Beiträge im Jahr 2008

Augenliebste verklagt

31 Dezember, 2008 (15:34) | | alptraum/ego.wunde, lesung karlsruhe | Kommentieren

Augenliebste verklagt

Was wär
Wenn Sehn nur ein Versehn wär
Wär dann ums Versehen
Ein Unversehen da

Nichts sei
Sagen welche dies wissen
Ohne die andre Seite
Nicht mal Medaillen

Bronze glänzte schon
Sei aber nicht wie Gold
Unken sie ganz
Wie das Schweigen

Das so gerne
Beredt wär wenns dürfte
Darf nicht ein jeder
Bedarf mal dürfen

Meine Augen
Liebste schenk ich dir
Ich hab nichts Besseres
Das zu schenken wär

Wert
Und Unwert
Sind so Gegenteile
Und wertlos sind alle

Armen Herzen
Meine Augenliebste
Meine armen
Augen

Klagen verklagt

Beitrag vom 31 Dezember, 2008 (15:34) | Autor: Walther | Rubrik: alptraum/ego.wunde, lesung karlsruhe | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Hinein, hinauf und hinunter

31 Dezember, 2008 (09:01) | | tage-bau | Kommentieren

Hinein ins Gebüsch. Ranken mit Dornen zerren wie Zähne an mir, wollen mich zurückhalten. Ich lecke Blutstropfen vom Handgelenk, reiße mich los von den Umarmungen mit Widerhaken, stolpere über Fallstricke, trampele alles nieder, schaffe mir Raum in dem Blätternest und setze mir ein anderes Nest auf: gewebt aus Streicherklängen.
Betörendes Klangfiligran. Ich tauche hinein mit dem Kopf in die andere Sphäre, die ich mir über die Ohren gestülpt habe: Kopfhörer, angeschlossen am Discman. In seinem Bauch rotiert eine silberne Scheibe, von der ein Laserstrahl ihre Runen abliest, die das Gerät in Töne umsetzt – ein technischer Vorleser, der Beethovens erstes Rasumowsky-Quartett intoniert, das ich so liebe, besonders das erste Motiv, eingeleitet vom Cello, begleitet von den zitternden Hüpfern seiner Klanggenossen. Die erste Geige übernimmt das Thema, führt es weiter, hin zum ersten gemeinsamen Schmettern: eine erklommene Anhöhe, Plattform, auf der die vier Instrumente Freudenstampfer aufführen. Dann werden sie leiser, verhaltener und gehen plötzlich in ein köstliches Motiv über, stürzen sich purzelbaumschlagend hinein. Erneuter Anlauf. Die beiden Violinen, euphorisch taumelnde Schmetterlinge, tanzen durch die Luft, hinauf zu ganz feinen, spitzen Tönen, wie mit Nadeln ins Himmelsblau geritzt: Kondensstreifen – sie schlingen sich in Kapriolen hinab, ineinander verwoben. Komplizierte Muster, flüchtig gezeichnet. Stickereien, bei der Schnelligkeit kaum zu verfolgen, nur die großen Melodienbögen: sie münden immer wieder in freudiges Erkennen, jeweils abgewandelt und neu, klar ziseliert – einfach perfekt. Das Ganze wird in der Schwebe gehalten von einer Spannung, die wie eine Sehne auf einen Bogen gespannt ist – auf die Streichinstrumente gezogen, zu einem einzigen Klangkörper verschmolzen. Dieses vibrierende Einheitsensemble schwingt wie die Saite eines harmonischen Kosmos: gehörter Himmel, schwebender Urzustand – ich bin das russische Thema, löse mich auf im finalen Tanz, drehe mich im Geschlinge widerhakenbewehrter Ranken, die mir Hemd, Hose und Haut zerreißen beim Taumeln und Strudeln zu Boden…
Das Kreisen im Player hält noch an. Er schaltet sich aus mit einem leisen Geräusch, bremst die rotierende CD aus: psst – technische Lautsprache, ein Sirren, dann Klicken, und endgültig Schluss. Herber Pflanzengeruch, betäubender Blütenduft. Würzige Ausdünstungen zertretenen Blattwerks. Wo bin ich? Abgestürzt aus dem Opus 59, Nummer 1 – auch die Himmel sind numeriert.

Beitrag vom 31 Dezember, 2008 (09:01) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Relativ

27 Dezember, 2008 (12:54) | | lug & trug | Kommentieren

Was heißt es, heute noch an Gott zu glauben?
Der Mensch erforscht die Welt. Ob er versteht?
Am Ende ist das Wissen obsolet.
Da hilft kein Rechnen und kein Worte Klauben.

Beim Sterben ist’s die Hoffnung, die vergeht,
Wenn Kälte, Schmerz, die letzten Sinne rauben,
Wenn Wissenschaft und Weisheit längst verstauben
Und jeder Atemzug ums Leben fleht.

Die Sicherheit der Nähe wird zur Ferne.
Und der Ereignishorizont scheint schief.
Wär jetzt der Heiland nah, man hätt“ es gerne.

Am Ende wird Erkenntnis relativ:
Was helfen Lichtgeschwindigkeit und Sterne,
Wenn sich der Tod leis“ ins Gedächtnis rief?

Beitrag vom 27 Dezember, 2008 (12:54) | Autor: Walther | Rubrik: lug & trug | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


allen tage-bauerinnen und -bauern, -leserinnen und lesern:

24 Dezember, 2008 (17:19) | | tage-bau | Kommentieren

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Beitrag vom 24 Dezember, 2008 (17:19) | Autor: Sylvia Hagenbach | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


[bdn 12] Errette mich

24 Dezember, 2008 (14:40) | | tage-bau | Kommentieren

Auch ich wollt mal die ganze Welt erretten:
Jetzt bitte ich bescheiden: Rette mich!
Ich leg mich Dir zu Füßen flehentlich.
Lass meinen Kopf in deinen Schoß mich betten.

So geht es manchen. Zeiten ändern sich.
Man sollte nicht zu lässig darauf wetten,
Dass sich die Schicksalsschläge nicht verketten.
Schon macht der Hochgelobte keinen Stich.

Weil sich die Winde gegen alles wenden,
Geht selbst das schief, was doch gesichert schien.
Lass unser Glück nicht los. Es soll nie enden.

Ich gäbe mich und alles andre dafür hin
Und würde mich an Dich total verschwenden.
Komm, halt mich fest, dass meine Ängste fliehn.

Beitrag vom 24 Dezember, 2008 (14:40) | Autor: Walther | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Eine Weihnachtsgeschichte oder Erste Liebe

23 Dezember, 2008 (23:57) | | tage-bau | Kommentieren

Das Marmormädchen

Die Adventszeit war im Heim, in dem ich aufwuchs, etwas Besonderes, eine Art Ausnahmezustand, voller Verheißungen, und zusätzlich bekam dieser geheimnisvolle, auf das höchste Fest zusteuernde Monat in meinem zwölften Lebensjahr dadurch noch etwas Außergewöhnliches, dass ein neues Mädchen auftauchte (unsere Gruppe war seit kurzem geschlechtergemischt), schön wie die Jungfrau Maria, als ihr der Erzengel Gabriel erschien und die Geburt des Gottessohns verkündete, der in dem Lied „O komm, o komm, Emanuel“ so sehr herbeigewünscht wurde. Außerdem hieß die Neue Manuela und erinnerte an den Namen des Erlösers in dem Lied, zumindest mich, der ich mich, als Pubertierender selbst in einem unerlösten Zustand, nach einem wie auch immer gearteten Messias sehnte, besonders nach einem weiblichen, und der war mir nun unverhofft in Manuela erschienen: glatt und blass wie Engel auf alten Grabstätten, mit einem versteinerten Gesichtsausdruck und diesem zartblauen Geäder, das ihre Schläfen marmorierte, ihr etwas Verletzliches und gleichzeitig Unnahbares gab, als habe sie sich, wie zum Schutz, in einem Eisblock aus Hochmut und Einsamkeit verpanzert.

Die Vorweihnachtszeit war erfüllt mit dem Basteln von Geschenken für den Basar, der am dritten Advent in den Klassenräumen im Erdgeschoss stattfinden sollte, den die Leute aus der Umgebung dann besuchen würden, um den Kram, den wir verbrochen hatten, für einen guten Zweck zu kaufen. Ich hämmerte, klebte und bohrte im Waschraum, wo zwei Tische aus dem Tagesraum zu einer großen Arbeitsfläche zusammengeschoben waren, hatte ein Händchen für alles Kniffelige und gab mich den tollsten Erwartungen hin, obwohl ich gar nicht wusste, auf was ich eigentlich noch wartete: das Erwartete war ja bereits eingetreten, stimmte mich euphorisch, schuf eine magische Atmosphäre und ging wie Kraftwellen von Manuela aus, deren Anwesenheit genügte, um mich glücklich zu machen, ohne dass ich sonst noch etwas wollte. Wunschlos zufrieden in ihrer Gegenwart, schlug mich ihr Lächeln oder ein Nicken in den Bann, und es steigerte noch den Kitzel, dass ich sie nichts von meiner Schwärmerei merken ließ, ihr gegenüber verschlossen war, gleichsam mit versiegelter Miene mich durch die Räume bewegte, als sei ich nicht von dieser Welt, und mit niemandem darüber sprach. Ich kapselte mich ein in meiner Phantasie, die das Buch von Tom Sawyer noch beflügelte, das ich mit süchtiger Begeisterung verschlang, mit einer Sehnsucht, die fast weh tat und überschäumte in endlosen Tagträumen, in denen Betty, Toms Freundin, sich in Manuela verwandelte und ich mir Abenteuer mit ihr ausspann, die unsere Freundschaft umso enger knüpfte, je weniger sie der Wirklichkeit entsprach, in der sie so abweisend war, wie sie in meiner Einbildung meine Liebe erwiderte, für die sie mich vielleicht verachtet hätte, wenn sie davon erfahren hätte, aber das fachte meine Gefühle nur noch mehr an, und ich glaubte plötzlich einen Märtyrer verstehen zu können: seine wachsende Verzückung bei zunehmender Qual.

Zwei Tage vor Heiligabend wurde der Tagesraum, um zur Bescherung hergerichtet zu werden, für uns gesperrt, so dass wir uns in den Schlafsälen aufhalten mussten, im Flur unsere Mahlzeiten einnahmen und draußen spielen sollten, wenn das Wetter es zuließ, und war es zu schlecht, konnten wir uns auch vorn im Eingangsbereich aufhalten, der wegen seiner dunkelroten Fliesen Roter Korridor genannt wurde und wo wir dann vor dem alten Grundig hockten, uns Weihnachtsgeschichten anhörten und nach den aktuellsten Hits von Elvis, den Animals, den Kinks oder The Who suchten. Mein Lieblingssong war „All you need is love“ von den Beatles, die ich heiß verehrte, was von den Rolling-Stones-Fans mit Verachtung quittiert wurde, die größer und cooler waren als ich, mich vertrieben und am blubbernden Kasten kurbelten, bis sie etwa „I can get no Satisfaction“ gefunden hatten – ob ich überhaupt wisse, was das heiße, und ich schüttelte den Kopf, worauf sie dreckig grinsten.- Satisfaction bedeutet auf englisch Befriedigung, Kleiner, erklärte einer herablassend, und als ich immer noch dumm aus der Wäsche guckte, tat Lothar, als onanierte er, worauf ich mich mit rotem Kopf auf den Jungenschlafsaal zurückzog. Da ich Tom Sawyers Abenteuer schon in- und auswendig kannte, griff ich nach einem Karl May oder einem Comics, von dem ich einen ganzen Karton voll unterm Bett stehen hatte, und einmal sah ich zu meiner freudigen Überraschung, das Manuela, obwohl Mädchen sonst nichts im Jungenschlafsaal zu suchen hatten, hereinkam, sich ein Donald-Duck-Heft herausfischte, ohne mich zu fragen, was mich, hätte ein anderer das ohne meine Erlaubnis gemacht, in Rage gebracht hätte, aber jetzt lächelte ich einladend, vielmehr schüchtern, weshalb sie auch kein bisschen beunruhigt war, mich nicht einmal mehr beachtete, als sie sich dann einfach weiter bediente, wie selbstverständlich im Karton herumwühlte, als sei der Allgemeinbesitz und kein eifersüchtig gehüteter Schatz von mir – während ich, gelähmt auf meinem Bett ausgestreckt, glücklich in die tanzenden Schneeflocken vor dem Fenster schaute, die das rundgewölbte Dach der Kapelle mit dem Holzkreuz auf der Spitze weiß einpuderten und zarte Polster auf den schwarzen Ästen der Kastanienbäume hinterm Spielplatz bildeten. Manuela, auf einem Hocker zusammengesunken, durchblätterte nägelkauend das Heft, schaute aber genervt auf, als ich leise „O komm Emanuel“ auf meiner Mundharmonika zu spielen begann, die ich mit einer entschuldigenden Miene zurück unters Kopfkissen schob, worauf ich mich scheinbar wieder in Winnetou vertiefte, dessen Schwester in meiner Vorstellung mit ihr verschmolz: sie hieß Nscho-tschi, was Schöner Tag bedeutete, und tatsächlich konnte ich mich an keinen schöneren Tag in meinem Leben erinnern.

Schnappt mal frische Luft! rief die Nonne und schickte uns alle nach draußen, auch Manuala, die uns mürrisch auf den Spielplatz folgte, wo wir einen Schneemann bauten, uns anschließend eine Schneeballschlacht lieferten, während sie sich abseits hielt, auf der Stelle stampfte, um sich warmzuhalten, was aber auch wie ein wütendes Trampeln aussah, und ich, mitten im Getümmel, schrie ihr zu, sie solle doch mitmachen, worauf sie nur das Gesicht verzog, sich abwandte, aber wieder herumfuhr, als sie ein Schneeball im Rücken traf, und mich erbost ansah, worauf ich gestikulierend beteuerte, ich hätte ihn nicht geworfen – da traf sie wieder einer, von Lothar gefeuert, der sich anschickte, einen neuen zusammenzuballen, während sie wie eine verängstigte Gazelle aus der Reichweite seiner Wurfgeschosse flüchtete. Ich schlich mich an ihn heran, klaubte ihm den Schneeball aus der Hand, stopfte ihn ihm von hinten in den Kragen, worauf er über mich herfiel, mich nach Strich und Faden einseifte, dass ich strampelte, prustete, um Gnade winselte, und er hielt rittlings auf mir inne, machte Muckireiben, rollte also mit den Knien auf meinen zurückgebogenen Oberarmen, dass ich vor Schmerzen fast heulte, fragte plötzlich, ob ich wisse, was „Let’s spend the night together“ bedeute, was ich kopfschüttelnd verneinte – Lass uns heute Nacht miteinander schlafen, erklärte er grinsend, drehte sich nach Manuela um und sang sie mit seiner kippelnden Stimmbruchstimme schmachtend an: Let’s spend the night together! Das war zuviel, und ich bäumte mich auf, so dass er, auf sie konzentriert, seinen Halt verlor, wälzte mich blitzschnell auf den Bauch, warf ihn ab, trat ihm heftig in den Leib, worauf er sich japsend zusammenkrümmte, sein Gesicht vor meinen Schuhen schützte, denn ich wollte ihm vor Hass und Eifersucht die Fresse eintreten, nach meinem Bein schnappte, es am Hosensaum erwischte, mich zu Fall brachte – da spritzte ich ihm Eisschnee in die Augen, und er schlug sich brüllend die Hände davor, während ich die Kurve kratzte. Ausgepumpt blieb ich stehen und hielt Ausschau nach Manuela, die aber verschwunden war, während Lothar mir schreiend, mit geballten Fäusten, Rache schwor, doch das kümmerte mich im Augenblick überhaupt nicht, nur die Frage, wo sie war, und ich wimmerte ihren Namen vor mich hin, fand ihre Fußstapfen, die im Neuschnee zum Wäldchen führten, wohin ich ihnen jubelnd folgte, geduckt wie Old Shatterhand beim Fährtenlesen, und die Spur führte immer weiter in die märchenhaft verschneite Landschaft, übers Heimgelände hinaus, ins Bundeswehrgebiet hinter der Rollbahn hinein, wo wir im Herbst Patronen gesucht und Krieg gespielt hatten, in die von richtigen Soldaten ausgehobenen Schützengräben gestiegen waren oder uns in den Bombenlöchern aus dem zweiten Weltkrieg verschanzt hatten, von denen die größten mit Wasser gefüllt waren, aus denen wir im Sommer Frösche und Salamander gefangen hatten, doch jetzt waren diese Tümpel unter einer schneebedeckten Eisschicht erstarrt, wie in dem Weihnachtslied: still und starr ruht der See, und nun begann auch der Schnee wieder leise zu rieseln – da hockte sie an einem vereisten Teich, in dem wir in der warmen Jahreszeit trotz des strengsten Verbots gebadet hatten, und zuckte mit den Schultern, wie ich betroffen bemerkte, während ich mich von hinten heranschlich, als ein Ast unter meiner Sohle knackte, worauf sie wie ein erschrecktes Wild auffuhr, durchs Unterholz brach, das von herunterstäubendem Schnee wie von einem weißen Schleier undurchsichtig wurde, in dem sie meinen Blicken entschwand, und als die Sicht wieder frei war, wagte ich nicht, ihr zu folgen, aus Angst, sie würde es mir nie verzeihen, wenn sie herausgekriegt hätte, dass ich es gewesen war, der sie weinen gesehen hatte.

Süßer die Glocken nie klingen, nein, süßer hatten sie nie geklungen als auf dem Weg zur Kapelle mit der Krippe, den handgeschnitzten Figuren, dem Negerjungen im Schneidersitz, der eine Verbeugung machte, wenn man ihm ein Geldstück in den Schlitz im Schoß steckte, wobei ich immer das Gefühl hatte, man trete ihm damit zu nahe, berühre ihn gar unanständig, wofür er sich auch noch verneigte, und über der Krippe, zwischen den im Tannengezweig festgesteckten Putten, leuchtete der Weihnachtsstern, der die Heiligen Drei Könige zum König nicht von dieser Welt geführt hatte: nackt, in Windeln gewickelt, gebettet auf Stroh, warmgehalten vom dampfenden Atem von Ochs und Esel – eins der anrührendsten Märchen, mit denen ich aufgewachsen war. Ich war ganz stolz, in meinem besten Anzug zu stecken, kniete, stand auf, kniete wieder, warf Seitenblicke zu Manuela, bleich wie der marmorne Engel, der den Hirten auf dem Felde die frohe Botschaft verkündete, und meine Gebete, die eigentlich an sie gerichtet waren, schienen nicht wie Abels Opferrauch zum Himmel aufzusteigen, sondern sich zu ihr hinzustehlen, aber sie wurden von ihr abgewiesen wie Kains Qualm, weshalb der Eiterpickel, der auf meiner Stirn erblüht war, mir plötzlich wie ein Sündenmal vorkam – da hatte ich in dieser für uns Kinder vorgezogenen Christmette die Erkenntnis, dass Gott nicht vorn im Tabernakel wohnte, sondern neben mir in ihr, eine ungeheuerliche Vorstellung, für die ich grausam mit ihrer Nichtachtung bestraft wurde.

Der Tagesraum, den wir O-Tannenbaum-singend betraten, wirkte wie illuminiert mit dem bis zur Decke reichenden Weihnachtsbaum, der von Engeln aus Silberfolie und bunten Kugeln im Kerzenschein funkelte, und die weißgedeckten Tische waren geschmückt mit goldenen Hexentreppen, die sich zwischen dem Sonntagsgeschirr hindurchschlängelten, sowie mit glitzernden Sternen und lichtsprühenden Blumen aus Glanzpapier, daneben die Pakete in buntflimmerndem Papier und Weihnachtsteller, überladen mit Süßigkeiten. Ich ging zu meinem Platz, den ein Schildchen mit meinem Namen bezeichnete, und frohlockte, als ich außer Robinson Crusoe und Lederstrumpf auch noch ein Transistorradio auspackte, das ich mir zwar gewünscht, aber nicht erwartet hatte, es auch zu bekommen: jetzt konnte ich endlich ungestört die Beatles hören, und ich sah mich freudestrahlend um, doch das Lachen verging mir, als ich Manuelas teilnahmsloses Gesicht erblickte, bleich und so schön in seiner kalten Erstarrung, dass ich auch erstarrte, schlagartig die Lust an meinen Geschenken verlor und ihm am liebsten Leben eingehaucht, mit einer Art Schneewittchenkuss Wärme und Farbe hineingezaubert hätte (so stellte ich mir die Züge der Schneekönigin vor oder die schönen Scheintoten aus den Gruselgeschichten von Edgar Allan Poe, die wir immer wieder auf Schallplatten gehört hatten) eisig und unerreichbar – doch Manuela band sich gleichgültig die neue Armbanduhr um, auf die ich jetzt sogar eifersüchtig war, hätte ich mich doch auch zu gerne, wie das Armband ums Handgelenk, mit meinem ganzen Leib um dieses Marmormädchen geschlungen und es mit meinen glühenden Gefühlen aufgetaut, den holden Engel mit lockigem Haar, den wir nun besangen, wobei die anderen den Jesusknaben meinten, ich aber Manuela, die auf einmal aufstand, erklärte, sie sei müde, und im Mädchenschlafsaal verschwand, was mich, plötzlich völlig niedergedrückt, ebenfalls dazu veranlasste, vorzeitig zu Bett zu gehen, mich unter der Decke zu verkriechen, sie zu umarmen und das Transistorradio an mein Ohr zu drücken.

Mit siebzehn hat man noch Träume, sang Peggy March, und ich konnte mir nicht vorstellen, jemals so alt zu werden: da wachsen noch alle Bäume – wieder hatte ich Lothar vor Augen, wie er seine Hand in die Hosentasche steckte und einen Steifen andeutete, aber jetzt hatte ich selber einen, auf den ich einschlug, damit er verschwinde, doch das machte ihn noch härter, so dass ich mir schließlich sagte, es sei nur eine Wasserlatte, aufstand und, zitternd vor Kälte (vielleicht auch vor Erregung, was ich jedoch verdrängte), zur Toilette durch die Dunkelheit tappte, vorbei am Tagesraum, aus dem Weihnachtsmusik drang, zum Roten Korridor, wo rechts, neben der Eingangstür, die sogenannte Tagestoilette lag. Dabei hätte ich es zu unserer Nachttoilette hinter dem Jungenschlafsaal viel näher gehabt, wurde mir nun klar, ebenso, dass ich keinen Harndrang verspürte, auch das Transistorradio mitgenommen hatte und eigentlich links abbiegen wollte, zum Mädchenschlafsaal: der reine Wahnsinn – da ging die Tagesraumtür auf, und ich hörte Schritte und huschte noch rechtzeitig in die gegenüberliegende Ecke, ehe jemand den Roten Korridor Richtung Toilette durchquerte. Nun schon mal hier, zog es mich, statt mein Bett wieder aufzusuchen, in den Gang links hoch zu ihr, unwiderstehlich, ja, ich war wie ferngesteuert, hatte keine Gewalt über mich, wurde vielmehr von einer fremden Macht vorwärtsgeschoben, stand plötzlich bibbernd an Manuelas Bett, die keinen Mucks von sich gab, hockte mich auf die Kante, tastete nach ihr, spürte die um ihren Leib festgezurrte Decke, stammelte: Hier, ein Weihnachtsgeschenk, und schob ihr das Radio darunter zu, wartete mit Herzklopfen auf ein Zeichen von ihr, doch sie stellte sich tot wie ein Tier in großer Gefahr, und ich erhob mich voller Scham. Mit der überraschenden Frage, ob ich Geld hätte, hielt sie mich zurück, und ich, wie angewurzelt in der Finsternis, wollte wissen wofür – das gehe mich nichts an, ich solle endlich abhauen, sagte sie scharf, worauf ich auf die Knie sank und zu ihrem Bett zurückrutschte, das ich knarren hörte, als werfe sie sich wütend auf die andere Seite. Hastig zog ich den Geldbeutel unter meiner Schlafanzugjacke hervor, in dem ich ungefähr zwanzig Mark verwahrte, meine ganzen Ersparnisse für die Sergeant-Pepper’s-Lonely-Hearts-Club-Band-LP, reichte ihr das Geld mit zitternder Hand, das, eins-zwei, daraus verschwand, erhob mich mühsam, denn meine Kniegelenke waren puddingweich, als sie unter der Decke hervorwuchs, mich mitten auf den Mund küsste, und verblüfft stellte ich fest, dass ihre Lippen salzig schmeckten: ich hatte mir immer vorgestellt, sie müssten süß wie ihr Teint sein, den ich mit Zuckerguss in Verbindung brachte.- Geh, sie kommen! zischte sie und stieß mich so heftig weg, dass ich auf das Linoleum krachte, dessen Bohnerwachsgeruch mir in die Nase stieg, als ich auf allen vieren davonkroch, weil ich nicht gleich hochkam – erst die Geräusche von draußen brachten mich auf die Beine, und ich floh durch den Hinterausgang zurück in den Jungenschlafsaal, wickelte mich in die Decke, als die anderen auch schon hereinkamen und sich lärmend auszogen. Endlich war es dunkel und still, nur in meinem Kopf nicht – da brach Manuela immer wieder aus dem Schnee ihrer Bettdecke hervor, und Peggy March sang in einer Endlosschleife, als hätte sie einen Sprung in der Platte: In den Himmel der Liebe.

Am nächsten Tag war Manuela verschwunden, und ich erschrak, als mir mein Radio einfiel, doch das war zu meiner Erleichterung auch weg, was ich trotz aller Verzweiflung als einen Hinweis darauf betrachtete, dass sie mein Geschenk angenommen hatte – meine Anbetung war also gewissermaßen wie Abels Opferrauch doch noch erhört worden und geradewegs zu ihr aufgestiegen. Ich flüchtete mich in den Lederstrumpf, wurde dann in meiner Phantasie als Robinson auf die einsame Insel verschlagen, nicht mit Freitag als Lebensgenossen, sondern mit Manuela, ging zwischendurch, wenn mir die Augen vom vielen Lesen brannten, kurzsichtig kniepend in die Kälte hinaus, hockte mich an den zugefrorenen Teich, wo sie gesessen hatte, drückte mein Gesicht in den Schnee, hatte Mitleid mit einem Spatz im Gebüsch, stellte mir Manuela ebenso verloren in der verschneiten Landschaft vor, frierend und einsam wie ich selbst, ach, was ein Kitsch, und ich ging bekümmert zum Heim zurück. Einmal erwartete mich die Nonne bei meiner Ankunft im Tagesraum, eröffnete mir, man habe Manuela aufgegriffen und in ein geschlossenes Erziehungsheim gesteckt, gab mir dann mit einer steilen Falte zwischen den gerunzelten Brauen mein Transistorradio zurück, das einen dicken Kratzer auf der Anzeigetafel hatte, ein Zeichen von ihr, die ich niemals wiedersehen sollte, und ich verdrückte mich, warf mich aufs Bett und drehte am Sender – da erklangen die Blechinstrumente, das Rasseln der Schellen, worauf der Chor einfiel: Love love love.

Beitrag vom 23 Dezember, 2008 (23:57) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


[bdn 12] Widerrede

20 Dezember, 2008 (18:52) | | tage-bau | Kommentieren

Was weiß ich, was Du wirklich fühlst?
Ich kann nicht einfach in Dich sehen!
Ich würde gerne zu Dir stehen,
Dir helfen, wenn Du Wunden kühlst,

Die Dir das Leben hat geschlagen.
Du musst mir sagen, was Du willst,
Auch wie Du Deine Sehnsucht stillst.
Du kannst nicht ständig dich beklagen,

Ich sei nicht fest an Deiner Seite,
Ich spürte nicht, was Dich verletzt.
Mich freute, wenn ich Dich befreite,

Von Deinen Zweifeln, hier und jetzt,
Und dass verging, was uns entzweite!
Ach, Liebste, schau nicht so entsetzt!

Beitrag vom 20 Dezember, 2008 (18:52) | Autor: Walther | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Tauschrausch

19 Dezember, 2008 (09:12) | | schrieb im tage-bau: | Kommentieren

Meine Finger haschen herrlich flink
und frech nach allem Albernem
und Sinn.
Kein schlechter Mensch, ich bin, weder verlegen, noch gehemmt.
Bei aller Leichtigkeit jedoch verbrennt viel Energie,
die andern orten fehlt, und strengt an.
Liege ich im Trend der Zeit?
In der das Leid des Einen die Freud des Andren ist?
In der man gerne mal Bescheid,
weiß aber,
dass man schnell wieder vergisst
und mit einem Zwinkern gern sein Gegenüber neckt
und sich heimlich drüber freut,
dass der nicht merkt,
was in ihm steckt?
Ich bin ein Dieb.
Von all meinen Talenten blieb mir nur noch dieses teuer.
Die mir abhandenkamen,
nahmen sich „gute“ Menschen an.
Das kann man sagen.
Fortwährend stehlen sich die Leute durchs Leben.
Geben und nehmen
dem Einen/Anderen etwas ab/weg.
Besonders nett,
wenn du etwas kriegst,
was du so gar nicht liebst.
Du staust es in dir an
und dann,
irgendwann,
gibst du es wieder ab.

Ich habe nicht gefunden, was ich finden wollte.
Sollte ich dem Mann,
was ich nicht brauchen kann, wiedergeben?
Es wäre keine große Sache,
mache ich es täglich doch.
Noch stehe ich ihm gegenüber,
meine Fühler tasten noch.
Hab ich genommen,
kann ich auch geben,
denn ist es simpel,
fast verlegen,
vor dem großen T kommt das big L eben.
Auch wenn es reibt und stört.

Was aber dann,
wenn ich dem Mann etwas entwendet hab,
dass ihm ein „Gutmensch“ gab?
Was in ihm lag,
schwer wie ein Stein!
Lass ich es dann nicht lieber sein?
Der Einfluss eines Jeden kann
gewaltig wirken
und Allen alles geben,
nehmen.
Manchmal reicht es, da zu sein.
Manchmal, zu verschwinden.
Manchmal ist es leicht,
ein andermal ein wahres Schinden.
Immer aber wird sich ein Stück bewegen.
Eine hausgemachte Wurst
von Leben mischt das Schicksal,
grobe oder fein.
Ein Gedanke: [Metzger müsst man sein.]

Ich bin kein schlechter Mensch.
Ich bin ein guter Dieb.
Und was ich krieg‘,
behalt ich lieb und trage es zu dir.
So ist nun mal mein Trieb,
dem deinen ähnlich.
Und allmählich
schmilzt die Grenze zwischen mir
und ihm
und dir
und dir.
Was ich riskiere,
riskieren wir.
Es wird gestohlen, geliebt und gelogen.
Hohle Phrasen zu Themen, die lähmen, mischen den Regenbogen zu Grau.
Nehmen das Leben all zu oft, gehofft auf später, nicht mehr so genau.
Bist du ein schlechter Mensch?
Nein!
Auch du bist nur ein Dieb,
den es wie jeden guten Menschen,
so wie mich,
durchs Leben trieb.

Beitrag vom 19 Dezember, 2008 (09:12) | Autor: Nico Fuchs | Rubrik: schrieb im tage-bau: | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


[bdn 51] Verzweigen eingestellt

18 Dezember, 2008 (12:09) | | tage-bau | 2 Kommentare

Es sprachen sich die Tannen ab
Ab heute das Verzweigen
Einzustellen

Die Lichter hätten
Auch zu sehr gestört dabei
Wer lässt sich schon
Beim Arbeiten gerne zusehn

Die Wege
Trugen Weiß
Hingepudert da
Gekörnt entlang der Furchen

Man sollte dieses
Weiße Tuch immer
Darauf liegen lassen
Mutmaßten Wohlwollende

Aber dann
Ja dann wäre
Andauernd Weihnachten

– für mone –

Beitrag vom 18 Dezember, 2008 (12:09) | Autor: Walther | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (2) Kommentare


Suizidale Anwandlung

18 Dezember, 2008 (09:32) | | alptraum/ego.wunde, lesung karlsruhe, netz@uge.nblick | Kommentieren

Die Frage, wie ich mich am besten aus diesem Leben schaffe, stellt sich mir in Abständen immer wieder. Dem zur Unerträglichkeit verkommenen Dasein entwischen. Wie das anstellen? Irgendwie assoziiere ich dabei eine große Sauerei: ich hinterlasse mich selbst als Kadaver – ungeheuerlich! Noch schlimmer: ich muss meinen Körper zu diesem Behufe versehren, will ich an das gewünschte Ziel gelangen. Muss ihm also Gewalt antun, sei’s durch Schnittwunden – gleich schwebt mir die um mich herum sich ausbreitende Blutlache vor, die meine treusten, schmählich von mir geschockten Hinterbliebenen dann auch noch wegwischen dürfen: nein! Oder der Sprung von einer schwindelerregenden Höhe und das Aufplatzen da unten. Apropos Zerbersten: wegspritzendes Hirn bei grässlich entstelltem Kopf nach einem Schuss in denselben – auch das widerspricht meinem ästhetischen Empfinden so sehr, dass ich schon deshalb lieber weiter lebe und leide, als mir und anderen eine derartige Schweinerei zuzumuten. Bleibt das Verhungern. Es kommt meiner Feigheit, mir Gewalt anzutun, ziemlich entgegen, ist es doch eine passive Sterbensart, allerdings eine, die äußerste Willensstärke voraussetzt. Eine Selbsttötung auf diese Weise verschont mich vor geschmacklosen Ausübungen an mir selbst, die ich ja noch nicht mal an anderer Kreatur vollbringen kann. Ich wollte mal ein angefahrenes Kaninchen am Straßenrand von seinem Leid erlösen – allein, ich konnte es nicht, fand keinen Prügel, es totzuschlagen, oder Stein, den Schädel mit dem Blut aus der Nase und dem großen Angstauge einzudötschen: lief weiter, das quälende Bild vor mir, nicht auszulöschen. Oh, Unappetitlichkeit des Handansichlegens! Wie angenehm die Vorstellung eines kafkaesken Hungerkünstlers, der sich immer mehr ätherisch auflöst. Zuletzt bleibt seine bis auf Haut und Knochen ausgemergelte Hülle, schon zu Lebzeiten so mumifiziert, dass der verbleibende Kadaver nicht das Schreckensszenarium des Verwesens durchläuft. Oder den Mut eines Empedokles aufbringen und beherzt in den Ätna springen – da steckt auch das Wort Äther drin: ich, ein kerzengerades Rauchopfer direkt gen Himmel, sozusagen symbolisch. Aber das ist unverantwortlich vereinfacht – zurück auf den Boden der Tatsachen! Abgesehen davon: schon das dräuende Gespenst der absoluten Einsamkeit lässt mich zurückschaudern. Wie will und kann ich das gnadenlose Alleinsein und Hindämmern in aller Abgeschnittenheit aushalten? Und es geht ja nicht wie in einer Geschichte: der Körper löst sich nun mal nicht einfach in Wohlgefallen auf, erst recht nicht in Wohlgeruch. Eine Moorleiche wäre immerhin noch eine Alternative: ich würde nicht verfaulen, und die Menschheit entdeckte mich im Idealfall nach einigen Jahrtausenden wieder und feierte mich als eine Art Ötzi, dem sie ein museales Mausoleum errichtete. Aber krud realistisch gesehen: Verrottung und Gestank ist des Leibes Los. Es geht eben nicht, wie so schön im Brahmsschen Requiem besungen: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras, und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen – das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen.“ Von wegen: kein duftendes Heu, dienstbar noch dem lieben, wiederkäuenden Vieh – vielmehr faulender Festschmaus der Schmeißfliegen oder feisten Maden, die sich in meiner Bauchhöhle und Hirnschale mästen, oh, wie mich übelt! Also bleibt mir nichts, als aus diesem finsteren Stimmungstief wieder herauszukommen und höheren Mächten mein Schicksal zu überantworten. Sei’s drum: Arsch hoch, und hopp!

Beitrag vom 18 Dezember, 2008 (09:32) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: alptraum/ego.wunde, lesung karlsruhe, netz@uge.nblick | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Erst gestern

17 Dezember, 2008 (21:01) | | tage-bau | Kommentieren

Es war erst gestern, als ich letztens träumte,
Du gingest mit mir in die weite Welt.
Das Dasein schien mir wie ein Feld bestellt,
Das hegend eine Hecke schützend säumte.

Was braucht der Mensch zum guten Leben: Geld?
Braucht es nicht vielmehr Glück, das überschäumte?
In aller Ordnung ist das Aufgeräumte,
Das Klare. Wasser, das über Steine schnellt:

Der wilde Wechsel ist’s, der atmen macht!
Ich gehe mutig mit Dir an den Stränden,
Die Wellen brechen, Sturm bringt schwere Fracht.

Wir fassen uns wie immer an den Händen
Und streichen uns die Wangen zart und sacht.
Wir werden unser Schicksal glücklich wenden.

– für Mone und ihren Liebsten –

Beitrag vom 17 Dezember, 2008 (21:01) | Autor: Walther | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Über die Selbsteinschätzung angehender Dichterfürsten

16 Dezember, 2008 (19:00) | | beautiful people | Kommentieren

Es sieht sich auf dem Dichterthron
Sogleich der junger Dichter schon.
Er denkt: Die Kritiken, ein Hohn.
Er trifft den Ton doch, jeden Ton.

Er wirft hinaus viel Wort an Wort,
Bewirft die Kunst bis zum Abort,
Wirft manchen Vers dabei weit fort
Und meint, er sei der Lyrik Hort.

Er kennt den Reim nicht, keinen Takt,
Es holpert wie im Katarakt,
Das Stolpern ist für ihn kein Akt,
Der freie Vers hat ihn gepackt.

Den Sinn verbirgt er meisterhaft,
Weil er recht gern Verwirrung schafft.
Und wenn man, was er schreibt, nicht rafft,
Fehlt es nur an der Geisteskraft.

Dem Dichter, der an sich fest glaubt,
Dass es total den Atem raubt,
Gefällt’s, was er zusammenschraubt:
Es ist die Zukunft. Überhaupt

Hat keiner doch wie er Talent
Und die Moderne längst verpennt.
Er ist der Stern am Firmament:
Welch Pech, dass man ihn so verkennt!

Beitrag vom 16 Dezember, 2008 (19:00) | Autor: Walther | Rubrik: beautiful people | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Blut fürs Herz (3)

16 Dezember, 2008 (08:30) | | tage-bau | Kommentieren

Lena presste die Hände auf ihren Mund, um sich durch ihre Laute nicht zu verraten. Dieser Stich in ihrem Herzen war von solcher Wucht, dass ihr die Knie versagten. Victor hatte seine Arme um ihren Oberkörper gelegt, drückte sie an sich. Für den Verstand einer Ärztin, war diese Vorstellung zu viel, zu unfassbar.
„Verdammt noch mal, rede endlich!“ Manuels Brüllen erschien Lena wie das Bohren in einer offenen Wunde. Sie musste eingreifen. Unmöglich konnte sie zulassen, dass Manuel Traian weiter folterte. Victors Griff lockerte sich kein bisschen. Anfängliches Ächzen aus dem Raum entwickelte sich zu einem erneuten Schrei, der Lena um den Verstand brachte.
„Deine Sturheit wird dir nichts nützen.“ Manuel klang verbittert. „Wir kommen wieder.“ Schritte hallten erneut über den Gang, bis sie in der Weite verklungen waren. Nach Lenas Empfinden hielt Victor sie eine Ewigkeit zurück, bis sich sein Griff endlich lockerte. So schnell wie ihre weichen Knie sie trugen eilte sie in den Raum zurück. Erfolglos kämpfte sie gegen ihre Tränen. Das frische Blut auf dem angetrockneten machte ihr deutlich, dass Traian diese Qual schon mehrmals hinter sich haben musste.
„Traian?“ Sie legte ihre Hände auf seine Wangen. „Hörst Du mich?“ Er öffnete phlegmatisch die Augen. Lena zog die Hände zurück. Seine braunen Augen waren gelb geworden, erinnerten an ein Monster.
„Oh mein Gott“, glitt ihr ungewollt über die Lippen.
„Das ist der Blutverlust.“ Victor zog Traians Augenlid weit zurück, als suchte er etwas. „Verdammt!“ Victor atmete tief, sah zu Lena.
„Was?“ Ihr Herz schlug vor Anspannung viel zu schnell. Traian lag da, bewegte sich nicht, auch seine gelben Augen starrten nur an die Decke.
Victor antwortete nicht, presste seine Linke auf Traians Mund und zog mit einem Ruck das Messer aus dem Körper. Traians Oberkörper bäumte sich wie ein Bogen auf, sein Schreien blieb in Victors Hand gefangen. Für Lena war dieser Anblick bewegender, als alles was sie jemals gesehen hatte. Sein Leid warf dunkle Schatten auf ihre Seele.
„Sieh nach, ob die Luft rein ist. Wir verschwinden hier.“ Victor stemmte sich Traian über die Schulter. Noch immer hatte Lena weiche Knie, allerdings gab ihr der Gedanke Traian hier fortzubringen Kraft. Es war niemand zu sehen, so lockte sie Victor hinter sich her. Sie hatte an jeder der sieben Etagen, die unter den U-Bahn Schächten lagen, einen Kreidestrich hinterlassen, auch an jeder Tür und an jeder Ecke hatte sie eine Markierung gesetzt. Dass es hier unten ein solches Labyrinth gab, hatte sie nicht vermutet. Traian begann leise zu stöhnen. Lena wandte sich um. Sie hatte keine Erfahrung, keine Kenntnis was ein Vampirkörper vertragen konnte, bis auch dieser am hohen Blutverlust starb.

Beitrag vom 16 Dezember, 2008 (08:30) | Autor: Angela Planert | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


[bdn 21] Ein Quantum Trost

13 Dezember, 2008 (18:46) | | tage-bau | Kommentieren

Ich suche nach dem Quantum Trost
Im Lebensleid, das in mir tost.
Das macht die Winterdepression.
Sie ist die einzige Passion,

Die mir mein dröges Dasein ließ.
Ich fühl mich alt. Ich fühl mich mies.
Weil ich mich gerne darin suhle,
Mir freudlos in der Nase pule,

Vermiss ich dieses Selbstmitleid
So in der hellen Jahreszeit.
Just, wenn die Nächte länger werden,
Beginnt die Seele mit Beschwerden,

Den Tag mir bitter zu versüßen.
Ich muss das mit der Trauer büßen,
Mit Träumen voller Angst und Sorgen
Bis in den späten, grauen Morgen.

Am Tag bin ich total erschlagen,
Darf ich mich immerzu beklagen,
Dass grau die Welt ist und so schlecht.
Selbst dies jedoch ist mir nicht recht.

Der Spaß am Jammern ist vergangen.
Ein halbes Quäntchen tät“ schon langen.
Ernüchtert such ich und erbost
Im Schneegestöber nach dem Trost.

Beitrag vom 13 Dezember, 2008 (18:46) | Autor: Walther | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Fest im Griff

13 Dezember, 2008 (17:25) | | terrere est humanum? | Kommentieren

Es weihnachtet mit voller Wucht,
ein jeder nach Geschenken sucht “
hetzt herum mit großen Taschen,
um die Schnäppchen zu erhaschen.

Der Winterwald liegt leicht verschneit,
die Tännchen stehen startbereit “
Mensch schafft und kocht, macht klinisch rein,
selbst abends noch bei Kerzenschein.

Von überall tönts „Stille Nacht“,
kaum einer, der im Stress noch lacht “
selbst Oma hält jetzt wacker Schritt,
rackert und wienert tüchtig mit.

Und ist es endlich dann soweit,
Bescherung, Frohe Weihnachtszeit! “
Sind alle fertig mit der Welt,
man Sattsein für Besinnung hält.

Beitrag vom 13 Dezember, 2008 (17:25) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: terrere est humanum? | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Gut und Böse

13 Dezember, 2008 (10:16) | | tage-bau | Kommentieren

Der gute alte Western. Amerikanischer Mythos, wo Gut und Böse noch klar unterschieden sind: man weiß, wer totgeschossen gehört, ist doch der Gute immer sympathisch. Hingegen die Schlechten: wie sie schon aussehen! Erst mal zurück zu den Guten: Pfundskerle! Strahlemann Siegfried – sein Gegenspieler: Finsterling Hagen. Eindeutig: kraft der Macht des Vorurteils – pardon, des Göttlichen, des Rechts überhaupt (fragt sich allerdings, wer es aufgestellt hat) und des Richtigen an sich (wer wagt, daran zu zweifeln, wird ebenfalls erschossen!), also kraft aller nur erdenklichen Höchstheiten ist das Gute klar wie Kloßbrühe und das Böse eindeutig wie einäugig. Selbstredend setzt sich das Positive letztendlich durch. Hier ist das Happyend so sicher wie das Amen in der Kirche. Notfalls hilft ein Deus ex machina etwas nach, heißt er nun Zeus, Jahwe oder Verfassung. Und deren Vollstrecker haben auch verschiedene Namen: Sankt Michael und seine Mannen, selbstherrliche Sheriffs à la Wyatt Earp, Doc Holliday oder Richter Gnadenlos und Minister Nulltoleranz. Lichtgestalten sind es, so attraktiv, wie sie instinktiv wissen, was Gerechtigkeit ist, nämlich etwas jenseits aller egoistischen Interessen, darum absolut wahr und so rein wie ihr Auftritt: frisch nach Brillantine duftend, selbst nach den ärgsten, schweißtreibendsten Schlägereien für Recht und Ordnung, unterlegt mit der Note eines herben, den kerligen Kerl gleichsam unterstreichenden Eau de Toilette – nicht zu verwechseln mit Wasserabschlagen im Urinal, nein, das machen nur die schmuddelig Bösen. Die überhaupt! Also, erst mal ganz klar vorweg: Verbrecher, Punkt. Hässlich sind sie, logisch, und unrasiert und ungewaschen, auch logisch, und scheeläugig und gemein und hinterhältig, erst recht logisch, und bocksbeinig und ziegenschwänzig und teufelsgehörnt und und und! Wenn nicht immer äußerlich, so doch umso sicherer innerlich. Das Perfide ist ja, dass die sich auch tarnen! Vorsicht also vor den unsichtbaren, versteckten und verheimlichten Lust- und Raubmördern. Und wer es noch nicht geworden ist, hat derlei Möglichkeiten in sich: Potenzen des Satanischen. Es gibt Merkmale, sie zu entlarven, und ehe der Schweinehund oder Teufel in ihnen zum Ausbruch kommt, sollten sie prophylaktisch entsorgt oder mindestens dingfest gemacht werden, damit sie weder unseren persönlichen Leib noch den Volkskörper allgemein beschädigen, beschmutzen oder sonstwie schänden können, was aufs gleiche rauskommt. Wenn schon nicht ausgemerzt – man macht sich ja nicht gemein mit den Unmenschen – dann wenigstens sicherheitsverwahrt, und zwar für immer! Sogar wenn diese raffinierten Chamäleons und Weltmeister im Tarnen noch gar nichts verbrochen haben, bloß damit wir nichts gegen sie in der Hand haben – nicht mit uns: Rü-be ab! oder, abgemildert, vorsorglich der finale Rettungsschuss. Notfalls müssen wir, Werkzeuge Gottes, auch mal als stellvertretender Deus ex machina einspringen und nachhelfen, damit die Sache rund läuft: verhetzen, denunzieren, Existenzen vernichten, die gefährlich werden könnten – warum wird sowas nicht anerkannt, dient es doch dem Gemeinwohl! Da sieht man mal wieder die Pfiffigkeit der Bösen: sie drehen es so, dass wir zuletzt als kriminelle Elemente dastehen. Unerträglich. Ach, ich träume von einer neuen Welt mit Vorbildern wie den Revolverheld in Nadelstreifen, der etwas wehmütig den Rauchkringel vom glühenden Lauf seines Revolvers bläst, ehe er ihn lässig ins Halfter gleiten lässt: geil! Und seht nur, die feschen Herren aus Wirtschaft und Politik: sie riechen nach dem teuersten Eau de Toilette – und wie stinken dagegen die Penner! Ergo: ist doch klar, wer das Schwein ist.

Beitrag vom 13 Dezember, 2008 (10:16) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


warteschleife

13 Dezember, 2008 (00:51) | | rausch (zustände) | Kommentieren

ausgeträumt
die lichten momente
im olymp

halbiert

was uns verschränkt
ohne matrix

in farb “
loser demut
trotz aller
nüchternheit

wünscht sie sich
jenen zauberschweif

unterm wintermond
glashart
und sahnig
mit einem hauch
muskat

auf feuchten kissen

Beitrag vom 13 Dezember, 2008 (00:51) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


[bdn 21] Denkste schwenkste

12 Dezember, 2008 (14:54) | | tage-bau | Kommentieren

Wenn einer denkt, dass er schlau denkt,
Dann ist er längst schon abgehängt,
Defokussiert, weil abgelenkt.
Der Arme wird rasch abgedrängt.

Wenn einer schwenkt wie jeder schwenkt,
Dann wird er ziemlich eingezwängt.
Der Schwenker wird leicht ausgerenkt,
Wenn er beim Schwenken zu sehr drängt.

Drum sei geraten, nicht zu denken,
Dass einem andere was schenken.
Man könnte längst am Haken hängen.

Beim Schwenken mit der Mehrheit Schwenken,
Das könnte leicht den Kopf ausrenken.
Ein kluger Schwenker wird nie drängen.

Beitrag vom 12 Dezember, 2008 (14:54) | Autor: Walther | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Kleinigkeiten

12 Dezember, 2008 (11:12) | | schrieb im tage-bau: | Kommentieren

Ein neues Leben,
– – von mir entdeckt – –
wie viel Befriedigung im Ding
und ich ging vorsichtig heran,
in einer solchen Sache steckt.
Ganz nebenbei
und gänzlich frei von Unzulänglichem,
dessen Tenor ehe nicht verstanden wird,
weil keiner mehr
dem Kleinen mehr
Bedeutung schenkt,
weil all die Energie sich lenkt
auf Großes,
wunder,
bunter,
… aber gut, ich schweife ab.
Heut geht’s mir klüger.
Knurrt mir der Magen nicht,
so bin ich satt.
Statt mich zu mästen mit den Resten derer,
die mir eh nur auf die Pelle rücken wollen,
leg ich mich glatt hin
und bin zufrieden,
mit dem Blick auf ein Stück „Leben“.
Eben das,
was ich gerade hab entdeckt,
wie viel Befriedigung im Ding
und ich ging vorsichtig heran,
in einer solchen Sache steckt.

Beitrag vom 12 Dezember, 2008 (11:12) | Autor: Nico Fuchs | Rubrik: schrieb im tage-bau: | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Gedankenfetzen 3

11 Dezember, 2008 (00:55) | | tage-bau | Kommentieren

Wenn Gott die Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat – was muss das für ein Gott sein!

*

Zählt die Qualifikation mehr als das Können, spricht das nicht für die Qualität.

*

Nicht Gott ist tot, sondern die Vorstellung von ihm, weil nur sterben kann, was gelebt hat.

*

Liebe: ich, in Eisenspäne zerbröselt, begegne einem Magneten.

*

Die meisten halten das Denken für eine Art Rechnen mit dem Taschenrechner und kommen nicht auf den Gedanken, mal was im eigenen Kopf auszurechnen.

*

Wie ich auf die Lösung komme, ist egal – wenn sie nur stimmt.

*

Wer meint, man komme mit der richtigen Methode zwangsläufig zum richtigen Ergebnis, geht von falschen Voraussetzungen aus.

*

Wenn das Unglück hereinbricht, betäubt einen schon die zerstörerische Urgewalt – wirklich arg ist der Moment der Erkenntnis vor seinem Ausbruch: das ist mit Blutschwitzen gemeint.

*

Ein Paradox erscheint den Einfachgestrickten als Lüge: sie können sich nicht vorstellen, dass etwas zugleich auch sein Gegenteil sein kann.

*

Viele verwechseln Leichtigkeit mit Leichtsinnigkeit – dabei ist Leichtigkeit das Schwerste.

*

Unvorstellbar, welche Voraussetzungen für einen Gedanken nötig sind.

*

Jeder Fensterputzer benötigt eine mehrjährige Ausbildung, aber Politiker wechseln flugs in die komplexesten Ressorts.

*

Bevor Politiker anderen Befähigungsnachweise abverlangen, sollten sie sich selbst erst mal qualifizieren.

*

Was sich ein Dummer in den Kopf setzt, kriegen alle Klugen nicht mehr heraus.

*

Charakterstärke ist oft nichts weiter als Geistesschwäche.

*

Ein Arschloch ist nie allein – er hat noch eins.

*

Arschkriecher müssen schon von Natur aus schleimig sein – sonst kämen sie ja nirgends hinein.

*

Fäkalsprache – verbale Analphase.

*

Wenn man einem nicht direkt eine reinhauen kann, jubelt man ihm indirekt Tiefschläge unter: Schmähungen und Lügen sind ideale Knüppel dafür.

*

Wenn Grundsätze zu Sprengsätzen werden.

*

Kein Argument kommt gegen eine Meinung an – nur eine andere Meinung.

*

Wichte, die einen großen Gegner scheuen, zielen aus dem Hinterhalt auf seine Beine, und kommt er zu Fall, spielen sie sich als David auf, der Goliath gefällt hat.

*

Ich lass mir kein X für ein U vormachen, aber auch kein U für ein X.

*

Schicksalsmächte? Ach was: Dummheiten!

*

Am besten kann ich mich durch meine eigene Intoleranz in andere hineinversetzen: darin ähneln wir uns am meisten.

*

Auf eine Provokation nicht zu reagieren, ist so, als hätte ich dem anderen die Pointe verdorben.

*

Nicht der Geschlechtstrieb ist schlimm, sondern das, was daraus gemacht wird.

*

In allem steckt eine Wahrheit – besonders in der Lüge.

*

Erinnerung: Müllkippe der Vergangenheit.

*

Verdreht: Christus, der Gegeißelte, wurde zur Identifikationsfigur einer Herrschaft, die die ganze Welt geißelte.

*

Die einen wollen etwas auf den Punkt bringen und die anderen nur den wunden Punkt von etwas treffen.

*

Ich selber bleibe meistens ruhig – nur mein Bleistift gerät oft in Rage.

Beitrag vom 11 Dezember, 2008 (00:55) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


[bdn 22] Regierung geschüttelt umgerührt

9 Dezember, 2008 (19:14) | | tage-bau | Kommentieren

Wie kann man nur das Tagen wagen,
Wenn andere an Tragen klagen?
Soll’n wir das ohne Klagen tragen,
Dass die da ohne Wagen tagen?

Die oben hört man wustvoll labern,
Mit Sprüchen, die nur lustvoll wabern.

Was nützt’s, wie die da sich gerieren,
Stets schwafeln und sich nicht genieren,
Dabei Verantwortung negieren?
Regierung, heißt es, sei regieren.

Beitrag vom 9 Dezember, 2008 (19:14) | Autor: Walther | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


[bnd 21] Abzweig

8 Dezember, 2008 (12:40) | | tage-bau | Kommentieren

Er steht an eines Pfades schmalem Abzweig
Und schwankt: In welche Richtung geh ich weiter?
Er hadert mit sich: Bin kein Wegbereiter!
Nach oben geht sein Blick. Kein Fingerzeig.

Er ist allein und fürchtet wie kein Zweiter
Den Berg. Dass ich mich nicht in ihm versteig,
Das wünscht er sich und flucht leis. Schweig!
So ruft er sich zur Ordnung. Wär’s gescheiter,

Würd er den leichten Weg ins Helle nehmen?
An seinem Ende wartet dort auf ihn das Nichts.
Viel stärker als die Feigheit schmerzt das Schämen,

Dort wartet der Verlust der Ehre, des Gesichts.
Er wird sich fassen. Selbst wenn Höllen kämen,
Wählt er den Weg der Pflicht und des Verzichts.

Beitrag vom 8 Dezember, 2008 (12:40) | Autor: Walther | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Max und Moritz

8 Dezember, 2008 (05:36) | | tage-bau | Kommentieren

Wie ist das mit Max und Moritz? Ihre Streiche werden als etwas Schlechtes, Unerhörtes dargestellt. Vielleicht sind sie aber nur Reaktionen auf Repressionen. Es heißt, Hunde werden erst scharf gemacht – und Kinder schlimm? Was, wenn ihre Untaten die Antwort auf vorher selbst erlittenes Unrecht waren? Warum werden die beiden nur so streng zur Rechenschaft gezogen? Sie sind doch unmündig, werden zumindest dafür erklärt. Sollen sie für ihre Unreife büßen? Feine Doppelmoral! Diese kleinen Barbaren sind Produkt einer Erziehung. Und die hält sie klein, dumm – damals war sie ein sadistisches Unterdrückungsinstrument gegen Heranwachsende. Das verkorkste Ergebnis haben also die Straf- und Rachsüchtigen selbst hervorgebracht.
Es ist ja auch nicht recht, der armen Witwe Bolte die Hühner zu stehlen, dem Schneider Böck die Brücke anzusägen oder dem Lehrer Lämpel so arg mitzuspielen und Pulver in den Pfeifenkopf zu schütten. Später gab es Wirrköpfe, die Sprengsätze legten: aus Hass auf das verlogene Establishment, das wie die deutsche Eiche fest im braunen Boden wurzelte. Doch ich kann die Bubenstücke von Max und Moritz auch als einen aufbegehrenden, subversiven Akt betrachten: eine vielleicht makabre, aber nachvollziehbare Gegenwehr gegen diktatorische Erwachsene. Die haben sogar, zumindest in der Geschichte, die Todesstrafe für diese Minderjährigen parat: sie werden gebacken, in den Mühlentrichter hineingeworfen, kommen als kleingeschrotete Körner wieder heraus und werden sogleich von des Müllers Federvieh aufgepickt. Na, wenn da nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird: nicht Auge um Auge, sondern Knabenbein um Hühnchenschlegel – wer ist denn eigentlich ärger als diese Lümmel? Dagegen kommen mir die Maikäfer in Onkel Fritzens Bett ziemlich harmlos vor. Vielleicht haben die Jungen außer Hunger und Quälerei nicht viel mitbekommen und deshalb auch nicht mehr zu zurückzugeben. Ach ja, wie auch im Struwwelpeter, sollte den Rotzlöffeln mit der eindringlichen Darstellung von drakonischen Strafen jegliche Renitenz ausgetrieben werden.
Wilhelm Busch, der Autor, geht mit ihnen streng ins Gericht, nicht aber mit den sie bevormundenden Erwachsenen. Er soll sein Leben lang Junggeselle gewesen sein. Provozierten ihn vielleicht solche aufmüpfigen, pubertierenden Bengels? Signalisieren sie doch erwachende Sinnlichkeit und erotisches Gären: das, vermischt mit ihrer Dreistigkeit, lässt den Ausbruch aus dem Sittenkodex und den Einbruch rebellierender Anarchie befürchten – wenn das nicht zum Säuern bringt!
Auch heute werden randalierende Jugendliche auf offener Straße von Ordnungskräften zur Strecke gebracht. Und wie sich die Erwachsenen dann wundern: als hätte da ein Funke eine Wut zur Explosion gebracht, von der sie keinen Schimmer hatten!

Beitrag vom 8 Dezember, 2008 (05:36) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


klangwelten08

7 Dezember, 2008 (22:16) | | tage-bau | Kommentieren

http://www.sylviahagenbach.de/wp-content/uploads/2008/12/klangwelten08.jpg
wie schnell dieses jahr verging. schon wieder saßen wir in der kirche und es schien als hätte die pferdekopfgeige nie in ihrem kasten gelegen,als hätte engkh jargal nie aufgehört gänsehauttöne zu singen, als wären wir einfach sitzen geblieben und hätten ein jahr lang gelauscht von morgens bis abends und nächtedurch diese musik getrunken und durch uns hindurch gelassen neu zu beginnen und ach und es hört auch nicht wirklich auf in meinem kopf laufen sie noch immer im kreis die töne die klänge die beats der wagogo-ladies das blubbern der jatinder thakur tabla die kaval-, gedulka- und dudelsacktöne von nikola parov die kora die stimme von tata dindin die harfen von oppermann – auch die namen musik auch die menschengestalten die schönen frauen und männer musik musik und

Beitrag vom 7 Dezember, 2008 (22:16) | Autor: Sylvia Hagenbach | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


[bdn 21] In and out

7 Dezember, 2008 (15:01) | | tage-bau | Kommentieren

Heut früh ist er komplett neurotisch
Weil schlecht geschlafen einfach platt
Weiß nicht worans gelegen hat
Das Leben fühlt sich wie idiotisch

Er isst gesund und voll biotisch
Sein Müsli Milch und Äpfel satt
Trinkt Grüntee denn er fühlt sich matt
Banane schmeckt so voll exotisch

In ist nur der der hart sich stählt
Beim Situp bis auf 100 zählt
Den Macho gibt den Seelenrowdy

Das Harr gestriegelt und gegelt
Die Kleidung out Frisur verfehlt
Rennt er hinaus und in den Audi

Beitrag vom 7 Dezember, 2008 (15:01) | Autor: Walther | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Rotkohl

7 Dezember, 2008 (14:14) | | schrieb im tage-bau: | Kommentieren

Einmal
fiel ich auf
und der Länge nach hin, mit einer wunderbaren Wucht
und einer zauberhaften Flucht nach vorn,
als wär das eben, der Sturz und der Schmerz,
gar nicht geschehen.

(Wer hat’s gesehen? __ na?, wir verstehen!))

Erst wieder in der Bahn
bemerkte ich das Tropfen, rot, du liebe Not
und in Mengen, die wie, … Widerlich da waren.
Noch zwei Stationen musste ich fahren
und Haltung bewahren.
Es lief in die Tüte. Meine Güte, dick und dunkel,
nicht mehr weit bis nach Haus, reichte es,
um etwas zu gerinnen.
Zwei vor mir, noch weit entfernt,
musste ich unbedingt schaffen.
Sie wollten auch ins Haus mit den roten Streifen.

»Ach Scheck…«
»Ja! Ich bin auf- (geflogen) hingefallen.«
Sie drückten den Etagenknopf am Aufzug.
»Und« mein Mund war ganz trocken »meine Wohnungstür?«
»Ich geh’ mit raus«, sprach er. Sie blieb im Lift
und blockierte die Tür für die paar Sekunden.
»Danke«

Vorab im Bad, grob abgespült, hatt’ ich im Flur erst den Salat.
Aus der Tüte holte ich, was ich sonst niemals kaufte,
ein Glas Rotkohl, angeplatzt, aber noch ganz.
Kartoffeln im roten Glanz legte ich in die Spüle.
Und die Tüte vom Boden?
Hob ich auf und überall im Flur
verwischte roter Saft den Boden der Tatsachen.

Dann mochte ich nicht mehr leiden
und die heiklen Dinge für diesen Tag meiden.
Ein Glas mit rotem Wein ließ ich fein, verbunden,
in meinen wunden Körper rinnen.
Wohlig, ruhig und von Sinnen schlief ich ein.

Am nächsten Morgen, voller Sorgen, die Nachbarschaft,
nach den Spuren vom vorherigen Abend im Flur,
an der Tür und deren Rahmen,
stellten sie seltsame Fragen.
Was sollte ich sagen?

Letztlich wurde alles hygienisch weggewischt

Beitrag vom 7 Dezember, 2008 (14:14) | Autor: Nico Fuchs | Rubrik: schrieb im tage-bau: | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Im Jahr der Kartoffel

6 Dezember, 2008 (23:40) | | tage-bau | Kommentieren



papa
 papá
    patata
       kartoffel
         el papá de las papas
             papas de perú
                       papapapapapapapapapapap
                                    sagen sie beim essen
                                              papperlapapp
                                                      ich esse sie
                                                            die kartoffel 
                                                                      aus den anden

                                                         der mond selbst              die sonne die erde
                                      mein kopf in den wolken    eine verschrumpelte kartoffel                           
                                  mein kopf die kartoffel             siehst du ihre augen    
             und wenn ich mich einrolle                             mond und kartoffel und ich                       
                                   augenmond mit keimlingen   ein und dasselbe                                                             
                                                      lächelt weise der mond                                                                                          
                                                                
                                                                                      

Beitrag vom 6 Dezember, 2008 (23:40) | Autor: Hartmut Sörgel | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


fragmente

6 Dezember, 2008 (12:58) | | rausch (zustände) | Kommentieren

das flackern im kamin
belebt
jene sommerfrische
in den bergen

fliegenfischen
lagerfeuer
mundvoll atemlos
zeit für reife
beeren

jemand ruft
einen namen
die hände geformt
zum megafon

sein lachendes echo
sprüht funken
und verhallt
zwischen den seiten
des buches

auf ihren schoß fällt
der blasse duft
wilder rosen

achtsam
legt sie all das zurück
an seinen platz

bevor
dieses leise flüstern
wispern
unter der haut

verlischt

Beitrag vom 6 Dezember, 2008 (12:58) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Gedankenfetzen 2

5 Dezember, 2008 (11:32) | | tage-bau | Kommentieren

[Ich führe stets ein kleines schwarzes Minibüchlein mit Blankoseiten bei mir sowie einen Bleistiftstummel mit Alukappe, der gut in jede Hosentasche passt. Denn oft kommen mir Gedanken und Einfälle, die so schnell wie Sternschnuppen wieder erloschen sind. Und dann weiß ich nicht mehr, was es noch gewesen war. Gehört das nun in die Rubrik Tagebuch, Aphorismus, Kurzprosa oder Sudelbuch? Je nach Stimmung, kann ich sehr bissige oder sentimentale Gedanken haben. Manchen werden sie unangenehm sein, ja, sie fühlen sich vielleicht sogar von ihnen belästigt – da hilft nur eins: gar nicht erst in sich hineinlassen. Ich kann versichern: der Stachel mancher Sentenz ist durchaus gewollt – wer sich dran sticht, sollte das allerdings selbst verantworten.]

Er mag ein kluger Kopf sein – das hindert mich nicht, meinen eigenen zu benutzen.

*

Mein Bleistift: Blitzableiter meiner Geistesblitze aufs Papier.

*

Sex: den einen erscheint er als dreckig an sich – die anderen waschen sich einfach danach.

*

Alles satt haben: eine andere Art von Hunger.

*

Onanie: Leibwerdung einer erotischen Phantasie durch die eigene Hand.

*

Der Selbstmörder legt Hand an sich – der Onanist auch: jener schafft sich aus einem hoffnungslosen Zustand heraus – dieser in einen illusorischen hinein.

*

Der Selbstgerechte ist ungerecht gegen andere – der Selbstlose gegen sich.

*

Tabuverletzung: Respektlosigkeit gegen Vorurteile.

*

Ich scheue mich, vom Heiligen oder von Genie zu sprechen – es fördert den Aberglauben ans Überirdische.

*

Märchen sind hilfreich, solange man sie der Phantasie zuordnet, aber fatal, wenn man sie für wahr hält.

*

Phantasie hat einen tieferen Wahrheitsgehalt als Realität, obwohl diese wirklich ist – jene aber ist offen für alles.

*

Eine Art von Intoleranz akzeptiere ich: die gegen Intoleranz.

*

Tugend: ein Bremsklotz – Laster: ein Transportmittel.

*

Politiker wirken darum so dumm, weil sie das Ausmaß ihrer Entscheidungen meist nicht ermessen können.

Beitrag vom 5 Dezember, 2008 (11:32) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Noch ein Spaziergang

4 Dezember, 2008 (23:29) | | tage-bau | Kommentieren



                      Der Blattteppich 
                    knistert
                  Die Morgensonne 
                              strahlt 
                                durch den Wald
                         an Zweigen hängen
                     gefrorene Tropfen                      
                           In kahler Erle
                                     ein Ahornblatt

                Grauer Horizont
          Häuser, Bäume, Schornsteine       
                    Flimmernder See
                                 zerreißt die Landschaft
                                       in Fetzen

Beitrag vom 4 Dezember, 2008 (23:29) | Autor: Hartmut Sörgel | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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