Freitags gehe ich zu ihr IV

24 Juni, 2015 (20:49) | | tage-bau | 1 Kommentar

Ihr Lieben, vor einigen Jahren habe ich hier die ersten drei Teile zum Text ‚Freitags gehe ich zu ihr‘ eingestellt. Nun sind aus aktuellem Anlass wieder ein paar Folgetexte entstanden. Hier die Nr. IV. Noch nicht ganz im Feinschliff. Aber ich wollte mich ja tagebuchmäßig mit dem beteiligen, womit ich mich zurzeit beschäftigt…was mir so durch den Kopf geht – und mit euch wieder zusammen arbeiten…(Es kommen ansonsten ganz verschiedene Themen …).

IV

April 2015, Jahre später. Dienstag.
Frau T. telefoniert mich an, erkundigt sich nach Frau I., vermutet, dass ich noch immer Kontakt habe. Mein Kontakt ist, antworte ich, in den vergangenen Jahren zusammengeschrumpft. Das letzte Mal habe ich die alte Dame vor anderthalb Jahren angeschaut. In der Zwischenzeit umrahmten uns selbst viele Sterbende. Der enge Familienkreis, Pflege über Jahre, Organisationsbedarf, Wohnungsauflösung… und das gleiche steht uns bei meiner Mutter bevor. Immerhin ist sie gerade 93 geworden und hatte im vergangenen Dezember Wasser in der Lunge.
Ab und zu, sage ich, rufe ich die hilfsbereite Nachbarin an und frage, ob Frau I. noch lebt. Da sie keine Kinder hat, wer wird mich verständigen? Das dauert gewöhnlich, da die Nachbarin gerne verreist oder tagsüber liebt, in eine anmutige Gegend radeln. Nur zuhause, das ist sie selten. Dann aber versorgt sie, und das seit mindestens 10 Jahren, die Wäsche von Frau I., mit der sie nicht einmal verwandt ist – so wie sie früher für sie eingekauft hat, Woche für Woche. Es gibt also doch diese irdisch gewordenen Engel. Wenn ich Frau oder Herrn Nachbar endlich erreicht habe, um nicht unvorhergesehen hineinzuplatzen, mache ich mich auf, nehme wie gewohnt den Türschlüssel aus dem Korb mit den unechten, verblassten Hortensien und trete ein. Wenn sie es noch sehen könnte, die liebe Frau I., es würde ihr weh tun. Sie hat den echten Blumenduft so geliebt. Der Schlüssel wartet seit etwa 10 Jahren im Korb. Wann es erstmals war, ich hab‘ es vergessen.
Das alles erzähle ich folgerichtig Frau T. und erinnere, wie ratlos ich vor anderthalb Jahren fortgeblieben bin, als ich versucht hatte, Frau I. wieder vorzulesen. Kurze Texte und Loewe-Balladen, die sie in Jugendtagen mochte, und dass sie aus ihrem unklaren Dämmern nicht mehr aufwachte. Ein andermal hatte mich eine Frau vom Pflegedienst ungehalten vertrieben, und ich war umsonst über die Autobahn angereist: „Jetzt können Sie nicht…“
Wecken aus wohltuendem Schlaf, der langsames Sterben über Jahre abkürzen kann, möchte ich nicht. Das überlasse ich den Pflegern. All‘ diese Unwägbarkeiten, die Frage der Glücksache, mein häusliches Alltagsleben, dazu eine gewisse Bequemlichkeit führten dazu, dass ich mich immer schwerer entschließen konnte, meine Besuche wieder aufzunehmen.
Im vergangenen Jahr war ich nicht einmal an ihrem Geburtstag erschienen.
Früher hatten wir noch zu mehreren, sich nun selbst einladenden Gästen, am Bett der Kranken mit ihr Sekt getrunken, und einmal hatte ich ein ganzes Blech Apfelkuchen gebacken für die vielen Menschen, die gar nicht mehr kamen. Hier am Bett blieb die Zeit stehen, für das Irdische wie das Überirdische, nirgendwo gehörte Frau I. mehr so ganz hin.
Doch war sie mir in den Vergangenheits-Jahren immer drängender in den Sinn gekommen, erst recht die Frage, ob sie noch lebt. Mindestens fünf Mal hatte ich die Traueranzeigen der Lokalzeitung, auch das Internet nach einem klaren Abschied durchsucht, unsicher, ob bei einer mittlerweile von den meisten vergessenen alten Lady eine Annonce noch erscheinen würde.
„Ich kann auch nicht kommen“, sagt Frau T., „…leide ja an der gleichen Augenkrankheit wie Frau I., Makula-Probleme… mein Kopf denkt noch gut, aber ich kann meinen kranken Mann nicht allein lassen…“ Nun aber, erinnert Frau T., wird sie bald 100!
„Ich weiß“, sage ich, habe es schon vor Monaten ausgerechnet. Ein Jahrhundert! Seit vielleicht 15 Jahren wächst die Pflebedürftigkeit wie ein Gespenst, die Laken des Todes sind immer schwerer aufzuhalten, mit Flügelfedern haben sie sich mit ihr auf einen D-Zug geschwungen, der irgendwohin in die Nacht rast – oder in fremdes Licht.
„Sie war eine angesehene Frau der Stadt“, Frau T. Stimme wird heller, höher, bedeutungsschwanger. Ich merke, dass sie an eine Würdigung, an ein Zeitungsportrait denkt, ob zum 100.Geburtstag oder wenn es endlich soweit ist. „Ich habe viel aufgeräumt, weggeworfen“, sagt sie. „Aber alles, was ich von Frau I. besitze, hebe ich auf.“
Sie blieb ihr immer verbunden, wenn sie auch seit Jahren nicht hin ging.
Früher, erzählt sie, habe sie noch angerufen, sich erkundigt, wie es ihr geht. Dann aber habe sie nicht mehr hören wollen, wie es mit dem Augenlicht von Frau I. so zügig bergab ging; schließlich sah sie ihre eigene Zukunft in dunklen Schatten sich spiegeln.
Makula bleibt Makula. Das wird nicht mehr besser.

„Ich werde wieder hingehen“, sage ich, erkläre, dass ich telefonieren muss, bis die Nachbarin ihr Rad,
die Einkaufstaschen abgestellt, die Besuche getätigt hat und beim Telefonläuten abnehmen kann.
Es dauert etwa eine Woche. Sie ist erst den Tag zuvor aus einem Frühlingsurlaub in Tirol zurück gekommen. „Es ist alles wie immer“, sagt sie, „der Schlüssel unter den lila Hortensien. Sie trinkt, isst ihren Brei, sogar große Portionen, aber schläft jetzt meistens…“

Als ich die Tür öffne, liegt die alte Dame durchsichtig und zusammengesunken in ihren blumengemusterten Kissen. Blumen, die sie so geliebt hat, füllen den ganzen Wäscheschrank aus. Der Körper ist mager geworden, aber sie erkennt mich sofort.
Am Fußende bestaunen mich ein Krankenpfleger und die Krankengymnastin.
„Niemand kommt mehr hierher“´, sagen sie erleichtert. „Endlich…“.
Da weiß ich, von nun an werde ich jede Woche kommen – wenn ich nicht gerade verreist bin – und bis zum Schluss.

Nächste Woche werde ich meinen Gartenflieder abschneiden, den violetten und ihr ihren Lieblingsduft in die Wohnung stellen. Damals hat sie mit mir noch geschimpft, weil ich nicht schnell genug die schmalhohe Stilvase fand

Angelika Zöllner

Beitrag vom 24 Juni, 2015 (20:49) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (1) Kommentar


Wollte mich mal wieder melden

13 Juni, 2012 (16:09) | | tage-bau | Kommentieren

Angelika Zöllner

das kinderkarussell

es war ein märcheneinmaleins
das drehte sich in funkelträumen
es wohnt in einem kinderherz
das mag nichts glückliches versäumen

ein königlicher hoch zu ross
reist durch das lebensab und -auf
er liebt den ganzen menschentross
und freiheit weht ihm um den knauf

es schwingt und dudelt musiziert
trali trala und simsala
kommt quietschfidel hereinspaziert
mit glockenklang und trumbara

und Cinderella holt das kleid
aus sonnenduft und sternenband
schmückt sich so manches kinderleid
mit ihrem märchenträumeland

ob sie die glaspantoffel sucht
welch zwergenlist hat sie versteckt
die engel läuten wohlbekannt –
mit ihrem flügelschutz entdeckt

sie bald den herzensplatz zum leben
und springt auf ihre füße eben… .

(Assisi, Italien – an der Kirche Santa Maria degli Angeli)

Beitrag vom 13 Juni, 2012 (16:09) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


1980

8 Juni, 2009 (09:26) | | goldener schnitt | Kommentieren

Nach acht Jahren Schweigepause wagte ich mich wieder daran, das Schreiben von einem Gedicht auszuprobieren. Die Gedanken dazu sperrte ich in meinen Kopf. Ich erzählte niemand etwas davon, lief auf meinen Schuhsohlen unsicher in den größeren Buchhandlungen herum, starrte die Seiten sog. „moderner Lyrik“ an und wusste, ich würde dem Trend, abgebrochene Zeilen zu üben, mich anpassen müssen.
All zu gut erinnerte ich mich daran, warum ich vor diesen acht Pausenjahren in eine schriftstellerische Stille verfiel. Ich hatte eine umfangreichere Herzensblüte mit abendlicher Gefühlsseligkeit und überfrachteten Altreimen an die „Horen“, eine der wichtigsten zeitgenössischen Literaturzeitungen geschickt.
Die Antwort der Redaktion hatte meine künftigen Produktionen einstweilen in ein finsteres Aus geschoben.
„Schön, sehr schön“, hatten sie klar geantwortet. Aber – es wäre „vor hundert Jahren so schön“ gewesen. Nicht heutzutage. Und – sie hatten Recht.
Zuhause suchte ich mir ein besonderes Papier aus einer hinteren Schublade heraus und dachte eine Ansammlung von Grübelminuten nach, an welchem Objekt ich diese modisch abgebrochenen Zeilen üben oder versuchen sollte.

Mein Großvater zog mir durch den Sinn. Er hatte sich erst vor vier Wochen aus dem Leben verabschiedet. Ich hatte ihn mehr als geliebt, bewundert und – ich hatte noch nicht sehr viel Erfahrung mit dem Tod von Menschen gehabt.
Ich schrieb und schrieb, es strömte ein sich wie von selbst dehnendes Wortmeer aus meiner Erinnerung – wie er es fertig gebracht hatte, in dem gesamten 1000-jährigen Reich standzuhalten und kein Mitglied der NSDAP zu werden. Dabei war dies für den geschäftsführenden Direktor einer Kleinfabrik gar nicht so einfach gewesen.
„Ich werde es mir überlegen,“ hatte er refrainmäßig den sich wiederholenden Politanfragen geantwortet – und blieb bis zum Schluss: Nichtmitglied.
Ich sandte meinen Worterguss kurzerhand an eine dieser Literaturzeitungen, eine Zeilengeschwulst, zu der ich schon lang‘ nicht mehr stehen würde.
Der Großvater jedoch muss einen Eindruck hinterlassen haben, auch wenn ich mein Gedicht bald vergessen hatte.

Ein Jahr später zog ich die Nachricht aus meinem klappernden Briefkasten. Mein erstes Gedicht würde abgedruckt.
Ich fand mich in der Zeitung neben Hans-Jürgen Heise und Karl Krolow wieder, die ich damals noch gar nicht kannte.

Beitrag vom 8 Juni, 2009 (09:26) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: goldener schnitt | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Pubertät – na und

25 März, 2009 (11:00) | | tage-bau | Kommentieren

(2.2.1- beutilful people)

Aus dem noch unveröffentlichten Buch-Manuskript … im Rohbau steht es.

Ich versuche mal, einen Kleinteil – Kapitel 4 – herauszukopieren.
Weiß nicht, ob das geht. Ihr dürft am Stil ruhig meckern… (brauche gerade was Heiteres zum Abschliessen, obwohl ich meinen philosophischen Roman endlich fertig schreiben sollte). Ich muss mir eh jemand zum Probelesen suchen…

Angelika

4

Ein Dreivierteljahr später.
An diesem schönen und lauen Sommerabend, der Liebespaare zu gefühlvollen Entschlüssen oder Poeten zu stimmungsvollen Gedichten verleiten könnte, komme ich leider wieder zu nichts.
Hier im Haus ist der Bär los. Seit einer Stunde mindestens ist das Telefon blockiert und nicht zu gebrauchen. Unser erwachsener Tischlersohn Milan, inzwischen ausgewachsene 28 Jahre alt, dauerstrapaziert es anstatt wie sonst in lockerer Feierabendstimmung mit irgendwem Nettes auszugehen.
Er hat Ehekrise, der arme Kerl. Seit einer Woche. Und findet natürlich alles zum…. !
Deswegen übernachtet er auch wieder bei uns.
Nahezu jeden Abend wirft er nun sein sauer verdientes Geld aus Ärger in Diskotheken und Kneipen herum. Früher hatte er als solide für den Lebensunterhalt einer Kleinfamilie sich abrackernder Ehemann und Papa für derlei kaum Zeit übrig.
Während er in den letzten Wochen müde und schweißtreibend nach Feierabend eine neue Wohnung für seine Familie bis ins Kleinste umbaute und einfach nicht rechtzeitig zum geplanten Umzugstermin mit ihr fertig wurde, türmten sich die häuslichen Wolken zu einem unüberwindlichen Riesengebirge, bis sie explodierten.
Seine Frau brannte durch, angespannt auf Grund dieser desolaten Baulage oder warum auch immer – und ausgerechnet mit einem „Traummann plus Segelohren“, beschrieb Milan wütend.
„Wo hat sie ihn denn kennen gelernt?“
„Na, im Baumarkt!“
„Baumarkt?“
„Sie sollte bloß Schrauben holen…!“
„Schrauben?“
„Naja, der Tünnes hat sie eben charmant durch die unübersichtlichen Regale geführt…“
Arvid und Fynn biegen sich im Chor vor Lachen, bis ihnen endlich einfällt, dass Milans Seelenleben doch schwer verletzt ist.

Während ich etwa eine Stunde später über den erotischen Touch von Schrauben und Nägeln nachdenke, läuft im Wohnzimmer die ausgeliehene CD von der Freundin des Zweitältesten mit einer von Beethovens schmelzenden Geigenromanzen. Arvid, im Gesicht manchmal aussehend, als sei er altem Adel entliehen, hat sich neuerdings mit einer etwas im Wind fegenden Künstlermähne umgeben. Vielleicht nicht einmal ganz unpassend zu seiner derzeitigen weißen Herrschaftlichkeit – einem reinweißen Hemd-und-Hosen-Outfit.
Er sitzt aufrecht am Klavier und lässt die Hände spielen, versucht sich gerade kompositorisch in einer Begleitung besagter Romanze und bearbeitet, gleichzeitig zu den malerischen CD-Klängen, phantasievoll die Tasten.
Mon Cheri, der Rhythmus ist wirklich nicht – na ja – nicht ganz exakt; ach, ich weiß die Antwort schon ohne zu fragen.
„Macht doch nichts“. Wer ist auch schon Beethoven.
Arvid spielt, wie auch sonst häufig im Leben, seinen eigenen Rhythmus.
Ich ahne endlich, leider um Jahrzehnte zu spät, welch künstlerisch anmutenden Versuche schon unseren Vater zusammen zucken ließen und zu wenig Nachsicht verleiteten.
Er lebt nicht mehr – ich bin ziemlich sicher, er schaut zu – und leiste viel Abbitte.

Neben meinem Winzigzimmer dröhnt geräuschbetont und zeitgemäß eine weitere coole Musik. Ich habe es mir seit dem Auszug der Tochter Tonia nach 20 enggedrängten Jahren in einer Schlafzimmerecke endlich genehmigt und gemütlich gemacht.
Techno-Varianten, hartgesottener Rhythmus, klar hämmernde Takte. Die Anlage des dritten Sohnes, Fynn. Sie überschlägt sich heiß mit den klassischen und den kreativen Klängen.
Ich beneide mit angehaltenem Atem den noch aushäusigen Gregor und würde am liebsten auf der Stelle – für diesen Abend zumindest – ausziehen.
Für gebeutelte Elternohren ist es nicht mehr zum Aushalten.
Ich öffne freiheitsdurstig das Fenster und würde sie am liebsten hinauslassen – sämtliche Unterschiedlichkeiten an Klangfarben, Lautmalereien und Ton-Vielfältigkeiten.
Während eine frischere Abendluft angenehm einströmt, versuche ich, den inneren Humor anzuzünden und an meiner Geduld zu basteln.
Plötzlich geht mir durch den Kopf, wie eine Frau, deren Namen ich vergessen habe, in einer heißstaubigen Wüstenlandschaft ihrer Umgebung trotzte, indem sie ein ganzes Buch schrieb.
Soll ich jetzt wirklich losdonnern und ärgerliche Stimmung in der Familie ausstreuen? Nachsichtslos die verdiente, wie ich zumindest meine, mütterliche Abendruhe erbitten?
Ich könnte auch versuchen – – – eine Art Glosse – – – über dieses Alter zu schreiben.
„Think it positiv“, habe ich einmal in einem Schnupperseminar einer NLP-Einführung gelernt. Bewege dich, als seist du glücklich.
Ich suche den Ordner heraus und blättere. Was bedeutet überhaupt noch einmal NLP…
Meine Augen bleiben an einem Zitat hängen:
„Was immer du tun kannst oder erträumst…, beginne es. Kühnheit besitzt Genie, Macht und magische Kraft. Beginne es jetzt.“ Goethe.
Aha, denke ich. Der alte Goethe hat doch zu den verrücktesten Situationen etwas gewusst.
Ich entscheide mich also, kühn oder todesmutig, für „positives Arbeiten und Denken“ und öffne den PC.

Beitrag vom 25 März, 2009 (11:00) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Beautiful people…frei nach Wilhelm, dem Buschen

2 März, 2009 (21:54) | | beautiful people | Kommentieren

Brief an einen Börsen-Verlierer….

(fand ich gerade, geschrieben bei der historischen Nemax-Baisse…)

1

Lieber X-ius, welche Schmach,
Mir doch fast das Herze brach,
als ich las von deinem Greinen,
Börsenkummer kann vereinen – –

Aktien blieben an dem langen,
Dürren Ast des Baumes hangen,
Dividenden werden dünner,
Ihr Gesang wird immer bänger,
Legen noch ein Euro-Ei
Und dann kommt der Tod herbei.

Herr von Bolte in der Kammer
Hört im Bette diesen Jammer,
Ahnungsvoll tritt er hinaus,
X-ius, du, welch ein Graus!
Fließet aus dem Aug, ihr Tränen,
All mein Aktienhoffen, Sehnen,
Meines Lebens schönster Traum
Hing an diesem Nasdaq-Baum….

Tiefbetrübt und sorgenschwer
Kriegt er jetzt das Messer her,
Nimmt die Toten von den Strängen,
Dass sie so nicht länger hängen…
…Dachte sich so hin und her,
Dass es wohl das Beste wär,
Die Verstorbenen zu ehren
Und ganz einfach aufzuzehren…

Ach, der X-ius weint aufs neu –
Wo ist Weizen jetzt, wo Streu,
Sieh, am Montag oder bald
Geht es wieder aufwärts – halt!
Ein zwei Tage, hipp, hurra “
Knallt die Nasdaq hoch, hurra,
Dann empfehl ich dir, die Leichen
Schnellstens einfach aufzuweichen,
Schmeiss sie raus bei Kursen teuer,
Denn bald kommt das nächste Feuer,
Eh die Zettel ganz verbrennen
Und wir müssen wieder rennen “

2

Mancher gibt sich viele Müh‘
Mit dem schmucken Börsenvieh
Einesteils der Eier wegen
Welche diese Vögel legen;
Zweitens, weil man dann und wann
Ein paar Schnäppchen klauben kann,
Drittens aber nimmt man auch
Saure Gurken zum Gebrauch –

In die Nasdaq, in die Pfühle!
Denn man liegt nicht gerne kühle,
Wacht am Future, Herr von Bolte,
Der doch auch die Taler wollte….
Ach, der Bolte weint auf’s neu
Und der Koch steht auch dabei…
rochen dies und rochen jenes,
„schnell aufs Dach gekrochen“, hieß es,
durch den Schornstein mit Vergnügen
sahen sie die Aktien liegen,
die schon ohne Kopf und Gurgeln
lieblich in der Esse schmurgeln…..

(unvollendet und keine tiefere Lyrik…)

Beitrag vom 2 März, 2009 (21:54) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: beautiful people | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Migrationsgedanken.

22 Februar, 2009 (17:57) | | beautiful people, haut.falten/masken.wahn | Kommentieren

Erinnerungen an eine Migration. Afandou/Rhodos-Gummersbach

2003 hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, im Rahmen eines Arbeitsstipendiums auf die Lichtinsel Rhodos zu reisen. Rhodos, die Insel des Sonnengottes Helios. Noch heute heißt im Neugriechischen das Wort „Sonne“ „ilios“, d.h. offensichtlich ist das dortige Sonnenlicht den Menschen noch immer ein Götterwesen geblieben.

Morgens saß ich meist einige Stunden an einem schmalen Tisch vergraben, um an meinem Roman Ideenreiches zu schreiben. Anschließend jedoch, wenn der Körper allmählich Bewegung verlangte, vielleicht auch, wenn der eine oder andere Gestaltungsgedanke oder der Wortstil ins Stocken gerieten, zog ich los durch die bunte Vielfältigkeit der Straßen, hinein in die funkelnden Seitengassen, blinzelte durch Luken in die in heftigen Farben überblühten Hinterhöfe, schaute die geschäftigen Menschen an, auch die kleinen, prall mit den unterschiedlichsten Waren gefüllten Geschäfte, um vor allem Andersartiges als das nur das allgemein Zugängliche für Touristen zu finden.
An einem dieser sommerlichen Nachmittage, sogar mitten im Zentrum, entdeckte ich zu meiner Rechten als Wegweiser ein recht klein geratenes Schild. Fast hätte ich diesen Hinweis, die Aufschrift übersehen, wären mir Namen und Sprachwörter nicht allzu bekannt vorgekommen.
Ich folgte augenblicklich einem Zugang über einen kleinen Hof in ein Winzigmuseum.
Hier zeigte sich gerade eine mit Archiv-Fotos dokumentierte Ausstellung, die mich – sogar mit deutschen Original-Texten der Betroffenen – sofort in den Bann zog:
Erinnerungen an eine Migration – Afandou-Gummersbach. Was für ein Thema!
Das Projekt war gestaltet worden, las ich, von von Prof. Dr. Maria Dietzel-Papakyriakou (Migration research) und Prof. Elke Seeger (Photography-Design)

Als Deutschland in den 60er-Jahren Arbeitskräfte aus dem Ausland suchte, kamen viele Gastarbeiter, wie sie damals hießen, auch aus dem rhodischen Afandou, einem netten ursprünglichen Inselstädtchen, an der Ostküste von Rhodos gelegen. Viele dieser Migranten erreichten damals das Bergische Land und eine besonders große Gruppe offensichtlich die dortige Stadt Gummersbach.
Das war doch nicht allzu weit entfernt von meinem Zuhause. Vom bergischen Wuppertal.

Ein beeindruckendes Stück Zeitgeschichte breitete sich hier aus an den Wänden.
Der Wirtschaftsaufschwung nach dem Krieg hatte in den 50er-Jahren nicht nur Vollbeschäftigung gebracht, sondern einen großen Mehrbedarf an weiteren Hilfskräften. Industrie, Bergwerke und die Baubranche standen in rasanter Weiterentwicklung und im Mittelpunkt des Geschehens.
1955 soll Deutschland in Italien die erste Anlaufstelle für Zusatzkräfte eingerichtet haben. Und nicht lange danach erreichten die ersten sogenannten Gastarbeiter Deutschland.

Von den einheimischen Griechen aus Afandou sollen, vermutet man, phasenweise ein Drittel bis ein Viertel der Bevölkerung sich in Gummersbach aufgehalten haben.
Das Besondere an diesem Migrationszyklus sei, beschreiben die Aussteller, fast alle Migranten sind nach Afandou zurückgekehrt mittlerweile, teilweise erst vor kurzem.
Man nennt dies eine abgeschlossene Migration.

Die so intensiv menschlichen Verbindungen von Deutschen und Griechen haben mittlerweile dazu geführt, dass Gummersbach und Afandou – seit dem Jahr 1990 – Partnerstädte geworden sind.
Gerade in diesem Jahr, 2003, ist vor wenigen Monaten ein örtlicher Platz in der Stadt Gummersbach „Afandou“ genannt worden. Umgekehrt besitzt Afandou schon seit weitaus längerer Zeit einen „Gummersbacher Platz“ und dort, neben einem ausladend schönen südlichen Baum auch ein „Gummersbacher Café“.
Die damaligen Lebens- bzw. Reiseumstände beschreibt Georgios K. im Jahr 1960 so:
„…ich heiratete meine Frau, und es gab keine Arbeit. Was soll ich machen? . … Ich denke, ich gehe …ins Ausland. … fahre nach Athen, nehme den Zug mit drei anderen zusammen…und fahre nach Köln. Ich konnte ein bisschen englisch…vom Gymnasium, was ich dort gelernt habe. Dort, sagen wir mal, sprach niemand englisch, kein Deutscher, nichts….ich sagte: „Leute, ich werde den Zug nehmen, wohin er mich auch bringt.“ …Und da kommt ein Zug, ich stieg ein, er fuhr nach Gummersbach. …Am nächsten Tag war es schön….es war das, was die Deutschen „Bergisches Land“ nennen.“
Firmen werden genannt wie Helmut Richter, Baldus, Steinmüller oder Otto Kind, und mancher Grieche aus Afandou ist im Bergischen Land 15 Jahre und länger an einer Stelle geblieben, auch wenn 12-16 (!) Stunden am Tag gearbeitet wurden.
Wie sich die Alltäglichkeiten mit den zugereisten Griechenkindern in den Schulen während und nach der Migration gestaltet haben, erwähnt die Ausstellung leider nicht.

In den nachfolgenden Tagen beginne ich, mit Anwohnern aus Rhodos-Stadt Gespräche zum ausgestellten Migrationsthema zu suchen, probiere jegliche auch nur kleine Gelegenheit, sofern ich mich in deutsch- oder englischsprachigem Vokabular verständigen kann.
Viele der Älteren sprechen noch leidlich deutsch. Bis zu 60.000, höre ich, sollen alleine in München gewesen sein. Auch wenn ich weiß, wie ungerne Griechen exakt Zahlen- oder Datengrößen beschreiben, würde mich schon die Hälfte dieser ansehnlichen Zahl schwer beeindrucken.
Nun – vielleicht waren es ja tatsächlich so viele.
Eine ältere, natürlich vollständig in schwarz eingekleidete Frau spricht mich beim Bäcker an. Klein und noch flink sucht sie Bohnen und Tomaten zusammen.
Viele Runzellandschaften verschönen ihr Gesicht, machen Leben aus.
Ein freundliches Aufstrahlen, Lächeln:
„Du – aus Deutschland? Ich – aus Heilbronn. Mein Mann dort – schaffe… schaffe, in Fabrik….viele Jahre … nun wir zuhause… Rente…“
Die meisten Griechen waren sehr gerne Deutschlands Gäste, sagen sie dankbar – Köln, Düsseldorf, Karlsruhe, Stuttgart usw. – aber nie vergessen sie ihre Heimaterde, die Wurzeln, die unnachahmliche Schönheit ihres Landes und haben Heimweh, bis sie zurückkommen – freiwillig – spätestens im Alter.
Vom Sich-Heimsehnen klingt es authentisch z.B. in Udo Jürgens bekanntem Song „griechischer Wein:
„Griechischer Wein ist wie das Blut der Erde. …“. Da lauten einige Zeilen:“…und dann erzählten sie mir von grünen Hügeln, Meer und Wind, von alten Häusern und jungen Frauen…“

Ich bin jetzt beschämt, bedrückt, als ich den Songtext nachlese, den ich, zugegebenermaßen, damals in den 70ern eher für eine nebensächliche Schnulze gehalten habe.
Mehr als 10 Jahre früher, 1962, sang schon Conny Froboess bei den Schlagerfestspielen für die italienischen Gastarbeiter in Deutschland:
„Zwei kleine Italiener „…. und die schlichten, einfach erklärenden Worte:“Eine Reise in den Süden ist für andere schick und fein, doch die beiden Italiener möchten gern zuhause sein.“
Sie belegte zwar nur den 6. Platz, aber das Lied breitete sich überall wie ein Wind aus, wurde in jeder Küche schon beim Bügeln populär und rasch in andere Sprachen übersetzt – in englisch, italienisch, niederländisch, französisch….

Zurückgekehrte Griechen hier in Rhodos-Stadt haben bis heutzutage kleine Geschäfte und häufig Tavernen eröffnet. Sie haben ihre in Deutschland verdienten Markstücke zusammengehalten und sie hier für einen Grundstock zum Leben ausgegeben.
Ein Schuster sagt zu mir, „oh, ihr habt diese schöne Industrie“!
Ich vergesse verblüfft das Schmunzeln.
Die Rhodier können hier auf der Insel, die außer ein wenig Landwirtschaft überwiegend nur touristische Möglichkeiten des Geldverdienens bietet, nichts verdienen.
Es stimmt. Keinerlei Industrie verpestet hier die für uns südlich heitere Luft.
Für die Griechen kann sie auch herb sein.
Mit dem Einsatz aller Familienmitglieder suchen sie mitunter, ihre Shops und Tavernen über Wasser zu halten.

Ich schaue an einem noch vor sich hin schweigenden Mittag durch das Fenster in eine Gartentaverne.
Aufrecht auf ihrem schlichten Holzstuhl sitzt dort eine emsig vor sich hin arbeitende Großmutter, wenn nicht Urgroßmutter. Noch in herkömmlicher Tracht bereitet sie für den Abend die Bohnen- und Auberginenberge zu, die mir schon den frischen Duft der hausgemachten Moussaka in den Mund ziehen.
Ich schlendere durch die Hinterstraßen der aus dem Mittelalter übrig gebliebenen „alten Stadt“. Ca. 5000 Griechen sollen hier wohnen, die sich vor dem Abendtreiben noch überwiegend in ihren Häusern verstecken.
Gar nicht allzu weit entfernt stehe ich jetzt in einer Parallelstraße der obligatorischen Touristenmeile. Eben noch die reichlich kostspieligen Auslagen in der Hauptgeschäftsstraße – und nun, wenige Webbiegungen weiter: Die Armut.
Diese Nebengassen sind vergleichsweise leer, ohne viel Atem.
Manch einer hat für die Saison offensichtlich eins seiner Zimmer, mitunter auch nur eine Einzelecke der vollgetürmten Wohnung umfunktioniert, um im Sommer etwas hinzu zu verdienen.
Im Hintergrund wird mit den Kindern Lesen geübt, werden Familienthemen temperamentvoll diskutiert oder mit der halb erwachsenen Tochter eben noch schnell das dicht mit malerischen Dingen bestückte Sofa abgeräumt.
Vom selbstgebackenen Donut bis zu selbst geernteten Kräuterdüften in Plastiktüten wird eine Menge an netten Kleinigkeiten angeboten. Ich kaufe zum Niedrigpreis zu viel Origano, man kann es nicht ausschlagen, kaue auf einem merkwürdigen Donut herum, vielleicht von vorgestern und mustere den dickbäuchigen Jungen, der aussieht, als lebte er vom Resteessen dieser hausgebackenen, eher amerikanisch anmutenden Teile.
Findet man die Fährte hierher, gibt man lieber sein Geld den Armen anstatt einzelnen, mitunter schon recht dreisten Starverkäufern auf den Haupttouristenstraßen.
Und doch sollte man nicht vergessen, sie alle müssen auch für den touristenleeren Winter
mitverdienen.
Die Rhodier sind gewohnt, in den sieben ertragreichen Sommermonaten – von Anfang April bis einschl. Ende Oktober – von morgens früh an bis zu 13-16 Stunden durchzuarbeiten. Dies selbstverständlich auch an den sich mit Menschenmengen bevölkernden Wochenenden.
Den Älteren steht die Erschöpfung am Abend klar in den Augen, oft auch im Rücken.
So wundert es nicht, in der Ausstellung von einem Migranten aus Afandou ganz sachlich zu lesen, dass er in Deutschland, 1962, von morgens 4.oo oft bis abends 21. / 23.oo gearbeitet hat. Er beklagt sich nicht: „Man ist mit Freude zur Arbeit gegangen, weil man wusste, im Winter oder Sommer…auch wenn es schüttet…man kriegt sein Geld.“
Führungskräfte der Fordwerke in Köln berichteten in den Siebzigern öffentlich, sie nähmen lieber Ausländer für manche Arbeiten an als Einheimische. Besonders galt dies für die Schicht- und Fliessbandarbeit.

Angelika Zöllner, 2009.

Beitrag vom 22 Februar, 2009 (17:57) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: beautiful people, haut.falten/masken.wahn | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Unpoetisch

23 Mai, 2008 (11:49) | | tage-bau | Kommentieren

trommelt mir seit Wochen die Renoviera im Kopf. Geräusch auf Geräusche drehen mir Krauslocken, Dauermigräne und immerzu Widerspenstiges.
Da ‚muss man durch‘, sagen manche. Und wir auch. Beim Dauerputzen ruiniere ich mir wieder mit Betonsplittern den gerade erst ausgeheilten Operationsfinger. Auch bei den Nachbarn hab‘ ich nämlich minutiöse Piksteilchen aufgeschaufelt – auf eine Serie von Kehrschippen. Sie, die Leute, haben zwar nicht so ein bäuerlich schönes Dachziegelland wie wir demnächst und auch ihre Weißwände müssen noch nicht wieder in Frischfarben gesetzt werden. Dafür mussten sie ’schon zweimal den Staub vom Geländer putzen‘, unseren nämlich.

Beitrag vom 23 Mai, 2008 (11:49) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Italiensommer

28 März, 2008 (19:26) | | tage-bau | Kommentieren

am cafétisch

wir wippen die südliche leichte
mit den fussspitzen
und rühren sonnenlichter
im caffee


in den strassen der ton der weite
gefasst in die schmalheit des augs
bewegungsbunte klingelei
wie sie dahinziehen “ in wogenwellenmeeren
und doch die ungezählten einzelstimmen von
hoffnungen und vielen menschen-ichs


alltag verbleicht
in kaum erinnerte tage
flieht schnellflügelig hinter dachdächern
und horizontengefügen davon
bürden sind chancenlos


gewichtlose träumereien
tänzeln perlfiguren
mit den sonnenstrahlen
der wind hofiert die oleanderblüten
erfindet liebes-impromptus


das lehnen am sommersommer
und klingenden
tagen


unbeschwertes
das bleibt.

Beitrag vom 28 März, 2008 (19:26) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


[bdn 42] es taut, Maria

19 Januar, 2008 (21:31) | | tage-bau | Kommentieren

gläsern bilden sich perlen auf grasrispen
zu täglichen morgen
farbfeiern und regenbogenstille
weiches spielend in biegendem halm

ach, mancherorts steht das land
totgestorben gedorrt
an den saatecken
ich klopfe am tag an
warte auf die windschwingende melodie
trägt sie antwortharfen oder aschenen sand
asche und salz – taufen sie
auch kristallen den tod?

tonlose intervall-nocturnes
über der erde kein takt
hast nicht „auf wiedersehn“ gerufen ja du
dein lachen summt tupfentöne
hörst du’s so leicht im hof noch
die hüpfschritte von einst
in deine und meine gedanken
als wärn wir kinderglücksfeen
zu besiegen den märchenbösen wolf
er fand das geißlein doch

ich hüte das windschwingen
die antwortharfen den aschenen sand
es taut Maria mit perlglas
auf gräsernen rispen
von dir herzspüren was bleibt
wenn ich deine umrisse zeichne
ins erwachende land.

(f. meine Sandkasten-Freundin Maria, + m.. 36 Jahren, umgebracht aus unbekannten Gründen)

Habe ein altes Gedicht zu [bdn 42] gefunden. Und nun ein neuer Versuch, ganz anders. Nur die Überschrift blieb. Aber vielleicht ändert die sich auch noch. Mit etwas Abstand…

Beitrag vom 19 Januar, 2008 (21:31) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Fröhliche Weihnacht an alle und ein glückliches 2008

19 Dezember, 2007 (09:12) | | tage-bau | Kommentieren

engel –

nachtferne helle
auch am taglichten weg
gehen sie
geflügelt und ungeflügelte
ihr verleisender schritt

kehren sie ein
ein silbererahntes
ein atemton nur
im gleichen raum

nur die kinder-kleinen
und die alten-gesichter mit
weitem gehör
heben ein augenlächeln zu ihnen

erkennen ihr wort
auch das verborgene ihrer
lichtstimmen in den erdleibern
die für zeitlanges abgelegten
zur seite gefalteten
himmelwärtsflügel

flugweisses und engelsstille
wenn’s schweigsam wird
das weihnachtsklingen
verrät ein wenig
vielleicht –

Angelika Zöllner
P.S. Manches liegt gleichzeitig in der Luft…während ich schon den Text einkopiert habe und einfügen will, fällt mein Blick auf Elviras Text – auch sie hat heute das Wort ‚gefaltet‘ benutzt…

Beitrag vom 19 Dezember, 2007 (09:12) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


…bis auf das wort

13 Dezember, 2007 (14:40) | | tage-bau | Kommentieren

immer kehre ich zurück
zu den anfängen
sammle die hülsen vom boden
wer in der vergangenheit lebt
hütet den tod

jung bleibt die seele
hinter den herzwänden
jeder aufbrechende gedanke
erneuert die zukunft

aus fruchtbaren stunden
wächst die gegenwart
in verletzbarer haut
noch schutzlos
bis auf das wort.

Beitrag vom 13 Dezember, 2007 (14:40) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Winkel, Hauptstrasse

8 September, 2007 (23:10) | | tage-bau | Kommentieren

mein uralt schönes festgestandnes haus
grossvaterhaus – das hölzern eingangsrunde tor zur kindheit

der kinder- kirschenbaum
mit nie mehr nachgeschmeckten sommer-reifefrüchten

die alten tiefgefüllten winterkeller
jahrhundertkühl der Geromont’sche lebenswein…
wie festgehaltene sommer auf der zunge

das traubenklar das zauberblühen
von Renates liebgegossenem oleander

das rebenwachsen überm altgemäuer
verklebt so saftig-süss
im herbst die kinderhand

hier hat sich wenig weit die Günderrode totgedichtet
jetzt erst begegne ich in friedhofsgartenecken ihr
verstumme lang an ihren versen
an ihrem schweren leidensbündel-kleid

vielleicht an ihren lebenstraum gelehnt
sitzt auf der wartebank sie wenn ich komme
die ahnen suche umter’m sterbefesten efeu.

(C) Angelika Zöllner geb. Trapp-Geromont

Habe doch das Gedicht zur Kindheit gefunden!!
Vielleicht haben andere auch Texte dazu? Ich war inspiriert von meinem Schreibe-Vorgänger;-)).

LG
Angelika

Beitrag vom 8 September, 2007 (23:10) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Weihnachten ist für alle (IV)

27 Dezember, 2004 (13:24) | | tage-bau | Kommentieren

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Viola? Nun war er doch neugierig. Wie lange hatte er kein Geschenkpäckchen mehr ausgepackt! Als er das Papier auseinander zog, fiel ihm in die Hände ? ein Hampelmann. Er trug ein buntkariertes Kostüm mit einem weißen Kragen um den Hals. Wenn er die baumelnde Schnur zog, spreizte er die Beine und verzog den roten Mund breit bis zu den Ohren. Dem alten Mann sank die Puppe auf den Schoß.

In diesem Augenblick erst sah er zwei Gestalten. Viola mit ihrem Kraushaar und einem roten Tuch um den Kopf. Die versammelten Tiere auf ihrem Mäntelchen. Die langhalsige Giraffe, ein behaglich sich streckendes Schäfchen, ein Krokodil mit gefährlich fletschenden Zähnen,
Sie hatte sich eingehängt bei einem hochgewachsenen, kräftigen Mann. Eine vorspringende, energische Nase und freundliche Augen kamen auf ihn zu, Den Kopf umrahmte das gleiche dunkle Kraushaar wie bei den Töchtern. Nur oben an der Stirn hatte es sich ein wenig gelichtet.
Violas Vater wollte Bruno die Hand zum Gruß reichen. „Nein, nicht. Der alte Mann schüttelte verlegen den Kopf und versteckte die Hände auf dem Rücken.
„Sie sind nicht sauber.“
„Das macht nichts aus“, erwiderte der hochgewachsene Mann mit einer angenehm warmen Stimme und reichte die Hand erneut dem Alten. Bruno kratzte sich verlegen an seinem Schädel und misstraute der ungewohnten Freundlichkeit noch ein wenig. Dann schlug er ein.

„Was wollen Sie“, hatte er eigentlich unwirsch antworten wollen. Doch die Worte waren ihm wie ein zu großes Stück Brot im Hals steckengeblieben.
„Es ist Weihnachten, rief ausgelassen Viola dazwischen, die sich nicht mehr länger zurückhalten konnte, und hüpfte auf einem Bein vor Vergnügen. „Das Christkind hat mir einen bunten Hampelmann gebracht. Ich habe gewusst, es muss deiner sein. Sieht er so aus wie der, den du früher hattest? Bestimmt ist er für dich, Bruno!“
Und Viola hob ihn auf und streichelte mit liebevollen Fingern seinen weißen, gestärkten Kragen und die spitze Narrenkappe, an deren Ende zwei Glöckchen befestigt waren. Die dunkelblau glänzenden Knopfaugen sahen sie undurchdringlich an, als sähen sie bis zum Grund. Mund und Nase aber verzogen sich zu einem breiten, spitzbübischen Grinsen, dem sie nicht widerstehen konnte.
„Ist es der gleiche karierte Stoff, Bruno?“ rief das Mädchen erneut und hielt Bruno den Stoff mit dem rotgrün?karierten Muster dicht unter die Augen.
„Ich denke ja, nickte der Alte. „So oder so ähnlich war er bestimmt.“
Er seufzte und wollte sich gerade wieder die Nase in den Ärmel schneuzen, als ihm einfiel, was für einen vornehmen Besuch er heute hatte.
Viola kramte in der Manteltasche und reichte ihm gleich wieder ein Taschentuch.

„Vater hat gesagt, er hätte noch Schuhe zu Hause und etwas zum Anziehen für dich.“
Ihre Augen funkelten unwiderstehlich, und die Giraffe auf dem Mantel schien ihren Hals zu schwenken und zu rufen „komm doch mit“.
Der Vater bückte sich schon, hatte einen Zettel aus der Schultertasche gezogen und schrieb die Adresse auf
„Sie müssen unbedingt zu uns kommen, Bruno. Es ist nicht weit – höchstens zehn Minuten von hier.“

Bruno warf einen Blick auf den Zettel. „Ja. Ich weiß nicht. Außerdem? – “
Er wusste wirklich nicht, was er antworten sollte.
Bestimmt würde er nicht dahin gehen. Aber was würde Viola sagen? Und ein paar feste Schuhe konnte er wirklich sehr gut gebrauchen.
„Wenn es kalt wird, können Sie in unserem Gartenhäuschen schlafen“, setzte der Vater hinzu und steckte seinen Stift wieder ein. „Das ist näher als Vohwinkel.“
„Das kann ich nicht annehmen.“ Der Alte schüttelte den Kopf. In seinem Alter konnte er sich nicht mehr gut umstellen.
„Wir lassen Sie ganz in Ruhe“, erklärte der freundliche Mann mit der Adlernase. „Sie sind uns zu nichts verpflichtet. Wenn Sie unbedingt wollen, können Sie uns einmal im Keller aushelfen. Höchstens eine Stunde, nicht mehr.“
Bruno streckte seine zittrigen Hände aus mit den langgliedrigen Fingern, die aussahen, als wären sie ursprünglich für eine feinere Arbeit bestimmt gewesen.
„Diese Hände sind das Arbeiten nicht mehr gewöhnt“, sagte er leise.
„Ich weiß“, nickte der Vater und fasste Viola fest an der Hand.
„Aber kommen Sie. Viola freut sich bestimmt. Am liebsten würde sie Sie gleich mitnehmen.“
„Und den Vogel!.“
Bruno lachte und schüttelte immer noch ganz ungläubig den Kopf Er rieb verlegen auf seinen abgewetzten Hosenknien herum und besah sich die Hände.
Viola fasste ihn ungeduldig am Arm.
„Nein, Viola“, griff der Vater ein, nahm ihre Hand von Brunos Arm herunter und zog sie ein kleines Stückchen zurück.
„Wir wollen jetzt gehen. Bruno muss darüber nachdenken und ganz allein entscheiden, ob er kommen will oder nicht.“
Viola verzog den Mund ein wenig zum Schmollen und wollte gerade wieder mit ihren Stiefelchen aufstampfen. Ein Blick auf ihren neuen Freund aber verschloss ihr die Worte im Mund. Bruno lächelte sie so freundlich an. Sie glaubte fast, etwas Feuchtes in seinem rechten Auge zu sehen.
Beinahe wurde ihr auch zum Weinen, und sie wusste gar nicht, warum.

Schließlich stand der Alte auf, packte seinen Blechbecher in den Rucksack zurück und verschnürte ihn sorgfältig. Dann schlüpfte er in seine Mantelärmel hinein, nahm den Käfig in die eine Hand und warf sich mit der anderen den Rucksack lose über den Rücken.
„Nun denn“, brummte er, was so viel zu heißen schien wie „ich komme mit“.
Viola trug den bunten Hampelmann vor sich her und betrachtete ihn mit vorgestreckten Armen. Sie ließ ihn auf- und abtanzen und gelegentlich eine Pirouette schlagen. Dann nickte er mit dem Kopf, verdrehte die blauen Kulleraugen verschmitzt nach allen Seiten, als wollte er sagen, „ich habe es doch gewusst“.

„Ja,“ dachte Viola laut, „nun ist das Christkind doch zu dir gekommen, nicht wahr, Bruno?“
Und der Alte lächelte und wiegte sein runzliges Gesicht, in dem es strahlte und blitzte.
„Du hattest recht, Viola“, erwiderte er und schaute für einen Moment gegen den dunstigen Himmel. Eben kam die Sonne hinter den Dächern hervor und legte ein wenig Wärme über die Lider. „Weihnachten ist für alle. Ich hatte es nur lange vergessen.“

**

SCHLUSS

Meine Lieben, ich wollte mich eigentlich nicht so wichtig machen und die restlichen Teile auf einmal einsetzen, aber wir fahren heute in den Schwarzwald, sind dann nur 1 Tag hier und brausen noch mal weg für eine Woche bis zum 9.1.05. Allen ein wunderbares Neues Jahr!!! Hoffe, ich habe bei der Teilung der Geschichte keinen Fehler gemacht:-((

Beitrag vom 27 Dezember, 2004 (13:24) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Weihnachten ist für alle (III)

27 Dezember, 2004 (13:20) | | tage-bau | Kommentieren

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„Ich muss heimgehen“, erinnerte sie sich plötzlich. „Heute ist Weihnachtsabend. Bald kommt das Christkind zu dir, Bruno. Hast du dir auch etwas Gutes gewünscht? Wenn ich du wäre“, und Viola warf einen Blick auf die bloßen Zehen des alten Mannes, die schmuddelig aus den Stiefeln starrten, „hätte ich mir ? neue Schuhe bestellt“.
„Hm“, meinte Bruno etwas verlegen, und die Runzeln sammelten sich freundlich in seinem Gesicht.
„Zu mir kommt kein Christkind mehr.“
„Kein Christkind? Das kommt zu allen Menschen, hat Mutter gesagt.“
Viola spielte ungeduldig mit ihren Fingern. Das konnte nun wirklich nicht stimmen. Die Mutter schwindelte doch nicht.
„Zu solchen Menschen wie mir kommt schon lange niemand Besonderes mehr“, antwortete Bruno leise und legte seinen Arm um den Vogelkäfig, in dem es ganz still geworden war.
„Früher einmal, als ich so klein war wie du, da ist es noch manchmal gekommen.“
Es musste sehr lange her sein. Aber auf einmal war es dem Alten, als läge ein Duft von Pfefferkuchen in der Luft, und er zog ihn genüsslich durch die Nase. Lichterkerzen und rotbackige Äpfel an den Zweigen. Ein wenig Lametta als silbriges Engelshaar ausgehängt über dem Grün. Hatte es das tatsächlich einmal gegeben?

Er sah seine Schwester vor sich, mit zusammengebundenem Pferdeschwanz auf dem Kopf und einer festlichen Weihnachtsschleife im hellen Haar. Das rote Samtkleid glättete sie vorsichtig mit den Händen. Wie oft war sie zur verschlossenen Türe geschlichen und lauerte neugierig durch das Schlüsselloch. An den Tagen vorher hatte sie schon alle Schränke durchstöbert. Er selbst hingegen hatte sich lieber überraschen lassen.
Es war lange vorbei, das Knistern in der Stube und das Rauschen von unsichtbaren Flügeln. Er hatte es fast vergessen. „Einmal“, hub er an und schaute Viola direkt in die aufgerissenen, runden Augen. „Einmal habe ich vom Christkind einen bunten Hampelmann bekommen. Das war mein liebster Spielkamerad in seinem buntkarierten Kostüm, mit einer weißen Halskrause und einem schmalen roten Rändchen rund um den Hals.
Ich führte allerhand Stücke mit ihm auf, erfand ein Theater, das ich nicht besaß, und verkleidete ihn mit Tüchern, mal als König, mal als Hexenmeister. Hierfür knetete ich ihm eine spitze Nase mitten in sein Gesicht.“ Der Alte musste laut lachen. Und Viola kicherte mit. Diese Nase hätte sie gern auch einmal lang gezogen.
„Er hatte eine lange Schnur zum Aufziehen, und man konnte ihn tanzen und hoch springen lassen.“
Der Alte seufzte und schneuzte sich die Nase in seinen Ärmel.
„Hier.“
Viola fischte kopfschüttelnd ein angebrauchtes Taschentuch aus ihrer Manteltasche hervor.
„Das geht besser,“
Bruno schnaubte ein paar mal prustend in das Papiertaschentuch und ließ es schließlich in seinem Ärmel verschwinden.

Auf einmal stand, wie aus dem Boden gewachsen, ein vielleicht 10 – jähriges Mädchen mit zornrotem Kopf und blitzenden Augen hinter Viola und fasste sie energisch an der Kapuze. Sie trug ein pinkfarbenes Kopftuch mit blauen Tupfen, unter dem das gleiche Kraushaar widerspenstig hervorquoll wie bei der Kleinen.
„Hier steckst du, bei einem schmuddeligen alten Mann. Jetzt kommst du aber sofort nach Hause!“
„Nein, nein!“ Viola versuchte, sich loszureißen und schaute wütend auf Martina. Tatsächlich hatte sie die große Schwester völlig vergessen. Aber nun war es ihr gleich.
Die kleine Sechsjährige stampfte mit den Füßen auf, und ihre schicken Lederstiefel mit blauen Schnürbändchen an der Seite klapperten auf dem Pflaster.
„Aber das ist doch Bruno! Und er ist nicht dreckig … “
Naja. Sie zögerte. Sauber war der Alte nun gerade auch nicht zu nennen.
„Er ist doch mein Freund! Nicht wahr, das bist du doch, Bruno?“
Der alte Mann hob die knochigen Hände und nickte begütigend.
„Morgen komme ich wieder, “ rief Viola. „Untersteh dich!“

Martina zerrte sie am Ärmel hinter sich her, nicht ohne ihr zuvor ein paar Tüten zum Tragen in die Hände gedrückt zu haben.
„Die Läden sind längst zu. Du kommst mich nicht abholen und treibst dich herum.“
Bruno hörte die beiden noch eine Weile schimpfen und wettern. Die Geräusche der Worte trug ein leichter Wind ihm zu, der plötzlich aufkam und ihm Kälte in die durchlässigen Kleider wehte.
„Zu Bruno kommt kein Christkind“, war das letzte, was er noch aufnahm. Wie ein Echo hallte es ihm durch den Kopf, wieder und wieder. „Zu Bruno nicht … zu Bruno kommt kein Christkind. Zu Bruno nicht …“ Der Alte rückte den Käfig noch ein wenig näher zu sich heran, zog seinen abgetragenen Mantel aus und breitete ihn über den Vogel und sich.
Als die Glocken Weihnachten einläuteten, schlief Bruno schon lange.

Am anderen Morgen erwachte der Alte nur schwerfällig. Seine Glieder waren steif gelegen. Er rieb sich die Augen. Was hatte ihn nur für ein Traum genarrt. Die ganze Nacht über war die zutrauliche Stimme des Mädchens um ihn gewesen. Ihr freundliches Gesicht, das krause, unbändige Haar mit den roten Haarspangen. Ihr unbeschwertes Lachen und ihre Hände. ja, fast war ihm noch jetzt, als höre er den Elefant auf ihrem Mantelrücken Trompeten-Töne ausstoßen und sähe die Giraffen ihre Hälse hochrecken vor lauter übermütiger Fröhlichkeit. So hatte lange niemand mit ihm gesprochen.
Aber was war das? Plötzlich stieg ihm ein verlockender Duft in die Nase. Er öffnete die Augen jetzt ganz, beinahe ein wenig unwillig, um den Traum festzuhalten. Wenn er ganz wach war, würde er ihn vergessen und nicht wiederfinden ? wie schon so oft.
Neben ihm auf der Bank stand eine weiß blitzende Thermos-Kanne mit blauem Zwiebelmuster und warmem Kaffee. Er roch ganz frisch aufgebrüht. Und vor ihm, zu seinen Füßen, befand sich eine braune Papiertüte, prall bis oben gefüllt. Bruno bückte sich. Er musste nachsehen, auch wenn Peter sich eben meldete und heftig zwitschernd gegen die Gitterstäbe stieß. Es war lange hell. jetzt wollte er aufgedeckt werden. Zuerst zog Bruno eine dicke Cervelat-Wurst heraus. Scheibenbrot, Butter – runde Äpfel und
Walnüsse. Tatsächlich, sogar duftende Pfefferkuchen mit Schokoladen-Guss und bunten Streuseln verziert. Wer die wohl gebacken hatte?
Der alte Mann sah sich nach allen Seiten um. Mit den Augen wanderte er die Häusereingänge und verwinkelte Ecken ab.
Das konnte doch nicht alles für ihn sein. Es war niemand zu sehen.
Schließlich zog er einen Blechbecher aus seinem Rucksack, öffnete die Thermoskanne und füllte ihn bis obenhin fast zum Rand.
Hm. Das wärmte.
Nachdem er die zweite Tasse zur Hälfte geleert hatte, drehte er sich um zur Rathausuhr. Der kleine Zeiger stand auf der Neun. Ach, hatte er heute lange geschlafen. Heute war Weihnachtstag. Deshalb war es so leise um ihn.
Nun war es wirklich höchste Zeit, Peter die Decke abzunehmen und vom Brunnen einen Guten?Morgen?Schluck für ihn zu holen. Der Vogel jubelte und sprang, schüttelte sich das Wasser von den gelbblauen Federn. Am liebsten hätte ihm der Alte die Türe geöffnet und ihn aus dem Käfig gelassen.
Ob er ihn zurückbekommen hätte?
Das Licht hing spätsommerlich warm den Dächern. Nicht zu glauben, dass jetzt Dezember war. Zwar zog die Sonne eine kürzere Bahn über den Himmel als sonst, aber sie strahlte hell und verlockend.
Bruno dachte, dass er nachsehen müsse, ob in Vohwinkel noch die Rosen blühen im Garten.
Dieses Jahr war alles vertauscht.
Zuunterst in der braunen Packpapiertüte lag noch ein Päckchen. Fest verschnürt in weihnachtliches Geschenkpapier mit musizierenden Engeln darauf. Der Alte löste die Schleife mit fliegenden Händen. Er hielt einen Papieranhänger in der Hand mit einem Weihnachtsbaum und leuchtend roten Kerzen daran
„Für Bruno“, entzifferte er die ungelenken Buchstaben.

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Beitrag vom 27 Dezember, 2004 (13:20) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Weihnachten ist für alle (II)

27 Dezember, 2004 (13:09) | | tage-bau | Kommentieren

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Mit einem Ruck fuhr der Alte hoch und zusammen. Er griff neben sich, umklammerte mit zittrigen Fingern die halbleer getrunkene Schnapsflasche und ließ sie wieder los. Sie drehte sich ein?, zweimal um sich selber, rollte zum Bank-Ende und kullerte letztendlich mit einem heftigen Klirren zu Boden. Der Alte schaute noch ein wenig verwirrt, wie der braune Saft über die Glasscherben rann und neben seinen Füßen eine schmierige Pfütze bildete.
»Achtung! Nicht reintreten.«
Er packte das Mädchen mit seinen vom Alkohol noch unsicheren Händen und zog es am Arm ein Stück näher an sich heran. Dann erst fiel sein Blick auf etwas Dunkles, Kraushaariges mit feuerroten Haarspangen auf den eigenwillig abstehenden Rattenschwänzen. Unter den hellen, unternehmungslustig blitzenden Augen saßen eine neugierige Stupsnase, hoch zum Himmel gerichtet, und ein kleiner, geöffneter Mund.
»Du kannst dir weh tun.« Seine Stimme klang ein wenig rauh und stockend, so als wäre er nicht recht in Übung, so viel auf einmal zu sprechen.
»Was machst du überhaupt hier? Es ist spät und schon lange dunkel.«

Die Laternen hatten ihr Licht aufgehängt und schickten ihren flackernden Schein in den Abend. Kaum jemand ging noch an ihnen vorüber. Die Menschen hatten es eilig, ihre vollen Taschen nach Hause zu tragen.
Heute war Weihnachtsabend.
Neben ihnen breitete sich ein riesiger Tannenbaum aus, nein, eine Fichte mit hoch erhobenen Baumarmen und glühendem Kerzenschein. Geheimnisvoll hüpfte das Licht auf und ab über dem Dunkel des Nadelkleids.
Auch in Violas Augen glitzerten Lichtfünkchen. Erwartungsvoll beschaute sie sich den alten Mann und grübelte, wer er wohl sein mochte.
»Wie heißt du?«, platzte sie schließlich los, und die Neugier tanzte fast sichtbar über der vorwitzig nach vorne gereckten Nasenspitze.
»Ich heiße Bruno. Und du?«
»Viola. Ich bin 6 Jahre alt.«
Sie nahm alle Finger der rechten Hand und den Daumen der Linken dazu, streckte sie hoch und Bruno dicht vor sein stoppeliges Gesicht.
»So viele. Kannst du sie zählen?«
Brunos faltiges Gesicht glättete sich und verzog sich zu einem Grinsen. Er nickte eifrig.
»Und wie heißt der Vogel?« Violas Blick wanderte zu dem drolligen, kleinen Köpfchen, das gerade an den Stangen des Vogelbauers herumschnäbelte.
»Das ist Peter, mein Freund.«
»Hm! Kann dein Vogel auch singen?«
»Ja, das kann er. Aber nicht jetzt und im Winter. Du musst ein andermal kommen.«
Bruno pfiff leise durch die Zähne und zwinkerte seinem Freund oben im Käfig zu. Gleich hob Peter den Kopf, schüttelte sein gelbblaues Federkleid und stieß helle Tönchen aus. Sie verstanden sich gut, der Herr und sein Freund, der Vogel. Das spürte Viola sofort an der Wärme, die in den Augen des Alten aufstieg, wenn er sich seinem Tierchen zuwandte.
Der Alte fuhr sich durch sein strähnig und glatt zurückgekämmtes Grauhaar und schaute ein wenig hilflos zurück auf das Mädchen. Er war es nicht gewohnt, mit Kindern zu sprechen. Er betrachtete das adrette, weit geschnittene Mäntelchen aus blauem Daunen. Das rotkarierte Futter in der Kapuze und die aufgenähten Tiere auf den Ärmeln gefielen ihm.
»Sieh an, das hier ist wohl eine Giraffe.«
»Und das hier ?« Viola verrenkte sich fast den Arm, denn bis zum Rücken konnte sie nur mit einer mühseligen Bewegung hinreichen. »Da hinten musst du hingucken. Siehst du den ganz dicken Elefanten?«
Schließlich hatte sie den rettenden Einfall und drehte sich einfach um.
Bruno konnte nun ihre Kehrseite bewundern.
Er betrachtete den prächtig geschwungenen Rüssel des Elefanten. Sicher hatte ihn die Mutter der Kleinen zurechtgeschnitten und aufgenäht.
Plötzlich stiegen seltsame Erinnerungen in ihm auf und legten sich über seine alt und müde gelebten Augen. »Der Vogel wird kalt.« Viola erinnerte sich, warum sie Bruno geweckt hatte. Ungeduldig hüpfte sie von einem Bein auf das andere.
»Warum gehst du nicht mit ihm nach Hause in deine Wohnung, damit er es warm hat?«
Bruno zögerte.
»Ich habe keine richtige Wohnung.«
»Waaaas? Du hast keine richtige Wohnung?«

Viola verstand nicht, wovon der alte Mann redete. Das hatte sie ja noch nie gehört. jeder Mensch hatte doch eine Wohnung und ein warmes Zuhause.
»Wo schläfst du denn, Bruno?«
»Wenn es wann ist, schlafe ich hier auf der Bank oder dort hinten ein Stück weiter unter der Brücke.«
Bruno streckte den Arm aus und deutete durch den Torbogen zwischen zwei Häusern, durch den man hätte hindurchsehen können, wäre es noch ein wenig heller gewesen.
»Wenn es kalt ist, fahre ich mit der Bahn weit draußen nach Vohwinkel. Dort steht ein baufälliges, altes Haus. Das Dach ist nicht mehr dicht, aber die Mauern wärmen noch gegen die Kälte. Ein paar von uns haben dort eine Matratze und ein paar Wolldecken zum Einwickeln.«
Viola konnte sich ungefähr denken, wie die Wolldecken aussahen, wenn sie das unförmige Tuch betrachtete, das der Alte mit seinen mageren Händen jetzt aus dem Rucksack hervorkramte und dessen ursprüngliche Farbe sie nicht mehr erkennen konnte. Er zog sich nun mit wackeligen Beinen auf die Bank, hob den Vogelbauer herab und deckte ihn sorgfältig zu.

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Beitrag vom 27 Dezember, 2004 (13:09) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Angelika Zöllner

5 Januar, 2001 (19:30) | | schreibt im tage-bau: | Kommentieren

Angelika Zöllner

1948 wurde ich in Wiesbaden geboren. Aufgewachsen bin ich die ersten 9 Jahre im wunderschönen Rheingau innerhalb einer Groß-Familie. Später zog ich nach Frankfurt und besuchte dort die Freie Waldorfschule. Nach erfolgreichem Abitur entschied ich mich nach längerem Überlegen gegen ein wissenschaftliches Studium und entschloss mich, nach einem Praktikum in einer sog. ‚Stadtanderholung‘ in Frankfurt, Sozialarbeiterin zu werden. Ich arbeitete in den folgenden Jahren im Jugendamt, im ’sozialen Brennpunkt‘ mit Obdachlosen und am längsten in der Bewährungshilfe. Ab dem 21. Lebensjahr begann ich, intensive Kontakte zu Strafgefangenen und Nicht-Sesshaften zu knüpfen. Begeistert hatte mich damals das Buch von Birgitta Wolf ‚Briefwechsel mit Gefangenen‘. Ich wagte, sie persönlich anzuschreiben, und sie war die Erste, die mir Adressen vermittelte, obgleich ich sehr jung war.

Das intensive schriftstellerische Schreiben begann wesentlich später – obgleich ich schon mit 9 Jahren begonnen hatte, zusammen mit einer Freundin, einen Roman zu schreiben. Später – als Jugendliche – notierte ich meine ersten Gedichte in einem selbstgebundenen Buch. Von klein auf lag mir das Schreiben mehr als das Redenhalten vor der Klasse oder anderen Groß-Gruppen.

Das Schreiben und Lebendig-Werdenlassen von Wörtern, auch gerade immer wieder neuen, bedeutet mir ein inneres Zuhause. Dabei ist mir die Poesie ein ganz besonderes Anliegen.
Thematisch gesehen mag ich mich in keiner Weise festlegen und schreibe gerne sehr Unterschiedliches…
Lyrik ist mein lebendiges „Bilder-Zuhause“. Aber es gibt auch eine Reihe von Kurzgeschichten und „das rote Haus“ z.B., einen Märchenroman in 2. Auflage, der von Schweden, einem Träumekind und Spätentwickler erzählt und dem, was Kinder noch sehen können – die Erwachsenen jedoch nicht mehr …. (www.verlag71.de).

Gerne versuche ich auch Humorvolles… Börsenwitztexte z.B., Balladen über das Dichterleben – oder die Geschichte vom Camenbert – wie er sich eines Tages in ein Butterbrot verliebte…

Im Augenblick lebe und arbeite ich mit meinem neuen Roman, von dem noch nicht allzuviel verraten werden soll. Ein junger Mann nimmt sich eine Auszeit – auf der Suche nach dem, was man schon immer den ‚Stein der Weisen‘ oder den ‚Sinn des Lebens‘ nannte – eine Suche nach dem, was ‚Tugenden‘ im Leben bedeuten. Dabei lernt er besondere Menschen kennen – und von fast jedem lernt er etwas dazu….
Der Arbeitstitel lautet: Das Gras schweigt.

Seit 1974 bin ich verheiratet und habe 5 Kinder. In NRW lebe ich seit 1969 und in Wuppertal seit 1980.

http://www.angelika-zoellner.de/

Beitrag vom 5 Januar, 2001 (19:30) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: schreibt im tage-bau: | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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