à propos schönheit…

28 Dezember, 2004 (20:17) | | tage-bau | Kommentieren

weihnachten 04
oder das vermutlich ewige leben der barbie-puppen

es ist schon einigermaßen unheimlich, wie lange man über die feiertage so ganz aus der welt sein, will meinen 4 volle tage komplett paralysiert nur noch auf sofas sitzen kann…
weihnachten: das ist vollständig weg sein, auf sofas sitzen und essen und wieder auf den sofas sitzen und wieder essen; sich perpetuum mobile „mäßig perpetuierendes vegetieren in einer gefühlten endlosschleife oder so…
diesmal gab es bei eigenen und bei den schwieger-eltern sogar die gleiche menü-folge; ente, raclette, ente raclette (also erster tag : ente, zweiter : raclette).

und vier tage keinen vollständigen satz geredet, denn inzwischen gibt es auf beiden seiten kinder, aber das ist süß, doch ehrlich, das ist sehr süß und kann sehr wohl so eine tante wie mich im 48 stunden- weihnachts und familien marathon voll ausfüllen…

also auf sofas sitzen und essen und – kinder bespaßen!
mit hingabe fütterte ich zwei tage lang meinen winzigen, ersten „echten“, das heißt „leiblichen“, neffen mit diversen breichen: neffchen sperrte immer wieder wie ein vögelchen im nestchen brav sein schnäbelchen auf und tantchen führte weitgehend unfallfrei ein: kiwi-banane, linsen-reis, karotten-ingwer-matsch und wieder von vorne… das heißt dazwischen wurde geschlafen und “ die kurzen zeitfenster der wachphasen kreativ-destruktiv nutzend “ omas üppige strohstern-weihnachts-dekoration zerrupft…

an den folgenden zwei tagen spielte ich mit meiner nicht ganz so echten, da nur „angeheirateten“ nichte (das heißt vielmehr bin ich die angeheiratete tante!).
wir spielten – auf nichtes unmissverständliche anordnung hin – vorwiegend mit den langbeinigen plastikmonstern, die mir aus fernen kindertagen noch wärmstens vertraut: barbie-puppen.

ja, barbie-puppen! es gibt sie “ natürlich oder eher widernatürlich? “ jedenfalls noch immer.
und meine nichte hat davon ein ganzes heer.
schweinchenfarbene geschöpfe mit lammettarartig durchwirkten, leicht ausgefransten kleidern, deren elfenlange glieder beim verbiegen und verlieben unglaublich deutlich knackten, entstiegen à la queue einer großräumigen pinkfarbenen tupperbox.

eine original-barbie von 1966 war auch dabei.
ach gott, das ist ja mein jahrgang, dachte ich, erschrocken über ihre haltbarkeit.
sie trug ihr herstellungsjahr und einige produktinformationen auf der rechten pobacke; made in usa, copyright by mattel, waterproof usw….

primäre und sekundäre geschlechtsmerkmale nur zart angedeutet, wahrscheinlich aus amerikanisch-puritanischer rücksicht…
aber ob es in ein paar jahren mal barbies mit schamhaaren und brustwarzen geben wird?

während ich später nichtchen aus grimms märchen vorlas, brachte mein schwager ihre barbies, petras, kens und – ja auch ein kindchen gibt es schon! “ zwischen den wülsten der großelterlichen sitzlandschaft dezent in obzöne stellungen…

das schöne an barbie ist, dass sie nie unterwäsche trägt, flüstert der schwager seinem bruder zu…

und dann spielten wir noch schnell aschenputtel, mit der märchen- wunder-barbie im rosa-glimmer-kleid, rucke die gu, rucke die gu, blut ist in fast jedem schuh, nur in aschenputtels pinker pantolette nicht – ätsch!

und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…

ja, diese augenscheinlich glückliche ehe von pop und mythen führt mich zu einem heimlich-unheimlichen fazit: ich vermute die barbies, petras und kens in reiter-, märchen-, disco- und unendlich vielen weiteren varianten sind nicht nur den sich vermehrenden, immer weniger echt erscheinenden, in einkaufszentren gekürten schönheitsköniginnen immer noch vorbild, sowie der wahrscheinlich unauffällig mitwachsenden kohorte ihrer chirurgen zunehmend schnittmuster, nein, die allmächtigen mädel-monster werden uns in ihrer plastic-phantastic-perfect-form auch allesamt überdauern; immer neue modelle werden mattels modeln frisch-fromm-fröhlich-frei entschlüpfen: eine beängstigende armada vermutlich ewig überlebender homunculi aus polyethylen wird “ dank der unsterblichkeit des kunststoffs – unseren menschlich-fleischlich-unvermeidlichen verfall selbst in jahrtausenden – bei jedem noch so flüchtigen blick durch auch nur spaltbreit geöffnete türen in ach so unschuldige jungmädchenzimmer – gnadenlosem hohn und spott aussetzen…

tja, ein wimpernblitz unbarmherziger erkenntnis aus dem finster-schönen herzen der schönheiten des allseits präsenten, omnipotenten kapitalismus zwischen christstollen und flugente, und schon brennt das diabolisch-ästhetische lächeln von prinz-ken grausam-kalt in meinem rücken auf dem unumgänglichen weg zurück in die sitzlandschaft.

schönste weihnachten nachträglich! und einen guten rutsch, wie man so schön sagt…

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Beitrag vom: 28 Dezember, 2004 (20:17) | Autor: adminxx1 | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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