Todeskrankheit

8 Juni, 2010 (11:19) | | tage-bau | Kommentieren

Erb fühlte sich mit Klotz, den er fast dreißig Jahre kannte, zu einer solchen Einheit zusammengewachsen, dass ihre beiden Leben zu einem einzigen verschmolzen schienen: undenkbar, was passieren würde, sollte eins vor dem anderen sterben. Aber genau das trat, bedingt durch den großen Altersunterschied, immer bedrohlicher in den Vordergrund: durch Klotzens zunehmende Hinfälligkeit – und geschah schließlich.

Schleichend wurde Erb zunehmend schwermütig. Ein konkretes Datum, wann das angefangen hatte, hätte er nicht nennen können. Auch wusste er keine genaue Ursache dafür anzugeben, obwohl er alle Möglichkeiten in Gedanken abklopfte, nur nicht die einzig in Frage kommende, als hätte er sie verdrängt.

Lag es an seinem steigenden Alkoholkonsum, fragte er sich, an seinem Älterwerden, der größer werdenden Unzufriedenheit mit seinem Job? Vielleicht war es ja etwas ganz anderes – aber was? Würde er sich bisher auch nicht als glücklichen Menschen bezeichnet haben, so war er doch meistens nicht unzufrieden gewesen – immerhin!

Jetzt aber wurde Erb geradezu depressiv, lebensmüde, todessüchtig: nicht auszuhalten – es grenzte schon an Folter.

Da erschien er sich selber in einem Traum, aber anders, als er sich sonst beim Blick in den Spiegel gesehen hatte, nämlich zerfetzt – große Fleischstücke und etliche Knochen waren aus seinem Leib gerissen, der in blutdurchtränkten Lumpen gehüllt war, und das Gesicht war halb abgeschlagen. Nach dem ersten Schreck stellte er allerdings fest, dass er gar nicht mehr litt.

Ehe ihm eine Ahnung kam, woran das liegen könnte, erwachte er, und erst war er erleichtert, sich unversehrt vorzufinden: gleich war er vor den großen Spiegel gesprungen, hatte die schneeweiße Unterwäsche heruntergezogen und seinen heilen, wenn auch altersgemäß welken Leib betrachtet: kein Kratzer. Doch seine Freude trübte sich aus unerfindlichen Gründen, und ein Weh schlich sich in ihm ein, als hätte er eine zerstörerische Substanz eingenommen, die sich in ihm ausbreitete, eine mörderische Wirkung entfaltete – es zerfraß, verätzte ihn innerlich, während er äußerlich unverletzt erschien.

Plötzlich hatte Erb eine Erklärung für diese Marter: er bestand aus zwei zusammengesetzten Leibern, und einer davon war seit kurzem gestorben, von dem sich nun Leichengift frei- und in dem noch lebenden Gewebe absetzte – die verwesenden Teile griffen auf die gesunden über, infizierten sie, und die daraus entstehenden Qualen waren nichts weiter als Wundbrand. Aber das war ja verrückt, zumal er keine nekrotischen, also violettschwarzen Stellen an sich ausmachen konnte. Dennoch ließ ihn die Vorstellung nicht los: seine gesunde Leibhälfte, die aber keine zusammenhängende Fläche bildete, sondern über den ganzen Körper in Regionen verteilt war, wurde wie stets kleiner werdende Inseln vom unerträglichen Meer des Absterbens überflutet.

Noch komplizierter wurde es, als ihm klar wurde, dass sich das Ganze nicht auf der physischen Ebene abspielte: er verfaulte nicht wie Obst an verschiedenen Stellen, die sich allmählich ausbreiteten. Das Fleisch litt nicht – vielmehr fanden die Verheerungen in seinem neurologischen System statt. Er war von Paralysezentren befallen, die in schmerzhaften Prozessen auf die noch intakte Infrastruktur seiner Nervenbahnen übergingen und immer mehr Partien okkupiert – aber nicht überfallartig, sondern in einem langen Zeitraum: er konnte noch jahrelang so dahinsiechen, ohne dass seine lebenswichtigen Funktionen ausfielen, so dass er ein endlos fortdauerndes Qualgefäß sein würde.

Der Tod schien ihm der einzige Ausweg. Nur war Erb unfähig zum Selbstmord, durch den er sich hätte erlösen können.

Beitrag vom 8 Juni, 2010 (11:19) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Pures Gold (Der Verrufene)

4 Juni, 2010 (09:33) | | tage-bau | Kommentieren

Um ein Haar hätte R sich eher zufällig als in voller Absicht (obwohl er mit diesem Gedanken schon lange gespielt hatte) umgebracht, allerdings auf keine rasche und möglichst schmerzlose Weise, sondern im Gegenteil auf wahrscheinlich recht grausame, jedenfalls langwierige, immer qualvoller sich hinziehende Art.

Er steckte sich nämlich, nachdem er eine Flasche Wein bei einem Spielfilm im Fernsehen getrunken hatte (wodurch er locker und geradezu fahrlässig geworden war), die neuerworbene Einunzengoldmünze, eine Wiener Philharmoniker, die er schon den ganzen Abend von einer Hand in die andere genommen und so fest gedrückt hatte, dass sich rote Schwielen in den Handinnenflächen gebildet hatten, Druckstellen von der großen Münze mit ihren scharfen Kanten und harten Rillen im Rand – steckte sie sich also auf dem Weg zum Bett spontan in den Mund:

eine Riesenoblate mit 3,7 cm Durchmesser und 2 mm Dicke, aus 31 g purem Gold, auf der er mit einer Art blasphemischem Übermut, benebelt vor sich hingrinsend, herumlutschte, während er an den Film dachte, in dem ein deutscher Junge reicher Eltern eine Herztransplantation zum Weiterleben dringend brauchte, wofür ein moldawisches Straßenkind von der Mafia, nach der Überweisung von einer Million Euro auf ein Schweizer Bankkonto, als zukünftiger Herzspender gekidnappt und ermordet wurdeâ?¦

ups, war die Einunzengoldmünze im Mund plötzlich verschwunden, und R begriff (er musste schon ganz schön knülle sein), dass die Wiener Philharmoniker von ihrem feuchten Zungenpolster Richtung Rachen geglitscht waren und sich nun im Schlund oberhalb der Speiseröhre befanden, in die sie jeden Augenblick hinabzurutschen drohten, was R nicht für möglich gehalten hätte, der nun aber doch erschrocken zu würgen anfing und, den Ernst der Lage noch immer nicht voll erfassend, vorerst nur darauf konzentriert war, das glatte, geschmacklose Ding nicht nach unten entwischen zu lassen, schon seiner Kostbarkeit wegen.

Es wäre doch zu dumm, die Münze über die Klosettspülung zu verlieren oder, ekelhaft!, sie aus den eigenen Exkrementen wieder herauspulen zu müssen, dachte er erst noch amüsiert, dann aber röchelnd, mit tränenden Augen, zunehmend panisch, wimmernd und halb erstickt, regelrecht um sein Leben kämpfend, und zuletzt kam ihm nur der Umstand zu Hilfe, dass die unangenehm scharfen Kanten und Rillen im Rand eine Grifffläche für seine Schluckmuskeln bildeten, an denen die Münze schon fast vorbeigeflutscht war, während er sich an den Hals faßte, mit einem flehentlichen Nein! zu einem dringlich herbeigewünschten Schutzpatron, sich mit allen kontrahierenden Muskeln förmlich gegen das Wegrutschen der Münze stemmte bzw. sie hochwürgte und demutsvoll nach vorn von der Bettkante auf die Knie rutschte, mit vorgebeugtem Oberkörper, zu Boden gedrücktem Kopf, wohl die entscheidende Bewegung im letzten Moment:

mit dem nun konvulsivischen Erbrechen von bitterem Magenschleim, der auf den Teppich tropfte, sackte die Goldmünze, auf der Kippe zwischen Speiseröhre und Schlund, wegen ihrer Schwere doch wieder zurück zum weit heruntergebogenen Kopf, klackerten gegen die Zähne und fiel, oh Gott, in die Lache halbvergorenen Weins zwischen seinen aufgestützten Händen, die sich dankbar zu Fäusten ballten, während er über seiner Kotze zusammenbrach und das noch körperwarme, schmierige Edelmetall an seiner Wange spürte.

Beitrag vom 4 Juni, 2010 (09:33) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Träumende Thérèse [DGb]

26 Mai, 2010 (09:23) | | tage-bau | Kommentieren

Rother fand sich ausgezogen in seinem Bett vor, stinkend, mit einem fauligen Geschmack im Mund, in dem sich eine Kröte, seine Zunge, bewegte, die sich rauh und pelzig anfühlte, als hätte sie ein kratzendes Fell, das er auszuspucken versuchte, doch es steckte fest wie ein Knebel,

und er faßte in seine Mundhöhle, spürte Speichel, Krötenschleim, musste aufstoßen, rülpste Saures hoch, eine ätzende Brühe, schluckte sie mit einem klebrigen Schmatzgeräusch herunter, wollte vor sich selber davonlaufen,

schaffte es aber nur bis auf die Bettkante, griff schwankend nach seinem Bademantel über der Stuhllehne, schlüpfte hinein, setzte sich an den Schreibtisch,

drückte den Startknopf vom Laptop, der leise fiepte, ein gewecktes Reptil mit aufgeklapptem Deckel wie ein aufgesperrtes Krokodilsmaul, auf dessen Innenseite das Hintergrundbild erschien –

Träumende Thérèse von Balthus: graugrüne Tapete mit orangefarbenen Linien, davor ein alter Holztisch mit zwei leeren Vasen, einer rotweißen Büchse und einer verknüllten Tischdecke oder einem Laken, das über dem Rand herunterhing,

und vorne rechts eine dicke Katze, ihr Schwanz in Form eines Fragezeichens nach hinten gebogen, Milch schleckend aus einer flachen Schüssel, die Augen zu Schlitzen verengt, während ihre rosarote Zunge leise schlabberte, ein Ventilator rauschte

und ein geheimnisvolles Knarren zu vernehmen war, das wohl von der kissengepolsterten Lehne herkam, gegen die sich Thérèse drückte,

noch ohne Brüste unter der Bluse mit geschlossener Knopfleiste bis zum zurückgeklappten Kragen, aus dem das Unterhemd hervorsah, ein Bein aufgestemmt, von dem der Rock zurückgerutscht war, unter dem der Unterrock mit Spitzensaum hervorblickte,

während sie sich mit dem roten Pantoffel am Schemel abstützte, ihr anderer Fuß auf dem Boden zurückgesetzt, der Unterschenkel abgeknickt, diagonal nach vorn gekippt, gegen den Schemelrand gelehnt, so dass auch hier der Rock zurückgerutscht, ihr Slip freigelegt war,

dessen Steg Falten warf, die Scham nur knapp bedeckte, verschwitzt, stellte sich Rother vor, der das Mädchen betrachtete, das die Schultern zurückgestreckt, die Ellbogen abgespreizt hatte, so dass Ober- und Unterarme je ein Dreieck bildeten,

die Hände am Hinterkopf ins braune Haar gedrückt, das gescheitelt war, hinter dem sichtbaren Ohr zurückgesteckt, im Nacken lockig gebauscht, das Gesicht im Profil abgewandt, mit hervorstehender Halssehne unterm Kiefer, der sich zum runden Kinn hin verjüngte,

darüber ihr geschlossener Mund mit Lippen wie aufeinanderruhende Blüten, die Nase kindlich, das Auge geschlossenen, nur ein Wimpernstrich, die Braue schräggestellt, was dem Gesicht etwas Konzentriertes verlieh,

und auf der zartroten Haut lag ein Schimmer bis hoch zum Wangenknochen des Mädchens, das, zurückgelehnt, der Welt entrückt zu sein schien, träumend, Achseln und Schenkel einem Windzug hingegeben,

der ihren Geruch zum Portrait des jungen Malers an der Wand gegenüber wehte, so gemalt, als male er seinerseits die Schlummernde, ein absurdes Bild im Bild,

aber noch absurder kam es Rother vor, dass ihm war, als steckte er selber im gemalten Maler und beobachtete das Mädchen, während er die schlappende Zunge der Katze hörte, das Rauschen des Ventilators, das Knarren der Lehne,

gegen die Thérèses Rücken drückte, begleitet vom rhythmischen Beben eines Muskelstrangs an ihrem bloßen Bein und dem Spannen ihrer kurzen Blusenärmel mit dem vom hellen Stoff abstechenden dunklen Strich in ihrer linken Achselhöhle, ungewiss, ob es ein Schatten, Schweiß oder Haar war,

so wie alles an ihr ungewiss erschien, ein Changieren zwischen Kind und Frau, ein zwitterhaftes Wesen, das Rother gierig ansah, versteckt im

Portrait eines jungen Mannes
, der mit übereinandergeschlagenen Beinen aufrecht auf seinem Stuhl saß, in Jackett und Hemd mit offenem Kragen, als sei er Balthus persönlich, der Thérèse abbildete, einen Pinsel in der rechten, einen Lappen in der linken Hand, mit zurückgekämmtem Haar, schmalen Lippen, ruckendem Adamsapfel,

schluckend beim Anblick dieses Modells, ja, Rother schluckte, starrte auf das Mädchen in der Kammer, eine verführerische Halbwüchsige, die sich ungezwungen gab, sich räkelte wie ihre Katze, noch weiter zurückbog,

während er ihre Ausdünstung einsog, die ihm der rauschende Wind zutrug, nein, es war der Ventilator seines Laptops, und das Knarren kam vom Stuhl, von dem er jetzt hochfuhr.

Beitrag vom 26 Mai, 2010 (09:23) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Saufdruck (DGb)

18 Mai, 2010 (12:23) | | tage-bau | Kommentieren

Rother verstaute Kehrblech und Handfeger im Schrank unter der Spüle, richtete sich auf, rief nach Kall, der plötzlich verschwunden war,

ging ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher an, in dem eine blutende Giraffe von Wilderern mit Macheten schlimm zugerichtet wurde,

floh vor dem Anblick, suchte nach Alkohol, öffnete Schränke und Schubladen, in denen alte Sachen von Kall zum Vorschein kamen, was ihn in zwei Zeiten zugleich versetzte, so dass er eine Gratwanderung zwischen Vergangenheit und Gegenwart durchmachte, mal in diese, mal in jene stürzte,

wodurch sein Saufdruck noch stärker wurde, weshalb er umso fieberhafter suchte, schließlich eine grüne Flasche auf der Loggia fand,

Kräuterschnaps, den er völlig vergessen hatte, ein Zeug, das wie die bittere Arzenei im Struwwelpeter schmeckte, aber egal, ihn hielt der Medizingeschmack nicht ab,

und er würgte den Bitter herunter, hätte selbst Rasierwasser getrunken, Hauptsache Alkohol, wurde von der Hitze des Kräuterdestillats überwältigt, innerlich verätzt, nachdem er scharf durch die Kehle geronnen war, ein versengender Pfefferminzgeschmack,

erst frisch, dann so heiß, dass die Magenwände verbrannten, Lava durch seine Blutbahnen lief, die überall verteilt wurde, ein Lauffeuer, das von seinem Fleisch zehrte wie Flammen von Kohlen, die Quittung für seine Betäubung, aus der er dann wieder erwachte, zutiefst depressiv:

Trinkerqual – dagegen erschien ihm gewöhnliches Leid so hell wie die Korona um die schwarze Scheibe einer Sonnenfinsternis.

Beitrag vom 18 Mai, 2010 (12:23) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Raupenratten (DGb)

15 Mai, 2010 (13:35) | | tage-bau | Kommentieren

Rother, von der Heimfahrt erschöpft, hatte sich gleich ins Bett gelegt und in einem Buch zu lesen begonnen, in dem von einem Treck die Rede war, der vor feindlichen Soldaten floh,

als er von Kall aus der Lektüre gerissen wurde, der ihm durch die offene Tür zurief, sie hätten wieder Ratten an der Zimmerdecke, woraufhin Rother die Gedanken an den Tieffliegerangriff, von dem er gerade gelesen hatte, beiseite wischte,

auf das Knarren des Dielenbodens horchte, das ihm verriet, dass Kall sich entfernte, und eine Hand gegen die quietschende Matratze stemmte, sich hoch in die Sitzposition stützte, stöhnend vor Gliederschmerzen, in seine Pantoffeln schlüpfte, häßliche, aber bequeme Dinger aus Schaffellimitat,

in den Korridor schlurfte, wo ihm der Toilettenmief entgegenschlug, dann der Geruch vom letzten Mittagessen aus der Küche, Bratkartoffeln mit Spiegelei, ranzige Ausdünstungen, die dort in den nachgedunkelten Tapeten und klebrig gewordenen Büchern in den Regalen eingedrungen waren und Ungeziefer anlockten,

Raupenratten, aufgetaucht aus dem Nichts, tapetengeboren, obwohl die Wände unversehrt waren, keine löchrigen Stellen hatten, durch die sie sich hätten fressen können, aber trotzdem krochen sie jetzt über die körnige, schmutzigweiße Decke, auf der sie sich als noch schmutzigere Striche abzeichneten,

kleine, längliche Buckelwesen mit schwarzem Stecknadelkopf, die an winzigen Krallen hingen, sich peristaltisch fortbewegten, in Schlängellinien oder im Kreis, wobei einige manchmal herunterfielen, in einer staubigen Nische, hinter der Fußbodenleiste oder unter einem Schrank verschwanden, von wo sie im nächsten Jahr als Motten erscheinen, aufschwirren und Rothers Flügelflatterphobie auslösen würden,

der nun mit zurückgelegtem Kopf die Decke absuchte, was ihn schwindelig machte, so dass er gegen einen Stuhl prallte, sich daran festhielt, bis der Schwächeanfall vorüber war, dann von der Loggia den Schemel aus rotem Gußplastik holte, ihn dorthin stellte, wo er eins dieser Viecher gesichtet hatte,

mit erhobenem Kehrblech und Handfeger hinaufstieg, schwankend für einen Moment über einem schwarzen Ohnmachtsabgrund, doch er fing sich wieder, konzentrierte sich auf das Würmchen da oben, verdrängte die Vorstellung, es könnte ihm in den Kragen oder in den offenen Mund fallen,

hielt die Schaufel darunter, wischte die Raupe mit dem Handfeger, mit dem er noch soeben die Decke erreichte, herunter, doch sie fiel nicht ins Blech, sondern hing nun an einem seidenen Fädchen herab, baumelte eingekrümmt hin und her,

und er bewegte das Kehrblech mit ihren Schwingungen, verlor das Gleichgewicht und die Raupe aus den Augen, die abriß, als er heruntertaumelte, und verschwunden blieb, als er das hellgraue Linoleum absuchte, das die gleiche Farbe wie die Raupe hatte, die sich, perfekt getarnt, wohl totstellte – da fragte Kall aus dem Fernsehzimmer, ob er sie weggeschafft habe,

und Rother, der sie im selben Moment erblickte, eingerollt zwischen Brotkrümeln und Staubflusen am Boden, nickte und fegte das Tier mit dem Dreck auf die Schaufel, kippte sie auf der Loggia über der Brüstung aus, ging zurück, machte weiter Jagd auf die anderen Raupenratten, hatte sie schließlich alle eingesammelt und nach draußen geschmissen,

rief zu Kall, er könne hereinkommen, woraufhin er seinen Kopf durch den Türspalt steckte, einen richtigen Charakterkopf, mit dem er viel Erfolg bei kleinen Kindern hatte, die bei seinem Erscheinen gebannt aus ihrem Wagen guckten, direkt in sein Kaspergesicht:

einmal grabschte ein Knirps nach ihm in die Luft, wollte Kalls große Nase ergreifen, der ihn angrinste, woraufhin der Kleine strampelte und krähte, während die Mutter mit ihm abbog, so dass das Kind Kall aus den Augen verlor, losbrüllte und sich weit aus dem Wagen lehnte, mit verzerrtem, tränennassen Gesicht, die Frau es vergeblich zu beruhigen suchte mit den bunten Holzperlen an der Lenkstange, aufmunternd daran rappelte,

doch das Kind brüllte nur noch lauter, dass die Leute bereits stehenblieben, und beruhigte sich erst, als Kall sich ihm wieder zeigte, vor ihm herumkasperte, bis es hicksend lachte, während Rother seinen Freund zu einem Kaufhaus zog und ihn durch den Eingang mit dem Warmluftgebläse schob.

Beitrag vom 15 Mai, 2010 (13:35) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Im Bestiarium (DGb)

28 April, 2010 (10:16) | | tage-bau | Kommentieren

Ludorffs auseinandergefallener Leib erinnerte Rother an eine Francis-Bacon-Ausstellung, und er musste beim Radfahren daran denken, wie der Teppichboden des Museums seine Schritte erst dämpfte, dann ganz verschluckte, als gehe er auf harter Luft, einer Art immateriellen Filzes,

während eine mechanisch lächelnde Dienstperson, die in ihrer Uniform an eine Schaufensterpuppe erinnerte, seine Eintrittskarte kontrollierte, ehe sie den Eingang freigab in eine schummrig beleuchtete Halle, unterteilt von Stellwänden, die ein Labyrinth aus rechtwinkeligen Nischen bildeten,

in denen er verweilte, zurückgezogen von den anderen Besuchern, die nicht sehr zahlreich waren und deren Geräusche nicht nur vom Teppichboden verschluckt wurden, sondern auch von den Wänden und der hohen Decke, als sauge die Klimaanlage neben verbrauchter Luft auch jeden Klang ab,

und er tappte plötzlich in einen düsteren Abgrund, in dem Schaufenster wie große Aquarien leuchteten, doch bei näherer Betrachtung löste sich die abgründige Schwärze des Hintergrunds in dunkle Farbtöne auf, in Grün, Violett, Braun, Vorhänge oder weggelassene Mauern, die eine nächtliche Finsternis freigaben,

aus der phosphoreszierende Flächen glühten, die das Licht ringsum so absorbierten, dass der Raum, durch den er ging, im Diffusen verschwand, aufgelöst wurde, wodurch die schimmernden Glaskäfige oder Vitrinen umso wirkungsvoller hervortraten,

die in gedämpften Farben changierten und so grauenhafte Dinge zeigten, dass Rother der Atem stockte, dem aber schon bald zumute war, als könne er sich sogar an die Hölle gewöhnen, nachdem er den Anfangsschock überwunden hatte und erst zögernd von hier nach dort gegangen war, dann immer gelassener, zuletzt ganz entspannt,

während er das ringsum präsentierte Monströse zunehmend als normal und gewöhnlich hinnahm, bald schon fast gleichgültig durch diesen Schrein der Finsternis lief, in dem sich außer ihm nichts bewegte, obwohl hier die Bewegungen extrem dargestellt wurden

auf den wie dreidimensionale Schaukästen wirkenden Riesengemälden, erstarrte Explosionen, eingefroren im Moment des Zerspringens –

besonders Gebisse leuchteten aus der Dunkelheit, Reißzähne, so weit aufgerissen, dass sie das Gesicht, zu dem sie gehörten, verdeckten und den ganzen Kopf einnahmen, als säßen sie an seiner Stelle allein auf dem Hals,

bei diesem hier überragt von der doppelten Turmspitze der Bischofsmütze eines Kirchenfürsten, der auf keinem Thron saß, sondern auf etwas, das an einen elektrischen Stuhl erinnerte, festgehalten im Augenblick des tödlichen Stromschlags oder seines ausbrechenden Wahnsinns,

wobei er das Gebiss geradezu übernatürlich bleckte, was den Eindruck erweckte, er sei weniger Opfer als vielmehr ein magisches Raubtier, bereit, sich auf alles zu stürzen, was in seine Nähe käme,

weshalb Rother Abstand hielt, auf andere Horrorbilder zuging, die Szenen eines Schlachthofs zeigten, Versatzstücke aus einer Metzgerei, Fleisch, nackt, aufgerissen, durch den Fleischwolf gedreht, mit Äxten und Sägen zerlegt,

das Kabinett eines Kettensägenmörders, der sich zu einem alles Körperliche zu Klump schlagenden Wutkreisel gesteigert, mit einer Hand die eigene Bauchhöhle aufgerissen, in seinen Gedärmen herumgewühlt, sich mit der anderen die Kinnbacken aus dem entstellten Gesicht gerissen hätte, um damit auf sich selber einzuprügeln,

und Rother floh zu einem Papst, der aller Individualität beraubt war, reduziert auf hackschnabelartige Tiara und violette Gespensterkutte, das Gesicht zu einem anhaltenden Schrei auseinandergeklafft, bekränzt mit den Dornen seiner Zahnzacken, in Gestalt eines Würgeengels auf dem Klosettstuhl während einer Kolik,

und statt gespreizter Adlerfittiche breiteten sich roh auseinandergehackte Schweinehälften hinter ihm aus, zermetzeltes Schlachtvieh, seine Art von Beflügelung,

und Rother wandte sich ab, bekam andere Leiber zu sehen, schamlos entblößt, in ihrer Zerstörung wie verwischt, zertrümmert, als hätte eine brutale Riesenhand ihr Gewebe mit dolchartigen Krallen zu Gehacktem vermengt, wobei nur noch die rosigen Farbtöne ausgebluteten Fleisches auf die Konsistenz dieser unförmigen Gebilde hinwiesen,

die einst wohlgestaltete Körper gewesen sein mussten, nun deformiert, vernichtet, auseinandergerissen, wie die zerfetzten Überreste eines Verkehrsopfers auf regennassem Asphalt mit grellen Lichtreflexen oder wie der blutig verrührte Klumpatsch nach einem Gladiatorenkampf, der hier aus einem Geschlechtsakt hervorgegangen zu sein schien,

vielmehr aus einem Koitusclinch, einem sadistischen Kopulationsritus mit anschließender Metzelei, einer unentrinnbaren Gewaltsamkeit, von der ein Schleier weggerissen wurde, so dass Rother ihr unmittelbar gegenüberstand, der sich jetzt in den naiven Zustand vor seinem Eintritt in diese Arena des Schreckens zurückwünschte,

doch der Weg war abgeschnitten, und er musste immer weiter gehen und schauen: menschliche Beziehungen, zu einem Ringen ohne Gewinner entartet, mit der Gewissheit gegenseitiger Verstümmelung, des Abschlachtens bis zum letzten Zucken, Botschaft des Bösen, wobei selbst die hellen Farbtöne kein Trost waren, nur eine Steigerung des grauenhaften Daseins, dem er ins nackte Antlitz blickte,

in die barbarische Fratze, ohne dass er diese Welt wieder verlassen konnte, denn selbst wenn sich alles bloß als schlimmer Traum entpuppt hätte, wäre er allein schon durch dieses Erlebnis von einer Bestialität infiziert worden, der er sich auch im wachen Zustand nicht mehr entziehen könnte,

nämlich von der Vision des Martyriums des geschändeten Fleisches, des gekreuzigten und gevierteilten Kadavers,

nunmehr unverrückbarer Bestandteil seiner Wirklichkeit, der er auch nach dem fluchtartigen Verlassen dieses Bestiariums nicht mehr entkam, da er sie verinnerlicht hatte.

Beitrag vom 28 April, 2010 (10:16) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Wahnausbruch (DGb)

24 April, 2010 (11:21) | | tage-bau | Kommentieren

Der Lifter kreischte wie ein angestochenes Ferkel, als er Ludorff damit aus dem Rollstuhl hievte, der nun an einem Riemen unter den Armen und einem unter den Beinen in der Luft hing und pendelte, als Rother ihn zum aufgedeckten Bett manövrierte, auf das er den Baumelnden herunterließ,

wo er ihm Jogging- und Unterhose herunterzog, sein vom langen Sitzen in Schweiß und Urin rotflammendes Gesäß entblößte: Pavianarsch, dachte Rother, der ihn beim Ausziehen auf der Antidekubitusmatratze hin- und herdrehen musste, was nicht einfach war, zumal Ludorff ständig Spasmen hatte,

den er jetzt mit Wucht auf die Seite wälzte, um seinen Hintern einzucremen, in einen weißgeschminkten Mond zu verwandeln, woraufhin er ihn auf den Rücken zurückdrehte und cortisonhaltige Salbe zwischen seine brandigen Schenkel schmierte, die sich wieder unwillkürlich spreizten und schlossen, zuckten wie bei einem auf dem Rücken liegenden Frosch unter Elektrostößen,

wobei hier der Auslöser das Streichen der Finger im Gummihandschuh über die blasig gerötete Haut war, während das Schrumpelgeschlecht noch mehr zusammenschrumpfte, mit einem ebenfalls winzig werdenden Penismaul, das die Schamhaare wie eingeschlürft in der rundum verlaufenden Rollkragenlippe hatte,

die Rother nun zurückzog, der das Gekräusel aus dem zahnlosen Mäulchen des Pimmels befreite, klein wie bei einem Jungen, im Gegensatz zu den gewaltigen Männergemächten, die gleichzeitig auf dem Bildschirm mädchenhaft schmächtige Frauen geradezu pfählten, in einem Porno, den Ludorff vor dem Transfer ins Bett in seinen Videorecorder von Rother hatte einlegen und starten lassen,

der mit Seitenblicken gigantisch bestückte Kerle die unglaubliche Dehnbarkeit weiblicher Öffnungen penetrieren sah, wobei sich die Szenen immer mehr steigerten, zuletzt eine Magersüchtige dreifach genudelt wurde, der in jedem verfügbaren Loch zugleich ein hengstmäßiger Phallus steckte, anatomisch kaum vorstellbar, so brutal, als sollte sie in Grund und Boden gerammelt werden, wobei ihr Gesicht, soweit bei dem aufgerissenen Mund überhaupt möglich, auch noch Geilheit ausdrückte, unglaublich,

und Rother wälzte Ludorff wieder auf die Seite, führte ihm ein Zäpfchen ein, einen „Stuhlgangtorpedo“, den er möglichst weit mit dem Mittelfinger hineinschob, in die lehmartige Masse, womit der Darm gefüllt war, während sie sich über Vogelstimmen in heimischen Wäldern unterhielten, die per Mausklick über die PC-Lautsprecher vom digitalen Lexikon abgerufen werden konnten,

und Ludorff beschrieb sein Glücksgefühl, das er beim erstmaligen Hören des Gesangs einer Nachtigall gespürt hatte, wobei jetzt das Lustgestöhn aus dem Fernseher lauter wurde, auf dessen Mattscheibe ein Mädchenpo in Großaufnahme Hoppereiter auf einem XXL machte,

als Rother den Kot, in dem sein Finger immer noch steckte, plötzlich auseinanderbröckeln fühlte, nein, der ganze Mann fiel unter seiner nun widerstandslos noch weiter eindringenden Hand auseinander, in blutige Fleischstücke, rohe Schinken, durchzogen von weißen Speckschichten, dazwischen Köttel,

doch statt vor Schreck in Ohnmacht zu fallen, unterdrückte Rother nur einen Brechreiz, als sein Arm bis zum Ellbogen ruckartig in den Darm einbrach, die Hinterbacken zu beiden Seiten wegkippten, von denen die Oberschenkel nun abfielen, die an den Kniegelenken auseinandergedreht wurden, so dass die Beine in zwei Hälften zerbrachen,

und die Rückgratzacken stachen aus der Haut, rissen sie auf, worauf Innereien herausquollen, während es knackte und splitterte, jede weitere Berührung den Zerfall des Körpers von Ludorff beschleunigte, der, als sei nichts vorgefallen, weiter von Singvögeln schwärmte,

und Rother nickte, als höre er zu, zog die Decke über den grauenhaften Anblick, zurrte sie fest, aber schon drang es blutig hindurch, woraufhin er die Tagesdecke darüberwarf, sich die verschmierten Gummihandschuhe herunterriß, bloß noch Ludorffs Kopf oben herausgucken sah, die violetten Lippen gespitzt, Stieglitzrufe nachahmend,

ein Flöten, das schrill wurde, rissig, als Ludorff einen Hustenanfall bekam, dabei völlig auseinanderbarst, von der Decke, die ihn umwickelte, nicht mehr zusammengehalten wurde, während auf der Mattscheibe der Unterleib einer Kindfrau auf einer Fleischrakete hoch- und runterglitt, gleich ebenfalls zu explodieren drohte,

und Rother floh aus dem abgedunkelten Zimmer in den Besprechungsraum, wo Lorenz schon mit der Nachtschwester bei der Übergabe saß, belangloses Zeug über die Heimbewohner redete, wozu Rother nichts beisteuern wollte, der mit zusammengepreßten Lippen nach draußen horchte, ob Ludorffs Fernseher nicht vielleicht schon auseinanderflog,

und tatsächlich hörte er etwas detonieren und schrak zusammen, woraufhin ihn seine Kollegen so erstaunt ansahen, dass er sich sagte, er müsse sich das Ganze eingebildet haben,

und erleichtert erklärte, er habe Zahnschmerzen, mit einem Lachen, das nicht gerade dazu paßte, jedenfalls schienen ihm seine Kollegen nicht zu glauben, von denen er sich jetzt hastig verabschiedete,

und auf dem Weg zum Umkleideraum wollte er noch einmal bei Ludorff hineinschauen, doch da packte ihn ein solcher Horror, dass er sich nicht mal mehr umzog, sondern schnurstracks zu seinem Fahrrad hinauslief.

Beitrag vom 24 April, 2010 (11:21) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Auf der Hut [DGb]

22 April, 2010 (10:37) | | tage-bau | Kommentieren

Ludorff, den Rother als Letzten ins Bett bringen musste, war der aufwendigste Bewohner in der Pflege, kompakt in seinem kompakten Mercedes unter den E-Rollstühlen, einschüchternd, denn er war verschlagen, lauerte nur darauf, einen in die Pfanne zu hauen, war rachsüchtig, wenn Rother ihm einen Privatwunsch abschlug, so dass er den Pfleger dann am liebsten zu Wurstscheiben durch die rotierenden Propellerblätter des Ventilators unter der Decke geschnetzelt hätte,

weshalb er immer auf der Hut sein Zimmer betrat, scheißfreundlich, um ihn bei Laune zu halten, als begebe er sich in den Käfig eines Rollstuhlwolfs, der schnaufte und japste wie ein Fisch auf dem trockenen, aber mit Piranhazähnen, zwar nur ein Gebiss, trotzdem so gefährlich auf Rother wirkend, dass er sich schmeichelnd an ihn heranpirschte,

während Ludorff sich feist grinsend den Honig vom Maul leckte, der diesen Pfleger für ein Weichei hielt, dessen Schwächen es auszunutzen galt, was Rother zwar klar war, aber er konnte sich nicht dagegen wehren, war gelähmt in seinem Bannkreis, verließ ihn, nachdem er ihn versorgt hatte, erleichtert federnd wie auf Luftpolsterkissen,

wohingegen ihn Bleifüße magnetisch am Boden festhielten, wenn er zu ihm hinmusste, so auch jetzt, Süßholz raspelnd, wofür er sich selber verachtete, diesen zurückschleimenden, griemelnden Behinderten hassend, zugleich fasziniert wie von einem schnurrenden Raubtier mit eingezogenen Krallen, die urplötzlich zu vernichtenden Prankenhieben ausgefahren werden konnten,

wohingegen Ludorff jetzt ganz hilflos und harmlos wirkte mit seinem weichlichen Heulgesicht, den geröteten Augenrändern, aus denen er sich so wenig die Krusten reiben wie die Popel aus der Nase pulen konnte, an denen er noch erstickte, wenn Rother ihn nicht mit Wattestäbchen davon befreite,

der ihm daraufhin den Quark anreichte, in den er die Nachttablette getan hatte, damit sie besser rutschte, wobei Ludorff bei jedem Teelöffelvoll einen Erstickungsanfall bekam, dicke Schleimwürmer aushustete, die ihm der Pfleger abwischte,

bevor er den Urinbeutel an seinem Bein leerte, ihm die Schuhe von den Füßen zog, wobei der Behinderte sie unwillkürlich spitzte, eine Balletteuse beim Tanz, Kontrakturen, dann die Beine reflexartig anzog und wieder auseinanderschnellen ließ, froschartige Hampelmannbewegungen, begleitet von einem unartikulierten Röcheln, das Rother, der ihn mittlerweile leidlich verstand, erst für sich übersetzen musste:

Ludorff bedankte sich für das Lexikon auf CD, die Rother ihm als Gegenleistung für das Fotobearbeitungsprogramm gebrannt hatte, ein digitales Nachschlagewerk, sehr praktisch für einen Behinderten, der nur den Steuerknüppel seines Rollstuhls, die Fernbedienung seiner Fernsehanlage und die Funkmaus seines PCs bedienen konnte, Geräte, mit denen er am Leben ringsum angedockt war, wie nachts mit der Magensonde am Tropfenapparat, der ihm Kamillentee zuführte.

Beitrag vom 22 April, 2010 (10:37) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Jetzt sofort, unbedingt (DGb)

14 April, 2010 (08:47) | | tage-bau | Kommentieren

Salman, eine Kugel auf schleifenden Rädern (seine Korpulenz drückte die Schutzbleche gegen die Reifen), fuhr im E-Rollstuhl an Rother vorbei, der ihn zurückrief, denn an Salmans verkümmertem Bein schwoll ein dicker Ballon, den Rother auf dem Behindertenklo bloßlegte, indem er die Jogginghose hochzog, woraufhin er die kurz vor dem Platzen stehende Bombe entschärfte, das Wasser in eine Plastikflasche laufen ließ, während er feststellte, dass Salman überall naß war, der Urin durch den Überdruck im Beutel neben dem Schlauch ausgetreten sein musste, oder der war irgendwo abgeklemmt, bei der Plauze darüber kein Wunder, die den Blasenkatheter einfach zudrückte –

eigentlich hätte er Salman komplett umziehen müssen, aber der spürte da unten sowieso nichts, roch auch nichts, weil er Schnupfen hatte, und also zog Rother das Hosenbein wieder herunter,

ging zurück auf den Gang, wo ihm Herr Bußmann, der schon auf ihn wartete, in seinem Rollstuhl entgegengesaust kam, wobei die Flüssignahrung in prallen Plastikbeuteln an der Stange hinter der Rückenlehne wie Fische an der Angel zappelten, von denen er einen angeschlossen haben wollte, jetzt sofort, unbedingt,

doch Rother schüttelte den Kopf, worauf Herr Bußmann wild gestikulierte, Grunzlaute ausstieß, während Speichelblasen aus seinem aufgerissenen Mund platzten, mit einem Schleimfaden an der Unterlippe, der bis zum Handtuch, im Pulloverkragen festgesteckt, herabhing und jetzt rotierte, an das Seil eines seilchenspringenden Mädchens erinnerte, ebenso der Sondenschlauch am leeren Beutel neben den vollen, der von der platten Folie oben am Haken zum Anschluss am Bauch des Behinderten führte,

der, als Rother erklärte, es sei noch zu früh für die nächste Nahrung, die Griffe seines Fahrzeugs packte und damit auf der Stelle hüpfte, wobei der Faden von seiner Lippe riß, aber gleich von einem neuen ersetzt wurde, der sich nun ebenfalls herunterzog, heftig pendelnd,

denn Herr Bußmann wurde jetzt zum Rollstuhlstier, griff Rother an, wie Elisabeth vorhin den Wäschesack attackiert hatte, und der konnte noch soeben ausweichen, doch der Kentaur auf vier Rädern wirbelte quietschend herum, hatte Schaum vor dem Mund, brüllte beim nächsten Angriff, wobei die Radspeichen glitzerten wie gezückte Stiletts,

und Rother hob beschwichtigend die Hände, worauf der Wütende scharf vor ihm bremste, ihn mit blutunterlaufenen Augen anglotzte, während der Speichelfaden ausschwang, sich zäh zum Handtuch hinunterzog, riß, als er den Kopf nach hinten drehte,

um Rother zu beobachten, wie er sich nervös an den Beuteln zu schaffen machte, einen neuen an den Schlauch schraubte, drückte, die Nahrung zum Fließen brachte,

und Herr Bußmann röhrte triumphierend, bewegte sein gesundes Bein im Galopp, fuhr mit der intakten Hand ungestüm übers Hinterrad und raste davon.

Beitrag vom 14 April, 2010 (08:47) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Also wirklich! (DGb)

10 April, 2010 (10:55) | | tage-bau | Kommentieren

Elisabeth machte Schlängellinien in ihrem Rollstuhl, rammte links die Holzwand, dann rechts die Glasfront, blieb stecken, ruckelte sich frei, vollführte mühsam einige Radumdrehungen,

fuhr, wupp, in einen Wäschesack, der umkippte, auf seinen prallen Bauch plumpste, in den sie ihre Fußstützen stieß, feste ins Weiche hinein, ein draller blauer Stoffleib, aufgegangen am seitlichen Schlitz, aus dem Schmutzwäsche quoll, weiterstoßend –

Also wirklich!, rief sie aufgebracht, rollte zurück, rammte das Hindernis erneut, wiederholte ihre Attacken, bis es ganz zerfleddert, über die Fliesen verteilt war, eingekotete Wäsche, über die sie schließlich triumphierend mit ihrem fahrbaren Untersatz hinwegsetzte,

eine hängengebliebene Unterhose nachschleifend, die Rother, nachdem er sich Handschuhe angezogen hatte, von ihrem Hinterrad nahm, der die Wäsche einsammelte, in den blauen Stoff zurückstopfte, ihn zusammenknotete,

sich dann einen weißen Vorbinder umband, der bis über die Knie reichte, seine kurze Arbeitshose verdeckte, so dass es aussah, als trage er nur eine Schürze, aus der seine krampfaderndurchzogenen Unterschenkel hervorguckten, lächerliche Schlegel in einer Stoffglocke, gegen die seine wetzenden Beine schwangen,

am Knie mit der aufgeschürften Stelle überempfindlich, wo sich bald ein rosiger Fleck im weißen Stoff bildete, durchgesupptes Wundensekret, schließlich zur Kruste verschorft.

Beitrag vom 10 April, 2010 (10:55) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Dienstbeginn (DGb)

4 April, 2010 (11:45) | | tage-bau | Kommentieren

Humpelnd trat Rother vom Umkleideraum auf den Gang, wo sein Kollege Lorenz ihm entgegenkam, lang, gekrümmt, mit vorgeschobenem Kinn, das zu einem Lächeln herunterklappte, strahlend unechte Zähne zeigte, und ihm das Neuste mitteilte,

dass ein Hoden von Herrn Laban geplatzt sei, der mit seinem Übergewicht darauf gesessen, es wegen seiner Querschnittslähmung aber nicht gemerkt habe, und jetzt müsse er amputiert werden –

was denn mit ihm passiert sei, unterbrach Lorenz seine Beschreibung des violetten, euterdick angeschwollenen Hodens und sah auf Rothers Schürfwunde am nackten Bein, der sich am Haltegeländer festhielt, denn er fühlte ein Schlingern,

unwirklich vermischt mit den plötzlich auftauchenden schiefen Gestalten und Rollstuhlkentauren, auf dem Weg zum Kaffee im Speisesaal, mit ruckartigen Bewegungen,

unter denen ein halbseitig Gelähmter in seinem Gefährt unregelmäßig vorwärts schnellte, die gesunde Hand am Rad, unterstützt vom beweglichen Bein, mit dem er sich zitternd abstieß,

andere im Hüpfgang, spastisch zuckend, mit verkrümmten Gliedmaßen, zusammengezogen, zurückentwickelte Extremitäten von Föten, angewinkelte Anhängsel mit eingeknickter Hühnerkralle, verkrüppelter Zwilling der anderen Hand, die sich am Geländer im Gang festklammerte,

an dem sich die grotesken Figuren entlanghangelten, angestrengt, kämpfend um jeden Schritt, vor- und zurückkippend, ganz versunken in dieser Tätigkeit, mit konzentriert verzerrten Gesichtern, versehrte Insekten, verbissen hampelnd, Dadaballett, Marionettentanz,

Clownsnummern ramponierter Puppen mit verrenkten Gelenken, aus den Fugen geratenem Getriebe, rotierend, weiterstotternd, an Stühlen und Blumentöpfen im Weg hängenbleibend, sie mit- oder umreißend,

andere verkeilt in den automatisch auf- und zuschnappenden Glastüren zu den Nebenfluren, kollidierend mit den Wäschewagen im Gang, ein Comicstrip des Horrors, Gruselkabinett, kein Alptraum, sondern traurige Wirklichkeit,

Rother mittendrin, bis zum Dienstschluss, dann zur nächsten Schicht, ein lebenslänglicher Tunnel, unentrinnbar: bloß nicht drüber nachdenken,

und er gab sich einen Ruck, nahm sich der zappelnden Hilfebedürftigen an.

Beitrag vom 4 April, 2010 (11:45) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Posttraumatisch (DGb)

2 April, 2010 (09:08) | | tage-bau | Kommentieren

Es hatte sich etwas in Rother gelockert, der ein Schlingern spürte, die innere Balance verlor, was sich auf sein Gleichgewicht beim Radfahren übertrug, so dass er anhalten musste, um nicht zu stürzen,

während ihn ein Fremdheitsgefühl überkam, die Angst, auseinanderzubrechen, als würden die Wände in ihm eingedrückt, seine Vorstellungen durcheinandergewirbelt, wobei die Ladung im Stauraum verrutschte,

das Schiff Schlagseite bekam, in das Panik statt Wasser durch ein Verdrängungsleck eindrang, die das Unterste hochspülte, Erinnerungssplitter, zurückkehrende Horrorbilder,

aufgetaucht aus dunklen Tiefen, kreiselnd an der Oberfläche, wieder hinabgezogen, im Strudel nach unten verschwunden, worauf sich die Gegenwart darüber schloß, den traumatischen Aufriß verdeckte, ihn als übertriebenes Grauen verharmloste, eine hysterische Reaktion auf den Beinaheunfall von vorhin,

aber da stieg ihm erneut Benzingeruch in die Nase, das Bild einer deformierten Stoßstange vor die Augen, darunter das verdrehte Unfallopfer, und jetzt hatte er das Krachen, Scheppern, Klirren im Ohr, als sei er in eine andere Szene geraten,

ach, der scheußliche Brandgestank, die qualmende Kleinlasterschnauze, das verbogene Rad mit dem hineingeflochten, verunstalteten Körper, der an Kall gemahnte,

nein, Rother vergrub den Kopf in den Armen, in dem sich das Rote auf dem Asphalt ausbreitete, ein blutiger Mahlstrom,

gegen den er nun antrampelte wie gegen den Wahnsinn, ein Sog ins Chaos, dem er mühsam entkam, indem er mit aller Kraft in die Pedalen trat und nicht so sehr vor Anstrengung stöhnte, sondern um den Hornissengesang zu übertönen.

Beitrag vom 2 April, 2010 (09:08) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Sturz /DGb)

26 März, 2010 (13:07) | | tage-bau | Kommentieren

Die Kette klapperte beim Holpern über die Bordsteinkante gegen das Schutzblech, übertönte die Bemerkung, die ein Junge machte, der seinen Blick auf „unendlich“ stellte, als Rother, zurückschauend, ihn ansah, während die anderen grinsten –

was soll’s, und Rother fuhr aus der Siedlung, bremste an der Straße, auf der Autos torpedoartig hin- und herschossen, nutzte eine Lücke zwischen ihnen zur Überquerung, bog in Gegenrichtung in eine Einbahnstraße ein,

setzte sich, freihändig fahrend, den Kopfhörer auf, startete den Discman in seiner Tasche, worauf sich Musik in seine Ohren ergoß, in deren Rhythmus er trampelte, eine Art Kneippen durch Klänge statt Wasser, zu einem fliegenden Teppich verwoben, auf dem er dahinsauste,

als häßliche Laute die schönen Töne zerrissen, den melodiösen Kokon durchschlugen, Schrapnells, die den Musikhelm zerfetzten, wildes Gehupe,

und er bremste scharf, lenkte ausweichend in eine Parklücke, blieb am Bordstein hängen, stürzte scheppernd und krachend, rutschte über den feuchten Asphalt, schrammte mit dem Rad übers Pflaster, ein Bein darunter geklemmt, geklammert am Lenker,

oben vom Parka geschützt, aber unten radierte sein Schuh über die Fahrbahn, die sein Bein im dünnen Hosenstoff aufschürfte, das sich erst taub anfühlte, dann feuerartig schmerzte, als er zum Stillstand kam, kurz vor einem Autoauspuff, ein schwarzes Hohlauge, rostig zum O aufgerissen,

während sich spiegelndes Bremslicht wie Blut auf der nassen Straße ausbreitete, was ein Schreckensbild in ihm wachrief,

ein deformierter Kühler, unter dem Kall verzuckte, entstellt, in sein verbogenes Fahrrad gedreht, der statt Worte blutrotes Bremslicht erbrach,

als sich die Autotür rachenartig öffnete, einen gestikulierenden Fahrer ausspie,

woraufhin Rother sich hochzog am aufgerichteten Rad, humpelnd Reißaus nahm, mit schleifendem Reifen und einem Brennen im Knie,

bloß weg von dem gräßlichen Bild, das so schnell verschwand, wie es aufgetaucht war.

Beitrag vom 26 März, 2010 (13:07) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Zur Arbeit (DGb)

25 März, 2010 (13:48) | | tage-bau | Kommentieren

Miau, und Rother ging vor einem parkenden Auto in die Hocke, um ein Kätzchen darunter hervorzulocken, das bestimmt Hunger hatte, wollte noch einmal hinauflaufen, Milch und Wurst holen, als Kall auf der Loggia seiner Wohnung erschien, ein Bein über die Brüstung geschwungen: eine Kasperlefigur, die auf die Armbanduhr patschte, um ihn daran zu erinnern, wie spät es schon war,

und Rother drehte sich zu dem Kätzchen um, doch es war verschwunden, Kall auch, wie er beim Hochschauen feststellte,

woraufhin Rother durch die Gartenanlage der Siedlung ging, auf Hundeköttel auf dem Weg mit den niedrigen Hecken achtete, dahinter zertrampelter Rasen mit ebenfalls in den Boden gestampften Narzissenrabatten, Hacksalat aus gelben Schnipseln, Tribut an die fußballspielenden Jungen,

die jetzt auf den Betonquadern saßen, die als Fahrradboxen dienten, auf die Rother zuging, zögernd beim Anblick der abgekämpften Spieler, die ihre Beine baumeln ließen, mit den Fersen gegen die Stahltüren bumsten, bedrohliche Halbstarke mit Schrammen und blauen Flecken an den nackten Beinen, unbehaart, käsig bis in die Tiefen der weiten Boxershorts hinein,

von denen er wegsah, als er sich einen Ruck gab und stracks auf sie zumarschierte, woraufhin sie die Beine hochzogen, zum Schneidersitz zusammenlegten, während er sein Rad aus der Box holte, bemüht, das Zittern beim Hantieren mit dem Schlüssel zu vertuschen –

Tschüß! rief er, schwang sich auf den Sattel, aber die Jungen reagierten nur mit Spucken zwischen ihre nun aufgestellten Beine, und er trat in die Pedalen.

Beitrag vom 25 März, 2010 (13:48) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Hornissengesang (DGb)

22 März, 2010 (13:22) | | tage-bau | Kommentieren

Rother stand schon im Flur, drückte die Klinke der Wohnungstür, hörte das Telefon klingeln, lief zurück, ergriff den Hörer,

vernahm eine Art Insektengesang, wortlos, zirpend, eine Botschaft, klar und verwirrend, dachte an die Hornissen in einem Film, die aus dreieckigen Mäulern gesungen hatten, obwohl Hornissen doch nicht singen, trotzdem, und Grillen spielten dazu Geige,

Heuschreckenserenade an den Mond, ein Museumsbild, auf dem Heuschrecken eine gigantische Rampe bildeten, die diagonal zum Nachthimmel anstieg, erleuchtet von einem grellen Vollmond, der das Insektendreieck überhell aus der Dunkelheit herausschnitt,

während aus der Himmelstiefe ein Summen und Sirren ertönte, nein, aus dem Telefonhörer, das ihn in Schwingungen versetzte,

und er fragte, ob Kall dran sei, worauf der Klang abbrach, die Verbindung unterbrochen war, während im Display das Zeichen für einen nicht entgegengenommenen Anruf blinkte, unbekannt, wie er beim Überprüfen feststellte,

und er ließ das Mobilteil zurück in die Ladestation gleiten, als es erneut klingelte, worauf er hastig wieder nach dem Hörer griff: Hornissengesang, eindeutig, aus dreieckigen Mäulern –

ach, er war ja verrückt, und er drückte ab, stürzte die Treppe hinunter, wobei er sich fast den Hals gebrochen hätte.

Beitrag vom 22 März, 2010 (13:22) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Erscheinung (DGb)

19 März, 2010 (13:56) | | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

Rother griff nach seinem Bleiminenhalter, einem dunkelgrünen Faber-Castell, aus dem er mit einem Druck auf dem orangefarbenen Knopf sein graues Rückgrat herausfahren ließ, nur eine Zungenspitze weit,

winkelte die Beine unter der Decke an, lehnte sein aufgeklapptes schwarzes Notizbuch dagegen, starrte auf die papierene Tabula rasa, das weiße, in zwei Seiten unterteilte Blankogesicht, das ihn inspirierte,

während die graue Zungenspitze darauf schlittschuhlief, Zeichen zurückließ, eingegeben vom Kino im Kopf, in dem Bilder auftauchten, erst stotternd in ihrem Bewegungsablauf, hintereinander gestaffelt, wie ungeschickt über den Daumen geblättert,

aber dann lief der Film glatt weiter, zeigte Kall, der von rechts oben nach links unten herbeischwebte, leicht vorgebeugt, auf den Füßen landete, in einem hellblauen Hemd, eingeklemmt von den Schulterriemen eines Rucksacks, der aber nicht zu sehen war,

dafür eine große Wolke aus gasgefüllten Ballons in verschiedenen Tiergestalten, wie sie am Zooeingang verkauft wurden, scheinbar in seinem Rücken an den Riemen befestigt, über ihm in der Luft schaukelnd, als sei er mit ihnen hier eingeflogen,

nicht aus der Höhe des Zimmers, wie Rother plötzlich begriff, sondern aus der Tiefe eines seiner Aquarelle, heraufbeschworen vom übers Papier flitzenden Stift, der alsbald auf seiner Minenfelge kratzte, worauf Rother auf den hinteren Knopf drückte, die Bleimine um einige Millimeter herausfuhr,

die sich sogleich in Schriftzeichen auflöste, während er weiterkritzelte und drückte, entsetzt, als ihm klar wurde, dass Kall nur durch sein Schreiben anwesend war, aber verblasste, sobald seine Hand erlahmte,

und Rother schrieb wie um Kalls Leben, wollte ihn um keinen Preis wieder verlieren, den einzigen Freund, der ihn jetzt lächelnd ansah, geblendet von einem Licht, das nicht aus diesem Zimmer kam und Schlagschatten in sein Gesicht schnitt, mit zusammengekniffenen Augen, der Mund eine schwarze Öffnung im weißen Bart,

wobei Rother nicht wusste, ob Kall ihn überhaupt sah in dem grellen Gegenlicht, wenn ja, dann höchstens als Schattenriß vor dem Licht, das die Aquarelle an den gegenüberliegenden Wänden anstrahlte, ihre Strukturen plastisch hervorhob,

als wären es wirklich dreidimensionale Räume, aufgerissene Rachen, die alles zu verschlingen drohten, wenn Kall verschwand, dessen Gegenwart allein Ruhe und Frieden garantierte –

da bockte der Stift, dessen spitzes Metallmaul jetzt das Papier darunter zerriß, während Kall transparent wurde, parallel zu dem dunstartig aufsteigenden Schleier, der Rother immer dichter einhüllte,

der verzweifelt auf den Faber-Castell drückte, bis er begriff, dass die Mine zuende war,

und er sah Kall im Nebel verschwinden, emporgehoben von der Wolke aus Tierballons, winkend, bevor er verlöschte

im nun wieder herrschenden Dämmer, in dem die Notizbuchseiten weiß schimmerten, darauf unleserliche Hieroglyphen gekrakelt.

Beitrag vom 19 März, 2010 (13:56) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Innenbilder (DGb)

16 März, 2010 (15:58) | | alptraum/ego.wunde | Kommentieren


Endlich zog er den Kopf wieder hervor, sah die Dämmerung wie Nebel im Zimmer stehen, unten nahezu undurchdringlich, oben heller, fast licht über den Bücherrücken, eine schwarzgezackt aufragende Gebirgswand,über der, auf hellgrauer Rauhfasertapete, Kalls Schwarzweiß-Aquarelle hinter Glas hingen, herausgehoben aus der vorherrschenden Dunkelheit, wie ins erste Morgengrauen hineingestellt: bizarre Landschaften, in denen Rother versank, noch benommen vom Schlaf, dem anderen Reich, aus dem er, ein Reptil zwischen Meer und Festland, gekrochen war, nun reglos, wobei nur seine Augen noch beweglich waren, Blicke, die aus seinem Starrzustand umherschweiften, über die Wände glitten, ins erste Bild tauchten, darin herumwanderten, durch einen Dschungel schwarzer Strukturen zwischen Deckweißwolken, Lichtungen, leuchtende Inseln in Grotten, Schraffurwäldern, Höhlen im Inneren eines Körpers, eng und finster, manchmal geweitet, durchdrungen von einer magischen Helligkeit, über der das Gewucher dann wieder zusammenschlug, Schlinggewächs, Felsgewirr, das den bald nur noch geahnten Schimmer in Fesseln legte, völlig niederrang, in Schwärze erstickte.

Im Bild daneben andere Strukturen, ein Hochwald, lichtdurchlässiger, wobei die Helligkeit nicht von oben einfiel, sondern vom Ende eines Tunnels, aus dem sich Weiß verbreitete, ein unscharfer Strahl, der diffus auseinanderwaberte, durchzuckt von knorrigen Linien, die hart in den Schein ragten, der die Glasoberfläche durchdrang, sich einen Weg durchs düstere Zimmer bahnte, einbrach in Rothers Pupillen, sich in ihm ausbreitete – kompakte Konturen im Hellen: Scherenschnitte eines konfusen Urwalds, zertrümmerte Knochen eines zusammengeklumpten Skeletts, zerborstener Schädel, Kalls Kopf, der sich hier preisgab, sein Inneres offenbarte, das zugleich verschlüsselt blieb, nicht entzifferbare Hieroglyphen.

Im nächsten Bild überwog das Weiß, aus dem schwarze Striche und Balken zurücktraten, nicht mehr hart abgesetzt, teilweise aufgeweicht, verwischt, verschwebend, aber oben und in den Ecken dominierten sie noch, bedrohlich, nahmen die Formen schemenhafter Figuren an, gespenstische Schatten, die das Helle bedrängten, in es hineinrannen: auslaufendes Schwarz, versickerndes Pechblut, das sich, unterirdisch weitergeflossen und an dünneren Deckweißstellen erneut hervorgebrochen, hier wieder ausbreitete – zutage tretende Quellen der Finsternis.

Im vorletzten Bild waren Schwarz und Weiß eine Symbiose eingegangen, zusammengefügt zu einem rundgeschwungenen Organismus, der die Gestalt eines verpuppten Insekts oder gequollenen Samenkorns hatte, riesengroß in verworrenem Umfeld, das ins Licht mündete, wo sich die Ausläufer des scheinbar organischen Gebildes verloren, das in der Mitte einer weißen Leere ankerte, ein saugendes Nirwana –

Rother riß sich los, blickte zum letzten Bild, in dem runde Formen in spitzes Gewelle übergingen: aufgeregte Pinselstriche, hoch und runter, diagonales Gezack über die ganze Fläche, frei schwebend vor dem hellen Hintergrund, gegen den die Schwärze anrannte, wild, im wütenden Veitstanz scharfkantiger Strukturen, als wollte Kall ihm etwas zurufen, ohne sich aber verständlich machen zu können…

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Beitrag vom 16 März, 2010 (15:58) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Noterwachen (DGb)

15 März, 2010 (10:28) | | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

Er wagte es nicht, den PC noch einmal zu starten, sondern ging, todmüde, ins Bett,

und am nächsten Morgen traute er sich nicht, die Augen aufzumachen, ragte die verstümmelte Giraffe doch quer durch seinen Kopf,

aber dann blinzelte er neugierig, ob er das Tier durch die schlafverkrusteten Wimpernschlitze irgendwo sehen würde,

doch es war zu dunkel im Zimmer, zwielichtig: mal sah er es, mal nicht, mal gewann es Form und Farbe, dann verwischte es wieder,

und er schlief erneut ein, träumte von

Kall, den er plötzlich in einer überfüllten Straßenbahn erblickte, in der die Luft zum Ersticken war, eingekeilt zwischen Leibern, die ihn aufrecht hielten, während er selber kraftlos in sich zusammengesackt schien, als habe er eine Herzattacke,

und Rother wollte sich zu ihm hindurchdrängeln, kam aber nicht vom Fleck, versuchte die Notbremse zu erreichen, vergeblich –

die Bahn raste durch den Tunnelschacht, hielt auch nicht mehr an einer Haltestelle: kein Abbremsen, Stillstand, Aufschnappen der Türen, kein rettendes Hinausströmen der Fahrgäste,

nein, Kall starb, eingeklemmt unter fremden Menschen, mit aufgerissenem Mund, hervorquellenden Augen, violett angelaufen,

so entsetzlich,

dass Rother in seiner Not erwachte und den Kopf unterm Kissen vergrub.

Beitrag vom 15 März, 2010 (10:28) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Die Giraffe blutet 2

8 März, 2010 (00:56) | | rausch (zustände) | Kommentieren

Der Behinderte Ludorff hatte Rother ein Fotobearbeitungsprogramm ausgeliehen, das, auf seinem Laptop installiert, zahlreiche Bedienungsmöglichkeiten bot, die er als Laie nur begrenzt zu nutzen wusste,

etwa das Erstellen von Collagen, indem er verschiedene Fotos aus einem Ordner auf seiner Festplatte zu einem Bild zusammensetzte, vor Jahren bei einem Zoobesuch geknipst, stümperhaft, die meisten unterbelichtet und unscharf, die er, ehe er sie überhaupt verwenden konnte, erst überarbeiten musste, aufhellen, schärfen, regulieren, schief aufgenommenen Motive geraderücken, zurechtschneiden,

bis er das Optimum zum Beispiel aus einem Giraffenfoto herausgeholt hatte, so dass die verwischten Konturen nun klar hervortraten, die erloschenen Farben frische Leuchtkraft erhielten, woraufhin er das Tier ausschnitt, indem er die Umgebung mit einem virtuellen Radiergummi entfernte, den er mit der Maus führte, unfähig, die Linien sauber um die Konturen herumzuziehen,

wobei er, verzitterte er eine Kurve, den letzten Arbeitsgang rückgängig machen musste, und als er bei einem neuen Ausrutscher in das Motiv hineinfuhr, blieb wieder eine häßliche Kerbe zurück, als habe er dem Tier einen heftigen Machetenhieb versetzt,

doch ehe er diesmal den Rückwärtspfeil drücken konnte, schoß rote Farbe heraus, was ihn so erschreckte, dass er wirr mit dem Cursor herumfuhr, dadurch weitere Verstümmelungen anrichtete, aus denen neue rote Fontänen herauspulsierten,

und er bewegte panisch die Maus, wollte das Bild komplett löschen, aber der Radierer hatte sich in eine Lanzenspitze verwandelt, mit der das Fell kreuz und quer aufgeschlitzt wurde, grauenhaft, als fahre er mit einem scharfen Messer durch das Fleisch der Giraffe, massakriere sie, schlachte sie ab,

und bei jeder Bewegung schoß es weiter wie Lava aus dem zerpflügten Leib, als verblute er vor seinen Augen, weshalb er wild auf alle möglichen Tasten hämmerte, bis der Computer abstürzte und die Metzelei ein abruptes Ende fand:

schwarzer Monitor; nur ein Lämpchen auf der Tastatur blinkte noch grün, als blinzele es ihm verschwörerisch zu, während er zitternd nach seinem Gesicht tastete, das sich klebrig naß anfühlte, bespritzt vom Blut der Giraffe – oder war es Angstschweiß?

Beitrag vom 8 März, 2010 (00:56) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Scarlattieren (DGb)

5 März, 2010 (11:50) | | rausch (zustände) | Kommentieren

Bei noch größerem Druck würde er zerspringen, und in höchster Not scarlattierte er mit Hilfe eines kleinen, runden Apparats, in dem eine silberne Scheibe steckte, von der elektrische Signale ausgingen, die, in Klänge umgewandelt, durch eine dünne schwarze Schlange zu der Klemme geleitet wurden, die seinen Kopf umspannte,

von einem Ohr zum anderen, jedes ein Trichter in seine Innenwelt, die nun mit Saiten überzogen wurde, Sehnen, straff gespannt im Unendlichen, das sich in einem schwarzen Horizont verlor, von dem er nicht wusste, bis wohin er sich erstreckte, ob er überhaupt irgendwo aufhörte

oder mit dem Universum verbunden war, das sich grenzenlos ins Unvorstellbare fortsetzte, in dem er selber nur ein Staubpartikel war, ein winziges, aber intensives Umfeld, durchzogen mit schneidenden Fäden, gespeist aus dem runden Apparat, die sein Bewusstsein durchflitzten, an unsichtbaren Halterungen befestigt, bald zu einem Gebilde aus silbrigen Klängen verwoben,

nun zu einem Auffangnetz unter ihm aufgespannt, ein Gefühl von Sicherheit verbreitend, als könne er nicht mehr ins Bodenlose abstürzen, und wie zum Test fiel er plötzlich, mit einem diesmal freudigen Erschrecken, das er beim Hinabsausen in der Achterbahn auf der Kirmes verspürt hatte,

wurde aufgefangen von der elastischen Matte, federte auf und ab auf matratzenweichen Klängen, parfümiert mit süßen Melodien, rhythmisiert von beglückenden Harmonien, die ihm das Gefühl gaben, ein Akrobat zu sein, der euphorisch hochfuhr, Loopings machte, hinabsauste,

vom Klangteppich zurückprallte, der allmählich in die Höhe wuchs, jetzt nicht mehr nur eine horizontale Fläche, sondern aufragend ins Vertikale, ein gigantisches Gestänge, das an ein Klettergerüst mit Drahtseilen erinnerte, in dem er nun von einem Berührungspunkt zum anderen katapultiert wurde,

eine Flipperkugel, die nicht auf einer planen Ebene herumfuhr, sondern durch den dreidimensionalen Raum flog, zurückgeschleudert von dem Grund, auf dem er gerade aufgeschlagen war, ein Querschläger, ständig in andere Richtungen geschossen, ein Alptraum,

und seine Festigkeit wurde zunehmend weicher, so dass die Drähte, von denen er vorhin noch ohne Verletzungen abgeprallt war, erst Striemen, dann Schnitte in seinem Körper zurückließen, der zuletzt nicht mehr wegsprang, sondern, ein lehmiger Klumpen, durch die Saiten des Gerüstes hindurchgedrückt wurde,

ein riesiger Eierschneider, der ihn in immer kleinere Stücke häckselte, bis er sich ins Nichts aufgelöst haben würde, das ihm als erlösendes Nirwana vorschwebte, wunderbar “

da schrak er auf und wäre fast vom Stuhl gefallen, auf dem er eingeschlafen war, den Kopfhörer vom Discman auf, aus dem ein Cembalostakkato von Scarlatti perlte.

Beitrag vom 5 März, 2010 (11:50) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Die Giraffe blutet, 1

2 März, 2010 (18:13) | | rausch (zustände) | Kommentieren

Absolute Stille, eine poröse Wand, die Rother kugelförmig umhüllte, ihn aufsog und auslutschte, bis er nur noch einen Hohlraum war, der wegen des äußeren Vakuums nicht in sich zusammenfiel, sondern, ein aufgeblähter Ballon, in seiner ursprünglichen Gestalt im Leeren schwebte,

gespenstisch, als sei er aus sich herausgetreten, ein gasförmiger Zustand, etwas Dichtes und zugleich Luftiges, das dann immer heftiger gegen seine Hülle drückte, als werde er so fest aufgepumpt, dass er bald platzen müßte, wenn es kein Ventil gäbe, um den Überdruck abzulassen, der nun in einen Kopfschmerz überging,

einen Migräneanfall mit Messern im Schädel, die sein Hirn durchschossen, stechende Weberschiffchen, intensive Schmerzimpulse mit nachfolgenden Kometenschweifen, milder werdend, langsam zerfallende Kondensstreifen,

doch während sie sich auflösten, bildeten sich neue Blitzschläge in seinem Kopf, der sich füllte mit beißendem Qualm, einer nicht auszuhaltenden Qual, und er sprang auf, um davor wegzulaufen, d.h. vor sich selber, lächerlich, als könnte er diesem Zustand entkommen, ihn wenigstens erträglicher machen,

und er warf sich um sich selber in seinem Verfolgungswahn, begriff plötzlich, dass er nicht von außen gejagt wurde, nein, ihn hetzten innere Hunde, Furien, nicht näher zu benennen,

eine Gefahr, die aus ihm selber kam und seine Panik auslöste, schlimmer, als wenn es äußere Feinde gewesen wären, vor denen er sich wenigstens hätte einigeln können, um den Kopf mit erhobenen Armen wenn auch nur scheinbar zu schützen –

aber wie sollte er, aus sich selbst herausgejagt, vor seinem eigenen Innern in Deckung gehen?

Beitrag vom 2 März, 2010 (18:13) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Arno Schmidt und Ernst Krawehl lernen sich kennen, 2

22 Januar, 2010 (09:22) | | tage-bau | 3 Kommentare

Arno Schmidt und Ernst Krawehl lernen sich kennen, 2

Aus und vorbei schien es zu sein, der Bruch zwischen den beiden endgültig. Ernst Krawehl betrat die Dorfkneipe: typisch, mit derbem, rustikalem Gehölz, Paneel, Deckenbalken und Mobiliar aus deutscher Eiche – weißgeschliffene Tischplatten, darauf rotweißkarierte Deckchen und dunkle, grobgeschnitzte Stühle mit gedrechselten Beinen und Lehnen drumrum, einen nicht mehr auszulüftenden, gleichsam hineingebeizten Bier- und Zigarettenmief ausdünstend, halbduster wegen der kleinen Fenster mit gerüschten, ebenfalls rotweißkarierten Gardinen, mit klobigen Bauern- und Knechtfiguren wie eine Guckkastenbühne bestückt, wozu auch noch das dumpfe, mundartlich verschliffene Gemurmel gehörte. Da konnte man sich nur noch besaufen: das Gefühl, ein Fremdkörper zu sein, wegspülen, auch das Unerfreuliche der Begegnung mit diesem verrückten Arno Schmidt. –

Schnitt. Nächster Morgen. Sonnenlicht im stickigen Zimmer des Schnarchenden, Verschwitzten, Verkaterten, das ihn blendete. Unrasiertes Gesicht im Spiegel. Mit einem Ruck stand Ernst Krawehl auf, beeilte sich, hier wegzukommen: scheiß auf das Frühstück – schulterte seinen Rucksack, und ab die Post, Richtung Bahnhof. Steindamm an den Schienen entlang. Schäbiges Bahnwärterhäuschen: es strömte wie das ganze Dorf etwas Muffiges aus, schlug ihm wie Mehltau aufs Gemüt.

Stop. Ich lasse den Film zurücklaufen, setze neu an bei der Szene: Ernst Krawehl schwappte sich kaltes Wasser in die Achselhöhlen, ins Gesicht, begann mit dem Naßrasieren – da klopfte es an seiner Tür. Arno Schmidt war mit seiner Frau gekommen, nicht um über eigene Texte zu reden, sondern über andere, die im Stahlbergverlag veröffentlicht worden waren oder dort verlegt werden sollten, Bücher von Malaparte.

Das Gespräch muss so anregend gewesen sein, dass sie sich kurzerhand zu einem langen Spaziergang durch Kastel und in der Umgebung entschlossen, die beiden ungleichen Männer allein – Alice Schmidt ging zurück in die „gepolsterte Kartoffelkiste“.

Und es geschah ein wichtiges Ereignis für die deutsche Nachkriegsliteraturgeschichte: der noch etwas verkaterte Verleger schloß Freundschaft mit diesem eigensinnigen Autor, die ein Leben lang halten sollte, wenngleich zwischen ihnen die Distanz gewahrt und es beim „Sie“ blieb. Ein bedeutender Spaziergang. Arno Schmidt konnte wohl auch nett sein, liebenswert, das Gegenteil eines grollenden Nörglers, sogar ausgelassen, begeistert – Ernst Krawehl hat es so geschildert.

Ich stelle mir vor, wie sie locker wurden, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad, während sie um Kastel herumwanderten. Schließlich krochen sie sogar auf dem Bauch unter Dornenbüschen hindurch, um einen bestimmten Blickwinkel zu bekommen, den Arno Schmidt in einer Erzählung beschrieben hatte, der plötzlich alles mögliche erzählte, aufgeregt wie ein Kind.

Ihre Stimmung wurde „pfadfinderhaft gemütlich und kameradschaftlich“, wie Ernst Krawehl sich später ausdrückte, der noch eine andere „Szene am Rande des Grotesken“ zum besten gab, die sich außerhalb von Kastel ereignete, hoch über dem Fluß, wo sie über eine gewölbte Wiese gingen, hinter der nichts außer Himmel zu sehen war. Arno Schmidt packte ihn plötzlich bei der Hand und begann mit ihm zu laufen, rannte mit ihm bis zum äußersten Rand der Wiese, die wie abgehackt endete, vor einer über hundert Meter tiefen Steilwand, ein abrupter Absturz zur Saar, und während der Verleger erschrockene nach Luft schnappte, fragte sein Führer augenzwinkernd: „Na, Herr Krawehl, was halten Sie davon?“

Sie gingen über die leicht gebuckelte Wiese, hinter der der Himmel wie eine Wand aufragte, tief blau oder bedeckt, milchig oder mit weißen Schäfchenwolken, keine Ahnung, jedenfalls brütend, an einem heißen, schweißtreibenden Augusttag, gingen nebeneinander her, nicht zu dicht aneinandergerückt, durch eine herrliche Landschaft, und Arno Schmidt, aus der Reserve gelockt, geriet ins Reden, steigerte sich in einen seiner Monologe hinein, redete wie von einer inneren Kraft gestoßen, eruptiv, geschüttelt von einer aus seinen Tiefen gestiegenen Gewalt, mit heftigen Bewegungen, während er ein Tempo vorlegte, das an die Gewaltmärsche seiner Soldatenzeit erinnerte, wobei das Bemerkenswerteste seine Stimme war, dieses seine inneren Stürme wiedergebende Klanginstrument, Lautmalereien seines wiederum eigenwilligen Organs, mit dem er seine Ansichten, Meinungen, Tiraden, Elogen und Kapriolen, seine Lobeshymnen und Verdammungsurteile herauskatapultierte, ein Stakkato von Konsonanten, ein Explodieren von Vokalen, die gleichsam abgeschossen wurden, zischende, heftige Töne, aggressiv und prononciert, als werfe er sich gegen einen unsichtbaren Käfig, wütend, jedes Wort ein Speer, den er auf ein Ziel schleuderte, das er zornig aufspießte: schnelle, präzise breitgefächerte Salven, gestochen akzentuierte Artikulationen, ein Sperrfeuer mit rollendem R, knatterndem K, sichelndem S, platzendem P, näselndem N und berstendem B, ein scharfsinniger Seiltanz, souverän und traumwandlerisch sicher, ein Balanceakt zwischen instinktiver Geschmeidigkeit und intellektueller Brillanz, frappierend, suggestiv, auch komisch und slapstickartig…

Die beiden schritten also an von Feldern aufschauendem Landvolk vorbei, das grüßte, hinter ihnen aber den Kopf schüttelte: diese spinnerten, räsonierenden Hampelmänner.

Zuletzt kehrten sie erschöpft zurück zur ärmlichen Unterkunft, nahmen einen kargen Imbiss ein, gingen dann zu dritt, denn Alice Schmidt begleitete die beiden ungleichen Männer, zur Saar hinüber, wo Ernst Krawehl die Fähre betrat, während sich in der Dämmerung ein Gewitter anbahnte, das schon bedrohlich grollte, und da stand er dann in der sogenannten „Ponte“, eine große Stahlwanne entlang einer rasselnden, rostigen Kette, schwankend und um Gleichgewicht bemüht, während der Fährmann seinen Fahrgast zum anderen Ufer stakte, bei zunehmender Dunkelheit, und das verloren wirkende Ehepaar immer kleiner wurde, hölzernen Figuren gleich…

Als Ernst Krawehl schon in der Flußmitte war, von braunen Wellchen umschwappt, erhob Arno Schmidt den Arm, zeitlupenhaft langsam, ließ ihn dann wieder fallen, richtete ihn erneut wie einen Flügel auf und ließ ihn sinken, mehrmals hintereinander, steif und puppenhaft, umso lebhafter, je mehr er sich entfernte, als wäre er darüber erleichtert, und plötzlich machten Arno und Alice Schmidt „à la preußisches Kommando“, wie Ernst Krawehl es beschrieb, „eine Kehrtwendung um 180 Grad“, und sie stapften den steilen Feldweg davon, die Flußböschung hinauf, lange noch sichtbar, ohne sich noch einmal umzusehen.

Beitrag vom 22 Januar, 2010 (09:22) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (3) Kommentare


Arno Schmidt und Ernst Krawehl lernen sich kennen

20 Januar, 2010 (09:46) | | tage-bau | Kommentieren

Arno Schmidt und Ernst Krawehl lernen sich kennen, 1

Nein, das war nicht in Ahlden, sondern in Serrig, Jahre zuvor, nicht im nördlichen Flachland, vielmehr in südlicher Gegend: wellig stelle ich sie mir vor, ungefähr wie das Bergische Land in der Nähe von Köln, nicht schroff – sanfthügelig.

Aber was weiß ich schon von Serrig? Jedenfalls war es im Spätsommer 1955, genau am 22. August, zur Zeit der reifenden Brombeeren. Da trat Ernst Krawehl, ein großer, starkknochiger Mann, auf, vierzehn Jahre vor der Übergabe von „Zettels Traum“, zu einer Zeit, als Arno Schmidt so ausgesehen haben muss wie auf einem anderen Foto, das ihn in Kastel vor einer offenen Haustür zeigt, in einem dicken Mantel, scheinbar aus Loden, zugeknöpft, mit großem, zurückgeklapptem Kragen und steifem Revers, so steif wie der Mann darin, als sei er eine Schneiderpuppe, und er stützt sich mit der rechten Hand auf einen Stock, hat die Linke in der Manteltasche, auf dem Kopf eine runde schwarze Baskenmütze mit kaum angedeutetem Zipfel, schräg aufgesetzt, ein bisschen keck, doch trotzdem wirkt er starr, verschlossen, scheint mich, den Betrachter dieser Aufnahme, streng zu fixieren, durch runde, dick und schwarz umrandete Gläser, abweisend, mit heruntergezogenen Mundwinkeln und maskenhafter Miene. Aber es gibt noch ein Foto aus der gleichen Zeit, das ihn ganz anders festhält, geradezu entspannt, in einem spätsommerlichen Garten, wo er einen Blumentopf mit einem blühenden Kaktus in den Händen hält. Auf wieder einem anderen Foto aus jener Zeit lehnt er, in Hemd und Pullunder, an einem Felsvorsprung oberhalb der Saar, in der Nähe von Kastel, im Seitenprofil aufgenommen, die Rechte locker in die Hüfte gestemmt, mit abgewinkeltem Arm.

Zurück zu Ernst Krawehl, der, das noch ungelesene Manuskript vom „Steinernen Herzen“ in der Tasche, unterwegs zu diesem offenbar begabten, jedenfalls vielversprechenden Autor war, von dem er erst eine Erzählung kannte, die noch nicht als Buch vorlag und ihn trotzdem schon polizeibekannt gemacht hatte, nachdem sie in einem Literaturmagazin abgedruckt worden war, denn er war deswegen angezeigt worden und hatte nun einen Prozeß wegen Gotteslästerung und Pornographie am Hals, was zwar einiges zum Bekanntheitsgrad des bis dahin kaum beachteten Autors beitrug, ihm aber auch ganz schön an die Nieren gegangen sein muss, zumal seine Existenz nicht gesichert war, er mit seiner Frau in den bedrückendsten Verhältnissen lebte oder besser kümmerte.

Ernst Krawehl schilderte später in einem Interview, wie er den langen, heißen Weg an hohen Sandsteinwänden entlangmarschierte und schließlich das Bauernhaus erreichte, in dem das junge Ehepaar untergekommen war, nicht nur als Vertriebene, sondern auch noch geflohen vor dem drohenden Prozeß, also geflüchtete Flüchtlinge, doppelt gemoppelt, die in der deprimierendsten Ärmlichkeit lebten, in mit etwas Sperrmüll ausstaffierten leeren Räumen, „praktisch in der gepolsterten Kartoffelkiste“, wie Ernst Krawehl sich ausdrückte, auf unterstem Nachkriegs- und Vertriebenenniveau.

Er, der Besucher, wurde keineswegs freudig empfangen, sondern mit einem „Oh Gott auch das noch!“, eine Begrüßung, die einen normalerweise auf dem Absatz umkehren lässt, nicht aber diesen Verleger, der später erfuhr, dass Arno Schmidt an diesem selben Vormittag vom Amtsrichter vernommen worden war und, zurückgekommen, gerade erst das Telegramm gelesen hatte, das seine, Ernst Krawehls, Ankunft ankündigte – da stand er auch schon vor ihm: kein gutes Omen, zumal die Zusammenarbeit mit dem vorherigen Verleger gründlich schiefgegangen war. Herrje, Arno Schmidt wollte doch bloß seine Ruhe haben und schreiben. Aber die Verhältnisse waren nun mal nicht danach, und ohne die Freßpakete seiner Schwester aus Amerika wären er und Alice bestimmt schon längst verhungert…

Alles schien falsch eingefädelt zu sein. Arno Schmidt war ziemlich gereizt. Ihm lag noch die Demütigung vom Vormittag im Magen, dieses Vorgeführtwerden von Beamtenfritzen, Sesselfurzern, die nichts von seinem Schreiben verstanden. Das übertrug der Autor auf den fremden Ankömmling, der ausgerechnet heute hier aufkreuzte: ein schwitzender Kerl mit Rucksack, dem er dann aber trotzdem erst mal ein Glas Wasser anbot. Mehr hatte Arno Schmidt ihm nicht anzubieten, der arme Schlucker, angeblich ein zwielichtiger Pornoschriftsteiler – peinlich: nichts mehr da, kein Wein, kein Bier, kein Schnaps, und sogar sein geliebter Nescafé war ausgegangen. Und dieser Typ war doch nur gekommen, um ihn zu kaufen. Klar, der hatte bloß seinen Reibach im Sinn, wollte sich wie diese anderen Halsabschneider auf seine Kosten bereichern. Und wenn er tausendmal den weiten Weg extra seinetwegen auf sich genommen hatte: abzocken und bevormunden wollte ihn der Herr Verleger.

Das kannte Arno Schmidt schon zur Genüge von dem anderen Großkotz, Rowohlt, der ebenfalls Ernst hieß, genau wie dieser Krawall oder Krakeel: wenn das kein schlechtes Zeichen war. Und Arno Schmidt ärgerte sich, dass er ihm auch noch vorsäuselte, wie furchtbar nett es doch sei, dass er sich die Mühe gemacht habe, ihn hier aufzusuchen – diese Verlogenheit. Er würgte weitere Höflichkeitsfloskeln wütend herunter, schlug sich auf den Mund und rief mit verzerrtem Gesicht: „Nein, nein, nicht diese Töne!“ Arno Schmidt sprach jetzt Tacheles, sagte ihm auf den Kopf zu, er sei ja bloß gekommen, um Geschäfte zu machen, so, jetzt sei es heraus, aber er gebe sein Herzblut nicht für sowas her.

Am liebsten wäre Ernst Krawehl umgekehrt. Doch das war praktisch unmöglich: in diesem Kaff kriegte er für heute keinen Zug mehr. Also musste er bleiben, wenn auch bloß für eine Nacht, mit dem festen Vorsatz, nie wiederzukommen.

Sie arrangierten sich: das Gebot der Höflichkeit erforderte es. Arno Schmidt gab sich einen Ruck und opferte ihm seinen Nachmittag – den Vormittag hatte er schon vergeudet. Was half’s. Sie machten Konversation, verspannt und gestelzt, „stilisiert“, wie Ernst Krawehl es dann im Interview nannte, der einige freundliche Bemerkungen über „Pocahontas mit Seelandschaft“ anbrachte: das fiel ihm nicht schwer – der Text hatte ihm wirklich gefallen. Wie überaus treffend die Landschaft und der Dümmer See geschildert sei, lobte er: den kenne er gut, er habe ihn schon in seiner ganzen Breite durchwatet. Da kriegte er wieder einen Dämpfer. Er habe rein gar nichts von dem Buch verstanden, erklärte Arno Schmidt schroff: es heiße nicht „Pocahontas mit Seelandschaft“, sondern „Seelandschaft mit Pocahontas“ – es gehe also nicht um die Gegend, sondern… „Ach, lassen wir das!“

Sie verabschiedeten sich. Ernst Krawehl schluckte seinen Ärger herunter: war ja bloß für eine Nacht – und ging in die Dorfkneipe, die einzige Unterkunftsmöglichkeit hier in diesem lausigen Nest.

Beitrag vom 20 Januar, 2010 (09:46) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Die Übergabe von „Zettels Traum“

14 Januar, 2010 (11:54) | | tage-bau | Kommentieren

Link zum Textvortrag bei Youtube

Auf dem Foto ragt Ernst Krawehl vom rechten Rand her schräg ins Bild hinein: hemdsärmelig, mit kräftigen, behaarten Unterarmen, aus denen Adern und Sehnen hervortreten. Mit der linken, aufgespreizten Hand greift er unter die vordere Ecke des Waschmittelkartons, den er mit der rechten Faust an der Kordel festhält. Sie ist straff gespannt und verrät ein ziemliches Gewicht. Es ist nicht nur eine in Kilogramm messbare Schwere, sondern auch ein geistiger Brocken: das fertige Manuskript von „Zettels Traum“, unschätzbar wertvoll, da nur als dieses eine Unikat vorhanden! Sein Autor, links im Vordergrund und halb von hinten aufgenommen, scheint es nur zögernd zu übergeben, mit angewinkeltem, nervigem Arm, nicht so dunkel und behaart wie der von Ernst Krawehl, was aber an der überbelichteten Aufnahme liegen kann. Es erweckt den Eindruck, Arno Schmidts helle Haut gehe in das Weiß der Pappe über, in der das Manuskript aufbewahrt ist, das wiederum die Innenwelt des Autors aufbewahrt, geronnen in Buchstaben auf DinA3-Papier, schwarze Zeichen auf weißem Untergrund: Runen, Vogelspuren in unberührtem Schnee, aber nicht mit Krallen hinterlassen, sondern mit den hackenden Schnabelhieben der stählernen Typen einer Schreibmaschine hineingestanzt, Schriftzeichen für Schriftzeichen. Doch Arno Schmidt hatte die einzelnen Wörter wieder zertrümmert, um ihren Hintersinn freizulegen, den Kern aus den Schalen herauszuklauben, wie das Fleisch aus dem zerschmetterten Panzer der Krabbe, hatte die Begriffe aufgebrochen, in ihre Bestandteile zerlegt und zu neuen Assoziationen zusammengesetzt, zu Puzzles in anderen Sinnzusammenängen, hatte die Bruchstücke im Kaleidoskop durcheinandergeschüttelt, zerrissene Sätze neu kombiniert, mit ihren Bausteinen jongliert, Laute in andere Konstellationen gebracht, die Grammatik gesprengt, überhaupt das ganze festgefügte Mauerwerk der Sprache, war zu überraschenden Ergebnissen gekommen, hatte ein vielschichtiges Geflecht aus Textfragmenten gewoben, ein virtuoses Gebilde geschaffen, einzigartig in der deutschen Literatur, ein gewaltiges Massiv, in jahrelanger Abgeschiedenheit zusammengetragen, eine Knochenarbeit, wobei er sich, aufgeputscht mit Alkohol, Koffein und Schlafentzug, die Gesundheit ruiniert hatte, in krankhafter Besessenheit, selbstmörderischem Ehrgeiz, hatte sich diesem Großprojekt aufgeopfert und verschrieben, und zum krönenden Abschluss übergab er nun dieses mit dem Raubbau am eigenen Leben bezahlte Ergebnis seinem Verleger. Der hatte ein strahlendes Lächeln im schmalen Gesicht mit der großen Nase, den tiefliegenden Augen, gefurcht vom Wangenknochen bis zum ausladenden Kinn. Er wirkte bodenständig wie ein Handwerksmeister, schien in seiner vorgebeugten Haltung einen Diener vor dem Karton zu machen und überragte Arno Schmidt um Haupteslänge, der immerhin einsfünfundachtzig groß gewesen war und viel um seine stattliche Erscheinung hergemacht haben soll. Dem hünenhaften Verleger gegenüber erschien er jedoch eher kompakt und gedrungen, fast wie ein Bullenbeißer mit vor Spannkraft zusammengezogenen Schultern – aber das dichte ich ihm nur an wegen seiner bissigen Texte, durch die er immer wieder in Schwierigkeiten geriet: Lektoren und Rundfunkfritzen wollten ihm ständig die Giftzähne ziehen, heikle Passagen entschärfen oder streichen und zum Schluss gar nichts mehr mit ihm zu tun haben. Nicht so Ernst Krawehl: der stand, ein salopper Riese, unerschütterlich zu diesem originellen Autor und präsentierte ihn unzensiert einem Lesepublikum, das, angeödet von einem sonst eher betulichen Literaturbetrieb, hungrig war nach seinen provozierenden Schriften – dieser treue Vasall und unscheinbare Verleger, schlaksig, im bauschigen Hemd mit offenem Kragen, Achselklappen, ausgebeulter Brusttasche und in zerknitterten Jeans, ungefähr fünfzig auf diesem Bild, das Alice Schmidt wohl geknipst hatte, zur Erinnerung an diesen Höhepunkt im Leben ihres Mannes, ein schlechtbelichtetes Schwarzweißfoto, das die beiden Männer in ihrem Triumph festhält, die sich gegenüberstehen, der Autor etwas vorgebeugt, als ziehe ihn nicht bloß das Gewicht des Manuskripts herunter, sondern als verneige er sich ebenfalls vor seinem Geniestreich, scheinbar benommen, als könne er es noch nicht glauben, mit angespannten Rückenmuskeln, als schlage er die Hacken vor seiner eigenen Leistung zusammen, allerdings selbstironisch, wohl mit einer sarkastischen Bemerkung auf den Lippen.

Beitrag vom 14 Januar, 2010 (11:54) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Doggod. Der Übergang. (Teil 7, Schluß)

11 Januar, 2010 (10:48) | | suppenküche | Kommentieren

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In der Nacht kam es wieder. Doggod war in der sogenannten I-Position gelagert: ein längliches Kissen im Rücken, ab dem Steißbein bis über den Kopf hinaus, dem es ebenfalls als Ruhepolster diente. Die Arme rechts und links auf sogenannten Fritzchen, kleinen Kissen, erhöht. Unter den Achillessehnen zusammengerollte Handtücher, damit die Fersen sich nicht wund legten, und gegen die Zehen eine zusammengelegte Decke gedrückt, um Spitzfüße zu vermeiden. Der Kopf noch durch das hochgestellte Oberteil des Bettes erhöht, so dass er fast sitzend dalag.

Er konnte nicht schlafen, obwohl er das Wachen als einen fürchterlichen Zustand empfand: es war, als blicke er offenen Auges, nein mit abgeschnittenen Lidern in den Abgrund seines Daseins, das ein einziger Alptraum zu sein schien. Es nahm womöglich noch an Intensität zu: dagegen waren die heraufbeschworenen Höllenqualen aus seiner Kinderzeit ein billiges Gruselmärchen.

Wie mir selber entkommen? dachte er, ohne auch nur den Kopf hin- und herdrehen zu können: einfach gelähmt, dem Grauen nackt, unausweichlich ausgeliefert. Ein neues Grollen oder was auch immer bahnte sich in seinem Körper an. Eine Art Vibrieren, erst in Fingern und Zehen, das Strömen einer zunehmenden elektrischen Energie, das anfangs über Hände und Füße nicht hinauskam, allerdings den Vorteil hatte, sie intensiver zu durchbluten und ihre Leichenkälte mit Wärme zu füllen. Dies war der erste Hinweis auf eine Besserung seiner Lage. Er genoß die Hitze in seinen äußersten Gliedmaßen, spürte dann zu seiner Freude, dass sie sich allmählich in die Extremitäten, hinauf zu seinem Rumpf hocharbeitete, als ein Kribbeln, wie er es früher bei einem eingeschlafenen Bein oder Arm gespürt hatte: angenehm und unangenehm zugleich. Doch dieses Prickeln schaffte nicht den Sprung in seinen Leib hinein, als wären da Sperren, an denen es abprallte.

Gebannt achtete er auf diesen Vorgang. Er vergaß das Schreckliche seiner Situation und konzentrierte sich nur noch auf seine mittlerweile scheinbar glühenden Arme und Beine, Hände und Füße. Da, plötzlich, schlugen kleine Wellen wie leckende Zungen auf seinen kalt und leblos daliegenden Körper über, ohne aber tiefer eindringen zu können. Es war ein Kitzeln an Herz und Geschlecht von außen, und er bedauerte, dass es nicht ganz auf sie überschlug. Er strengte sich sogar an, mit Hilfe einer Art Selbstsuggestion diese belebenden Flammen in seinen Leib hineinzusaugen, stellte sich den wie ein Vakuum vor, das jenes Feuer anzog, quasi zu sich hereinschlürfte, und schließlich klappte es, erst ansatzweise, doch dann immer weiter, als okkupiere es mit seinem Willen zunehmend seine Organe.

Zuerst flammten Herz und Geschlecht sozusagen, jedenfalls spürte er einen Brand darin, der aber nicht wehtat, sondern euphorisch stimmte, als sei er ein Brandopfer zu Ehren einer Gottheit, in die er sich mit Freuden, fast jauchzend auflöste, als würde er mit dem Verglühen seines wie zu Asche auseinanderfallenden Fleisches in eine höhere Sphäre übergehen, nicht zu Rauch, sondern zu einer magischen Energie werden. Würde jetzt die gesichtslose Schwester eintreten, das wusste er, erschräke sie ebenso wie damals, als er geschwebt zu haben meinte – übrigens auch jetzt: er spürte magnetische Kräfte, die ihn wie ein Kissen aus unsichtbaren Wellen vom Untergrund abhoben, hochstemmten, der Zimmerdecke entgegen, während seine Bettdecke an ihm herabhing und wie von Windstößen wehte. Jetzt hatte er Angst, die Schwester käme tatsächlich herein und machte dem Spuk ein Ende.

Aber ein Spuk ist doch etwas Unwirkliches, dachte er, wohingegen dieser Zustand nicht nur sein Gegenteil, sondern etwas weit darüber hinaus war: eine Überwirklichkeit, etwas Übersinnliches, nur andeutungsweise wahrgenommen mit seinen erbärmlichen Sinnen, eine Gnade, wie er schlagartig wusste, eine Art Erleuchtung. Er hatte zu einer solch erniedrigten Kreatur werden müssen, um dies jetzt erfahren zu können. Er wollte, dass es gar nicht mehr aufhörte. Allein die Vorstellung, es würde enden, wäre ihm wie die Vertreibung aus dem Paradies vorgekommen.

Und so strengte er sich an, diesen Zustand zu erhalten, indem er sich übermenschlich zusammenkrampfte, um die außerirdischen Kräfte in sich zu halten, die immer wieder aus ihm herausströmen wollten – nein, hiergeblieben, und er ächzte mit verzerrtem Gesicht, wobei er sich wie eine glühende Kohle in waagerechter Menschengestalt fühlte, die auf ihr Zentrum zu verkokelte: er durfte unter keinen Umständen vorher erlöschen – musste bis aufs letzte Atom aufgezehrt werden von diesem seltsamen Feuer und Licht, das ihm unermesslich erschien.

Zuletzt löste sich das Angespannte in ihm. Am nächsten Morgen fand man ihn tot in seinem Bett. Das Erstaunlichste dabei (man hatte längst mit seinem Ableben gerechnet) war der gelöste, ja, erlöste, geradezu verklärt friedliche Ausdruck im Gesicht dieses Schmerzensmannes Doggod – ein Name, über den man sich Zeit seines Lebens lustig gemacht hatte: Dog God oder umgekehrt God Dog – Hund Gott oder Gott Hund, herrje, wie platterdings tiefsinnig!

Die Leute erst vom Pflegepersonal und dann vom Bestattungsinstitut waren sicher, ein weiterer Schlaganfall habe Doggod den Rest gegeben. Mir will aber scheinen, dass dem nicht so ist – sieh nur das Licht auf der Hauswand: könnte das nicht er sein, sozusagen sein Zwinkern aus einer Welt, die wir gemeinhin als Spökenkiekerei abtun?

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Beitrag vom 11 Januar, 2010 (10:48) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Doggod. Etwas Absurdes. (Teil 6)

10 Januar, 2010 (13:58) | | suppenküche | Kommentieren

So völlig auf sich selbst zurückgeworfen, durchlebte Doggod eine weitere innere Verwandlung. Er hatte nichts mehr, woran er sich noch halten konnte. Der Vergleich mit seiner früheren und heutigen Situation war so schmerzhaft, dass sich ihm jede Erinnerung aus Selbstschutz verbot. Sogar die Konzentration auf seine unmittelbare Umgebung war durch die reibungslose Präzision des alltäglichen Ablaufs aufs Minimum reduziert.

Blieb das Horchen ins momentan sich abspielende Innere. Schmerzen. Kribbeln an der Grenze zur tauben Seite. Hunger und Durst waren ausgeschaltet durch die künstliche Ernährung – daher eher ein Übersättigungsgefühl. Auch verspürte er keinen Drang zum Wasserlassen, floß doch die einlaufende Flüssigkeit gleich in den angeschlossenen Beutel – statt dessen ein Brennen vom Reiben in der Harnröhre und am empfindlichen Ausgang.

Gefühle, Empfindungsabläufe? Auch die blendete er reflexartig aus, wie durch einen automatischen Sicherheitsmechanismus. Also begann er seine Herzschläge zu zählen, seiner Atmung zuzuhören und assoziierte das mit Naturereignissen: Windströmungen rund um den Globus – das Wummern stellte er sich als Puls im Erdmittelpunkt vor.

So übertrug er sein Selbst auf die Welt. Er identifizierte sich mit ihr, während sein Ich-Bewusstsein nach und nach verblasste. Sein Stuhlgang wurde zu einem Lavaausbruch eines noch aktiven Vulkans, seine Lagerung zu einem Erdbeben oder schwindelerregenden Wellengang, Einstiche von Spritzen oder Kanülen zu Erdbohrungen und Transfusionen zu etwas, das dem Regen entsprach.

Eines Tages wurde er von störenden Tönen in den Wachzustand zurückgeholt, vielmehr genötigt, sie wahrzunehmen: peinigend. Er war ihnen wehrlos ausgeliefert, konnte sich nicht die Ohren zuhalten oder wenigstens die Decke über den Kopf ziehen. Ping ping – plong: immer dieselbe Klangabfolge, wie bei der Wassertropfenfolter – nicht auszuhalten, obwohl er es doch musste, da er sich dieser Zumutung nicht entziehen konnte.

Plong – ping ping: mal eine andere Reihenfolge, und das war schon eine Befreiung. Nun ständig diese Tonfolge: plong ping plong. Die unmerklichen Abwandlungen begannen ihn zu fesseln. Gespannt lauschte er den kleinen Variationen, hingegeben, absorbiert wie früher selbst nicht bei Aufführungen seiner Lieblingsstücke im Konzertsaal.

Minimalistische Musik, endlos wiederholt, mit feinen Abstufungen, unterschiedlichen Rhythmen, gerade dadurch umso magischer. Morton Feldman fiel ihm ein, sein stundenlanges Streichquartett, in der Musikhochschule aufgeführt: Doggod hatte sich entsetzlich gelangweilt, wie auf die Folter gespannt gefühlt – ähnlich wie anfangs bei diesen monotonen und doch abwechselnden Klängen, die ihn nun in ihren Bann zogen.

Da wird irgendwo ein Klavier gestimmt, schoß es ihm durch den Kopf. Er lag dem Fenster zugekehrt und sah auf eine nackte Ziegelwand. Die war ihm bisher als häßlich, tot, geradezu beleidigend für sein ästhetisches Empfinden vorgekommen, als schändliches Beispiel einer einfallslosen Bauweise: ohne Verzierungen oder Verschnörkelungen, wie sie an älteren Bauten in sogenannter Backsteingotik so reizvoll ins Auge sprangen – nichts als langweiliges Stein-auf-Stein.

Jetzt gewahrte er Licht darauf: warm, golden, eingetrübt durch Schattenintervalle, wieder aufstrahlend, dann gedämpft, mattgrau, und erneut aufblendend im triumphierenden Sonnenschein. Rechtecke in Reih und Glied: wie sie in den unterschiedlichsten Nuancen schimmerten, erloschen, danach ganz anders leuchteten – jedes auf seine eigene Art, die sich nie wiederholte, nicht mal mit sich selbst von vorhin.

Die Unebenheiten auf der Oberfläche der Steine wurden, wenn sich eine Wolke vor die Sonne schob, durch den Schatten verborgen und dann, schien die Sonne wieder ungehindert auf die Ziegelwand, durch das grelle Licht erneut hervorgehoben: so erschien dieselbe Stelle immer wieder wie umgewandelt. Das Ganze wurde begleitet von den tropfenden Klängen verschiedenster Höhen und Tiefen, die von einem in der Nähe gestimmten Klavier herrührten – diese Gewissheit war Doggod plötzlich egal. Er schaute und lauschte nur noch, schwitzend auf die Seite zum Fenster gebettet.

Allmählich erfaßte ihn eine Euphorie. Sie schien ganz tief aus seinem Innersten aufzusteigen. Wellen der Freude, die ihn nicht nur stimmungsmäßig erhoben, sondern auch körperlich. Ihm war das erst gar nicht bewusst – bis die gesichtslose Schwester eintrat. Sie stieß einen Schrei aus und floh aus dem Zimmer. Aufgeschreckt, stürzte er in einen Abgrund – nein, zurück ins Bett: weich landete er auf der federnden Antidekubitusmatratze. Was ihn eigentlich schockierte, war, dass er wirklich aus der Höhe herabgefallen zu sein schien.

Das Entsetzen hatte der Schwester individuelle Züge verliehen: ein in die Leere hineingestempeltes Panikgesicht. Auch Doggod sträubte sich gegen die unglaubliche Tatsache, geschwebt zu haben: das war doch absurd. Doch er schmeckte das Glück noch nach, das er während seiner Versenkung gespürt hatte, verzaubert durch das Geklimper und die Lichtspiele.

Auf einmal war es still und dunkel. Er fühlte sich, wie wenn ein Traumwandler durch den Schrei aufgefahren, aber nicht vom Dach, sondern ins schweißnasse, unangenehm ausgekühlte Laken gefallen war.

Eine Bestätigung dafür bekam er nicht. Es konnte auch eine Einbildung gewesen sein. Als die Schwester später wiederkam, verriet sie nur ihr gipsweißes Gesicht: eine Totenmaske, die kein Geheimnis preisgab, nichtssagend wie eh und je.

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Beitrag vom 10 Januar, 2010 (13:58) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Doggod. Variationen. (Teil 5)

8 Januar, 2010 (09:34) | | suppenküche | Kommentieren

ßberhaupt das vordergründig Glanzlose. Bei näherem Hinschauen bekam es ein eigenartiges Schillern. Es verkehrte sich geradezu: das Blendende wurde banal, und das Unscheinbare lud sich mit einer Intensität auf, die Doggod vorher nicht gekannt hatte.

Zum Beispiel das Attraktive bei Maria: Langeweile legte sich wie Mehltau darauf. Ihre glatte Oberfläche barg eine Leere, der ihre gefühllose Grausamkeit entsprach: Kombination aus Phantasielosigkeit und Geltungssucht einer Verwöhnten.

Hingegen Martha. Ein Blickfang war sie nicht – vielmehr wurde sie leicht übersehen. Wohl daher kümmerte sie sich nicht besonders um das Äußerliche. Sah Doggod aber in die Tiefe, kam sie ihm umso reicher vor, je ärmer ihm die andere dabei erschien. Marias Lächeln war leer und ihre Pflege lieblos – gleichsam ungedeckte Schecks. Doch Marthas Mimik: ganz beseelt – ihre Handgriffe voller Mitgefühl, als würde sie das, was sie mit anderen machte, sich selber antun.

Nicht nur bei den beiden Krankenschwestern fiel ihm das auf, auch in anderen Dingen. Das früher Ignorierte bekam Gewicht und das vormals ins Auge Springende verlor an Wert. Wie inhaltslos alles Protzige und Gleißende, sei es nun das wichtigtuerische Auftreten des Oberarztes mit seinen unnatürlich weißblitzenden Zähnen oder der Chromglanz des modern und funktional eingerichteten Zimmers – so kalt und stereotyp im Gegensatz zu den mitleidigen Augen und warmherzigen Bemerkungen der Putzfrau oder, ein Stilbruch, das hierher verirrte Nachtschränkchen aus der Zeit vor der Grundrenovierung: jede Blechbeule und Macke im zerkratzten Lack ein individuelles Merkmal, das dem Ganzen ein unverkennbares Gesicht gab.

Als das Schränkchen kurz darauf gegen ein nagelneues ausgetauscht wurde, bekam Doggod heftige Zuckungen und daraufhin eine Beruhigungsspritze von Martha: hoffentlich würde sie nicht auch noch ausgewechselt – sie wurde. Und nicht mal Maria bekam er für sie zurück, sondern eine Gesichtslose, die in ihrer Unpersönlichkeit und Perfektion allerdings ideal zur übrigen Zimmereinrichtung paßte.

Maria hatte ihr innerliches Vakuum wenigstens durch Zwicken und schlechte Scherze kompensiert: etwas, das ihre Gegenwart doch noch präsent gemacht hatte. Aber diese Neue war gar nicht vorhanden, selbst in ihrer Anwesenheit: so geschickt in allem, dass er sie bei ihren Verrichtungen nicht mal spürte. Auch sprach sie nicht privat mit ihm, nur im Zusammenhang mit der Lagerung oder medizinischen Versorgung.

Hätte sie nur hin und wieder einen blöden Witz über ihn gerissen oder aus Versehen an seinem Gummischlauch gezogen – wenigstens die Nase über ihn gerümpft. Aber nichts da. Für sie hätte er ebenfalls ein exakt hierhin gehöriger Gegenstand sein können – ihm jedenfalls erschien sie (er konnte nicht mal ihren Namen behalten) als eins dieser technischen Geräte in der ihn umgebenden Maschinerie, die seine lebenswichtigen Funktionen in Gang hielt.

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Beitrag vom 8 Januar, 2010 (09:34) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Doggod. Nach dem Sturm. (Teil 4)

7 Januar, 2010 (08:44) | | suppenküche | Kommentieren

Das ständige Grübeln war nicht auszuhalten. Es führte zu nichts als zu immer schlimmerem Horror und hätte Doggod fast zerrieben. Konnte er sich anfangs noch halbwegs bewegen, war er plötzlich total gelähmt: wahrscheinlich ein weiterer Anfall – die Ärzte stellten diese Diagnose, weil sie keine andere Erklärung dafür hatten.

Hinzu kam das Übel der handgreiflichen Weißkittel. Sie wuchteten ihn grob hin und her. Nie ließen sie ihn in Ruhe. Sie lachten noch über ihn hinweg, als machten sie sich lustig über seinen entstellten Körper. Obwohl halbseitig taub, reagierte er äußerst empfindlich und brachte das unter konvulsivischen Krämpfen zum Ausdruck: seine einzige Möglichkeit zu kommunizieren.

Als zusätzliche Demütigung lief ihm manchmal auch noch der Durchfall aus dem Anus: kitzelnd, wenn er über die Hinterbacke rann, die noch fühlen konnte, und taub, wenn er nur die Peristaltik des Schließmuskels spürte.

Als hätte der Überlebenstrieb das Kommando über ihn, das gekenterte Schiffswrack, an sich gerissen (ein insektenhafter Wille, trotz allem nicht abzusaufen), passierte etwas Merkwürdiges: seine Psyche schaltete ab, stellte sich praktisch tot, kappte die Taue seiner selbstquälerischen Vorstellungen, die ihn sonst noch in den Wahnsinn getrieben hätten.

Allmählich wurde er vollkommen ruhig. Der Sturm legte sich. Doggod dümpelte bald in einem endlosen Stillen Ozean träge vor sich hin, war nunmehr einfach nur noch da, jenseits von Panik und Verzweiflung, nicht einmal mehr traurig oder wehmütig angesichts des verlorenen Paradieses: als solches erschien ihm sein vorheriges Leben, das er damals, noch gesund, nie als Idyll empfunden hatte, ganz im Gegenteil.

Tiefer Frieden kehrte in ihm ein – nicht zu verwechseln mit Glück oder Seligkeit, auch nicht mit Gleichgültigkeit oder Apathie. Was mit ihm und um ihn herum geschah, entfernte sich von ihm. Es war ihm nicht egal. Er registrierte alles viel intensiver, als er es früher je erlebt hatte: ein stilles Schauen, scheinbar so neutral wie seine krankheitsbedingte Stummheit, als liege er in einem Wachkoma, eingesperrt in seinem Körper wie im Gefängnis.

Es war eine Art Lock-in-Syndrom und doch ganz anders. Nur seine Augen konnten sprechen, aber nicht mal dem Personal, das ihn pflegte, fiel das auf. Und es geschah ja auch schleichend, nicht sofort. Er wurde behandelt wie ein klinisch Toter. Sie machten ihre Witzchen über ihn. Schönheitsfehler seines Leibes, die er, noch im Besitz seiner Kräfte, aus Eitelkeit verborgen hatte, wurden zum allgemeinen Gespött: die ulkig kleinen Füßchen, die große Warze direkt unter seiner Brustwarze, die ungewöhnlich lange Narbe von einer dramatischen Blinddarmoperation, was wie ein Kaiserschnitt aussah, wozu ja auch sein wabbeliger Bauch und Brustspeck paßte – eine richtige Poularde, nicht Weibchen noch Männchen.

Zogen sie ihm die Pobacken auseinander, blühte eine Fleischblume auf: ein Blütenkranz ineinander gefältelter und gerüschter Hämorrhoiden. Aber das Lustigste war das Mickerchen von einem Penis: ein Witz, nicht viel mehr als eine große Klitoris – also doch ein Hermaphrodit? Und was die Sache noch lächerlicher machte: das kleine Ding krümmte sich bei einer Erektion unmöglich zur Seite. Doggod hatte schon als Kind die größten Minderwertigkeitskomplexe deswegen gehabt: so blamabel, dass er später nicht mal zu Prostituierten gegangen war. Dabei war es äußerst reizbar, auch jetzt noch, wo er selber mehr und mehr in eine allgemeine Lähmung versank.

Sein Kümmerling war nicht davon befallen – noch nicht: vorerst hatte er damit die größten unfreiwilligen Lacherfolge. Denn, und das schien an ein medizinisches Wunder zu grenzen – jedenfalls machte das Personal eine Sensation daraus: wie er bei Berührungen unter Kontraktionen litt (untypisch für einen Fall wie ihn), so war er auf empfindliche Weise erektionsfähig, was wegen dem Katheter und der pathologischen Krümmung seines Glieds mit solchen Schmerzen einherging, dass sie besonders heftige Spasmen seiner Gliedmaßen auslösten. Das war auch eine Art, sich mitzuteilen, zwar keine so flehentliche wie über seine Augen, aber die beachtete ja ohnehin keiner.

Waren die Pfleger und Schwestern unbeobachtet, machten sie sich einen Jux daraus, Doggod wie einen Hampelmann zappeln zu lassen, indem sie wie bei einem solchen nicht am Faden, sondern an seinem Urinschlauch zogen. Schwups, fuhr er wie ein Stehaufmännchen in die Höhe – fast wie beim Elektroschock eines nicht festgeschnallten Patienten, dem die Elektroden an der Eichel statt an den Schläfen fixiert worden waren: froschartige hampelmännische Zuckungen halt.

Ihm tat es gefrechst weh, und den anderen war es ein Gaudi. Kamen noch Doggods Gefühle für die schöne Schwester dazu: Maria. Sie hatten es schnell heraus und schickten sie meistens zu ihm zur Grundpflege, während sie sich kichernd im Hintergrund hielten. Maria war so gemein, wie sie hübsch war – besonders vor Publikum: da war sie so gewissenhaft, als legte sie ihr praktisches Examen vor einer Prüfungskommission ab. Bei der Intimpflege war sie besonders pingelig, und die anderen hielten sich die Seiten, während Doggod, kurz vorm nächsten Schlaganfall, in die Höhe stand. Sein Krummer stand auch, als sie ihn unter der Vorhaut reinigte, skrupelhaft, dieser Engel in Weiß – Maria, ach, mariengleich, geradezu marianisch: er konnte ihr bei aller Bosheit nicht böse sein, und wenn er daran zugrunde ging.

Doch da befiel jene eigenartige Ruhe auch sein Hampelchen: immer weniger spielte es Stehaufmännchen, verlor anscheinend das Interesse für seine Peinigerin, die er mit umso glühenderen Augen anstarrte. Nun schwand auch ihr Interesse an dem gar nicht mehr komischen Langeweiler, den fortan ein unscheinbares Mauerblümchen versorgte: Martha, so gutmütig, wie Maria grausam gewesen war, die Doggod noch eine Zeitlang vermisste.

Bald beobachtete er Martha so aufmerksam wie zuvor Maria. Die bemerkte das, wenn sie manchmal hereinkam, um nach ihrem „Ferkelschwänzchen“ zu schauen, und wurde eifersüchtig auf die glanzlose Konkurrentin, zumal sie sich nicht mehr verdrängen ließ von Doggod, den sie liebevoll umhegte. Aber dem war das jetzt einerlei, hatte er sich doch in diese seltsame Ruhe zurückgezogen: ein Vakuum – wie ein Brennglas um ihn herum, durch das er alles übersensibel wahrnahm.

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Beitrag vom 7 Januar, 2010 (08:44) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Doggod. Fatale Gefühle. (Teil 3)

5 Januar, 2010 (14:04) | | suppenküche | 3 Kommentare

Doch das Lachen verging ihm alsbald. Wer lag da im Bett? Genauer: Doggod wusste zwar, dass er selber es war, der das dachte – nur der Körper gehörte nicht zu ihm, war ein ganz anderer als der, den er bisher von sich gekannt hatte. Es schien, als sei er zwar wieder aufgewacht, aber in einem falschen Film, nicht bei sich zu Hause, sondern in einem Horrorkabinett.

Er sah an sich herunter. Dieses verkrümmte Pfötchen ohne Gefühl: wie im Alptraum letztens, nur dass es sich da um ein Leichenbein gehandelt hatte – einem Opfer, wie er sich vorstellte, in einem bestialischen Akt abgeschlagen, und dann, ausgeblutet, zu ihm ins Bett gelegt, um sich einen makabren Scherz mit ihm zu erlauben.

Aber – er riß die Decke mit der anderen Hand fort, die ihm noch gehörte, ihm zumindest gehorchte: da lag es ja noch, das tote Bein, nicht etwa allein, sondern mit der ganzen Seite eines Fremden. Genauso hätte man ihm eine Schweinehälfte unter die Decke legen, ihn wecken und glauben machen können, er sei das höchstpersönlich.

Es tat seine Wirkung: er winselte wieder – zum Schreien war er zu verzagt. Eine Krankenschwester betrat das Zimmer: so frisch, gesund und anziehend. Auf der Stelle war er in sie verliebt. Unwillkürlich durchflutete ihn eine Welle der Erregung. Parallel dazu wurde er dafür bestraft – nicht wie früher mit Schuldgefühlen, wenn ihn mal wieder die fatale Sinnlichkeit gepackt hatte, nein, es tat nur höllisch weh, und die gesunde Hand zuckte nach unten.

Fürchterlich: ein endloser Bandwurm ringelte sich aus ihm heraus und stellte sich tot, als er ihn anfaßte. Gummiartig fühlte er sich an und war so lang, dass sein Anfang schon unter der Decke hervorgekrochen sein musste: die Schwester könnte ihn sehen, und erschrocken zog Doggod ihn zurück. Aber der Wurm hielt sich irgendwo fest und ließ nicht los. Etwas rappelte. Die Schwester guckte bereits alarmiert, und in seiner Verzweiflung riß er mit einem Ruck an dem Ungeheuer, das sich aus ihm herausgeschlängelt hatte, um es vor ihr, der Schönen, zu verbergen.

Er bekam einen mit Flüssigkeit gefüllten Beutel zu fassen, der zerplatzte, als die Schwester herbeigelaufen kam – es spritzte und roch: Urin! Sie schrie, und ihr Gesicht drückte Ekel aus – vor ihm? Jedenfalls stand sie in einer Pfütze, und ihr gestärkter, blütenweißer Kittel war mit häßlichen Flecken besudelt.

Wie sie ihn ansah: so böse. Er konnte nicht anders – musste losheulen. Jammernd wollte er sie um Verzeihung bitten. Doch was war das für eine abscheuliche Stimme: quiekend und grunzend wie von einem angestochenen Schwein – seiner eigenen, noch lebendigen Hälfte. Und die Sprache: keine klar artikulierten Worte kamen über seine Lippen, die sich teilweise merkwürdig taub anfühlten, sondern ein verwaschenes, brockenartig hervorgerülpstes Kauderwelsch. Abrupt verschluckte er das, was er noch sagen wollte, und verstummte mit schreckensgeweiteten Augen: fließende Wasserhähne, die man zuzudrehen vergessen hatte – gut, dass die Tränen wenigstens ihr Bild verwischten.

Weitere Leute kamen herein und machten sich an ihm zu schaffen. Aus Selbstschutz hielt er die Lider geschlossen und ließ sich ergeben wie eine Puppe hin- und herschlenkern. Wie sie ihn herumwälzten. Es tat ziemlich weh, besonders da unten, als zerrten sie an seinem Bandwurm – wenn sie ihn doch herauszögen. Doch er blieb mit dem anderen Ende in seinem Unterleib verbissen, wie er spürte, und er war froh, nicht noch mehr gequält zu werden: wer weiß, was alles mitgerissen worden wäre, hätten sie ihm das Abscheuliche wirklich entfernen wollen. Auch war ihm jetzt nicht klar, ob er vor Schmerz oder Scham aus den Augen tropfte, diesen undichten Dingern – vielleicht aus beiden Gründen.

Endlich ließen sie ihn in Ruhe. Es roch nach frischer Bettwäsche. Er wagte aber nicht, seine Augen zu öffnen, um das nachzuprüfen, aus Angst, sie könnten wieder alles naß machen. Jedenfalls stank die Feuchtigkeit aus seinem Gesicht nicht wie die aus seinem Penis, aus dem der Wurm herausgekrochen war, der in einen Beutel mündete.

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Beitrag vom 5 Januar, 2010 (14:04) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (3) Kommentare


Doggod. Der Traum. (Teil 2)

4 Januar, 2010 (09:20) | | suppenküche | 1 Kommentar

Doggod träumte von einem Mann, der ein entsetzliches Schicksal zu haben schien: er lag da, bewegungslos, während Maden aus seinem Körper wimmelten. Doggod dachte an eine Schmetterlingsraupe, die von einer Schlupfwespe gelähmt wird, damit sie als frischer Nahrungslieferant für die in ihrem Leib abgelegten Wespenlarven dient.

Doch der verwesende Mann lächelte, und Doggod fiel ein Querschnittsgelähmter ein, der ab dem gebrochenen Halswirbel nichts mehr spürt. Jedenfalls drückte das noch unversehrte Gesicht dieses Mannes trotz des schauerlichen Zustands seines Körpers Freude und Heiterkeit aus, und das war unbegreiflich.

Plötzlich erkannte Doggod, dass er selbst der Mann war – vom eigenen Schrei schrak er aus seinem Traum. Wie froh er auch war, dem Horror entkommen zu sein, entsetzte er sich nun vor seinem Zustand im Wachen. Wie vergnügt er sich doch im Verfallsprozeß geträumt hatte!

Eigentlich ist es tröstlich, dass ich einmal, statt mich gänzlich aufzulösen, in anderen Lebewesen weiterexistieren werde, dachte er und versenkte sich in diese Vorstellung. Er spürte ein Kribbeln im eingeschlafenen oder abgestorbenen Arm – so genau konnte er das nicht mehr unterscheiden – und hatte die Vision, er löse sich in auseinanderwimmelnden Raupen auf. Die verpuppten sich und flatterten nach ihrer Metamorphose als prächtige Schmetterlinge auf.

Wie Doggod zuvor von seinem Schrei aufgeschreckt worden war, weckte ihn nun sein eigenes Gelächter.

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Beitrag vom 4 Januar, 2010 (09:20) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: suppenküche | Beitrag drucken Beitrag drucken | (1) Kommentar


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