Im letzten Winter

5 September, 2013 (20:48) | | tage-bau | Kommentieren

Die Idee, im Winter Urlaub zu machen und zu diesem Zweck ins Wendland zu fahren, fanden meine Berliner Freunde ziemlich abgefahren. Aber ich dachte mir, im März ist ja nicht mehr wirklich Winter und außerdem kann ich mich an wunderschöne März-Wochenenden erinnern mit sattem Grün auf den Feldern, bunten Krokussen in den Gärten und dem weiten Blick über die Elbe von der Fähre aus.
Die Fähre fällt dieses Jahr aus. Auch das satte Grün und die bunten Krokusse. Statt dessen Grau. Der Himmel, die Elbe, der See – alles grau. Selbst der Schnee – grau. Plötzlich fällt mir auf, wie farbenfroh die Verkehrsschilder sind: knallrote Ränder, tiefes Schwarz auf blitzendem Gelb, grelles Blau â?¦
Langsam entschleunigt das Gehirn, schärft sich die Wahrnehmung. Das Grau bekommt Farbe. Der Himmel – ganz anders grau als die Elbe, der See anders grau als die überschwemmten Wiesen nebenan. Hier ein Blaugrau, dort Grüngrau, Braungrau â?¦ Die Weidenkätzchen blühen in strahlendem Silbergrau, die meterlangen Eiszapfen in spiegelndem Eisgrau.
Dann fällt mir diese Zeitschrift in die Hände. Alles so schön bunt hier im Wendland. Ein paar Rundlingsdörfer wollen Weltkulturerbe werden. Haben sie verdient. Dann lese ich von einer deutlichen Steigerung des Medieninteresses. Und von der Hoffnung, dass das Thema „zu einer weiteren Belebung der Märkte und Strukturen führen“ und dass es ein Wirtschaftsfaktor sein soll, der kulturtouristisch auszuwerten sei. Soll heißen: mehr Tourismus, mehr Arbeit, mehr Geld. Die Wendländer werden ihre Uhren nicht mehr nach der Tagesschau stellen oder nach dem Glockengeläut ihrer Kirchen, sondern nach dem Klackern der Rollkoffer auf dem Kopfsteinpflaster und dem time-table der Animateure.
Ein paar bauliche Veränderungen müssten auch sein, schließlich ist der Kunde König. Satemin zum Beispiel braucht dringend eine Disco und einen großen Parkplatz, schließlich soll ein Weltkulturerbe nicht den Öko-Radlern vorbehalten bleiben. Schreyahn darf den Anschluss an die Moderne nicht verpassen – Christo wäre der geeignete Künstler. Ganz Schreyahn könnte hübsch verpackt werden. Bewohner und Gäste könnten derweil in Bugalows, dem sogenannten Schreyahner Speckgürtel, untergebracht werden. Dringend notwendig für den Fremdenverkehr eines Weltkulturerbes ist eine flotte Autobahnanbindung. Eine direkte Trasse nach Hamburg bietet sich an, da sind keine Rundlinge im Weg. Eine internationale Hotelkette sollte rechtzeitig in die Planungen einbezogen werden. Für Loge schlage ich als Wahrzeichen des Aufstiegs einen Hotelturm vor, von dessen 32. Etage man einen spektakulären Blick auf den kreisrunden Dorfplatz hat.
Was machen alle diese Touristen, wenn sie das Weltkulturerbe besichtigt haben? In Ägypten fliegen sie mit einem Ballon über die Pyramiden in den Sonnenaufgang. Neulich ist ein Ballon abgestürzt. Also kein Ballon. Oder doch? Vielleicht so einer wie in Berlin, der an einer Strippe hängt und trotzdem viel höher über den Straßen schwebt als die höchste Hochhausetage. Bleibt das Problem mit dem Sonnenaufgang. In Ägypten scheinen die Tourismusfachleute davon überzeugt zu sein, dass die Sonne jeden Tag aufgeht – pardon, dass man sie jeden Tag aufgehen sehen kann. Was sollen die Wendländischen Animateure machen, wenn die Touris im Ballon sitzen aber die Sonne nicht zu sehen ist? Also doch kein Ballon.
In Ägypten kann man auch auf Kamelen zu den Pyramiden reiten. Strauße gibt’s hier in der Gegend ja schon – aber Kamele? Ob die UNESCO das akzeptieren würde? Schließlich will sie ein Konzept, in dem auch der weitere Schutz des Erbes festgelegt ist. Also keine Kamele. Pferdewagen? Pferdewagen sind möglich. Auch Besichtigungen vom Pferderücken aus. Und Esel. Esel gibt’s hier schließlich auch. Man könnte von Mammoisel aus Besichtigungsritte zu Pferd und von Köhlen aus – nein, das geht nicht. Dann kämen die durchschnittlich besser betuchten Reiter eher nach Mammoisel als nach Köhlen – nein, das ist ganz undenkbar. Wir wollen keinen Bürgerkrieg im Wendland! Für jedes Dorf also Pferde, Esel, Wagen.
Dann die Andenkenläden! Sie brauchen ein neues Konzept. Sind wir sicher, dass alle Touris Wendland-Kunst nach Hause tragen wollen? Es gibt so viele Zeitgenossen, die sich dem Weniger-Ist-Mehr-Einrichtungskonzept verschrieben haben und sowohl Kunst als auch Kitsch nur in Einzelstücken in ihren minimalistischen Wohnungen dulden. Also muss das Andenken auf den Verbrauchsbedarf: T-Shirts mit I Jabel, Tassen mit lachenden Eseln Gruß aus dem schönen Wendland und Bettwäsche mit dem Gorleben-Logo Wir haben auch aufgegeben.
Ein professionelles Tourismusunternehmen muss auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kunden eingestellt sein. Ein Dorf sollte die Möglichkeit zum Rückzug vom lauten Stadtleben in Form eines retreats anbieten. Bausen würde sich da eignen. Das Dorf benötigt keine baulichen Veränderungen, alles kann innerhalb der Häuser angeboten werden. Um unnötige Enttäuschungen seitens der Touristen zu vermeiden, kann ein Haus im fernöstlichen Stil mit Buddha-Statuen und einem Zen-Garten hinter einen hohen Hecke und ein anderes Haus mit eher westlich-religiösen Anklängen zum Beispiel mit einer beleuchteten Marien-Statue und Hildegard-von-Bingen-Menues eingerichtet werden. Dass in Lüchow zur Komplettierung des Angebotes ein modernes Kaufhaus und in Dannenberg eine Moschee gebaut werden müssen, versteht sich von selbst. Problematisch bleibt nur noch der Service. Die Übernahme des finanziellen Aufwands für die Einkleidung der Animateure, Fremdenführer, Kellner und Kellnerinnen mit wendländischen Trachten dürfte für die hiesige Geschäftswelt angesichts der zu erwarteten Gewinne keine Frage sein. Die sprachliche Ausstattung des genannten Personenkreises wohl eher. Wenn das Wendland mit Tourismus punkten will, muss das Personal Russisch, Chinesisch/Japanisch und Arabisch perfekt, Spanisch und Englisch ausreichend und zur Ergänzung mindestens eine weitere Sprache in Grundzügen beherrschen. Sprachenschulen zur Vorbereitung des Projektes sind deshalb in Lüchow, Dannenberg und Clenze einzurichten. Da man von dem zukünftigen Personal nicht erwarten kann, sich die notwendigen Sprachkenntnisse auf eigene Rechnung anzueignen, muss rechtzeitig geklärt werden, ob die zukünftigen Arbeitgeber oder das Arbeitsamt die Kosten tragen werden. Zum Aufbau der Sprachenschulen können eventuell auch Eurogelder in Betracht gezogen werden.
Es ist immer noch grau im Wendland. Viele Farben Grau wetteifern miteinander um die Aufmerksamkeit meiner Blicke. Ich entsorge die bunte Zeitschrift.
Ach Gott, ihr aufständischen Wendländer vergangener Zeiten, wo seid ihr? Habt ihr, seit Adi Lambke tot ist, das Querstellen verlernt? Reißt euch zusammen – das Wendland braucht euch!!!

Beitrag vom 5 September, 2013 (20:48) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Exil

28 Dezember, 2012 (12:22) | | tage-bau | Kommentieren

Drei Krähen auf dem Dach. Sonst nichts.

Sieben Krähen auf dem Dach. Vor dem Haus ein kleines Mädchen im rosa Schlafanzug. Sie betritt den Spätshop, der auch heute geöffnet hat. Hinter ihr schließt sich die Tür. Sonst nichts.

Dreizehn Krähen auf dem Dach. Am Spätshop wird ein Plakat ausgehängt: „Feuerwerk – hier“. Zwei Regenschirme hüpfen durch die Pfützen. Eine Taxe fährt suchend die Häuserreihe entlang. Hinter der Ampel ein Krankenwagen mit Blaulicht. Sonst nichts.

Elf Krähen auf dem Dach. Eine Taube setzt sich in respektvoller Entfernung dazu. Sonst nichts.

Acht Krähen auf dem Dach. Das Telefon klingelt.

Eine Taube auf dem Dach. Fernsehblau leuchten die Fenster. Eine Frau tritt auf den Balkon, raucht. Regentropfen laufen an der Fensterscheibe herab. Auf dem Hof der Tannenbaum trägt eine Lichterkette. Irgendwo wird ein Weihnachtslied gesungen. Sonst nichts.

Beitrag vom 28 Dezember, 2012 (12:22) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Der Papst kam nur bis Edeka

22 Januar, 2012 (15:36) | | tage-bau | 6 Kommentare

Es war alles gut vorbereitet: der Konvoi, die Bodyguards, die Scharfschützen.
Die Polizei hatte in nächtelanger Kleinarbeit einen unüberwindlichen Schutzwall um den berühmten Gast gezogen.
Aber schon vor Wochen waren sie gewarnt worden, der alte Herr habe einen Dickschädel.
Er fahre nach Deutschland, habe er verlauten lassen, da sei er schließlich zu Hause. Solle er sich vor seinen eigenen Landsleuten verstecken? In Sicherheit bringen lassen? Das sei absurd.
Es klappte alles prima. Die Bodyguards kamen nicht zum Einsatz, die Scharfschützen mussten nicht schießen und schließlich beantragte Herr Gott bei Herrn Allah und Herrn G“ott für seinen Schützling und gegen die Randalinskis in Kreuzberg einen kräftigen Sturzregen. Der wurde ihm gewährt und der Papst konnte ruhig schlafen.
Am nächsten Morgen wurde er von Vogelgezwitscher geweckt. Man hatte ihm erzählt, dass die Nuntiatur schön romantisch an einem Friedhof liege, der wiederum an einem Park liege. Daher also die Vögel. Schön so, sinnierte der alte Herr, mitten in der Großstadt. Unser Herr Jesus lässt seine Kinder nicht verderben.
Er hatte in Rom, als er seinen persönlichen Koffer gepackt hatte, mit dem unbestimmten Gefühl, davon Gebrauch machen zu können, einen Jogginganzug eingepackt. Irgendwann hatte er einmal gehört, dass es Stadtteile in Berlin gebe, in denen die Leute hauptsächlich in Jogginganzügen herumliefen. Er meinte sich zu erinnern, dass dieser Stadtteil Neukölln heiße.
Er zerrte den Jogginganzug hervor. Neukölln, Kreuzberg, so groß konnten die Unterschiede nicht sein.
Niemand sah ihn, als er zum Gartenzaun schlich. Überall stand Polizei herum. Wie sollte er da in den Park kommen? Sie würden ihm nie die Erlaubnis geben. Herr Jesus, raunte er, kannst du mir nicht helfen? Dein Vater hält mich hier wie einen Gefangenen!
Jesus seufzte. Das ist nicht so einfach. Es gibt ein Abkommen mit Herrn G“ott und Herrn Allah. Beide wollen verhindern, dass ihre Schäflein in Sünde fallen wegen deines Besuchs. Weißt du, nicht alle können dich gut leiden und dem einen und anderen gehst du ganz schön auf den Sack!
Jesus! Wie kannst du so sprechen! Wenn das dein Vater hört!!
Benedikt, geh“ zurück ins Haus! Ich kann dir nicht helfen!
Herr Jesus, wenn ich zurück in Rom bin, werde ich extra ein Hochamt lesen zu deiner Ehre!
Hochamt, Hochamt, spottete Herr Jesus, du solltest besser darüber nachdenken um welche Todsünde es sich handelt, wenn man seinen Herrn bestechen will! Nein, nein, ich will dich nicht bestechen, vergiss, was ich gesagt habe! Aber bitte, lass“ mich durch den Zaun! Du weißt, wie es dahinter aussieht! Warum willst du mir das vorenthalten?
Bei mir ist das etwas Anderes, antwortete Herr Jesus, und außerdem trage ich keinen Jogginganzug.
Der Papst sah an sich herunter. Geht das so nicht? Werde ich auffallen?
Herr Jesus verdrehte die Augen. Auffallen?!
In diesem Moment wurde der Wachposten am hinteren Gartentor abgelöst. Der Papst sah seine Chance.
Herr Jesus, flüsterte er, danke! Danke! Und schon war er zwischen den Grabsteinen unterwegs, ein alter Herr im Jogginganzug. Ein wenig unsicher, wie er sich zu verhalten habe, um nicht als Papst aufzufallen, wanderte er an den Grabsteinen vorbei. Eine Katze rannte über den Weg. Eine Frau hockte an einem Grab und schluchzte, während sie die Blumen ordnete und den Grabstein säuberte. Der Papst war gerührt. Er hob seine Hand und segnete die Frau, bevor er vorüber ging. Ein paar Schritte weiter kam ihm ein junger Mann mit Hund entgegen.
Ey, Mann, wat bis du für ’ne Figur? Der Papst sah ihn fragend an. Hohoho, haste wohl zuviel Papstfernsehen gesehen, wa? Amüsierte sich der Typ und segnete den Papst gleich dreimal.
Der Papst ging schweigend weiter. Um in den angrenzenden Park zu kommen, musste er einen Umweg über die Straße machen. Niemand erkannte ihn, niemand sah ihn an, niemand nahm Notiz von ihm, obwohl außer ihm niemand einen Jogginganzug trug.
Im Park war die Bevölkerung wirklich international, so wie er sich das in Berlin vorgestellt hatte. Junge schwarze Männer bewachten gefährliche Nebenwege, die sicher nicht gut zu begehen waren. Der Papst gesellte sich zu ihnen, wusste nicht so recht, wie er ein Gespräch beginnen sollte, hatte ihre Sprache nie gehört. Einer der Männer trat auf ihn zu. Wieviel? Wieviel? Der Papst dachte angestrengt nach. Wussten sie doch, wer er war, und erkundigten sich nach dem Preis für eine Messe? Der Mann sagte etwas in seiner fremden Sprache, die anderen lachten. Für dich. Extra! Zwanzig Euro! Der junge Mann feixte. Der Papst grub seine Hände in die Taschen der Jogginghose. Er hatte vergessen, Geld einzustecken. Einer der Männer, die bisher an der Mauer, an der der Nebenweg entlang führte, gestanden hatte, kam auf ihn zu. Hau ab, Alter. Aber der Papst gab nicht auf. Sie sprachen deutsch, also konnte er mit ihnen reden. Ich freue mich, Sie hier zu treffen, begann er, als ein schriller Pfiff die Luft durchschnitt. Sofort waren seine Gesprächspartner verschwunden, wie vom Boden verschluckt. Augenblicke später kam eine Polizeistreife auf ihn zu.
Was machen Sie hier?
Ich? Ich gehe spazieren.
Ihren Ausweis, bitte! Ausweis. Hilflos angelte der Papst in seinen Hosentaschen. Ich – ich – der Ausweis, den habe ich zu Hause.
Name und Adresse!
Ehm, ich, also, Benedikt, ich meine, â?¦
Die Polizistin zupfe ihren Kollegen am Ärmel. Komm, lass‘ den! Mit einem vielsagenden Blick tippte sie sich an die Stirn. Das war zuviel.
Sie können mich gerne nach Hause begleiten, tobte der Papst, da hinten, er zeigte auf die Nuntiatur, die man durch die Bäume hindurch undeutlich sehen konnte. Aber die Polizisten waren schon weiter gegangen.
Ist das die Art, wie man mit einem Papst spricht, empörte er sich.
Du hast es so gewollt, hörte er die Stimme des Herrn Jesus durch das Blätterdach.
Der Papst schwieg beschämt. Ich hätte einen Anzug einpacken sollen, sagte er sich, dieser blöde Jogginganzug war eine schlechte Idee.
Er verließ den Park, wanderte die Straße entlang. Niemand außer ihm trug einen Jogginganzug, aber keiner nahm davon Notiz.
Vor Edeka stand ein Mann und bettelte. Guten Tag, sagte der Papst, warum stehen Sie hier?
Der Bettler zog seinen Hut. Guten Tag. Ich arbeite hier. Ich sammle den Müll auf, den die Leute wegwerfen, ich halte die Reihen mit den Einkaufswagen in Ordnung und bringe die Flaschen rein, die weggeworfen werden.
Werden Sie von Edeka bezahlt? Fragte der Papst erstaunt.
Nein, sagte der Bettler, nur manchmal, wenn etwas übrig ist, kann ich mir davon nehmen. Und manche Leute geben mir ihren Einkaufswageneuro, wenn sie herauskommen.
Warum gehen Sie nicht arbeiten, fragte der Papst.
Arbeiten, der Mann lachte, wo soll ich eine Arbeit bekommen? Sie haben mich alle betrogen! Auch meine Freunde! Ich war reich, hatte ein Geschäft, als ich im Knast war, haben sie mein Geschäft kaputt gemacht, und im Knast war ich, weil mich ein Freund verpfiffen hatte. Ich hatte nichts gemacht. Aber man kann sich auf niemanden verlassen, alle wollen dich nur kaputt machen, wenn du Hilfe brauchst, trampeln sie noch auf dir herum und die Politik macht nichts dagegen, die machen noch mit, das hat man bei den Banken gesehen. Er nahm einen kräftigen Schluck aus einer Bierflasche, wischte sich den Mund ab und hielt dem Papst die Hand hin, kannst du mir einen Euro leihen?
Der Papst schüttelte den Kopf, stülpte die Taschen seiner Jogginghose nach außen.
Auch kein Geld, sagte der Bettler. Aber hier kannst du nicht stehen! Wir sind schon zu viert. Noch einer ist zuviel!

Beitrag vom 22 Januar, 2012 (15:36) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (6) Kommentare


Gespräch 3

13 September, 2011 (20:39) | | tage-bau | 5 Kommentare

Du schreibst eine Geschichte? Für wen?
Ich weiß nicht.
Und was willst du damit erreichen?
Nichts. Ich möchte nur eine Geschichte schreiben.
Dann wird das nichts.
Wieso?
Du musst eine Zielgruppe haben und einen Plot und dir darüber klar sein, was du sagen willst.
Na ja, ich habe eine Geschichte zu erzählen. Ich finde sie komisch und spannend.
Das reicht nicht. Ich habe Stein und Uschtrin gelesen und alle meine Texte mit einem Schreibcoach besprochen und kein Verlag will sie haben!

Beitrag vom 13 September, 2011 (20:39) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (5) Kommentare


Gespräch 2

13 September, 2011 (20:33) | | tage-bau | 2 Kommentare

Bald Mittag. Ich muss noch einkaufen. Ich wollte Kartoffelsalat machen.
Wir sollten morgen ins Freibad gehen, ehe es zu kalt wird.
Wir können es versuchen. Aber der Boden ist nass.
Nass? Wovon soll der nass sein? Von der Sonne?
Bin ich blöd? Dauernd hat es geregnet, gestern Abend war der letzte Wolkenbruch.
Dann nimm dir einen Strandkorb.
Stundenlang im Strandkorb sitzen ist nicht so bequem.
Das konntest du letztens auch.
Also ich mache dann den Salat für morgen.
Wir könnten besser heute gehen.
Das schaff“ ich nicht: einkaufen, Salat machen und dann noch baden gehen. Wir gehen morgen, ist das in Ordnung?
Nein. Morgen regnet es wahrscheinlich.

Beitrag vom 13 September, 2011 (20:33) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (2) Kommentare


Gespräch 1

13 September, 2011 (20:27) | | tage-bau | Kommentieren

Der Spinat hätte kleiner geschnitten sein müssen. Und in den Salat gehören kürzere Nudeln!
Gibt es etwas, was ich nicht falsch mache?
Es geht nicht um richtig oder falsch.
Worum geht es?
Du verstehst mich nicht!
Gut. Dann gehe ich einkaufen. Welche Nudeln soll ich mitbringen?
Unsere Beziehung ist Dir egal!
Bölk mich nicht an! Was soll ich denn tun?
Du sollst dich um unsere Beziehung kümmern!
Und was soll ich einkaufen?
Nudeln haben wir noch.

Beitrag vom 13 September, 2011 (20:27) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Der Schrei

24 Juni, 2011 (18:01) | | tage-bau | 4 Kommentare

Ihr Vater war in politischer Haft gestorben. Sie kümmerte sich um Verfolgte.
Ihre Mutter war gefoltert worden. Sie kümmerte sich um Flüchtlinge.
Sie war von Soldaten vergewaltigt worden. Sie heiratete und bekam drei Kinder, um sich selbst zu retten.
Tag für Tag hörte sie die Geschichten der Flüchtlinge und Verfolgten, legte sie auf ihrem Schreibtisch ab, bündelte sie und stellte sie stapelweise in die Regale, die in dem kleinen Büro bis an die Decke wuchsen. Sie selbst sprach wenig, gab Hinweise und Ratschläge, tröstete und ermutigte.
Eines Tages entschied sie, dass es an der Zeit war, selbst zu reden. Vielleicht war die Wärme des Sommertages schuld daran oder der plötzlich einsetzende Regen. In der Mittagspause erzählte sie ihrer Kollegin vom Krieg in ihrer Heimat. Die Kollegin unterbrach sie. „Du kennst dich gut aus mit diesen Themen. Das hilft dir bei deinen Beratungen.“, sagte sie freundlich und beendete das Gespräch.
Am Abend begann sie, ihrem Mann von ihrem Vater zu erzählen. Als sie beschrieb, wie die Mutter geschrieen hatte, als der Leichnam des Vaters über die Gartenmauer geworfen wurde, wandte sich ihr Mann ab.
In der Nacht fand sie keinen Schlaf.
Am nächsten Tag bat sie ihre Vorgesetzte um ein persönliches Gespräch. Als sie erzählte, wie die Männer aus der Nachbarschaft in die Wohnung eingedrungen waren und die Mutter gefoltert hatten in ihrem Beisein, klingelte das Telefon und das Gespräch musste abgebrochen werden. Sie schloss an diesem Tag nicht ihre Bürotüre auf. Sie setzte sich nicht an ihren Schreibtisch.
Sie lief ziellos durch die Straßen. „Warum hört mir keiner zu“, fragte sie. „Sie sollen mir zuhören. Sie sollen mir zuhören“. Sie holte ein Umschlagtuch, wie es die Frauen in ihrer Heimat tragen, aus ihrer Tasche und schlang es um Kopf und Schultern. „Sie müssen mir zuhören“, murmelte sie unablässig vor sich hin. „Sie müssen mir zuhören!“ Die Passanten gingen ihr aus dem Weg. Schließlich blieb sie stehen, lehnte sich an eine Hauswand. „Sie müssen mir zuhören!“ Sie sah die Passanten an ihr vorüber eilen. „Hören Sie mir zu!“, rief sie, „hören Sie mir zu! Ich habe etwas zu sagen!! Hören Sie mir zu, bitte!!“ Das Tuch hing ihr über eine Schulter, das Haar klebte verschwitzt an ihrer Stirn. „Hören Sie mir zu“, schrie sie den Passanten entgegen. „Betrunken!“, registrierte ein älterer Herr und zog seine Frau zur Seite. „Fick dich, fick dich!“, grölte eine Gruppe aufgeregter Jungen. „Mama, was hat die Frau?“, fragte ein kleines Mädchen. „Hören Sie mir zu!“, schrie sie eindringlich.
Es war später Nachmittag, als sie erschöpft schwieg. Sie müssen mir zuhören, sie müssen mir zuhören, dröhnte es in ihrem Kopf.
Das Tuch war zu Boden gefallen. Sie setzte sich darauf. Ein Hund beschnüffelte sie. Unschlüssig drehte sie ihre Tasche in den Händen. Sie müssen mir zuhören. Sie drehte die Tasche unablässig, der Verschluss öffnete sich, ihre Geldbörse fiel heraus. Sie müssen mir zuhören. Der Hund schnüffelte an ihrer Tasche. Ein kleiner Spiegel fiel heraus. Sie sah in den Spiegel. Du musst mir zuhören. Etwas wie Hoffnung stieg in ihr auf. Du wirst mir zuhören. Sie begann zu erzählen. Wie die Soldaten kamen. Ihre Hoffnung auf Rettung. Wie die Soldaten, denen sie entgegengelaufen war, sie ansahen, sie anfassten, an ihren Kleidern zerrten. Ihr Spiegelbild erzählte ebenfalls. „Hör mir zu!“, rief sie eindringlich. Aber sobald ihre Lippen sich bewegten, sprach auch der Mund im Spiegel. „Hör mir zu!“, schrie sie verzweifelt, „hör mir endlich zu!“
Passanten wechselten auf die andere Straßenseite, eine Taube flog erschrocken hoch. Sie starrte einen Augenblick schweigend in den Spiegel und dann sah man den Schrei, er bahnte sich seinen Weg aus ihren Eingeweiden, durch den schweren Körper, langsam öffnete sich ihr Mund, ihre Augäpfel traten vor und dann löste sich der Schrei, unmenschlich, dröhnte durch die Straße, peitschte sein Echo von Hauswand zu Hauswand, Fensterscheiben klirrten, die Passanten duckten sich in die Hauseingänge, der Schrei füllte die Luft, Putz bröckelte von den Hauswänden, neben dem Fenster in der vierten Etage löste sich eine überlebensgroße, in Stein gehauene Gerechtigkeit, die bis dahin einen Dachbalken getragen hatte, aus ihrer Verankerung, schwankte leise vor und zurück. Die Frau auf der Straße wand sich unter ihrem Schrei, der ihre Kräfte überstieg. Die Gerechtigkeit neigte sich langsam zur Seite, folgte dem Schrei und zerschellte auf dem Pflaster. Der eiserne Haken, der sie in der Verankerung gehalten hatte, traf den Kopf der schreienden Frau.
Der junge Sanitäter, der zum ersten Mal einen Sterbenden betreute, musste sich tief herunter beugen, um sie zu verstehen. „Sie hat mir zugehört“, flüsterte die Frau glücklich. Dann sank ihr Kopf zur Seite. Der junge Sanitäter drückte ihr die Augen zu.

Beitrag vom 24 Juni, 2011 (18:01) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (4) Kommentare


Winter in Kreuzberg 3

29 März, 2011 (23:19) | | tage-bau | Kommentieren

Februar. Ein paar Sonnenstrahlen haben aus dem Winter einen kleinen Kreuzberger Frühling gemacht. Die ersten Cafés haben Tische und Stühle nach draußen gestellt. Vor der Wilhelmine und dem Knofi sitzen Sonnenhungrige, in Decken gewickelt, wärmen ihre Hände an Tassen mit heißen Getränken und halten ihre winterblassen Gesichter der Sonne entgegen. Die Passanten in der Bergmannstraße haben es nicht mehr so eilig wie gestern, Touristen schlendern über den Chamissoplatz auf der Suche nach dem ultimativen Restaurant.
Bergmannstraße. Chamissoplatz. Willibald-Alexis-Straße. Klangvolle Namen für Berlinsucher. Für Immobiliensucher. Für Erfolgsucher. Vor fünfzig Jahren machte sich hier eine Gruppe von Künstlern auf, Kunst unters Volk zu bringen, den Menschen im Kiez bezahlbare und trotzdem anspruchsvolle Kunst anzubieten. Nicht nur den Preis erschwinglich zu machen, sondern auch Hemmschwellen abzubauen: mit einem Künstlermarkt unter freiem Himmel.
Die Kreuzberger Kunstszene lebte von klingenden Namen wie Mühlenhaupt, Sauernheimer, Grage, Märchen, Koschwitz, Lesser, Simon, Fuchs, Weitemeier und wie sie alle heißen. Ihre Kunst wuchs auf dem Boden von Not und Entbehrung: „Ende der fünfziger Jahre, als die Kunst laufen lernte in Kreuzberg, suchte sie ein Zuhause, ein Dach über dem Kopf, in Kellerräumen, kargen Stuben und Fabriketagen der Hinterhöfe. Nicht selten dienten Atelier und Druckwerkstatt auch als Schlaf- und Wohnstätte. Der Weg des einzelnen Künstlers war hier fast immer ein Weg der Selbstfindung und Selbstentdeckung.“ (Kerfin, Katalog Artur Märchen 1982)
Im Kiez um den Chamissoplatz wohnt einer von ihnen noch heute: Gerhard Kerfin. Der sonnige Tag ist wie geschaffen für einen Besuch. Zwei Treppen hoch, Stuckdecken, Blick vom großen Balkon auf den weiten Innenhof mit seinen Bäumen und Büschen. Gerhard Kerfin wohnt in einer Wohnung, wie sie hier heute häuserweise an Investoren verscherbelt werden.
Gerhard Kerfin, ein Kreuzberger, wie er im Buche steht: nicht in Kreuzberg geboren, irgendwann zugezogen, lange Jahre ausgehalten, die er als endlos empfand „mit ihrer bedrückenden, inneren Einsamkeit“.
Dann der Spätsommer 1961: Er lernt die Künstlerszene kennen, kommt innerlich in Kreuzberg an. Von da ab „habe ich mich mehr und mehr in Kreuzberg zu Hause und nicht länger als ein ‚Fremder‘ gefühlt.“
Kerfin, der auszog, sich selbst zu finden, der sich immer wieder verlor, weil ihm viele Wege angeboten wurden, die nicht zu seinem Ziel führten, die er zeitweise gehen musste, um zu überleben, „Umwege“, sagt er, „notgedrungen zum Zwecke des Broterwerbs zur Versorgung von Frau und Kind.“
Heute blickt Gerhard Kerfin auf ein langes, bewegtes und erfülltes Leben zurück.
Er begrüßt seine Besucher von seinem Bett aus mit einem frisch gebrühten Kaffee. Dieses breite Bett ist der Kern seines Wohnzimmers, hier liest und schreibt er und empfängt seine Gäste. An den Wänden hängen die Erinnerungen seines Lebens: Fotos, Zeichnungen, Drucke, Gemälde, viele von seinen alten Freunden aus der Kreuzberger Künstlerszene: Mühlenhaupt, Grage, Märchen, Eggert.
Wenn Gerhard Kerfin erzählt, schließt er den Blick seines Zuhörers auf für einen schillernden Kosmos, in dem das Leben zwischen Extremen verlief: Armut und Genie, Suff und Liebe, Einsamkeit und Mission.
Gerhard Kerfin bezeichnet sich selbst als Kreuzberger Urgestein:
Aus seiner Geburtsstadt Nauen, in der er Kindheit und frühe Jugend verlebte, nach Berlin gekommen nach Schulzeit und Lehre, Abitur nachgeholt trotz seiner Lehrer („Sie wollen zu hoch hinaus.“ „Sie sind verbildet, das liegt an Ihrer Herkunft.“), Einstieg in die gehobene Beamtenlaufbahn, Kennenlernen der Kreuzberger Künstlerszene, Ausstieg aus Job und bürgerlichem Leben, verdingt sich bei Mühlenhaupt und wird Dichter. Poet. Der Titel seiner ersten Veröffentlichung ist programmatisch für sein Leben: – von hollywood bis hinter tegel“.
Kerfins Künstlerleben läuft nicht gradlinig, er führt eine innere Doppelexistenz. Mit 16 liest er Hegel und bewegt sich damit abseits der üblichen Jungmännerwelt der Lehrlinge, später fühlt er sich gleichzeitig als Handwerker und als Dichter – ein dauernder innerer Spagat, der ihn zu seiner ganz eigenen poetischen Aussageform führte: Seine Sprache ist schnell und präzise, denn zum gemächlichen Schreiben fehlte oft die Zeit.

Kerfin hat seine Abwendung vom bürgerlichen Leben hin zur Künstlerexistenz im Kreis der Kreuzberger Boheme nicht bereut.
Bewegt betrachtet der Besucher die alten, handgeschriebenen Gedichtbändchen, die Kerfin, in Ermangelung der finanziellen Druckmöglichkeiten in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, von Hand geschrieben und die seine Malerfreunde illustriert haben und versteht, was die Kreuzberger Boheme zusammen gehalten hat.

Beitrag vom 29 März, 2011 (23:19) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Winter in Kreuzberg 2

29 März, 2011 (23:18) | | tage-bau | 1 Kommentar

Kreuzberg liegt am Berg.
Allen, die über diese Behauptung schmunzeln mögen, empfehle ich einen Spaziergang aus dem Berliner Urstromtal auf die Teltower Hochebene, genauer gesagt von Kreuzberg nach Tempelhof über den Tempelhofer Berg, durch den Jahnpark oder den Kreuzberg, oder über die Hermannstraße, die aus dem kurzen, steilen Anstieg des Kreuzbergs eine lang gezogene, leicht ansteigende Trainingsstrecke für Radfahrer macht.
Auf der Grenze zwischen Kreuzberg und Tempelhof verläuft die Dudenstraße Richtung Schöneberg und auf der anderen Seite des Mehringdamms Richtung Neukölln der Columbiadamm. Diese Trasse trennt nicht nur zwei Stadtteile, sondern zwei Welten: Kreuzberg, den Bezirk, der stets in Veränderung begriffen ist, der Neues aufsaugt, wie ein trockener Schwamm, der sich allen Konflikten dieser Welt stellt, diese brodelnde Mischung aus Kreativität und Hoffnungslosigkeit, Zorn und Warmherzigkeit von Tempelhof, dem alten Besitztum der Tempelherren, stiller Rückzugsbezirk für Bildungsbürger und Schwule.
Auf dieser Scheidelinie findet man auf der Kreuzberger Seite Vorposten gegen die Tempelhofer Behaglichkeit wie das Golgatha, in dem man auf dem Kreuzberg der Geselligkeit frönen kann, das Antiquariat Tode mit seinen Schätzen an alten Büchern, den Gargoyle SM-Club mit dem dezenten Ausstellungsfenster und der Streckbank im Keller und das Haus der Deutschen Buchdrucker, 1924-1926 erbaut nach Entwürfen von Max Taut und Franz Hoffmann und finanziert ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen. Und, zwischen Antiquariat und SM-Club, eine Kneipe:
Big Easy Inn.
An diesem kalten, sonnigen Wintermorgen sitzt der Wirt, der Witze und Kochbücher sammelt und das lange Haar zum Pferdeschwanz zusammen gebunden hat, hinter der großen Fensterscheibe beim Frühstück. Er ist seit elf Jahren Wirt in dieser „Eckkneipe“, die nicht an der Ecke liegt, aber lange Zeit wie die bekannten Berliner Eckkneipen Treffpunkt war für Geselligkeit und politische Information. Er ist der zehnte Wirt und wird der alten Dame Big Easy Inn in zwei Jahren die Feier zum hundertsten Geburtstag ausrichten. Es ist in diesen Zeiten nicht einfach, eine „Eckkneipe“ zu erhalten, nur wenige haben überlebt. Aus den anderen sind Restaurants geworden oder Clubs. „Eckkneipen“ sind heute nicht mehr das verlängerte Wohnzimmer und haben auch keine Hinterzimmer mehr für verbotene Spiele oder subversive Politikeinmischung wie in vergangenen Zeiten.
Der Wirt möchte seine „Eckkneipe“, die nicht nur eine eigene hundertjährige Geschichte hat, sondern auch auf geschichtsträchtigem Boden steht, in die neue Zeit hinein retten.
Im Internet findet man das Big Easy Inn auf Seiten wie „raucherlokale-index“, „smoke-spots“ und „raucherlocation“, mit Beschreibungen wie: „Typischer Kneipencharakter“, „Kleiner Raum mit Rauchertoilette“, „Pilskneipe“, „â?¦ jetzt auch als kleine bescheidene Pension â?¦ Wer beim Frühstück nicht satt wird, bekommt sein Geld zurück!!! … und es wird weiterhin geraucht ….“
Hier oben, hoch auf der Teltower Hochebene mit Blick auf Berlin im Urstromtal, hat es auch in der Vergangenheit öfter geraucht. Im dreizehnten Jahrhundert rauchten an der Tempelhofer Höhe die Herde der Ziegeleien, in denen der hier abgebaut Lehm gebrannt wurde. Im dreißigjährigen Krieg brannte wohl eher die Erde: schwedische Truppen rückten von hier aus gegen Berlin vor. Und unter Friedrich Wilhelm I. rauchte in der Nähe der heutigen Fidicinstraße eine Kanone, wenn ein Deserteur eingefangen werden sollte.
Nicht nur das Rauchen, auch der Alkohol hat in der heutigen Dudenstraße eine lange Tradition. Auf dem Abhang der Hochebene gedieh Jahrhunderte lang ein prächtiger Wein, der nicht nur hier getrunken, sondern auch in großen Mengen exportiert wurde bis nach Russland. Noch im zwanzigsten Jahrhundert trug ein Lokal in der Bergmannstraße den Namen „Dust’rer Keller“, eine Reminiszenz an einen Weinkeller in den Weinbergen oberhalb der heutigen Bergmannstraße. Der Weinanbau ging aus verschiedenen Gründen zurück und das Bier verdrängte den Wein. Auf der Anhöhe übernahmen Brauereien das Regiment. Im Big Easy Inn schenkt der Wirt Bier seiner Heimat aus: süffiges Gessner, das heute aus der größten Thüringischen Brauerei kommt.
Außer Trank und Rauch liebten die Gäste des Big Easy Inn die Musik. Aus dem Jahr 2005 stammt folgende Internetnotiz: „Kneipe zum Abhängen mit R“N“R aus der Konserve. Von 50ties über Doo Wop und Teddyboy bis Neobilly wird dort alles gespielt.“
Der Wirt zuckt die Schultern, das will heute niemand mehr hören.
Und natürlich kann hier, auf der Grenze zwischen Konfliktfreude und Rückzug der Schabernack gut gedeihen.
Im 16. Jahrhundert hatte ein Astrologe dem amtierenden Kurfürsten die Zerstörung Berlins durch eine große Flut vorausgesagt. Zweimal floh der Verängstigte auf den Kreuzberg, um wie weiland Noah das Desaster lebend zu überstehen. Zweimal geschah außer Regen nichts. Fast nichts. Beim zweiten Mal wurden ein Kutscher und seine Pferde durch einen Blitz erschlagen.
Der Wirt kennt sich mit Übersinnlichem besser aus. Seine Mutter war ein „Kräuterweiblein“, kannte ungewöhnliche Therapien und verhalf ihrem Sohn dadurch zu einer robusten gesundheitlichen Konstitution.
Während oben genannter Kurfürst ein Narr wider Willen war, holt sich der Wirt des Big Easy Inn echte Narren in seine Kneipe. Narren wie Ralf-Peter Franken in der Tradition der mittelalterlichen Vaganten wie Francois Villon. Hemmungslos dichtet Franken als J. Odenthal seine derb-erotische Gesellschaftskritik. Und wohin passt der Autor des Büchleins „Der fettige Fetisch“ besser als nach Kreuzberg zum Karneval der Kulturen? Hier ist er im Big Easy Inn 2009 mit seiner „Chromosomenband“ aufgetreten und wird wahrscheinlich auch in diesem Jahr seine Berliner Fangemeinde zum Karneval der Kulturen wieder beglücken.
Der Wirt zeigt auf die Fotos an den Wänden, es war einmal sehr lebendig hier.
Jetzt trifft sich abends und zu besonderen Gelegenheiten noch ein kleines Grüppchen von Stammgästen im Big Easy Inn.
Der Wirt wird aus seiner „Eckkneipe“ kein Restaurant machen. Auch keinen Club.
Wenn Kreuzberg seine „Eckkneipe“ nicht mehr braucht, wird er in Rente gehen.

Beitrag vom 29 März, 2011 (23:18) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (1) Kommentar


Winter in Kreuzberg 1

26 Januar, 2011 (20:39) | | tage-bau | 3 Kommentare

Fußgänger bahnen sich mühsam den Weg aneinander vorbei über die schmalen Pfade, die man ihnen auf den eisverkrusteten Gehwegen frei gelegt hat, Autos stehen eingekeilt zwischen den Schneeklumpen, die der Winterdienst ihnen von der Straße vor die Türen gekehrt hat, hell erleuchtete Fenster von Restaurants und Cafés geben den Blick frei auf einsame Tische und gelangweilte Kellner: Winter in Kreuzberg.
Spätestens ab acht Uhr abends kann man keinen legalen Parkplatz mehr finden, weil selbst die umtriebigsten Zeitgenossen bei diesem Wetter zu Couchpotatoes mutieren.
Nur in einem engen Kreuzberger Hinterhof trifft sich eine Handvoll Leute, die tapfer Kälte und Dunkelheit widerstehen, zum monatlichen Ritual: Literaturwerkstatt im Büchertisch.
Bücherregale bis unter die hohe Decke, eine kleine Theke für das leibliche Wohl, an der zur Pause eine Suppe unentgeltlich abgegeben wird, Reihen von Klappstühlen mit Blick auf einen Lesetisch. Der unvoreingenommene Besucher könnte glauben, dass sich hier die Reste der Kreuzberger 68er treffen und Sartre und Marcuse lesen und ab und zu aus der Mao-Bibel zitieren.
Weit gefehlt. Man trifft sich hier nicht, um andere zu lesen. Man trifft sich, um sich selbst zu lesen.
Diese Literaturwerkstatt ist allerdings auch keine der heutzutage so beliebten Lesebühnen, die vornehmlich Vorleseübungen im Repertoire haben. Im Büchertisch wird nicht vorgelesen, hier wird gelesen. Selbst Geschriebenes. Lyrik und Prosa.
Der Abend kann beginnen.
Etwa dreißig Teilnehmer haben sich bei diesem lausigen Wetter hier versammelt. Nepomuk Ullmann tritt vor, stellt sich an den Lesetisch. Nepomuk Ullmann, schwarz gekleidet, mit Hut, ist der Regisseur, der Dramaturg dieses Abends. Heute wie vor 35 Jahren. Ehrenamtlich. Immer. Warum macht jemand so etwas?
Und vor allen Dingen: Wie macht er das? Wie schafft er es, über 35 Jahre die Menschen in seine Werkstatt zu holen?
Mein junger Freund Christoph arbeitet über Kreativität und er ist davon überzeugt, dass Kreativität immer einen sozialen Aspekt hat, und dass nur der kreativ sein kann, der Ambiguität aushalten kann. Christoph wird wegen dieser Doktorarbeit in der nächsten Zeit in Berlin leben – ich muss ihn unbedingt mit Nepomuk Ullmann bekannt machen.
Nepomuk Ullmann teilt einen Fragebogen aus: „Was ich überhaupt nicht weiß: ob ich noch erwünscht bin.“ Dreißig Teilnehmer schweigen.
Nepomuk Ullmann liest die Fragen vor, gibt den einen und anderen Kommentar: „Ich will niemanden beeinflussen.“ Seine Stimme ist leise, seine Gebärden unaufdringlich. „So viele Freunde habe ich nicht, wo ich so schwierig bin – und das soll auch so bleiben.“ Dreißig Teilnehmer schweigen.
Dann singt Anka, begleitet sich auf der Gitarre. Lieder, die sie selbst geschrieben, deren Melodien sie selbst komponiert hat. Eine ruhige, klare Stimme, die Töne steigen die Bücherleitern hoch, hängen unter der Decke, füllen die Höhe, „â?¦ use your wings“ singt Anka.
Dreißig Menschen, von denen zwölf später eigene Texte lesen werden, lauschen aufmerksam. „â?¦use your wingsâ?¦“
Nepomuk Ullmann liest zuerst eigene Texte. Er redet wie beiläufig. Mit hinterlistig gedämpfter Stimme spricht er seine schwarzen Bilder von unerträglichem Leid und seine verzweifelte Anklage gegen Verdrängung und Vergessen wie Nebensächlichkeiten ins Publikum: „Mit Blick in den Abgrund kotzen wir Steine.“
Er erzählt von einer geplanten Gedenkstätte in Frankreich, die nicht eingeweiht werden kann, weil 3500â?¬ für einen deutschen Redner fehlen.
„Wer an Gräbern tanzt, der hat das Leben,
denn hier ruhen die Worte, die uns fehlen.“
Anka singt: „â?¦use your wingsâ?¦“
Dann lesen die Teilnehmer.
Nepomuk Ullmann hat die Namen auf einem kleinen Zettel notiert und ruft sie nacheinander auf.
Sie lesen Gedichte, Geschichten, Fragmente.
Sie lesen das Leben.
Nepomuk Ullmann kritisiert nicht, wertet nicht, lobt nicht.
Er achtet die Texte und ihre Schreiber. Er respektiert jede Art von Mitteilung, unterbricht nicht, korrigiert nicht.
Seine wenigen Bemerkungen richten sich an die Autoren, lassen die Texte unberührt: Da ist jemand seit über einem Jahr zum ersten Mal wieder dabei, jemand hat ein Büchlein herausgegeben, einen anderen bittet er, zu seinen alten Texten zurück zu kehren.
Nepomuk Ullmann weist darauf hin, dass seine Veranstaltung keinen Eintritt kostet, dass jeder willkommen ist, dass es die Suppe, wie immer, umsonst gibt.
Die Autoren kommen nicht nur aus Kreuzberg. Ihre Texte sind so unterschiedlich wie die Titel: „Kreuzberg 2023“, „Die besten Kartoffeln von Berlin“, „Satan liebt mich“ oder „Der Doppelgänger“.
Nepomuk Ullmann, der Mann mit Hut, der nur wenige Freunde hat, weil er so schwierig ist, versammelt in seiner Literaturwerkstatt Menschen unterschiedlichster Herkunft und Begabung aber mit dem gleichen Wunsch, von sich und aus ihrem Leben zu erzählen und ihre Texte mit anderen Menschen zu teilen. Seit 35 Jahren.
Und alle Doktorarbeiten zum Thema Kreativität sind ihm wahrscheinlich schnurzpiepegal.
Der Abend endet mit Liedern von Anka. Sie holt ihre Töne aus der Höhe, bringt sie zurück zu den Menschen, die konzentriert zuhören: – â?¦ use your wingsâ?¦“
Draußen ist kalter Winter.

Beitrag vom 26 Januar, 2011 (20:39) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (3) Kommentare


Herbst in Kreuzberg 5

2 Januar, 2011 (22:06) | | tage-bau | Kommentieren

Man gewöhnt sich.
Im Sommer schleicht sich eine gewisse Gleichgültigkeit ein, es ist warm, es ist nicht von Nachteil, sich häufig in der frischen Luft aufzuhalten.
Beim ersten Frost stutzt man. Warum stehen sie da? In der Kälte?
Vor Edeka zum Beispiel. Ein hoch gewachsener, schlanker Mann, immer in dem gleichen dunklen langen Mantel und dem Hut – eine elegante Erscheinung, wenn man davon absieht, dass der Mantel schon etwas abgetragen ist.
Warum steht der hier, tagtäglich, und sammelt Kleingeld in einem Plastikbecher? Nie spricht er einen Passanten an, kein saloppes „Haste mal ’n Euro?“, nur stilles Dastehen, ab und zu ein freundliches Danke, ein Gespräch mit Kunden, die den Einkaufswageneuro herüber reichen.
Bettler?
Vor der Post zum Beispiel. Die Frau mittleren Alters sitzt tagtäglich vor dem Aufgang und bietet still ein Obdachlosenmagazin an – freundlich lächelnd, nie aufdringlich, ab und zu ein Gespräch mit einem Passanten. Sie ist ordentlich gekleidet, ihre Kleidung ist weder schmutzig noch abgetragen, sie sieht gesund aus. Warum sitzt die hier und verkauft diese Zeitschrift?
Bettlerin?

Man gewöhnt sich.
Im Sommer bekommen die Straßen ein gewisses Flair, wenn man überall fremde Sprachen hört, wenn die Menschen schön gekleidet sind.
Dann stutzt man. Wenn nämlich vor einem Restaurant, in dem bisher durchaus der eine oder andere Kreuzberger essen ging, schwarze Limousinen parken, deren Kennzeichen alle mit D-AX beginnen. Die Autos stehen nicht sonderlich korrekt geparkt direkt vor dem Eingang des Restaurants, die Fahrer warten am Steuer.
Was wollen die hier? Daxmäßig?

Gewöhnt man sich?

Beitrag vom 2 Januar, 2011 (22:06) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Herbst in Kreuzberg 3

2 Januar, 2011 (21:58) | | tage-bau | Kommentieren

Tische und Stühle sind vom Bürgersteig in den Keller geräumt. Ein einzelnes verlassenes Tischchen mit einem Teelicht darauf steht neben dem Eingang als wolle es über den dunklen Abend hinweg täuschen. Die Gäste versammeln sich in den Räumen des Lokals. Draußen frühe Dunkelheit, Wind, leichter Regen. Drinnen griechische Liebestragödien auf schmelzenden Melodien aus dem Lautsprecher.
… dark grey clouds drift heavily along the sky …
Herbst.
Drei Damen betreten das Restaurant, blondes, braunes und graues Haar. Ein leuchtend rotes Blatt wird mit ihnen durch die Eingangstüre geweht.
Der Kellner nimmt Bestellungen an, bringt Wein und Wasser an die Tische, verteilt Lammkoteletts, hausgemachte Pommes und eingelegte Weinblätter. Musik, leise Unterhaltungen, Zurufe der Bedienung: Weißwein, Bier, Cola. Oder: ein Viertel Rot, einen griechischen Kaffee.
… at exactly twelve you came again just like a warm wind â?¦
Die drei Damen haben bestellt, gegessen und gehen zum gemütlichen Teil über.
Guck mal, sagt die Graue, hebt den Pullover und schiebt den Daumen zwischen den Hosenbund und die Unterwäsche. 42!
Du hast abgenommen? Ungläubige Frage. Nicken. Nicht viel, aber immerhin. Zufrieden legt sie den Pullover wieder über den Hosenbund. Aber diese 42 ist ungewöhnlich groß, schränkt sie den Erfolg ein.
Die Braune nickt. Auf die Größen kann man sich nicht mehr verlassen. Die eine 44 passt mir und die andere nicht.
… I’ve placed you gently, secretly inside a sad songâ?¦
Oh ja. Ein Aufstöhnen. In diesem Katalog habe ich Leggings gesehen!!! Leder!!! Aber Größe 42.
Wieso? 42 passt dir doch.
Ja, die 42 hier. Aber diesen Katalog kenne ich schon. Der hat nur Mode für Magersüchtige. 42 ist da wie sonst 38.
Bedächtiges Nicken. Schweigen.
… an old photograph of mine you still keep, I don’t look that anymore …
Die Qualität ist auch nicht mehr das, was sie mal war, beginnt die Braune erneut. Wisst ihr was mir passiert ist? Dieser Scheißgummi an meiner Unterhose hat sein Leben ausgehaucht und ich war gerade unterwegs, stand auf dem Mehringdamm und die Hose rutschte. Gott sei Dank wurde sie durch meine Jeans aufgehalten.
Wenn du einen Rock getragen hättest, kichert die Blonde.
Die Braune nickt. Ich konnte doch mitten auf der Straße nicht meine Unterhose hochziehen!
Die Blonde lacht. Louis kauft am liebsten ganz billig. Ich habe ihm immer davon abgeraten. Und dann stand er da in seiner Unterhose. Eine von diesen weißen. Ich habe von hinten ganz leicht nur daran gezogen. Was soll ich euch sagen, in dem Moment riss der Gummi. Lautes Gelächter.
… men come and go, Mama …
Die Bedienung füllt Wein in den Gläsern nach.

Beitrag vom 2 Januar, 2011 (21:58) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Herbst in Kreuzberg 4

1 November, 2010 (14:01) | | tage-bau | Kommentieren

Winterzeit. Es wird früh dunkel. Zeit für Mummenschanz.
Auf der Straße Gelächter, Rufen. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie viele Kinder hier wohnen.
Dann klingelt es auch bei mir. Ich telefoniere gerade, frage unaufmerksam in die Gegensprechanlage, ja, wer ist da bitte? Keine Antwort. Ich widme mich weiter dem Telefonat. Klingeln an der Korridortüre. Mit dem Hörer am Ohr öffne ich. Vor mir ein schrecklicher kleiner Geist, der mich stumm ansieht. Pflichtschuldig schreie ich auf, knalle die Türe zu.
Von der Straße Schreien, Singen, laut, fröhlich, wild.
Ich beende das Telefonat, krame nach Süßigkeiten.
Meine Nachbarin hat der wilden Jagd inzwischen geöffnet, teilt Bonbons aus.
Mein kleiner Geist kommt zurück an meine Türe.
Hinter der riesigen Maske kann ich das Gesicht nur erahnen, aber ich spüre seine Spannung.
Ich verziehe meinen Mund: Du hast mich aber erschreckt!
Hast du Angst gehabt?
Und wie!
Er nimmt die Süßigkeiten, bleibt unschlüssig stehen.
Ich lächle meinen kleinen Geist, geschätztes Alter: sechs Jahre, aufmunternd an.
Er stopft die Süßigkeiten in einen blauen Beutel und holt tief Luft: Wie hast du gemerkt, dass ich ein Kind bin?
Ich habe selten in meinem Leben so schnell gedacht wie in diesem Moment. Nachdenklich wiege ich meinen Kopf, um ein paar Zehntelsekunden Zeit zu gewinnen.
Na ja, mir ist eingefallen, dass doch heute Halloween ist. Deshalb.
Er nickt. Ach so.
Dann stapft er die Treppe hinunter.

Beitrag vom 1 November, 2010 (14:01) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Herbst in Kreuzberg 2

19 Oktober, 2010 (21:48) | | tage-bau | Kommentieren

Seine Erinnerungen sind wie hungrige Wölfe. Sie schleichen umher, man sieht sie nicht, man hört sie nicht, aber sobald sie ein passendes Wort oder ein Bild gefunden haben, stürzen sie sich darauf, reißen daran herum in wilder Gier auf weitere Wörter und Bilder, sie wühlen darin herum, bis alles bloß liegt, hervorgezerrt aus dem Vergessen. Offene Wunden, zum Fraß bereitet.
Jedes Jahr war er mit seinen Kindern nach Berlin gefahren, hatte ihnen gezeigt, wo er in der Schleiermacher Straße gewohnt hatte, wo er in der Bergmannstraße in die Schule gegangen war und mit welchen U-Bahnen er sich, als er endlich Canisius-Schüler und im Besitz einer Schülerfahrkarte war, durch die Stadt treiben ließ, stundenlang. Geh“ nicht mit fremden Männern, hatte die Mutter gemahnt.
Er hatte seine Erinnerungen für die Kinder sorgfältig dosiert, sie waren jung, ihre Seelen verletzlich.
Jetzt ist er krank und schickt seine Töchter für ein paar Tage allein zu Freunden nach Kreuzberg. Während die Mädchen im Kellerkino bei Hugo „Wir Kellerkinder“ sehen und sich auf dem Türkenmarkt am Maybachufer bunte Tücher kaufen, hat er Zeit, ihnen in seinen Gedanken zu folgen, durch die Straßen zu laufen wie damals.
Ihm begegnet Frau Kühl, die ihm von den toten Pferden am Straßenrand erzählt hatte und seine Kinderfantasie erwacht und zeigt ihm wieder und wieder die zerschossenen Tierleiber, aus denen halb verhungerte Menschen Fleischstücke reißen. Er erinnert sich an die Erzählung der Frau Kühl von den tausend Leichen, die unter dem Hermannplatz verschüttet waren. Und er sieht sich wieder flüchten vor den Mitschülern, die ihn, den zurück gekehrten Flüchtling, verspotteten und verprügelten, bis er sich in den Keller flüchtete – den Keller unter den Trümmern der Marheinekehalle, wo kurz nach dem Krieg wieder Markt abgehalten wurde. Hier war er in Sicherheit vor seinen Verfolgern und hier gab es Milch und Eier und er konnte sich nicht satt sehen und das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Spiel“ nicht in den Ruinen, hatte die Mutter gemahnt.
Er kann sie nicht bändigen, die Erinnerungen. In seinen Büchern, die er über all die Jahre gesammelt und in seiner Wohnung gestapelt hat, sucht er nach Bestätigung, nach weiteren Wörtern und Bildern, nach Nahrung für die Erinnerung, damit sie endlich satt wird und müde. Kreuzberg ist weit weg und so nah. Immer noch lebt er einen Teil seines Lebens in den Trümmern und Kellern seiner Kindheit, in der langsam dahin zuckelnden Straßenbahn, in den eingestürzten U-Bahnhöfen.
In der Schleiermacher Straße gibt es schon lange keine Ruinen mehr, die Grundschule in der Bergmannstraße wird nicht mehr als Schule genutzt. Im Chamissokiez haben nicht mehr die Kinder aus den Hinterhöfen das Sagen.
Die renovierten und restaurierten Häuser geben ihre Geheimnisse nicht mehr preis. Man sieht ihnen die Verzweiflung des Großvaters nicht mehr an, der im sicheren Vertrauen auf den Respekt vor den Zeugnissen einer großen Kultur Frau und Tochter in das Inferno nach Dresden schickte. Und im Rathaus Kreuzberg erinnert nichts mehr an das Herzklopfen der Kinder, die sich trotz Verbot im Paternoster auf und ab fahren und im Dunkel des Kellers oder des Dachbodens von einer Seite auf die andere schaukeln ließen.
Mehr als die Hälfte seiner Mitschüler lebten, wie er, ohne Vater. Viele wuchsen ohne Mutter auf.
Das Kreuzberg seiner Kindheit war kein guter Ort für Kinder. Getröstet hat ihn die Inschrift an der Kirche am Marheinekeplatz: Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan – und niemand kann sie zuschließen. Offenbarung 3,8
Er hatte viel Zeit, sie zu lesen. Weil er gerne kokelte, musste er früh um sieben, wenn die Mutter zur Arbeit ging, mit ihr die Wohnung verlassen. Bis zum Unterrichtsbeginn strolchte er durch die Straßen.
Jetzt ist er krank. Wenn er wieder gesund wird, will er im Frühjahr nach Kreuzberg kommen. Dann wird er, wie immer, durch das Nachkriegskreuzberg seiner Kindheit streifen auf der Suche nach den Wörtern und Bildern, die unter der Zeit verschüttet sind und die seine Erinnerungen erlösen können.

Beitrag vom 19 Oktober, 2010 (21:48) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Herbst in Kreuzberg 1

8 Oktober, 2010 (01:05) | | beautiful people | Kommentieren

Herbst.
Mit zwei wunderschönen Spätsommertagen hat er sich bei uns eingeschmeichelt um dann die große Geburtstagparty zum Fünfzigsten in Groß Kreutz buchstäblich ins Wasser fallen zu lassen. Nun sind Kreuzbergern beengte Raumverhältnisse nicht gänzlich unbekannt. Zwei Feuerschalen im Hof und üppige feste und flüssige Speise sorgten für Wärme, Tische und Stühle wurden zusammen geschoben und dann wurde kräftig gefeiert, Herbstregen hin – Herbstregen her.
Am nächsten Morgen in Berlin für die Heimkehrer die große Überraschung: Die Kreuzberger kamen nicht mehr nach Hause. Kreuzberg war umzingelt, zumindest Teile davon. Umzingelt von Marathonläufern, die heutzutage im Kreis laufen statt von Marathon nach Athen. Zwischen den Pulks von hechelnden Läufern mit glasigen Augen ist kein Durchkommen. Die eine ist von der anderen Straßenseite so weit entfernt wie vom Mond. Es regnet immer noch. Keine Zuschauer am Straßenrand, keine Sambatrommeln, keine Erfrischungen aus der Kühltasche. Nur Regen und kein Durchkommen.
Am Lausitzer Platz bietet ein Café den unglücklichen Heimkehrern Frühstück an, ein früher Gast sitzt unter der Markise, von der es in stetig wachsende Pfützen tropft. Im Café ist es lausig kalt, aber der Kaffee ist schön heiß.
Gegenüber die Kirche. Architekten sind hier im Vorstand, Lehrer, Ärzte, ein Staatsekretär. Sie kommen in die Gottesdienste und mit ihnen die Harzvierer, die Alkis und die Junkies. Hier predigt auch schon mal ein Rabbi oder ein orthodoxer Erzpriester und im angeschlossenen Raum der Stille finden wir im ausgelegten Gästebuch Gebete an Gott und Gebete an Allah.
Nach dem Gottesdienst füllt sich das Café, die Bedienung bekommt Verstärkung.
Gegen Mittag dann ein erneuter Versuch, den Marathonring zu durchbrechen. Der Regen scheint zu Glanzleistungen beflügelt zu haben: weit und breit niemand, der an das Höchstleistungsevent erinnern könnte. Die Straßen sind leergefegt. In den Pfützen spiegeln sich die mit flammend rotem Weinlaub herausgeputzten Brandwände.
Herbst eben. Sommer war gestern.

Beitrag vom 8 Oktober, 2010 (01:05) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: beautiful people | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Sommer in Kreuzberg IX

20 September, 2010 (21:01) | | beautiful people, lesung karlsruhe | Kommentieren

Es regnet.
Nach einer kurzen, heftigen Sonnenliebschaft tändelt der Sommer jetzt mit dem Herbst.
Hugo ficht das nicht an.
Hugo führt nicht nur die kleinste Kneipe Berlins mit dicht gedrängten vier Stehplätzen, sondern auch die schönste Handdruckerei Berlins, in der er die kostbaren Werke Kreuzberger Künstler auf ebenso kostbares Papier bringt, eine angeschlossene Galerie mit immer wieder überraschenden Ausstellungen und, wie es sich für Kreuzberg gehört, einen Keller. Keinen tiefen Keller, sondern einen im Souterrain mit schmalen Fensterstreifen an der Wand gleich unter der Decke. Es gibt Kellerkneipen, Kellergalerien, Wellnesstempel, Bioläden und Fahrradwerkstätten in Kellerläden, die noch in den Siebzigern in der Regel als Kohlen- und Kartoffellager und häufig als Trödelläden genutzt wurden.
In einem dieser Souterrainkeller im Hinterhof in einem ehemaligen Fabrikgebäude lagert Hugo Papier, Farbe und alle anderen Utensilien, die in einer Druckerei als regelmäßiger Nachschub benötigt werden.
Hugo hat in ebendiesen Keller zum Filmabend mit Erbensuppe eingeladen. Eintritt: 2â?¬ 50 Pfennig. Titel des Films: Wir Kellerkinder, Deutschland 1959, mit Wolfgang Neuss und Karin Baal. Es kamen die Eingeladenen und ein paar Zuschauer mehr, Stühle mussten heran geschleppt werden, frische Luft gab’s im Regen unterm Sonnenschirm, die Erbsensuppe schmeckte köstlich, eine Zuschauerin hatte Kuchen beigesteuert, andere Wein, Brot, Süßkram. Der Tontechniker hatte mit der Technik zu kämpfen, schließlich begann die Vorführung.
Die Alten, die gekommen waren, kannten den Film oder nicht, aber sie kannten die Stimmung. Erstaunlich, wie schnell Geschichte wieder in die Gegenwart geholt werden kann. Ja, so haben wir uns gefühlt. Nach dem Krieg war nicht Frieden, sondern Nach-Krieg.
Die Jungen, die gekommen waren, kannten den Film nicht. Sie kannten auch nicht die Stimmung. Sie konnten lachen und staunen. Das war Wolfgang Neuss? So war der mal? Und Karin Baal. Wer war das?
Vor zu viel Nässe schützte der Sonnenschirm die anschließenden Gespräche, sie drehen sich um den Film, um Erfahrungen, auch die aktuellen.
Kann man das nicht wiederholen? Filme im kleinen Kreis. Gespräche anschließend, locker, ohne Moderation, damit man nicht allein bleiben muss mit der Begegnung auf der Leinwand? Eine schüchterne Anfrage, was alles soll Hugo sonst noch stemmen? Eine scherzhafte Antwort, dann war das heute die Eröffnung des Kellerkinos. Scherz? Wer weiß.
Drei ganz junge Zuschauerinnen waren gekommen. Schülerinnen, eine Woche Ferien in Berlin. Für sie war alles fremd, der Film, die Menschen, die Kellerlocation, der Hinterhof.
An ihrem letzten Tag vor der Abreise befragt, was sie als die eindrucksvollste oder schönste Erinnerung mit nach Hause nehmen, antworteten sie ohne zu zögern, das bei Hugo. Das bei Hugo? Sie hatten sich in die hinterste Ecke gedrückt. Nur miteinander gekichert und getuschelt, später nie davon gesprochen. Das bei Hugo?
Ja, war die Antwort, das war cool, weil so alle zusammen waren, die jungen und die alten und es kein Unterschied war, wie sie miteinander geredet haben. Voll cool war das.

Beitrag vom 20 September, 2010 (21:01) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: beautiful people, lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Sommer in Kreuzberg VIII

30 August, 2010 (11:57) | | beautiful people | Kommentieren

Sommer – Sonne – Blumen.
Auch der Kreuzberger liebt Blumen.
Nur wenige Kreuzberger haben einen Garten.
Also gehen sie auf die Straße.
Da gibt es kleinste Areale, die man durch geschickte Umzäunung von Füßen, Pfoten, Rollstühlen, Kinderwagen, Fahrrädern und Rentnerkarren frei halten kann: die Baumscheiben. Kleinste Reste sichtbarer Erdkrume zwischen Bürgersteigpflaster und Fahrdammasphalt.
ßberall wird gehämmert, gesägt, werden Pflöcke in die Erde gerammt, Blumenerde wird angehäufelt, Sitzbänke designt, Drähte gespannt und Schilder angenagelt: „Betreten verboten“. Nach ein paar Sonnentagen und einigen Eimerladungen Wasser grünt und blüht es: Bärlauch, Storchenschnabel, Stockrosen – was das Samentütchen hergibt.
Bis der Gärtner in den Urlaub fährt. Nehmen wir Herrn W. zum Beispiel. Er fuhr für sieben Tage an die türkische Riviera.
Eine Busladung Touristen lässt sich, dankbar, den engen Bussitzen und den Witzen des Reiseführers entronnen zu sein, auf dem Bänkchen seines Baumscheibengärtchens in der Sonne nieder und staunt über die Naturliebe der Kreuzberger, bis das Bänkchen sich samt Besatzung leise zur Seite neigt und sanft in die Blütenpracht sinkt. Die Touristen sind froh, dass sich kein Besitzer zeigt, bedauern die geknickte Pracht und folgen dem Reiseführer brav zum Marheineckeplatz. Die abgeknickten Pflanzen welken still vor sich hin.
Hat Herr W. vergessen, seine Nachbarin um eine gelegentliche Wassergabe zu bitten? Oder hat sie jetzt endlich die Gelegenheit, ihm heimzuzahlen, dass er die Spuren nächtlicher Sauftouren auch auf ihrem Fußabtreter hinterlässt? War es einfach nur zu heiß und zu trocken? Haben sich die Pflanzen nicht von den Touristen erholt? Hat sich die Töle aus dem Nachbarhaus nicht an das Verbotsschild gehalten? Wie dem auch sei. Nach seiner Rückkehr starrt Herr W. entsetzt auf seine braun verdorrten Pflanzen und das demolierte Bänkchen.
Um seinen Wiedersehensschmerz zu betäuben, lässt er sich vom Wirt seiner Stammkneipe trösten. Dann von der Bedienung seiner zweiten Stammkneipe. Dann besucht er ein paar Kneipen, die er sonst noch kennt, und als er gegen Morgen nach Hause torkelt, stolpert er über ein Stück Draht, mit dem er das Bänkchen befestigt hatte, und überzieht die Baumscheibe mit der übel riechenden Erinnerung an die nächtlichen Tröstungen. Er hat es eilig, in seine Wohnung zu kommen, sieht aber zu dieser Tageszeit nicht mehr so gut, fingert in der Jackentasche nach seiner Brille, sinkt ermüdet auf die Fußmatte der Nachbarin. Kopfschüttelnd betrachtet er den nassen Fleck auf seiner Hose, der sich beharrlich ausdehnt.
Anne, Katrin, Lisa, Jens und Martin haben es da besser, sie fahren niemals gemeinsam in Urlaub. Die WG der Alleinerziehenden hat eine Mehrbaumscheibe umzäunt und einen Minispielplatz daraus gemacht. Jens hat einen Bruder, der Tischler ist, der hat beim Zaun geholfen und Lisas Mutter hat früher in einer Gärtnerei gearbeitet und Tipps gegeben, mit dem Rindenmulch zum Beispiel.
Konrad, der älteste Sohn von Katrin, hat das Schild gemalt: eine große rote Blume mit der Aufschrift „bite nich betrehten“.
Die Touristen staunen über die Originalität der Kreuzberger.
Aber bei aller Liebe zur Natur – nichts geht dem Kreuzberger über seine persönliche Freiheit und den Kampf darum führt er in stiller Verbissenheit.
Hat er jemanden darum gebeten, Stockrosen auf den Mittelstreifen an der Kottbusser Straße zu pflanzen? Hat ihn jemand gefragt, ob er damit einverstanden ist? Lila Stockrosen, nachdem sich im Frühjahr hier schon diese albernen Krokusse wie die Ratten am Kanal vermehrt haben? Mit ausholenden Schritten und kräftigem Auftreten verteidigt er seine Freiheit, wenn er den Grünstreifen überquert.
Das Gartenbauamt respektiert die Freiheitsliebe des Kreuzbergers, wie man am Südstern sehen kann.
Ein schmaler Rasenstreifen trennt hier Geh- und Radweg voneinander. Der Rasenstreifen trug in allerkürzester Zeit die Male des Kreuzberger Freiheitskampfes: Trampelpfade kreuz und quer.
Ein – vermutlich aus Schwaben eingewanderter – Mitarbeiter des Gartenbauamtes unterstützte den Freiheitskampf und ließ saubere, drei Schritte lange Wege zwischen Geh- und Radweg anlegen und asphaltieren.
Es ist zu erwarten, dass im kommenden Jahr naturliebende Kreuzberger auf dem verbliebenen Rasen einen Balkon bauen und darauf Tomaten und Stockrosen ziehen und in lauen Sommernächten feiern.

Beitrag vom 30 August, 2010 (11:57) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: beautiful people | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Sommer in Kreuzberg VII

8 August, 2010 (16:53) | | beautiful people, lesung karlsruhe | Kommentieren

Noch ist es schön warm.
Sommer eben. Aber das kann sich ändern. Der letzte Winter hat es gezeigt.
Die Pole wandern. Wer weiß, wann einer der Pole in Kreuzberg ankommt. Und wie lange er sich dann hier aufhält. Der letzte Winter war ein Vorgeschmack darauf.
Die meisten Kreuzberger halten sich am Sommer fest: Es wird schon nicht so schlimm werden mit dem Winter.
Nur Herr T. nicht.
Herr T. hat ein Antiquariat am Rande von Kreuzberg.
Sein Antiquariat scheint sich nicht von anderen, ähnlichen Bücher- und Kunstklausen zu unterscheiden. Wenn da nicht der Pinguin wäre.
Sie haben richtig gelesen. Ein Pinguin. Ein echter. Ausgestopft.
Wie kommt ein Pinguin nach Kreuzberg?
Ganz einfach. Herr T. hat die Zeichen der Zeit, an denen der gemeine Kreuzberger achtlos vorüber geht, längst erkannt. Herr T. trägt die Ahnung der wandernden Pole schon lange mit sich herum. Was liegt da näher, als sich mit der Tierwelt der Polregionen zu befassen? Als er auf einer Reise einem Plastikpinguin das Fliegen beibringen konnte, war es um ihn geschehen. Den Pinguinen gehörte fortan seine Liebe.
Dann geschah das Unglück: Ein ausgestopfter Pinguin, den er unter dem Arm nach Hause tragen wollte, flog ihm davon. Herr T. war untröstlich. Das muss man sich einmal vorstellen: Nur weil ein Plastikpinguin das Fliegen lernte, war er jetzt dazu verurteilt, allen Pinguinen, ungewollt, das Fliegen beizubringen.
Herr T. ahnte, dass die Verschiebung der Pole enormere Auswirkungen auf das Leben der Menschen und Tiere haben würde, als es sich der gemeine Kreuzberger vorstellen kann und begann zu sammeln: Pinguine aus Plüsch, Papier, Pappe, Porzellan, Holz, Glas, Silber – Pinguine aus allen Materialien, die man sich vorstellen kann. Pinguine auf Bettwäsche, Teppichen, Pullovern und Mützen, Pinguine als Klobürste, Schlüsselanhänger, Blumenvase und Thermoskanne.
Herr T. ist auf die Klimakatastrophe gut vorbereitet, er wird das Geschäft seines Lebens machen, wenn der Südpol in Kreuzberg landet.
Vermutlich wird der Pinguin in seinem Antiquariat, der bisher gut festgebunden ist, dann zum Leben erwachen und andere Pinguine anlocken. Herr T. wird einen Zaun um die Pinguine ziehen und Eintritt nehmen. Wer genug Pinguine gesehen hat, kann ein Andenken mit nach Hause nehmen.
Wir sind sehr gespannt, wie sich die Sache entwickeln wird.
Herr T. wird uns auf dem Laufenden halten. In einer kleinen Schrift, der ein ausgestanzter Pinguin in einem Tütchen beigefügt ist, kann man sich von den Vorgängen überzeugen. Seinen „Ersten Nachrichten aus einem imaginären Museum“ werden hoffentlich bald weitere folgen.

Beitrag vom 8 August, 2010 (16:53) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: beautiful people, lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Sommer in Kreuzberg IV

29 Juli, 2010 (12:32) | | beautiful people | Kommentieren

Es regnet.
Man kann es fast nicht glauben in diesem Sommer. Die Menschen haben sich an die Wärme gewöhnt. Sie sitzen unter Sonnenschirmen in den Cafés und Kneipen, den Shisha-Bars und Restaurants.
Aber jetzt regnet es. Den ganzen Tag über war es bewölkt und schwül.
Unter den alten Platanen auf dem Weg zum Südstern stehen die Fußgänger und Radfahrer und warten plaudernd darauf, dass der Regen nachlässt und sie ihren Weg fortsetzen können.
Im italienischen Feinkostladen in der Graefestraße bestelle ich einen Cappuccino und kleines süßes Gebäck. Ich setze mich an einen der Tische auf dem Gehsteig unter einen Sonnenschirm, auf den es leise tröpfelt. Ich lese. „Herr Gott lässt es regnen in Yerushalayim“ von Peter Will. Der Kreuzberger, der ein Ossi wurde. Schreibt Gedichte und Kurzgeschichten und malt. Wie die Malerpoeten aus den Sechzigern. Auch er: ein Malerpoet. Insofern ist er ein Kreuzberger geblieben.
Für ihn hat es auch geregnet. Nicht in Kreuzberg, sondern in Jerusalem. Er erlebt in der heiligen Stadt das Mit- oder vielleicht besser: das Gegeneinander der mosaischen Religionen und fragt sich: – Ganz offensichtlich arbeitet ihr (der Juden d.V.) gestrenger Herr Gott mit dem anderen Herrn Gott in der Regenfrage zusammen. Oder sind beide einundderselbe Gott? Vielleicht sogar eine Dreieinigkeit von Herrn Gott, Herrn Gott und Herrn Allah?“
In Kreuzberg kann man sich diese Frage nicht stellen. Sie arbeiten zusammen, das ist zu offensichtlich. Wenn es regnet, regnet es für alle. Obwohl es natürlich passieren kann, dass über der Synagoge am Fraenkelufer die Sonne scheint, während es beim Papst in der Lilienthalstraße und über der Moschee am Columbiadamm regnet. Erforscht hat die Hintergründe dafür aus religiöser Sicht noch niemand. Wasser ist Wasser für die Kreuzberger. Jüdische, christliche und muslimische Kinder tummeln sich in den gleichen Schwimmbädern.
Wir sollten Herrn G“tt, Herrn Gott und Herrn Allah nach Kreuzberg in ein Schwimmbad einladen. Vielleicht geschieht dann ein Mirakel. Der heiligen Stadt wäre der Frieden zu gönnen.
Nur – wenn die drei wirklich einer wären, dann würde er voraussichtlich nicht kommen. Seine Sicherheitskräfte würden ihm davon abraten.

Beitrag vom 29 Juli, 2010 (12:32) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: beautiful people | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Sommer in Kreuzberg III

24 Juli, 2010 (13:12) | | beautiful people | Kommentieren

In Kreuzberg wird es eng.
Ein Vorort muss her. Am Hermannplatz schwappt Kreuzberg nach Neukölln über. Kreuzkölln.
Es ist schwül, die Wolken hängen tief. Im Froschkönig ist es angenehm unprätentiös. Ein Hauch von Studentenkneipe weht durch das kleine Lokal. Wolfgang Fehse wird aus „Karneval in X oder : Die Macht der Poesie“ lesen.
Noch ist es zu früh. Der Wirt entschuldigt sich. Das ist nur in Berlin so, dass zu allen Veranstaltungen die Leute zu spät kommen. Nie kommt einer pünktlich. In anderen Städten ist das anders. Wenn da eine Veranstaltung um neun anfängt, dann sind die Leute auch um neun da. In Berlin nicht. Hier kann man nie pünktlich anfangen.
Es ist schwül, der Weißwein schön kalt.
Als Fehse an den vorbereiteten Tisch tritt, strömen die Zuhörer aus dem Schankraum in den hinteren Teil der Kneipe.
„Sie brauchen die stille, behagliche Gleichförmigkeit des sinnlosen Arbeitsalltags! Sie brauchen das Schlurfen über die Gänge mit der Kaffeekanne in der Hand! Sie brauchen den ekligen Geruch von Bohnerwachs und Beamtenschweiß,“ liest Fehse und zeigt den tapferen Kampf seines Helden, des Dr. Küberling, der Rimbeau mit Rambo verwechselt, mit seinem Chef.
Wer sind die Zuhörer? Kreuzkölln ist nicht Kreuzberg. Keine dunklen Gesichter, keine Kopftücher, alle sprechen deutsch und trinken Alkohol.
In der zweiten Reihe ein männliches Mittelalter in Weiß: weiße Hosen, weißes Hemd, weiße Turnschuhe.
„Doch“!, liest Fehse, „Doch! Und Sie brauchen das Ertrinken in unzähligen Vordrucken und Ausführungsvorschriften. Das ist Ihre Welt und sonst gar nichts!“
Die Schwüle wird fast unerträglich. Die Haut ist von einem leichten Schweißfilm bedeckt.
„Nein!“, liest Fehse, „nein! Ich brauche das Abenteuer, den Aufbruch! Ich kann mehr als die Erstellung von Statistiken!“
Ein Geräusch in der zweiten Reihe. Das weiße männliche Mittelalter schnarcht. Grinsen in der Umgebung. Vom Nebentisch wird er zart angestoßen, wacht auf und lauscht erneut der Stimme des Lesers.
„Fahren Sie nicht eher und nicht später an die Schranke. Gute Reise, Dr. Küberling, und viel Erfolg.“
Es hat angefangen zu regnen. Der Geruch von nassem Staub streicht über die Tische. Beifall.
Die Zuhörer drängen sich wieder im Schankraum. Bier und Wein gegen den Durst, Gespräche gegen die Einsamkeit. Ein Gast sucht seinen Begleiter. Er hat über seinen Bieren nicht gemerkt, dass dieser schon vor einer Weile das Lokal verlassen hat.
Zurück in Kreuzberg öffne ich weit die Fenster, die Luft ist frisch und riecht nach nassem Gras. Ich versuche, Dr. Küberling in den Wolken zu lesen:
„DANN WERDEN UNSERE SCHIFFE
AUF STRUDELN KREISEN
UND ES WIRD NACHT SEIN
HEIßE GLßHENDE NACHT
UND VßGEL WERDEN AUFFLIEGEN
WEIT HINAUF AUS DEM NICHTS
WEIT HINAUF.“
Auf dem Balkon gegenüber wird gefeiert. Auf deutsch und französisch. Ich kann mich nicht auf die Wolken konzentrieren. Gläser klirren. Nein, sagt eine Stimme, sie müssen morgen früh arbeiten gehen. Dann wird eine Türe geschlossen. Ich höre nur noch den Regen.

Beitrag vom 24 Juli, 2010 (13:12) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: beautiful people | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Sommer in Kreuzberg II

19 Juli, 2010 (11:39) | | beautiful people | Kommentieren

Die Hitze macht hitzig.
Unter dem heißen Strahl meiner abendlichen Dusche erreicht mich der Schrei. Wasser abstellen, lauschen. Von der Straße dringt aufgeregter Lärm wie von einer Menschenansammlung in mein Bad. Ich stürze ans Küchenfenster, notdürftig in mein Badetuch gewickelt.
Auf der Straße Aufregung. Der italienische Feinkostladen hat längst geschlossen, vor der „Sportsbar“ und dem „Spätkauf“ eine Menschenmenge, aufgeregtes Rufen und Schreien. Vor meiner Haustüre zwei große Autos, Familienkutschen, geparkt auf dem Radweg, eingeschaltete Scheinwerfer. In den umliegenden Häusern öffnen sich die Fenster.
Auf der Straße erregte Diskussionen, beruhigende Gesten, Trennung der Kontrahenten.
Langsam beruhigt sich die Menge. Männer, Frauen und Kinder schlendern zögernd zu den Autos zurück, die Männer haben die „Sportsbar“ und den „Spätkauf“ weiterhin aufmerksam im Blick. Eine Gruppe von Kindern, alles Jungen, löst sich aus der Menge und postiert sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite, um ein mögliches Aufflackern des Konfliktes nicht zu verpassen. Ein Fußball wird einmal gelangweilt gegen eine Hauswand getreten.
Ein junger Mann, mit einem Unterhemd und einer langen Hose bekleidet, steht einer Gruppe von jungen Männern gegenüber. „Du Arschloch,“ kann ich verstehen, „du hast doch gesehen ..“ Die weitere Rede geht im Lärm vorbeifahrender Autos unter. Ich verstehe noch einzelne Worte, „Frau, Kind, gefallen“. Die anderen antworten seinem glasklaren Deutsch im typischen Kreuzberg-Slang.
Frauen und Kinder steigen in die Autos. Nach einem letzten prüfenden Blick auf die beruhigte Szene klemmen sich die Fahrer hinter das Steuerrad und fahren ab.
Die „Sportsbar“ schließt.
Vor dem „Spätkauf“ sitzt noch eine Handvoll junger Männer. Der junge Mann im Unterhemd lehnt sich an eine Hauswand und betastet seine Arme. Hinter ihm wird ein Rollladen rasselnd herunter gelassen.
Aus der Gruppe vor dem „Spätkauf“ löst sich ein beitschultriger junger Mann, geht auf ihn zu. Die Luft um die beiden scheint sich augenblicklich aufzuladen. Wie wilde Tiere tänzeln sie umeinander, bevor sie sich schließlich mit einem Handschlag verabschieden, wie ihn kein Cowboy im Western besser bieten könnte. Im „Spätkauf“ wird aufgeräumt.
Die Gruppe der beobachtenden Jungen hockt gelangweilt auf der anderen Straßenseite. Eine Frau kommt vorbei. Sie spricht die Jungen an. Gelächter. Ein Junge versucht sie zu necken. Sie ist betrunken. Legt einen Arm um ihn. Er weicht ihr aus. „Bist du schon verheiratet?“ Erneutes Gelächter.
Späte Spaziergänger genießen die laue Nachtluft.
Die Kinder verlassen die Straße. Ihr Weg führt unter den Platanen auf den Hof. Fenster und Terrassen sind erleuchtet, in der nächtlichen Kühle erholen sich ihre Eltern bei Wein oder Raki.

Beitrag vom 19 Juli, 2010 (11:39) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: beautiful people | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Sommer in Kreuzberg

18 Juli, 2010 (13:28) | | beautiful people | Kommentieren

Sommerhitze.
Der Wirt des griechischen Restaurants fährt mit seiner Familie nach Griechenland, da ist es in diesen Tagen nicht so heiß wie hier.
Die türkischen Mädchen gegenüber langweilen sich. Ferien.
Zwei kleine Jungen hocken auf dem Spielplatz zwischen den Häusern verloren im Schatten einer Rutsche. Über den heißen Sand kann man nicht mehr barfuß laufen.
Im Kreuzberger Freibad stapeln sich die Badegäste. Selbst im Springerbecken kann man nicht mehr ertrinken.
Dann kommt der Abend.
Fenster und Türen in den umliegenden Häusern öffnen sich, schwere Vorhänge, die vor der grellen Sonne tagsüber schützten, werden zurückgezogen.
Beim Ruf des Muezzin mischt ein leichter Wind die Düfte von Rasierwasser und Eau de Cologne mit Rosmarin und Basilikum auf meinem Balkon.
Mit einbrechender Dunkelheit illuminiert sich der weite Hof, Lampen und Lämpchen erleuchten Fenster und Terrassen. Die Stimme des Muezzin verliert sich in der einsetzenden Musik, orientalische und europäische Klänge verweben zum Festkonzert.
In den Wohnungen wird gefeiert, gegessen, getrunken, gesungen und getanzt. Die Stimmen der Erwachsenen und der Kinder mischen sich, ab und zu bellt ein Hund dazwischen. In einigen Räumen drängen sich unüberhörbar viele Gäste, auf manchen Balkonen sitzen kleine Gruppen beim Wein, die Gärten sind aufgeräumt und gut gesprengt, um einen Hauch von Kühle zu erzeugen. Musik, Lachen und Rufen erfüllen die Luft.
Die nächtliche Dunkelheit währt kurz. Als zwischen zwei und drei Uhr in der Frühe die Morgendämmerung beginnt, wird in den letzten Fenstern das Licht gelöscht.
Der spätere Morgen gehört den Katzen und Elstern und ihrem Gezänk. Sie stören nur die Schläfer, die sich bei der Hitze ihr Bett auf dem Balkon gemacht haben.
Als die Elstern endlich die Katze vertrieben haben, legt sich das Glockengeläut der umgebenden Kirchen über den stillen Hof.
Wenig später ruft der Muezzin.
Der Kiez erwacht.

Beitrag vom 18 Juli, 2010 (13:28) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: beautiful people | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Lebensreiserast

7 Juli, 2010 (12:13) | | tage-bau | Kommentieren

Hier war ich mal zu Haus‘,
dann trieb es mich hinaus.
Jetzt kam ich zu Besuch zurück,
fand hier und da ein kleines Stück
vom alten Leben.

Die Namen – kennst du noch …?
Erinnere dich doch!
Die Soundso, kanntest du die?
Hier, sieh, auf der Fotografie
steht er daneben.

Und in der Dunkelheit
zerfällt ganz sacht die Zeit.
Ich bin mir selbst plötzlich so nah,
ich sehe, was ich damals sah,
der Nacht ergeben.

Heut‘ bin ich hier zu Gast,
auf Lebensreiserast.
Gestaut seh‘ ich den Strom der Zeit,
die Parzen im sternenen Kleid
den Faden weben.

Beitrag vom 7 Juli, 2010 (12:13) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Kalenderverse

30 Mai, 2010 (18:46) | | tage-bau | Kommentieren

Winter
Der Vögel schwerer Schwingenschlag
zerteilt das Sternenlicht, die Nacht,
ihr Schrei weckt durch das Eis blau-grau
und hart die Krötenherzen bang,

die tief im Wasser jenen Tag
erwarten, wenn die Sonne sacht
die Krötenherzen weckt. Und rau
verweht der Vögel Nachtgesang.

Frühsommer
Noch steht der Garten blau im Duft
des Rosenstocks. Das Wasser sinkt,
der Deich erblüht und Juno hebt
die Frauen schützend ihre Hand.

Den Ruf des Kuckucks trägt die Luft,
die zart im Wind den Sommer bringt,
mit Adlerschreien dicht verwebt.
Ein Bänkchen steht am Gartenrand.

Beitrag vom 30 Mai, 2010 (18:46) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Zeltebauer der Zeitenwenden

22 April, 2010 (00:10) | | netz@uge.nblick | Kommentieren

Mein Freund, auch du ein Zauberlehrling? Goethesche Erfahrung
lockt dich, du suchst für deine Poesie nach neuer Nahrung
und rufst den alten Meister dir zur Seite,
legst alte Weisheit in den neuen Topf zur Aufbewahrung?

Der weise Meister sprach vor tausend Jahren, seht die Sonne,
die ich für euch berechnet zum Kalender: nichts für Fromme,
die ihre Welt mit ihrer Wahrheit füllen,
dass nämlich Gottes Zorn am Ende über alle komme.

Der alte Weise war ein Meister seiner Zeitenwende.
Die Frauenherrschaft brach er durch des Mondkalenders Ende.
Der Tag erhob sich, Dunkel sollte weichen,
dass niemand einen Weg zurück zu altem Wissen fände –

das lange vor ihm Finsternis und Licht als Gleiches nannte
und ohne Unterschied, wie Welle man und Teil erkannte
in dieser Zeitenwende uns’res Lebens,
– wie jede Zeit stets durch ihr Wissen alte Ängste bannte.

Mein Freund, dein weiser Meister nennt die Welt nur Schein und Träume.
Gerechtigkeit hält ihm zusammen alle Weltenräume.
Genieß‘ den Wein, Erkenntnis scheint nicht möglich.
Die Poesie: nur Trug und Schein wie Sonne, Mond und Bäume.

Beitrag vom 22 April, 2010 (00:10) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: netz@uge.nblick | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Darwin 2010

23 März, 2010 (16:06) | | tage-bau | Kommentieren

Einer kroch einfach früher als die anderen aus den Federn,
einer macht sich bestens gelaunt über die Arbeit her,
eine war die Lieblingstochter ihres Vaters,
einer hat wettergebräunte Haut und Zufriedenheit in den Augen,
einer verbreitet stets gute Laune,
eine ist eine fabelhafte junge Frau,
auch ein anderer ist längst auf den Beinen.
Nur der, der kam später und gehört immer noch nicht zum inner circle.

Beitrag vom 23 März, 2010 (16:06) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Haifischbar

22 März, 2010 (13:18) | | tage-bau | Kommentieren

Welch eine Posse!
sprach der Wirt
und zog den Hut
über die Flosse.

Beitrag vom 22 März, 2010 (13:18) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Frühling

22 März, 2010 (13:12) | | tage-bau | Kommentieren

Nacht
ohne Schlaf und Sternenlicht.
Nur Regentropfen fallen,
schwarze Perlen,
von dunklen Zweigen
schwer zur Erde.

Still
lauscht der Baum der Dunkelheit,
greift sein Geäst in schwerer
Wolken Atem.
Wem gilt die Sehnsucht
seiner Tage?

Traum,
scheinbar endlos seufzt die Nacht,
gefüllt mit schwerem Flügel-
schlag der Gänse
auf ihrer Reise
in den Sommer.

Beitrag vom 22 März, 2010 (13:12) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Neujahr

2 Januar, 2010 (13:44) | | tage-bau | 4 Kommentare

Blue Moon versprach das Internet,
viel Schnee die Wetterfrösche,
damit das alte, matte Jahr
geheimnisvoll erlösche.

Das Feuerwerk, die Feierlust
begräbt die weiße Decke.
Es duckt sich unter schwerem Tuch
selbst meine stolze Hecke.

Den Kindern hat das alte Jahr
den Schnee zum Spaß gegeben.
Die Vögel suchen hier und da
ein Bröckchen Überleben.

Der Ostwind weht, hängt Zapfen aus
an Lampen und Laternen.
Orangenbäumchen blüht zu Haus
und reckt sich nach den Sternen.

Beitrag vom 2 Januar, 2010 (13:44) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (4) Kommentare


Diese Nacht

30 Dezember, 2009 (22:05) | | tage-bau | Kommentieren

Komm, gib mir deine Hand.
Die Gier nach dir
befriedet sie
im Dunkel dieser Nacht.

Komm, gib mir deine Lust.
Die Gier nach mir
streckt dich dahin,
die Blüte voller Pracht.

Komm, gib mir deinen Duft.
Die Gier nach dir
hast du in mir
mit deiner Lust entfacht.

Beitrag vom 30 Dezember, 2009 (22:05) | Autor: Elvira Surrmann | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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