurück. Aber der Wurm hielt sich irgendwo fest und ließ nicht los. Etwas rappelte. Die Schwester guckte bereits alarmiert, und in seiner Verzweiflung riß er mit einem Ruck an dem Ungeheuer, das sich aus ihm herausgeschlängelt hatte, um es vor ihr, der Schönen, zu verbergen.

Er bekam einen mit Flüssigkeit gefüllten Beutel zu fassen, der zerplatzte, als die Schwester herbeigelaufen kam – es spritzte und roch: Urin! Sie schrie, und ihr Gesicht drückte Ekel aus – vor ihm? Jedenfalls stand sie in einer Pfütze, und ihr gestärkter, blütenweißer Kittel war mit häßlichen Flecken besudelt.

Wie sie ihn ansah: so böse. Er konnte nicht anders – musste losheulen. Jammernd wollte er sie um Verzeihung bitten. Doch was war das für eine abscheuliche Stimme: quiekend und grunzend wie von einem angestochenen Schwein – seiner eigenen, noch lebendigen Hälfte. Und die Sprache: keine klar artikulierten Worte kamen über seine Lippen, die sich teilweise merkwürdig taub anfühlten, sondern ein verwaschenes, brockenartig hervorgerülpstes Kauderwelsch. Abrupt verschluckte er das, was er noch sagen wollte, und verstummte mit schreckensgeweiteten Augen: fließende Wasserhähne, die man zuzudrehen vergessen hatte – gut, dass die Tränen wenigstens ihr Bild verwischten.

Weitere Leute kamen herein und machten sich an ihm zu schaffen. Aus Selbstschutz hielt er die Lider geschlossen und ließ sich ergeben wie eine Puppe hin- und herschlenkern. Wie sie ihn herumwälzten. Es tat ziemlich weh, besonders da unten, als zerrten sie an seinem Bandwurm – wenn sie ihn doch herauszögen. Doch er blieb mit dem anderen Ende in seinem Unterleib verbissen, wie er spürte, und er war froh, nicht noch mehr gequält zu werden: wer weiß, was alles mitgerissen worden wäre, hätten sie ihm das Abscheuliche wirklich entfernen wollen. Auch war ihm jetzt nicht klar, ob er vor Schmerz oder Scham aus den Augen tropfte, diesen undichten Dingern – vielleicht aus beiden Gründen.

Endlich ließen sie ihn in Ruhe. Es roch nach frischer Bettwäsche. Er wagte aber nicht, seine Augen zu öffnen, um das nachzuprüfen, aus Angst, sie könnten wieder alles naß machen. Jedenfalls stank die Feuchtigkeit aus seinem Gesicht nicht wie die aus seinem Penis, aus dem der Wurm herausgekrochen war, der in einen Beutel mündete.

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Beitrag vom 5 Januar, 2010 (14:04) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (3) Kommentare


Rohe Anfänge aus meiner Küche I

5 Januar, 2010 (10:39) | | suppenküche | Kommentieren

Die Bürotürme der Stadt bildeten ein Gebirge, dessen Gipfel wie Stachel in den Himmel wuchsen und durch dessen Täler die Lichter von Autos glitten. Glutrot spiegelte sich der Sonnenuntergang in den gläsernen Steilhängen, durch die der Fluss floss, über den Ute ihren Einer mit starken, rhythmischen Bewegungen jagte. Sie stach ein, zog durch und jedes Mal traten die Muskeln ihrer Oberarme deutlich hervor. Sie begannen zu schmerzen. Morgen wird die Vertriebsleiterin in den echten Bergen eine Rafting-Tour mit ihrer Familie unternehmen. Sie lächelte über diese Vorstellung, als sich eine Brücke näherte und sie in deren Schatten tauchte, der niemals aufzuhören schien. Morgen hat sie endlich Zeit für die Familie.

Beitrag vom 5 Januar, 2010 (10:39) | Autor: Uwe Schick | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Doggod. Der Traum. (Teil 2)

4 Januar, 2010 (09:20) | | suppenküche | 1 Kommentar

Doggod träumte von einem Mann, der ein entsetzliches Schicksal zu haben schien: er lag da, bewegungslos, während Maden aus seinem Körper wimmelten. Doggod dachte an eine Schmetterlingsraupe, die von einer Schlupfwespe gelähmt wird, damit sie als frischer Nahrungslieferant für die in ihrem Leib abgelegten Wespenlarven dient.

Doch der verwesende Mann lächelte, und Doggod fiel ein Querschnittsgelähmter ein, der ab dem gebrochenen Halswirbel nichts mehr spürt. Jedenfalls drückte das noch unversehrte Gesicht dieses Mannes trotz des schauerlichen Zustands seines Körpers Freude und Heiterkeit aus, und das war unbegreiflich.

Plötzlich erkannte Doggod, dass er selbst der Mann war – vom eigenen Schrei schrak er aus seinem Traum. Wie froh er auch war, dem Horror entkommen zu sein, entsetzte er sich nun vor seinem Zustand im Wachen. Wie vergnügt er sich doch im Verfallsprozeß geträumt hatte!

Eigentlich ist es tröstlich, dass ich einmal, statt mich gänzlich aufzulösen, in anderen Lebewesen weiterexistieren werde, dachte er und versenkte sich in diese Vorstellung. Er spürte ein Kribbeln im eingeschlafenen oder abgestorbenen Arm – so genau konnte er das nicht mehr unterscheiden – und hatte die Vision, er löse sich in auseinanderwimmelnden Raupen auf. Die verpuppten sich und flatterten nach ihrer Metamorphose als prächtige Schmetterlinge auf.

Wie Doggod zuvor von seinem Schrei aufgeschreckt worden war, weckte ihn nun sein eigenes Gelächter.

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Beitrag vom 4 Januar, 2010 (09:20) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (1) Kommentar


Doggod. Der Schlag. (Teil 1)

2 Januar, 2010 (13:48) | | suppenküche | Kommentieren

Doggod erwachte mitten in der Nacht. Er hatte etwas Furchtbares geträumt, konnte sich aber nicht mehr daran erinnern. Erst fand er sich gar nicht zurecht und glaubte, sich immer noch in dem Alptraum zu befinden. Darauf deuteten bestimmte Anzeichen hin, die er ebensowenig einordnen konnte.

Allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Er orientierte sich in seinem altvertrauten Zimmer. Etwas stimmte nicht. Er wusste nicht, was, ahnte aber, dass es schlimm war, und wollte es gar nicht herausfinden. Die Wirklichkeit, spürte er, würde genauso schrecklich sein wie die Nachtmahre, denen er gerade entkommen war.

Trotzdem war es unvermeidlich, dass er immer heimischer in seinem jetzigen Wachzustand wurde. Selbst seine Augen erkannten die Konturen allmählich deutlicher in der vorhin noch undurchdringlichen Finsternis. Auch seine anderen Sinnesorgane nahmen die Dinge nun genauer wahr.

Er spürte etwas Feuchtes, Warmes unter sich. Gleichzeitig wurde ihm der Uringeruch bewusst. Doch das Entsetzlichste: da lag ein fremdes Bein in seinem Bett – angewinkelt, vielmehr gekrümmt, mit dem Knie zur wandabgewandten Bettkante. Deutlich sah er seinen Umriß.

Es erfüllte ihn mit Grauen und Ekel. Hätte er eine zusammengerollte Schlange auf seiner Brust vorgefunden, wäre es nicht ärger gewesen. Hinzu kam die Nässe und der Gestank. Er dachte an Blut und Kloake.

Erst war er völlig paralysiert und starrte unentwegt auf das fremde Bein. Dann packte er in Panik danach (es fühlte sich kalt wie von einem Toten an) und schleuderte es aus dem Bett. Oh Graus: wie von unsichtbarer Hand gerissen, flog er mit hinaus. Er schlug dumpf auf den Boden und verlor das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam, konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Er schrie aus Leibeskräften, brüllte die ganze Nachbarschaft zusammen. Die versammelte sich vor seiner Wohnungstür, klopfte und schellte. Doch so sehr er auch wollte: er konnte sich nicht erheben, wurde wie von einem Dämon auf dem Linoleum festgehalten. Er wand sich wie ein Fisch auf dem trockenen.

Da schlugen sie die Tür ein und drängten sich in sein Zimmer. Sie machten das Licht an. Einer rief auf seinem Handy den Rettungsdienst herbei.

Doggod, zu Füßen der Schaulustigen, kniff die Augen zusammen. Er schämte sich trotz seiner Furcht. Wie hilflos lag er da, den Blicken preisgegeben. Außerdem erkannte er, dass die Nässe und der Gestank von ihm selber kamen. Er hatte ins Bett gemacht. Als Kind war er Bettnässer gewesen, und ein Gefühl der Schmach aus uralter Zeit stieg in ihm wieder auf. Trotzdem überwog die Angst vor dem anderen: was hatte es mit dem fremden Bein auf sich? Nein, er rollte sich noch mehr ein und stellte sich vor, eine uneinnehmbare Kugel zu sein – mit nassem Gesäß, dachte er und zuckte wie unter einem Hieb.

Der eintreffende Arzt diagnostizierte einen Schlaganfall und führte den Transport ins Krankenhaus in die Wege. Doggod bekam eine Spritze: das war viel besser als sich einzukugeln.

Ein heftiger Schmerz riß ihn aus seiner Benommenheit: es war die Spastik seiner gelähmten Seite. Schwankend zwischen Alptraum und Wirklichkeit, wusste er nicht, was schlimmer war. Am erträglichsten kam ihm da noch der Tod vor. Ach, sterben, und er sah nach den Infusionsschläuchen und Kabeln zu den Apparaten.

Ehe er noch etwas herausreißen konnte, war er schon wieder weggedämmert.

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Beitrag vom 2 Januar, 2010 (13:48) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Ein dreißigjähriger Mann (aus „Mäander“)

22 Dezember, 2009 (11:16) | | suppenküche | 2 Kommentare

Da liegt er, halb zur Zimmermitte hin auf die Seite gelagert, gelähmt bis auf Arme und Kopf, der riesig, beinahe unförmig wirkt, feist in der unteren, hochgewölbt in der oberen Hälfte, also birnenförmig, gekrönt mit dünn gewordenem Lockenhaar, das korkenzieherartig, in drahtigen Strähnen in seiner hohen Stirn klebt, die für mich aber weniger große Intelligenz als vielmehr enorme Dummheit verrät:

mein Eindruck, wohl beeinflußt von persönlichen Erfahrungen mit diesem dreißigjährigen Mann, der eher an ein Riesenbaby erinnert, hauptsächlich wegen seiner körperlichen Hilflosigkeit, aber auch seine oft naiven Äußerungen tragen dazu bei, als sei er geistig ebenfalls behindert, zumindest zurückgeblieben, was nicht der Fall ist, sondern an seinem behüteten, abgeschirmten Dasein von Geburt an liegen muss,

ist er doch mit offenem Rücken zur Welt gekommen, querschnittsgelähmt, schon immer wie unter einer bemutternden Glasglocke gehalten, fern jeder Realität, im Bann eines infantilen Narzißmus befangen, zuerst von der Mutter verwöhnt und verzogen, fettgefüttert, zu einer fatalen Passivität abgerichtet, später von ständig wechselndem Personal ver- und vor allem bewahrt,

nur mit der eigenen unzulänglichen Leiblichkeit konfrontiert, seinen zahllosen körperlichen Fehlfunktionen, die etliche Operationen nötig machten, was ihn nur noch mehr auf sich selber fixierte, auf seine nie endenden Krankheiten,

noch verschlimmert durch seine zunehmende Verfettung, einhergehend mit Schnaufen bei jeder Bewegung sowie einem dauernden Untersichlassen, ein ewiges Rieseln und Wegsacken von dem, was er oben süchtig an Zuckergetränken in sich reinkippt und an Süßigkeiten in sich hineinstopft, wodurch er aus der Analphase nie herausgekommen zu sein scheint,

jedenfalls hat er ein fast zärtliches Verhältnis zu seinen Ausscheidungen, seinen ständigen Begleitern, um die sich ein Großteil seines Denkens dreht: Verdauung und ihre durch Pulver, Tropfen und Zäpfchen behobenen Verstopfungen, urologische Probleme mit regelmäßigen Arztvisiten und Krankentransporten in die umliegenden Kliniken.

Auch sonst scheint er keine kritische Distanz zu sich selber zu haben, sich vielmehr buchstäblich sauwohl zu fühlen in seinem Gegrunze, Gerülpse und Gestank, oftmals begleitet von ihn erleichterndem Erbrechen bei anschließendem Weiterfressen – behaglich wie ein Schwein in den eigenen Fäkalien, wobei sich der Eindruck des Schweinischen bzw. Ferkelhaften noch durch seine Erscheinung geradezu aufdrängt:

ein prallgemästetes Wesen in rosiger Haut, halb auf den Rücken gelegt, ein gestrandeter Wal, von Kissen und Polstern gestützt, mit unterentwickelten Beinchen am aufgequollenen Leib, verkümmerten, beim Wenden leblos mitschlackernden Gliedmaßen, die an die Baumelbeine gewisser Stoffpuppen erinnern,

und seine Arme, ebenfalls vielzu winzig an seinem mächtigen Leib, kann er nur eingeschränkt bewegen, tapsige Fühler, daran spastisch verzerrte Händchen, zum Greifen kaum in der Lage.

Doch bei aller monströsen Häßlichkeit ist er von einer erstaunlichen Selbstakzeptanz durchdrungen: eine zweite über ihn gestülpte gefühlige Glasglocke, ein subjektiver Filter, der alle Unbill von ihm fernhält, ihn in wohliger Behaglichkeit dahindämmern lässt, in völliger Eigenverliebtheit,

während er kritische Urteile über andere fällt, hauptsächlich über das Pflegepersonal, das er einteilt in solche, die ihm schmeicheln, und solche, die auch mal skeptische Bemerkungen machen, wobei die Kritischen bei ihm unten durch sind, er die Verlogenen aber emphatisch sympathisch findet.

Ich gehöre zur letzteren Kategorie, halte mit meiner Meinung hinterm Berg und rede ihm nach dem Maul, weil ich keine Lust auf Diskussionen mit ihm habe, ist er doch völlig uneinsichtig, ja lernresistent, zudem mimosenhaft empfindlich, und reagiert auf Widerstand mit Rückzug und völligem Verweigern.

Soll er doch in seiner rosigen Scheinwelt dahinvegetieren, denke ich ohne Skrupel: was hat er denn sonst, und außerdem erleichtert es mir die ohnehin nicht geliebte Arbeit.

Beitrag vom 22 Dezember, 2009 (11:16) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (2) Kommentare


Kreise

17 Dezember, 2009 (18:43) | | suppenküche | Kommentieren

Man geht alleine auf die Reise
Und irrt und eilt so seine Kreise,
Die sich verschränken knäuelgleich.
Aus reich wird arm. Wer arm ist, reich.

Am Fensterbrett turnt eine Meise.
Wer sie betrachtet, wird ganz leise,
Sie pickt und springt so federleicht.
Was seicht ist, klingt. Wie’s klingt, scheint seicht.

Das Dasein bricht sich seine Schneise,
Und wir verlassen die Geleise,
Die man uns vorgegeben hat.
Wer satt war, darbt. Wer darbt, wird satt.

Die Sterne ziehen ihre Kreise.
Der Mond folgt stumm der Erdenreise,
Strahlt matt und kalt und eisig leer.
Aus schwer kommt leicht. Aus leicht wächst schwer.

Beitrag vom 17 Dezember, 2009 (18:43) | Autor: Walther | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Wellenzittern

16 Dezember, 2009 (23:25) | | suppenküche | 1 Kommentar

WellenzitternDer alte Jäger tritt geräuschlos mit dem Fischspeer heran. Die Jungen blicken gespannt in das Wasserloch, wo der Biber zum Atmen auftauchen muss. Sie verharren in der Stille und warten, aber dann beginnen sie zu frieren.
Mit einmal sticht der Jäger ins Eisloch mit dem Speer: Wildes Plätschern, ein Sprühregen von Tropfen – schon liegt ein Biber auf dem Eis.
Die Jungen stottern, dass sie das Tier gar nicht haben kommen sehen. Der Jäger lächelt. „Es hält auch nur die Nasenlöcher heraus. Das Wasser bewegt sich etwas, das ist alles.“
Der Jäger stellt sich wieder bereit, und diesmal sehen die Jungen kleine Wellen über die Wasserfläche laufen.

Beitrag vom 16 Dezember, 2009 (23:25) | Autor: Kathrin Drescher | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (1) Kommentar


Astenden

14 Dezember, 2009 (23:57) | | suppenküche | 2 Kommentare

AstendenDie Fischer verteilen sich über den vereisten See. Der alte Jäger aber hält mit den Jungen auf einen mannshohen schneebedeckten Holzhaufen zu. Überall lugen vereiste Astenden hervor, die Jungen ziehen an dem Holz, doch die Äste liegen unbeweglich fest. Rundum die Fischer lachen in gutmütigem Spott und wenden sich wieder ihren Stellen zu.
Der alte Jäger verteilt die Aufgaben. Die Jungen greifen zu den Äxten und beginnen die Eisdecke einzuhacken. Schon schimmert das Seewasser in der Öffnung, an der sie arbeiten. Der Jäger erklimmt derweil den Holzhaufen und zertrümmert auf einen Hieb das Dach der Biberburg.

Beitrag vom 14 Dezember, 2009 (23:57) | Autor: Kathrin Drescher | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (2) Kommentare


Knochengabeln

11 Dezember, 2009 (23:27) | | suppenküche | Kommentieren

KnochengabelnSie brechen in der Morgendämmerung auf, erreichen ihr Ziel aber am frühen Mittag. Es geht nicht so schnell wie sonst, denn die Fischer stecken in Fellmänteln und tragen Hosen aus Rindsleder. Auch die Jungen sind in Felljacken mit langen Ärmeln und Kapuze gehüllt, um beim Eisfischen nicht festzufrieren.
Viel Gerät brauchen sie nicht zu tragen, nur Körbe, Äxte und etliche Fischspeere aus geradem Holz mit dreizinkigen Knochengabeln und haarscharfen Spitzen. Die Jungen kennen diese langen, dreizackigen Lanzen in den Händen der Fischer während der Notwinter; diesmal sind sie mit dabei und drängen darauf zu erfahren, wie mit den Lanzen gefischt wird. Sie erinnern sich, dass die Fischer damals mitten auf dem Flusseis unter kleinen Zelten lagen, gegen die Kälte schwer in Pelze verpackt. Nun, bald werden sie es selbst erleben.

Beitrag vom 11 Dezember, 2009 (23:27) | Autor: Kathrin Drescher | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Futter

10 Dezember, 2009 (20:37) | | suppenküche | Kommentieren

Das Leben ist voll Ungerechtigkeiten:
Der Gute unter uns verstirbt beizeiten;
Es lebt der Böse häufig 100 Jahre.
Das will dem Einen manchen Schmerz bereiten.
Der Andre hält schlicht die Moral für Ware,

Mit der man handelt, wie’s gerade passt:
Man wirft sie ab, wird sie einmal zu Last;
Noch besser wirkt es, wenn man sie verbiegt.
Dann eilt man weiter, ohne jede Hast,
Weil man ja immer sicher vorne liegt.

Voll Ungerechtigkeit sind diese Zeiten,
Wenn alle nur für sich, den Mammon, streiten:
Es bleibt kein Platz mehr für das Klare, Wahre.
Denn, wen die Ehre und Moral begleiten,
Ist Futter für Hyänen, Geier, Stare.

Beitrag vom 10 Dezember, 2009 (20:37) | Autor: Walther | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Biberburgen

8 Dezember, 2009 (23:56) | | suppenküche | 1 Kommentar

Biberburgen„Wir werden morgen den See ohne Abfluss leerfischen“, kündigt der Jäger an.
Die Jungen heben den Kopf, diesen See kennen sie von den Pfaden zum Ahornwald. Vor ihren Augen steigt das Bild dieser Landschaft auf: ein türkisblauer See, ringsherum Laubwald, der sich auf den zitternden Wellen widerspiegelt und an einer Seite öffnet, hin zu einer großen Wiese. In der Mitte, unerreichbar, ein mächtiger Haufen Reisig und Stöcke: eine Biberburg.

Beitrag vom 8 Dezember, 2009 (23:56) | Autor: Kathrin Drescher | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (1) Kommentar


Fischgräten

7 Dezember, 2009 (23:56) | | suppenküche | Kommentieren

FischgrätenDie Hunde liegen im Gras und schauen träge zu, sie haben sich schon den Bauch vollgeschlagen. Bald sind auch die Jungen soweit. Sie rücken als erste vom Feuer ab. Ihnen folgen die Fischer. Der alte Jäger hält am längsten aus. Schließlich streckt auch er sich ins Gras. Er ist beim Essen immer der letzte, denn er isst langsam und mit Bedacht. Zum Abschluss nimmt er sich stets die Fischköpfe vor. Er pult sie sorgfältig auseinander, und dann saugt er die Gräten und Knochen aus. Sie werden so sauber, dass man sie für das Ritual hergeben könnte. Der Jäger behauptet, der Kopf sei das Beste am Fisch, etwas Feineres gäbe es nicht. Die Jungen sind anderer Meinung, sie rücken zur Seite, strecken sich auf dem Boden aus, verschränken die Arme unterm Kopf und schauen in den Himmel.

Beitrag vom 7 Dezember, 2009 (23:56) | Autor: Kathrin Drescher | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Augenschmaus

6 Dezember, 2009 (19:58) | | suppenküche | 4 Kommentare

Die Augen sind ganz trüb, der Atem flach,
Die Hände liegen kraftlos an den Beinen.
Sie reicht nicht einmal mehr zum Weinen.
Die Fliegen sitzen überall, zu schwach,

Sie zu verscheuchen, keucht das kleine Kind
Und führt die Zunge an die trocknen Lippen.
Die Mutter blickt nach innen, und ihr Wippen,
So hilflos, dass das Lächeln schnell gerinnt,

Will gar nicht enden; ihre dumpfen Worte
Sind durch das Atemrasseln übertönt:
Man muss sie nicht verstehn. Das sind die Orte

Und Bilder, an die niemand sich gewöhnt:
Der Wohlstandsmensch sieht sie bei Sahnetorte,
Durch Farbbrillianz zum Augenschmaus geschönt.

Beitrag vom 6 Dezember, 2009 (19:58) | Autor: Walther | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (4) Kommentare


Bernsteinfarben

5 Dezember, 2009 (23:55) | | suppenküche | 1 Kommentar

BernsteinfarbenDie Jungen setzen sich auf den Boden neben das Feuer und machen sich über die Suppe her. Der Schweiß strömt ihnen über das Gesicht, und sie haben Tränen in den Augen. Die Suppe ist bernsteingelb und ganz durchsichtig. Obenauf schwimmen dicke Fettaugen, auch ein paar Stückchen Holzkohle, die der Wind hineingeweht hat. Sie riecht wunderbar nach Rauch, die Suppe, und schmeckt nach den Würzblättern.
Zuerst schlürfen die Jungen nur die Brühe mit den Knollen. Die Fischbrocken haben sie herausgenommen und auf die Abdeckung gelegt. Sie kommen erst am Schluss dran. Das Fleisch der Fische ist schneeweiß, gelblich oder rosa. Und alles ist wunderbar zart, es zergeht einem auf der Zunge.

Beitrag vom 5 Dezember, 2009 (23:55) | Autor: Kathrin Drescher | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (1) Kommentar


Zündeldürre

4 Dezember, 2009 (11:07) | | suppenküche | Kommentieren

ZündeldürreWer Feuer machen will, darf nichts übereilen. Die Jungen gehen ganz behutsam zu Werke. Auf das dünne Reisig legen sie ein paar verdorrte Zweige. Darauf kommen etwas kräftigere trockene Äste. Ganz obendrauf packen sie armdicke Scheite kreuzweise übereinander. Zudem stellen sie fest, woher der Wind weht, und schichten das Holz so auf, dass das trockene, zündeldürre Reisig an den Rand zu liegen kommt. Es muss an der dem Wind zugekehrten Seite liegen, da dort auch das Feuer entzündet wird. Dann schlägt die Flamme in das Holz hinein, und das Holz fängt Feuer. Nur bei Windstille ist das Reisig in die Mitte des Haufens zu packen.
Die Brennsteine werden aneinander geschlagen und die entstehenden Funken mit dem Zündschwamm aufgefangen. Es wird gepustet, bis sich die ersten Flämmchen entwickeln. Daran werden ein paar Holzspäne entzündet und an das Reisig gehalten. Das Reisig lodert sofort auf und brennt mit fröhlichem Knistern. Die Flammen lecken am Holz hoch. Da das Feuer so weit ist, ändern sie nichts mehr dran, sondern lassen es ruhig durchbrennen. Erst wenn alles schön brennt, haben sie vor, noch ein Balkenfeuer zu bauen.

Beitrag vom 4 Dezember, 2009 (11:07) | Autor: Kathrin Drescher | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Balkenfeuer

2 Dezember, 2009 (00:06) | | suppenküche | 1 Kommentar

BalkenfeuerUm ein Balkenfeuer für die Nacht hindurch anzulegen, brauchen die Jungen zwei Baumstämme. Je stärker, um so besser. Im tieferen Wald hätten sie längst einfach zwei dicke Bäume herangerollt, aber hier in der Nähe ihrer Siedlung liegen kaum Bäume herum. Doch sie haben bereits auf dem Heimweg vom Angeln geeignetes Holz ganz in der Nähe vom Lager gesehen. Die Jungen ziehen los und holen es.
Zurückgekehrt, schieben sie die Klötze von beiden Seiten an den Holzstoß heran, so dass das Feuer in die Mitte kommt. Fangen die großen trockenen Stämme erst einmal Feuer, so brennen sie langsam mit ruhiger, gleichmäßiger Flamme bis zum Morgen weiter. Sind sie durchgebrannt, braucht die Jungen sie bloß von neuem ins Feuer zu schieben, und wieder brennen sie eine lange Zeit. –

©Text & Bild: Kathrin Drescher

Beitrag vom 2 Dezember, 2009 (00:06) | Autor: Kathrin Drescher | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (1) Kommentar


Sprottensuppe

28 November, 2009 (23:40) | | suppenküche | Kommentieren

FischsuppeDer Mittag ist herangerückt, die Jungen machen sich daran, eine Fischsuppe zu kochen. Sie gießen Wasser in einen Topf, hängen ihn über dem Feuer auf und werfen etwas Lauch, Würzblätter und -körner ins Wasser, als nächstes die kleinen Fische. Dann warten sie, bis die Sprotten völlig zerkocht sind und seihen die Suppe durch ein Tuch. Die unzerkochten Fischstücken werfen sie den Hunden hin und hängen die Brühe wieder übers Feuer. In dieser Brühe kochen sie jetzt die größeren Fische. Dann wird erneut alles durchgeseiht. Anschließend kochen sie die Köpfe und Schwänze der größten Fische und seihen noch einmal das Ganze durch. Endlich geben sie ein paar essbare mehlige Knollen in die Suppe, und als die gar sind, schütten sie auch die im klaren Wasser ausgespülten Stücken der größten Fische hinzu. Der Rogen und die Leber kommen als letztes in den Topf. Zum Schluss lassen sie aber die Suppe nicht mehr so lange kochen. Dreimal kochen sie alles auf und nehmen dann den Topf vom Feuer. Zugedeckt muss die Suppe noch eine Zeit lang ziehen. Aber dann ist sie fertig.

©Text & Bild: Kathrin Drescher

Beitrag vom 28 November, 2009 (23:40) | Autor: Kathrin Drescher | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Nach der Kündigung im Umkleidekeller

5 November, 2009 (10:32) | | suppenküche | 2 Kommentare

Aufgeschreckt vom Türenschlagen im Nebenraum, wo sich die Schließfächer der Mitarbeiter befanden, in die eine Reinigungsfirma die saubere Arbeitskleidung zurücklegte, taumelte ich für einen Moment in meinem Bewusstsein durch Raum und Zeit, wie nach dem Erwachen aus tiefem Schlaf, wenn sich die Bruchstücke verschiedener Welten durcheinanderbewegten, unvereinbar, was umso verstörender war, als ich mich schutzlos, wie bei intimen Dingen ertappt fühlte und fürchtete, enttarnt, lächerlich gemacht oder zur Rechenschaft für etwas gezogen zu werden, was mir selber diffus war, eine Ungewissheit, die so unerträglich wurde, dass ich es in diesem Schwebezustand nicht mehr aushielt und grimassierend auf der Stelle zuckte, als mich das Scheppern einer Schließfachtür gleichsam erdete, mir einen akustischen Orientierungspunkt und sowas wie Entwarnung gab, worauf die Tür zum Flur draußen zuschlug und Schritte sich entfernten, anfangs hallend, dann immer leiser, ein Klang, dem ich nachlauschte, bis mich die völlige Stille wiederum aus der Versenkung riß.

Ich warf die Sachen in meinem Spind, Arbeitssandalen, Gummihandschuhe, Einmalwaschlappen, Handtücher, Kleiderbügel und Blutzuckerteststreifen, kurzerhand in den Mülleimer, auch meine privaten weißen Hosen und T-Shirts, wie um mir ein- für allemal klarzumachen, dass es mir wirklich passiert war, meine Kündigung griff, die ein anderer, nicht ich, abgegeben haben musste, und wenn ich es doch gewesen war, dann unter Fremdeinwirkung, als hätte mich jemand ferngesteuert, ein verrückter, destruktiver Instinkt, wie ein verborgenes Geschwür plötzlich aufgebrochen und zum Vorschein gekommen, eine schlummernde Krankheit, die ich schon lange mit mir herumschleppte, eine selbstmörderische Bereitschaft zu einem Kurzschluss, einer Wahnsinnstat, von der ich bis jetzt noch nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte, aber da war ich gesprungen, ins Nichts, in die totale Unsicherheit hinein, einfach so, aus einer Laune heraus, und nun gab es kein Zurück mehr.

Vielleicht war es ja auch ein Befreiungsschlag gewesen, sozusagen das Verlassen des sinkenden Schiffs, oder das Öffnen eines unerträglich gewordenen Furunkels, und der nachlassende Druck erinnerte an den erlösenden Austritt des Eiters: allein die Erleichterung lohnte die scheinbare Verrücktheit meiner Kündigung, nur ein rettender Impuls, der notwehrhafte Reflex meines Selbsterhaltungstriebs, ja, vielleicht war ich mit dem Schmeißen des Handtuchs einer tödlichen, zumindest todkrank machenden Gefahr entronnen, einer Art moderner, mich völlig auszehrender Sklaverei, so dass mein freiwillig unfreiwilliger Abgang eigentlich kein Unglück war, wie ich immer noch dachte, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt weiterleben zu können, ein Neuanfang, noch überschattet von der Angst des Unmündigen vor der Selbstbestimmung, mochten mir auch neue Widrigkeiten bevorstehen – schlimmer als bisher konnte es gar nicht kommen, und ich machte, dass ich hier rauskam!

Beitrag vom 5 November, 2009 (10:32) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (2) Kommentare


wiesenfilz

14 Oktober, 2009 (19:03) | | lesung karlsruhe, suppenküche | 5 Kommentare

unheilig rötlich
steigt
herbst aus
dem nachtrevier
entknittert
uns
im herzumdrehen
zwischen kaffee
bad und duft
schlagen meine flügel
federleicht
den ton
an und ein lächeln
kriecht
mitten hinein
ins
zeilen
gespräch
deiner sachlichkeit

Beitrag vom 14 Oktober, 2009 (19:03) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: lesung karlsruhe, suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (5) Kommentare


Chicken Soup. Notes from Bottom

12 September, 2009 (19:24) | | suppenküche | Kommentieren

You can say the Jesus Prayer from now till doomsday, but if you don’t realize that the only thing that counts in the religious life is detachment, I don’t see how you’ll ever even move an inch.

When speaking of detachment, desirelessness. or the „cessation from all hankerings“, there we are, right in the middle: The very first book that once sparked me for spirituality, is Salinger’s novel about Franny and Zooey, the two youngest members of a jewish-irish family from New York city. The following synopsis, which includes two quotes, might tell you of what is figured to religion in this modern „Zen tale“.

Franny is an undergraduate and actress, who is depicted reading the book: The Way of a Pilgrim, which contributes to an emotional breakdown. Zooey, her brother, five years older than Franny, is an actor too.
He visits Franny’s in her room and they talk about her dreams, the religion seminar professor that hates her, and acting. Franny shows him the pilgrim book, which tells how a Russian wanderer learns to take the prayer to a point where it becomes unconscious, almost like a heartbeat, ultimately leading to spiritual enlightenment.

But Zooey totally questions that reciting of a prayer and leaves the room.
… if it’s the religious life you want, you ought to know right now that you’re missing out on every single goddam religious action that’s going on around this house. You don’t even have sense enough to drink when somebody brings you a cup of consecrated chicken soup– […] Even if you went out and searched the whole world for a master –some guru, some holy man–to tell you how to say your Jesus Prayer properly, what good would it do you?

A little later Zooey calls Franny by phone, they continue to talk, and remembering the Fat Lady in their audiences, he shares with Franny some words of wisdom that their eldest brother, Seymour, once gave him:

The only thing you can do now, the only religious thing you can do, is act. […] I don’t care where an actor acts. It can be in summer stock, it can be over a radio, it can be over television, it can be in a goddam Broadway theatre, complete with the most fashionable, most well-fed, most sunburned-looking audience you can imagine. But I’ll tell you a terrible secret– Are you listening to me? There isn’t anyone out there who isn’t Seymour’s Fat Lady. That includes your Professor Tupper, buddy. And all his goddam cousins by the dozens. There isn’t anyone anywhere that isn’t Seymour’s Fat Lady. Don’t you know that? Don’t you know that goddam secret yet? And don’t you know–listen to me, now–don’t you know who that Fat Lady really is? . . . Ah, buddy. Ah, buddy. It’s Christ Himself. Christ Himself, buddy.

(C) Kathrin Drescher, (aus: „Notes from Bottom“ vom 22.12.2008)

Beitrag vom 12 September, 2009 (19:24) | Autor: Kathrin Drescher | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Hühnerleiter

25 März, 2009 (20:07) | | suppenküche | Kommentieren

Sonettkranz Hühnerleiter

I

Und es begann am frühen Sonntagmorgen,
Da nahm ich’s auf mit dieser blöden Welt.
Ich hatte nichts. Und nur ein Sack voll Geld
Beendet alles Elend und die Sorgen.

Vom Geld, da hatte ich mir was bestellt:
Was man nicht hat, das kann man einfach borgen.
Auch vom Kredithai kann man sich’s besorgen,
Wenn man es mit den großen Zinsen hält,

Die der bezahlt, der keine andre Chance hat.
Die Welt, sie dreht sich auch noch weiter,
Wenn Armut Augen leer macht, trüb und matt.

Das Leben ist wie eine Hühnerleiter:
Beschissen, alt, voll Tücken, dazu glatt:
Die Sonne scheint, drum nehme ich es heiter.

Fortsetzung unter „Kommentar“

Beitrag vom 25 März, 2009 (20:07) | Autor: Walther | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Gerade noch geschafft

12 November, 2008 (14:54) | | lesung karlsruhe, suppenküche | Kommentieren

Wenn ich die alten Frauen, die ich ins Klo vor die Kachelwand gefahren habe, auffordere, sich an den beiden Haltegriffen festzuhalten und vom Rollstuhl aufzustehen, muss ich oft, da ihnen die Kraft dazu fehlt, nachhelfen, indem ich sie am Hosenbund wie am Schlafittchen fasse, hochziehe und nach vorn drücke. Ich rede ihnen zu. Da ihr Schließmuskel nun vom eigenen Gewicht befreit ist, entweichen Blähungen in kleinen Fürzen: lautmalerische Girlanden. Ich halte die Luft an, zerre alles an ihnen herunter: Jogginghose, Strumpfhose, Unterhose, Netzhose, Einlage – ehe sie, altersschwach zitternd und ängstlich jammernd, kollabieren, und lege ihre runzligen, von den Druckstellen rotgestriemten, in labberigen Falten herunterhängenden Gesäße frei. Gestank – ich atme flach durch den Mund auf und verlasse schleunig den Raum. Hinterher klammern sie sich erneut an den Haltegriffen fest, während ich, Papier in der einen Hand, die baumelnden Gesäßhälften mit den gespreizten Fingern der anderen auseinanderhalte. Kotverschmierte Hämorrhoiden: abtupfen, vorsichtig. Urintropfen perlen mir über den Handrücken. Ihr „Ach“ und „Oh weh“, worauf ich mit einem aufmunternden „Gleich vorbei“ reagiere. Ausdünstungen aus dem Klosett – der Blick hinein lässt mich würgen. Schon knicken ihnen die Beine weg, sacken sie schwer in sich zusammen – in ihre Hosen hinein, die ich mit beiden Händen aufhalte und an deren nachgiebigen Gummibändern ich sie dann nach hinten in den Rollstuhl bugsiere: puh, gerade noch geschafft.

Beitrag vom 12 November, 2008 (14:54) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: lesung karlsruhe, suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


A bissl wos geht immer oder: ana geht noch

10 Oktober, 2008 (23:22) | | suppenküche | 4 Kommentare

Ich glaube an mich unverdrossen,
Hab ich auch dieses Ding verschifft,
Bin ad personam so versifft,
Dass alle Türen sich verschlossen.

Es trifft sich, dass mich nichts betrifft,
Es ist an mir vorbeigeschossen.
Und ich hab alles voll genossen
Und war nicht mal dabei bekifft.

Die Soße hat mich nicht getroffen.
Das lässt mich immer wieder hoffen.
Der Stoff schmeckt wie das helle Gift:

Mein linkes Auge ist noch offen.
Ist auch der Kahn fast abgesoffen,
Zum Abgrund treibt die schnelle Drift.

Beitrag vom 10 Oktober, 2008 (23:22) | Autor: Walther | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (4) Kommentare


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