Beiträge zu rausch (zustände)

liaison part I

13 Februar, 2012 (14:28) | | blut.bahnen/rauschen, rausch (zustände) | Kommentieren

eine liaison mit dem orthographen
vererbte typographien der falz eines falls
pulverisierte absatzdenken

nichteinig zu sein war das einzige
über das einigkeit herstellbar schien
market intelligence als buzzword

mein blackberry mäanderte brummend
durch das meeting die powerpoint
als eyecatcher & door opener

da öffnete sich die tür & du
warst all eyes in awe die nerds
hatten adamsapfelzucken &

lippen eine trockene aussprache
& das knistern deiner silver stockings
elektrisierte selbst den beamer

sex sells meinte der vp marketing
deinen augenaufschlag später
begleitete ironisches lächeln

this is it dachte ich gebannt
dein duft ließ die sicherung durch
brennen & setzte mich unter strom

Beitrag vom 13 Februar, 2012 (14:28) | Autor: Walther | Rubrik: blut.bahnen/rauschen, rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


kannsein

20 Januar, 2012 (00:39) | | rausch (zustände) | 2 Kommentare

„you keep pushing pushing“ (charles bukowski)

dass das dasein allenfalls ein kannsein,
möglichkeit statt faktotum wäre,
sagt jedes gedicht
irgendwo.

selbst wenn es hochtönt, die
hallelujahs feiert, zeigt es,
wenn es gut ist, auch seinen
abraum,

den müll, das klo, die gosse, in der es
embryonte, fötus der silbe
zur wortausgeburt wurde, wuchs
sich aus zum vers

und der strophe, die schon
dasteht wie immer dies“ große
empire der dichtung, ja,
weltentwurf!

das gedicht ist stadt, land, fluss,
das alte spiel, und der entwurf,
der seinen auswurfscharakter,
das husten, den schleim, zähen,

nicht verbirgt, zeigt!
ein ausatemstöhnen
über den dämpfen der liquorgläser,
dem rausch der kippe

zwischen den lippen:
hat man ihn da, während beide hände
am glas tippnippen, flüssigflüstert man unver-
ständlich stehend dazwischen.

und was du siehst, dichter,
was du hörst, was du fühlst auf der haut,
dem kannst du nicht entrinnen:
es kann sein, you quittest this job.

video zum poem
Matt Dillon als Henry Chinaski in der Schluss-Sequenz aus Bent Hamers „Factotum“

(für werner)

Beitrag vom 20 Januar, 2012 (00:39) | Autor: Jörg Meyer (oegyr) | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | (2) Kommentare


sonnenst(r)ändig

8 August, 2011 (04:44) | | rausch (zustände) | 3 Kommentare

die füße im marsch der ballerinen,
das trunkene, das (fast nackt)
auf einem sommerabendweg geht,
erhö[h/r]t die seidigen stimmen

der mädchen, wenn es nacht wird,
ein erdbeeriges erdbeben
der sehnsucht, ein flüchtiger
fluch, ein einverstanden.

ein sonnenuntergehen unter starkstromdrähten,
ins GEGENLICHT verloren.
ich singe von diesem gang namens GESANG
in versen meiner lieder.

du wirst sie liederlich (wieder-) finden
im rauen sein der see, die abends,
heftiger getrieben
von fernweh, an land drängt.

am horizont nurmehr das glimmen
aus gelingen der gitarren.
ein choral zur mitternacht:
ich falle ein,

stürze in mein herz zurück
und zwischen löwenzähne
am hindämmernden bahndamm.
roh rauschend findest du mich dort.

gedicht & gitarren

Beitrag vom 8 August, 2011 (04:44) | Autor: Jörg Meyer (oegyr) | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | (3) Kommentare


Sommerregen

7 August, 2011 (14:21) | | rausch (zustände), tage-bau | 14 Kommentare

Sommerregen
im Rinnstein schwimmt
ein Kassenbon

Beitrag vom 7 August, 2011 (14:21) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: rausch (zustände), tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (14) Kommentare


herrenhausen tag und nacht

28 Juni, 2011 (15:38) | | lesung kreuzberg, rausch (zustände), tage-bau | 4 Kommentare


ein tag aus zauberstaub, regenbogenzart, mit leuchtenden schatten. die menschen gingen leise über den kies, es war, als schwebten sie, immer diesem kühlen leuchten der großen fontäne entgegen. in den wassernebeln wandelten ihre schatten rundherum um den vergoldeten quelltopf.

ich unter meinem baum verborgen lauschte dem rauschen des wassers, sah die zitternden blätterspitzen etwas in das blau des himmels schreiben, grünes geschwätz, grünes grünes geplauder, das ich nicht verstand, es war auch nicht nötig. herr leibniz und kurfürstin sophie lagen mit mir im gras und zählten die adern der blätter. „und sehen sie: es gleicht nicht eines dem anderen“, sagte herr leibniz. „o ja,“ seufzte sophie, „ist es nicht wunderbar?“

dann schwieg auch sie, wir alle drei schwiegen und lauschten dem wasser, den blättern, dem himmel, den vögeln, die die wahrheit wussten. nach einem tiefen schlaf verirrten wir uns in den gärten, gerieten tiefer und tiefer hinein, verloren die spur des minotaurus beim kleinen pavillon mitten im irrgarten. dunkel war es nun, und still, selbst die vögel hatten keine lieder mehr. ich hörte herrn leibniz vom monde sprechen und von der besten aller möglichen welten, vom reisen in rumpelnden kutschen und der notwendigkeit, einen gefederten reisesessel zu erfinden, um die strapazen zu mildern. mit dem spazierstock zeichnete er seine erläuterungen in den kies. schließlich gingen sie davon, ich folgte ihnen bis zum großen tor und sah sie in die linie 4 der stadtbahn steigen. sie hielten sich an den halteschlaufen fest, schwankten leicht beim anfahren der bahn, die perückenköpfe einander zugeneigt in freundschaftlichem gespräch.

als sie nicht mehr zu sehen waren, kehrte ich um. ich wollte noch nicht zurück in die stadt, mir war, als hätte mir der garten noch nicht sein letztes geheimnis verraten. die kiessteinchen knisterten unter meinen füßen, die nachtluft war kühl und erfrischend, die ölbäume in ihren kübeln winkten mich freundlich weiter. hier – ein hauch von lavendel – da ein duft nach brunnenwasser, dort – die hellen schattenrisse der figuren, die vier elemente, die erdteile, die nymphen und faune und pan, der alte schlawiner, der versucht, die nymphe syrinx herumzukriegen. doch die will ihn nicht, verwandelt sich, und pan hält ein bündel schilf in seinen armen, dem der wind klagende töne entlockt. das klingt so schön, so wunderschön, verweile doch denkt pan bei sich und macht sich eine flöte aus der geliebten. im weitergehen kichere ich vor mich hin und schön angesäuselt vom lindenblütenduft kehre ich im rosengarten ein.

wie wunderbar ist es, hier im dunkeln zu sitzen zwischen all den schönheiten, die so verschwenderisch ihren duft verströmen. die nachttiere höre ich huschen und rascheln in den rabatten und der mond macht O in den dunklen himmeln. mehr will ich nicht, nur rosen riechen und stille sein. meine wange lehnt am rankengitter, blätter und blüten streifen meine haut, auch zarte dornen wischen drüberhin – und ja, denke ich, das ist es, das ist es, das ist der ultimative rosenrausch.

da plötzlich, ein prickelndes kühles wehen durchschneidet die schwüle, ein leichter fast schwebender schritt ist zu hören, ein rotes gewand schwingt sich herein zu mir auf die gartenbank, rot rot flammend flammend rot. ich atme nicht mehr, oder ich atme kaum noch oder ich atme nur flach oder ichâ?¦. „schönste“ seufzt er mit himbeerenstimme, „ich hab“ so lang“ auf sie gewartet.“ ich springe auf, sofort. „ich kann mich nicht erinnernâ?¦ sie haben sich nicht vorgestellt, ichâ?¦“ „deep secret, mein name, schönste, sie erinnern sich wirklich nicht?“ mit einem schritt ist er bei mir, herrisch greift er zu, zerrt an meinem kragen, legt die wange an meinen hals – es ist so leicht, sich fallen zu lassen. in tiefen zügen atme ich, dieser duft, sein duft, schlimmer noch als lindenblüten. meine finger greifen in sein gewand, ist es samt, ist es seide, ist es â?¦ ja was? weich ist es, gleichzeitig fest und aufregend abweisend, darunter fern und kühl seine haut, glatt und zart wie götterhintern. sein bart zerkratzt meine schulter, es ist egal, egal rufe ich in den heiligen garten, nächtlich still, nur den mond hört man summen und deep secret hastig atmen, mich selbst keuchen und stammeln.

nein, das habe ich nicht gewollt.
aber ich habe es getan in dieser nacht. der erste vogel erwacht, zögernd sucht er die töne zusammen für seine melodie, der mond verschwindet und der morgen linst durch die rankengitter. warm liegt die sonne auf meinen händen, voller blut, auf meinen lippen, wund und zerrissen, und auf meinen knien wiege ich ihn, deep secret, deep secret flüstere ich und immer wieder lese ich seine daten vom blatt, das um seinen schlanken hals hängt: „deep secret, aufrechte gestalt, mittelhoch, teehybride, dunkelrot, öfter blühend, im sommer und im herbst, tantau, deutschland 1977, eltern unbekannt.“

leise verlasse ich den pavillon, lege die sterblichen überreste deep secrets an einem teich zur letzten ruhe und schleiche aus dem garten, noch bevor der erste gärtner zum dienst erscheint.

Beitrag vom 28 Juni, 2011 (15:38) | Autor: Sylvia Hagenbach | Rubrik: lesung kreuzberg, rausch (zustände), tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (4) Kommentare


(b)engel

2 März, 2011 (09:07) | | rausch (zustände) | 3 Kommentare

„erst wenn die wolken schlafen geh’n, kann man uns am himmel seh’n“ (rammstein)

wir zerflügelte, zerpflückt,
an keiner mutterbrust durchpflügt,
in keinem schoß dreifaltiges geschoss,

genossen unseres gesangs
im der gedichte silbenfall,
im untergang ein aufgang und

der tragikomisch“ treppenwitz
der schlicht geschichteten
des schrei(b)gebährens.

wir wünschelrutenwürdenträger einer
kainsvermählung namens nacht,
aus der ein bengel spricht.

Beitrag vom 2 März, 2011 (09:07) | Autor: Jörg Meyer (oegyr) | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | (3) Kommentare


finst’res mittelalter

18 Februar, 2011 (06:04) | | rausch (zustände) | Kommentieren

„die seele reist zu fuß“ (rainer langhans)

wir mittelalten, denen sich der körper
zieht zurück, wir langsamen der zeit,
wir sind nicht rentner und nicht fleiß’ger worker,
wir schlafen gern, bis etwas ist so weit.

wir leben ungewollt den zölibat
und wollen dennoch nicht dem nimmer werben.
aus uns bleckt schüchtern wimmernder verrat,
der sch(m)erz, nicht, was wir wollten, doch zu werden.

die züchtigung, das traute selbstvergessen,
verzicht auf alles, was wir einst geopfert,
so schreiten wir zum unser ende essen

als kannibalen uns’rer eck-sistenz,
die scheint uns kleiner noch. und großgekopfert
verschreiben wir uns ihrer impotenz.

Beitrag vom 18 Februar, 2011 (06:04) | Autor: Jörg Meyer (oegyr) | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


bewegt

14 Februar, 2011 (20:30) | | rausch (zustände), tage-bau | Kommentieren

lebe ich mich
ab
an dir
im schein
erloschener wunder
kerzen
spiegeln die schatten
still
möchte gern
gedacht sein und
das bauchherz fest
gedrückt
mit eindringlicher
bitte um
adäquat verlängerte
frist
bis uns unzeitlos
restliche rosen
blühen himmelwärts
aus aller wolken
wirklichkeit

Beitrag vom 14 Februar, 2011 (20:30) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: rausch (zustände), tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Augen.blick

17 November, 2010 (19:25) | | rausch (zustände) | Kommentieren

Es ist Magie, die sich in Deinen Augen spiegelt:
Man schaut hinein und stürzt ins Liebesparadies.
Die Welt war um mich grau und dumpf wie ein Verlies:
Dein Blick, so strahlend, und mein Schicksal ist besiegelt.

Ich soll es sein, der gestern noch Verlierer hieß
Und gegen den die ganze Hölle aufgewiegelt,
Als wären selbst des Hades Tore ganz entriegelt,
Zu sein schien? Ich soll’s sein, der zweifelnd Trübsal blies,

Den diese tiefen grünen Seen in sich schlingen,
Den dieses Lächeln umwirft und dann fest umschließt?
Ich, der’s kaum glaubt, darf Dich jetzt hier besingen,

Die dieses Glück und diese Sehnsucht in mich gießt!
Du lässt’s in Deinen Ohren als mein Wunder klingen
Und zeigst, wie Du den ersten Augen.blick genießt.

Beitrag vom 17 November, 2010 (19:25) | Autor: Walther | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


mittelmäßIch

29 Oktober, 2010 (04:30) | | rausch (zustände) | Kommentieren

„In Gefahr und grosser Noth // Bringt der Mittel-Weg den Tod.“ (Friedrich von Logau)

in dürren spürest du dein mittelmaß
und vor den mittelwegen dich verneigen.
du willst dich endlich ändern, musst den spaß,
den genien leidend hätten, dir entneiden.

denn keiner bist du und wie jedermann
für fortgesetztes rauschen in der kunst,
die fragt nicht mehr nach wie, warum und wann,
zu klein im geist, am leib zu ungesund.

so schleichst du durch der tage art“gen fleiß
(und auch der nächte), bleibst der leisten schuster,
misst mittig ein dich ungeschwärzt ins weiß,

denn dort scheint’s dir gemäß und nicht zu duster.
diktat des seins, das seine nichtung neint
und ist schon darin seinem tod vereint.

Beitrag vom 29 Oktober, 2010 (04:30) | Autor: Jörg Meyer (oegyr) | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


nuancen

12 Oktober, 2010 (19:21) | | rausch (zustände) | Kommentieren

â?¦ vorüber
gehend
schweige ich
mich frei
zwischen meer und
himmel
füllen weiße blätter
den tag
beschützend
aus

nur manchmal
quengelt
das seelentier:
besuch die kormorane
sie warten
mit abgespreizten flügeln

knapp über dem
wasser

ein rumoren
macht sich breit
in all den leeren
räumen
â?¦ ich öffne
sie nehmen weite
auf
und frischen wind
und das kühle
rauschen
blauer vergänglichkeit

Beitrag vom 12 Oktober, 2010 (19:21) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


zeiträume

2 Oktober, 2010 (19:56) | | rausch (zustände) | Kommentieren

frierend am ufer
zur nacht
auf regen
nasser bank
näher als sonst
ein halber
mond

cremig weht
boogie-sound
von irgendwo
her
ein einsames lächeln

es zieht an
ihr vorüber

sie lächelt zurück
geahnte glut
mohnrot
verloren und

___ ihr ist
als rostet
die welt

Beitrag vom 2 Oktober, 2010 (19:56) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Liebe lie li Libelle

25 August, 2010 (22:55) | | lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Kommentieren

Die Azurjungfer
auf einem Erlenblatt über dem See
Ich verliebe mich und schaue sie an
Da summt ein feines Stimmchen:
„Ich liebe dich“
„Oh, du kannst sprechen!“
„Ja, ich kann zaubern
Fliege los, du Lieber
Auch du bist eine Libelle“
Was?
Ja, du bist meine Liebelle
Wirklich, ich fliege auf, sie hinterher
Wir bilden ein Rad
und tanzen durch die Bäume, die übern See ragen

Beitrag vom 25 August, 2010 (22:55) | Autor: Hartmut Sörgel | Rubrik: lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Und dazu zwitschern laut die Finken

13 August, 2010 (20:10) | | rausch (zustände) | Kommentieren

Wir treffen uns in einem Garten.
Die Rose steht am Weg herum.
Du lässt mich, wie gehabt, noch warten.
Ich stehe und betrachte stumm.

Da höre ich ein leises Knistern
Von einem welken Buchenblatt.
Ein Zünglein schleckt mir zärtlich-lüstern
Am Ohr. Ich werde wild und matt,

Die Beine wollen sich nicht drehen,
Dein Arm umschlingt fest meinen Bauch.
Ich kann die Sonne scheinen sehen
Und ihre Wärme fühl ich auch

Und nicht nur sie, noch eine andre.
Ich rieche Dein Parfüm, den Duft,
Als ich durch die Erinn’rung wandre,
Verschafft sich rasch ein Stöhnen Luft.

Du ziehst mich an Dich, flüsterst mir
Was Liebes hin, wo’s Zünglein nässte.
Es ist, als ob das Alles hier
Im Traum wär, wenn nicht durch die Äste

Die Elster flög und keckernd schrie.
Ich denke, ich werd fallen müssen,
So geht das nicht, die armen Knie,
Da drehst Du mich zu Dir, und Küssen,

Nein, wildes Fressen ist das schon,
Was jetzt geschieht. Es knirschen Steine.
Des langen Wartens süßer Lohn
Kommt über uns, es knicken Beine:

Doch, welch ein Zufall, steht die Bank
Am rechten Ort, auf die wir sinken.
Du lachst und sagst nur: Gottseidank!
Und dazu zwitschern laut die Finken.

Beitrag vom 13 August, 2010 (20:10) | Autor: Walther | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


sirius

8 Juli, 2010 (22:08) | | rausch (zustände) | Kommentieren

der wind dreht
aus der mitte
des universums
fällt
ein letztes
rindenstück
ins knirschen
des feuers
dort
am bach
so viele wilde
vergiss mein
nicht
just
___als würde seide
reißen
leise & mono
ton
nommos sprechgesang
weithin über
die gräber der ahnen
zur nacht
___dieser hauch

stille
nur

Beitrag vom 8 Juli, 2010 (22:08) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Der blöde Frühling

8 April, 2010 (10:58) | | rausch (zustände) | Kommentieren

Der blöde Frühling bläst ins Wunderhorn,
Es hupt der Nachbar wild im Cabrio,
Die Vögel zwitschern laut „Hallodrio!“
Und fliegen durch die Gegend wie verworrn,

Die Halme in den Schnäbeln: Sowieso
Regiert jetzt der Vermehrung „Lebensborn“.
Als ob die Welt begänn“ ganz frisch von vorn,
Belächelt man sich dümmlich und ist froh.

Ich reib mir meine Augen und stell“ fest,
Dass das Getue mich so richtig nervt,
Weil es mich nicht mehr ruhig schlafen lässt,

Denn, ja, auch ich erleb“ die Zeit „geschärft“.
Ich sag es laut: Ihr geht mir auf den Seier,
Die feschen Hasen wie die Ostereier!

Beitrag vom 8 April, 2010 (10:58) | Autor: Walther | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Die Giraffe blutet 2

8 März, 2010 (00:56) | | rausch (zustände) | Kommentieren

Der Behinderte Ludorff hatte Rother ein Fotobearbeitungsprogramm ausgeliehen, das, auf seinem Laptop installiert, zahlreiche Bedienungsmöglichkeiten bot, die er als Laie nur begrenzt zu nutzen wusste,

etwa das Erstellen von Collagen, indem er verschiedene Fotos aus einem Ordner auf seiner Festplatte zu einem Bild zusammensetzte, vor Jahren bei einem Zoobesuch geknipst, stümperhaft, die meisten unterbelichtet und unscharf, die er, ehe er sie überhaupt verwenden konnte, erst überarbeiten musste, aufhellen, schärfen, regulieren, schief aufgenommenen Motive geraderücken, zurechtschneiden,

bis er das Optimum zum Beispiel aus einem Giraffenfoto herausgeholt hatte, so dass die verwischten Konturen nun klar hervortraten, die erloschenen Farben frische Leuchtkraft erhielten, woraufhin er das Tier ausschnitt, indem er die Umgebung mit einem virtuellen Radiergummi entfernte, den er mit der Maus führte, unfähig, die Linien sauber um die Konturen herumzuziehen,

wobei er, verzitterte er eine Kurve, den letzten Arbeitsgang rückgängig machen musste, und als er bei einem neuen Ausrutscher in das Motiv hineinfuhr, blieb wieder eine häßliche Kerbe zurück, als habe er dem Tier einen heftigen Machetenhieb versetzt,

doch ehe er diesmal den Rückwärtspfeil drücken konnte, schoß rote Farbe heraus, was ihn so erschreckte, dass er wirr mit dem Cursor herumfuhr, dadurch weitere Verstümmelungen anrichtete, aus denen neue rote Fontänen herauspulsierten,

und er bewegte panisch die Maus, wollte das Bild komplett löschen, aber der Radierer hatte sich in eine Lanzenspitze verwandelt, mit der das Fell kreuz und quer aufgeschlitzt wurde, grauenhaft, als fahre er mit einem scharfen Messer durch das Fleisch der Giraffe, massakriere sie, schlachte sie ab,

und bei jeder Bewegung schoß es weiter wie Lava aus dem zerpflügten Leib, als verblute er vor seinen Augen, weshalb er wild auf alle möglichen Tasten hämmerte, bis der Computer abstürzte und die Metzelei ein abruptes Ende fand:

schwarzer Monitor; nur ein Lämpchen auf der Tastatur blinkte noch grün, als blinzele es ihm verschwörerisch zu, während er zitternd nach seinem Gesicht tastete, das sich klebrig naß anfühlte, bespritzt vom Blut der Giraffe – oder war es Angstschweiß?

Beitrag vom 8 März, 2010 (00:56) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Er strahlt ins Weite

5 März, 2010 (20:46) | | goldener schnitt, lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Kommentieren

„wie wolken um die zeiten legt“ (friedrich hölderlin)

Der Worte in den Atem schreibt, um zu verführen:
Er strahlt ins Weite. Er strahlt gelb, rot, grün und blau:
Die Lichterfelder, die sich spreizen, die ich schau,
Die wollen mich im Innersten ganz leicht berühren “

Sie staunen, diese wunderbaren, schlängeln schlau
Sich durch die Luft, und niemand kann sie jemals spüren,
Weil sie sich zärtelnd aus dem Nichts zum Äther küren!
Sie binden sich und winden sich, und ganz genau

Wie man die Wolken um die Zeiten legt, bewegt
Es Suchende, die Lebenden, die Endenden:
Der Worte in den Odem haucht, ist angeregt

Von Bilderlauten, die er malt, die wendenden,
Verwunschenen, die, um die Zeiten sich gelegt,
Am Himmel ballenden und sich verschwendenden!

Für öygr

Beitrag vom 5 März, 2010 (20:46) | Autor: Walther | Rubrik: goldener schnitt, lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Scarlattieren (DGb)

5 März, 2010 (11:50) | | rausch (zustände) | Kommentieren

Bei noch größerem Druck würde er zerspringen, und in höchster Not scarlattierte er mit Hilfe eines kleinen, runden Apparats, in dem eine silberne Scheibe steckte, von der elektrische Signale ausgingen, die, in Klänge umgewandelt, durch eine dünne schwarze Schlange zu der Klemme geleitet wurden, die seinen Kopf umspannte,

von einem Ohr zum anderen, jedes ein Trichter in seine Innenwelt, die nun mit Saiten überzogen wurde, Sehnen, straff gespannt im Unendlichen, das sich in einem schwarzen Horizont verlor, von dem er nicht wusste, bis wohin er sich erstreckte, ob er überhaupt irgendwo aufhörte

oder mit dem Universum verbunden war, das sich grenzenlos ins Unvorstellbare fortsetzte, in dem er selber nur ein Staubpartikel war, ein winziges, aber intensives Umfeld, durchzogen mit schneidenden Fäden, gespeist aus dem runden Apparat, die sein Bewusstsein durchflitzten, an unsichtbaren Halterungen befestigt, bald zu einem Gebilde aus silbrigen Klängen verwoben,

nun zu einem Auffangnetz unter ihm aufgespannt, ein Gefühl von Sicherheit verbreitend, als könne er nicht mehr ins Bodenlose abstürzen, und wie zum Test fiel er plötzlich, mit einem diesmal freudigen Erschrecken, das er beim Hinabsausen in der Achterbahn auf der Kirmes verspürt hatte,

wurde aufgefangen von der elastischen Matte, federte auf und ab auf matratzenweichen Klängen, parfümiert mit süßen Melodien, rhythmisiert von beglückenden Harmonien, die ihm das Gefühl gaben, ein Akrobat zu sein, der euphorisch hochfuhr, Loopings machte, hinabsauste,

vom Klangteppich zurückprallte, der allmählich in die Höhe wuchs, jetzt nicht mehr nur eine horizontale Fläche, sondern aufragend ins Vertikale, ein gigantisches Gestänge, das an ein Klettergerüst mit Drahtseilen erinnerte, in dem er nun von einem Berührungspunkt zum anderen katapultiert wurde,

eine Flipperkugel, die nicht auf einer planen Ebene herumfuhr, sondern durch den dreidimensionalen Raum flog, zurückgeschleudert von dem Grund, auf dem er gerade aufgeschlagen war, ein Querschläger, ständig in andere Richtungen geschossen, ein Alptraum,

und seine Festigkeit wurde zunehmend weicher, so dass die Drähte, von denen er vorhin noch ohne Verletzungen abgeprallt war, erst Striemen, dann Schnitte in seinem Körper zurückließen, der zuletzt nicht mehr wegsprang, sondern, ein lehmiger Klumpen, durch die Saiten des Gerüstes hindurchgedrückt wurde,

ein riesiger Eierschneider, der ihn in immer kleinere Stücke häckselte, bis er sich ins Nichts aufgelöst haben würde, das ihm als erlösendes Nirwana vorschwebte, wunderbar “

da schrak er auf und wäre fast vom Stuhl gefallen, auf dem er eingeschlafen war, den Kopfhörer vom Discman auf, aus dem ein Cembalostakkato von Scarlatti perlte.

Beitrag vom 5 März, 2010 (11:50) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


singend gesunken

5 März, 2010 (03:30) | | lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Kommentieren

„wie wolken um die zeiten legt“ (friedrich hölderlin)

wie wasser sich ums wort gelegt, in eis
umschlossen über lang vergang’ne zeiten
als sehnenderes kyrie eleis,
bevor es singend sank ins sich verschweigen.

die teiche schließen sich noch fest um nachen.
des hades fährmann braucht ’nen packeisbrecher.
ich rufe ihn mit meines ruders sprachen,
und freud weist ihm den weg in den versprecher.

wir streiche(l)n ihm die wortverspielten zeilen
aus seinem fahrplan des zu früh versinkens
und handeln aus verspätung, ein verweilen.

die wolken legten zeit um uns’re gläser,
in denen wir des totenschiffers winken
missachteten als trunk’ne wortverweser.

als video.poem

Beitrag vom 5 März, 2010 (03:30) | Autor: Jörg Meyer (oegyr) | Rubrik: lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Die Giraffe blutet, 1

2 März, 2010 (18:13) | | rausch (zustände) | Kommentieren

Absolute Stille, eine poröse Wand, die Rother kugelförmig umhüllte, ihn aufsog und auslutschte, bis er nur noch einen Hohlraum war, der wegen des äußeren Vakuums nicht in sich zusammenfiel, sondern, ein aufgeblähter Ballon, in seiner ursprünglichen Gestalt im Leeren schwebte,

gespenstisch, als sei er aus sich herausgetreten, ein gasförmiger Zustand, etwas Dichtes und zugleich Luftiges, das dann immer heftiger gegen seine Hülle drückte, als werde er so fest aufgepumpt, dass er bald platzen müßte, wenn es kein Ventil gäbe, um den Überdruck abzulassen, der nun in einen Kopfschmerz überging,

einen Migräneanfall mit Messern im Schädel, die sein Hirn durchschossen, stechende Weberschiffchen, intensive Schmerzimpulse mit nachfolgenden Kometenschweifen, milder werdend, langsam zerfallende Kondensstreifen,

doch während sie sich auflösten, bildeten sich neue Blitzschläge in seinem Kopf, der sich füllte mit beißendem Qualm, einer nicht auszuhaltenden Qual, und er sprang auf, um davor wegzulaufen, d.h. vor sich selber, lächerlich, als könnte er diesem Zustand entkommen, ihn wenigstens erträglicher machen,

und er warf sich um sich selber in seinem Verfolgungswahn, begriff plötzlich, dass er nicht von außen gejagt wurde, nein, ihn hetzten innere Hunde, Furien, nicht näher zu benennen,

eine Gefahr, die aus ihm selber kam und seine Panik auslöste, schlimmer, als wenn es äußere Feinde gewesen wären, vor denen er sich wenigstens hätte einigeln können, um den Kopf mit erhobenen Armen wenn auch nur scheinbar zu schützen –

aber wie sollte er, aus sich selbst herausgejagt, vor seinem eigenen Innern in Deckung gehen?

Beitrag vom 2 März, 2010 (18:13) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Ich trage Dich auf meinen bloßen Händen

20 Januar, 2010 (17:37) | | herz & lenden, rausch (zustände), tage-bau | Kommentieren

Ich trage Dich auf meinen bloßen Händen
Und wasche mich in Deiner Unschuld schön.
Ich lege Dir Dein Elfenhaar und föhn
Dir Sterne drauf, die sanftes Glitzern senden.

Ich kleide Dich, wenn ich Dich zart verwöhn,
Mit mir und hauche leis: Das darf nie enden!
Dein Zimmer säume ich mit leichten Wänden;
Ich sammle alle Küsse auf und krön

Dir Deine Stirn und Deine Engelsaugen.
Ich trockne Dich mit meinem Atem ab,
Wobei ich mich verlier, um da zu saugen,

Wo Du die Wundertropfen perlen lässt.
Wenn ich Dich gleich erneut erobert hab,
Hältst Du zum Dank mich stöhnend in Dir fest.

Beitrag vom 20 Januar, 2010 (17:37) | Autor: Walther | Rubrik: herz & lenden, rausch (zustände), tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


steilufer

16 September, 2009 (15:07) | | lesung karlsruhe, rausch (zustände) | 7 Kommentare

ein erster sturm legt
die see
in grobe falten
gischtgekrönt
läuft das wasser
über
kleine kiesel
langsam
zurück
verliert sich
letztes licht
in der tiefe
dieses tages
und unter
ausgeheulten himmeln
glänzt der sommer
nach

Beitrag vom 16 September, 2009 (15:07) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: lesung karlsruhe, rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | (7) Kommentare


schwere los

31 Juli, 2009 (18:40) | | rausch (zustände) | Kommentieren

beinahe schlummer
fellig
nur einen lid
schlag lang
lässt sich die hüterin
der sternenherde
herab
in mein nacht
asyl
suchend
wispert sie
diesen namen
den ich dir
streichel
leise schenkte
ganz in gedanken
an jenem unver
schränkten morgen
als bei den mandel
weiden
der himmel
blaute und tausend
und eine
sehnsucht uns
den atem
nahm

Beitrag vom 31 Juli, 2009 (18:40) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


leuchtfeuer

30 Juni, 2009 (16:45) | | rausch (zustände) | Kommentieren

hinterm hollerbusch
setzen wir
segel
purpurrötlich bis leicht
transparent
das herz über
kopf bei
nahe
wie damals
schmiegt sich
dein kuss
mitten ins lachen
verschwimmen cirrus
fischchen
schnell
dreht uns
das wiesenmeer
schaumkrautig
und herrlich
unverblümt
deklinieren wir
schäfer
latein und augen
weide
und wir
fallen und
fliegen
und treiben dahin
bis dem abend
die puste
ausgeht

Beitrag vom 30 Juni, 2009 (16:45) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Zu tief geblickt

23 Juni, 2009 (19:01) | | rausch (zustände) | Kommentieren

Ich blickte tief in sie, doch sie,
Sie ließ sich einfach nicht mehr blicken.
Ich sollt“ ihr eine Message schicken.
Die Antwort SMS kam nie.

Ich blickte tief in ihren Rücken.
Bestaunte Wade, Fesseln, Knie.
Ein wunderschöner Kolibri:
Sie zu betrachten war Entzücken.

Ich blickte tief auf ihren Busen,
Sah Augen, über ihren Hals,
Den Mund; die Strähnen jedenfalls,

Die blonden, ach, sie streicheln, schmusen,
Das würd“ ich gern im Fall des Falls:
Doch sie, sie kann’s wohl nicht verknusen.

Beitrag vom 23 Juni, 2009 (19:01) | Autor: Walther | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


modelage

27 März, 2009 (15:20) | | rausch (zustände) | Kommentieren

noch lange
nicht
gesättigt
erzählst du
von pappmaché
im frühlingsregen

und blätterst
fingerspitz
längst ein
gefrorene
gefühle auf
die mitte
des tisches

vermischt scheint
alles ziegelrot
mit kirsch
rosa

weiß

beinahe wort
los
versucht
sie sich zu
wenden
fernab vom herd
feuer
das ihre gedanken
kühlt

Beitrag vom 27 März, 2009 (15:20) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


traumfänger

9 Februar, 2009 (23:41) | | rausch (zustände) | Kommentieren

sich verschleppen
im laufe der nacht
weiten stunden
auf spitzfindigen zungen
pfaden
rhythmisch um
einander geinselt
zwischen atmenden
kissen
entschleiert
von haut und haaren
weder
kopf noch ziel

nur
finden
und bestehen

wollen

fast wie damals
trägt sie
jene behutsamkeit

bis ein neuer
morgen
den honigmond
verschlingt

Beitrag vom 9 Februar, 2009 (23:41) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


lichtblaue ferne

10 Januar, 2009 (23:03) | | rausch (zustände) | Kommentieren

lass uns
zur insel fahren

augenzu
wind und wogen
muscheln
suchen
hühnergötter

barfuß über kühlen sand
im händereigen

kein wort
verlieren

und das schweigen
mit dem salz
unserer lippen

schmecken

Beitrag vom 10 Januar, 2009 (23:03) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Erotischer Traum

4 Januar, 2009 (13:01) | | rausch (zustände) | Kommentieren

Lesend betrete ich im Geist mit Marcel den dunklen Vorraum des Hauses. Auf dem Weg zur Treppe bin ich selbst der Protagonist, der gegen einen Kleiderständer läuft in einer Verwirrung, die so groß ist, dass ich den auf einer Truhe sitzenden Hausdiener in seinem langen grauen Rock in der Dunkelheit für Madame Swann halte und mich vor ihm in Grußbezeigungen ergehe. Da kommt die wirkliche Dame des Hauses herbei und drückt mir lächelnd die Hand. Eigentlich bin ich nur wegen Gilberte hergekommen, denke ich gähnend, ermüdet von der anstrengenden Lektüre, und sinke zurück in den Sessel, während das Buch in meinem Schoß zuklappt, mit einem weichen Plop, das nichts weiter ist als der Einbruch des Zeppelins in mein Blickfeld: da schwebt er wie eine große Zigarre im Raum und schleift eine lange Schleppe nach, die außerhalb des Bildes irgendwo befestigt ist. Sie ähnelt einem Fischernetz. Menschen bewegen sich darin wie in einer Hängebrücke, die sich immer länger auseinanderzieht. Plötzlich gibt sie nach und hängt durch, als hätte sie zuviel Leine bekommen. Sie saust in die Tiefe, ein riesiger, auseinanderflatternder Schleier, aus dem die Menschen wie Flöhe herausgeschüttelt werden. Sie zappeln, stürzen hinab und stoßen Todesschreie aus, die sich aus der Ferne wie ein feines Zirpen anhören. Aus dem Off wird immer mehr Netzgarn ins Bild hineingerissen und weht wie ein gewaltiger Vorhang hinab. Verzweifelte klammern sich daran fest. Ein Ruck, und der Schleier weht losgerissen hernieder. Es war eine Explosion, wie ich erst jetzt bemerke. Die Riesenzigarre, an deren Zugleine auch Winzlinge strampeln, gerät in Brand: eine gewaltige Feuersbrunst, gleichsam das Ende der Welt, so unglaublich, plastisch und grauenerregend wie auf Bildern von Hieronymus Bosch. Ein auf mich herabprasselndes Inferno. Ich entkomme ihm durch ein kurzes Aufschrecken – und sacke wieder weg. Der Feuerball zieht sich noch länger, verwandelt sich in einen gigantischen Goldfisch, der rötlich fluoreszierend durch den dunklen Vorraum schwimmt. Rittlings auf ihm ich als Marcel, der eine zwischen seinen Schenkeln aufragende Angel schwingt und den Haken an der Schnur wie ein Cowboy sein Lasso um sich herumwirbelt. Er verfängt sich in Gilbertes wehendem Kleid, die, wie ich erkenne, vor ihm auf der Flucht gewesen ist, in Gestalt einer kleinen Rauchwolke. Gleichzeitig ist mir, als habe sich der Haken auch in mir verfangen: es zieht in meinen Eingeweiden, tut aber nicht weh. Vielmehr kitzelt es, und der Fisch, auf dem ich jetzt reite, bäumt sich auf – nein, etwas anderes: es niest so heftig, dass ich erwache. Da liegt noch die zugeklappte „Verlorene Zeit“, und darunter fühlt es sich unangenehm feucht an.

Beitrag vom 4 Januar, 2009 (13:01) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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