Beiträge im Jahr 2004

à propos schönheit…

28 Dezember, 2004 (20:17) | | tage-bau | Kommentieren

weihnachten 04
oder das vermutlich ewige leben der barbie-puppen

es ist schon einigermaßen unheimlich, wie lange man über die feiertage so ganz aus der welt sein, will meinen 4 volle tage komplett paralysiert nur noch auf sofas sitzen kann…
weihnachten: das ist vollständig weg sein, auf sofas sitzen und essen und wieder auf den sofas sitzen und wieder essen; sich perpetuum mobile „mäßig perpetuierendes vegetieren in einer gefühlten endlosschleife oder so…
diesmal gab es bei eigenen und bei den schwieger-eltern sogar die gleiche menü-folge; ente, raclette, ente raclette (also erster tag : ente, zweiter : raclette).

und vier tage keinen vollständigen satz geredet, denn inzwischen gibt es auf beiden seiten kinder, aber das ist süß, doch ehrlich, das ist sehr süß und kann sehr wohl so eine tante wie mich im 48 stunden- weihnachts und familien marathon voll ausfüllen…

also auf sofas sitzen und essen und – kinder bespaßen!
mit hingabe fütterte ich zwei tage lang meinen winzigen, ersten „echten“, das heißt „leiblichen“, neffen mit diversen breichen: neffchen sperrte immer wieder wie ein vögelchen im nestchen brav sein schnäbelchen auf und tantchen führte weitgehend unfallfrei ein: kiwi-banane, linsen-reis, karotten-ingwer-matsch und wieder von vorne… das heißt dazwischen wurde geschlafen und “ die kurzen zeitfenster der wachphasen kreativ-destruktiv nutzend “ omas üppige strohstern-weihnachts-dekoration zerrupft…

an den folgenden zwei tagen spielte ich mit meiner nicht ganz so echten, da nur „angeheirateten“ nichte (das heißt vielmehr bin ich die angeheiratete tante!).
wir spielten – auf nichtes unmissverständliche anordnung hin – vorwiegend mit den langbeinigen plastikmonstern, die mir aus fernen kindertagen noch wärmstens vertraut: barbie-puppen.

ja, barbie-puppen! es gibt sie “ natürlich oder eher widernatürlich? “ jedenfalls noch immer.
und meine nichte hat davon ein ganzes heer.
schweinchenfarbene geschöpfe mit lammettarartig durchwirkten, leicht ausgefransten kleidern, deren elfenlange glieder beim verbiegen und verlieben unglaublich deutlich knackten, entstiegen à la queue einer großräumigen pinkfarbenen tupperbox.

eine original-barbie von 1966 war auch dabei.
ach gott, das ist ja mein jahrgang, dachte ich, erschrocken über ihre haltbarkeit.
sie trug ihr herstellungsjahr und einige produktinformationen auf der rechten pobacke; made in usa, copyright by mattel, waterproof usw….

primäre und sekundäre geschlechtsmerkmale nur zart angedeutet, wahrscheinlich aus amerikanisch-puritanischer rücksicht…
aber ob es in ein paar jahren mal barbies mit schamhaaren und brustwarzen geben wird?

während ich später nichtchen aus grimms märchen vorlas, brachte mein schwager ihre barbies, petras, kens und – ja auch ein kindchen gibt es schon! “ zwischen den wülsten der großelterlichen sitzlandschaft dezent in obzöne stellungen…

das schöne an barbie ist, dass sie nie unterwäsche trägt, flüstert der schwager seinem bruder zu…

und dann spielten wir noch schnell aschenputtel, mit der märchen- wunder-barbie im rosa-glimmer-kleid, rucke die gu, rucke die gu, blut ist in fast jedem schuh, nur in aschenputtels pinker pantolette nicht – ätsch!

und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…

ja, diese augenscheinlich glückliche ehe von pop und mythen führt mich zu einem heimlich-unheimlichen fazit: ich vermute die barbies, petras und kens in reiter-, märchen-, disco- und unendlich vielen weiteren varianten sind nicht nur den sich vermehrenden, immer weniger echt erscheinenden, in einkaufszentren gekürten schönheitsköniginnen immer noch vorbild, sowie der wahrscheinlich unauffällig mitwachsenden kohorte ihrer chirurgen zunehmend schnittmuster, nein, die allmächtigen mädel-monster werden uns in ihrer plastic-phantastic-perfect-form auch allesamt überdauern; immer neue modelle werden mattels modeln frisch-fromm-fröhlich-frei entschlüpfen: eine beängstigende armada vermutlich ewig überlebender homunculi aus polyethylen wird “ dank der unsterblichkeit des kunststoffs – unseren menschlich-fleischlich-unvermeidlichen verfall selbst in jahrtausenden – bei jedem noch so flüchtigen blick durch auch nur spaltbreit geöffnete türen in ach so unschuldige jungmädchenzimmer – gnadenlosem hohn und spott aussetzen…

tja, ein wimpernblitz unbarmherziger erkenntnis aus dem finster-schönen herzen der schönheiten des allseits präsenten, omnipotenten kapitalismus zwischen christstollen und flugente, und schon brennt das diabolisch-ästhetische lächeln von prinz-ken grausam-kalt in meinem rücken auf dem unumgänglichen weg zurück in die sitzlandschaft.

schönste weihnachten nachträglich! und einen guten rutsch, wie man so schön sagt…

Beitrag vom 28 Dezember, 2004 (20:17) | Autor: adminxx1 | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Weihnachten ist für alle (IV)

27 Dezember, 2004 (13:24) | | tage-bau | Kommentieren

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Viola? Nun war er doch neugierig. Wie lange hatte er kein Geschenkpäckchen mehr ausgepackt! Als er das Papier auseinander zog, fiel ihm in die Hände ? ein Hampelmann. Er trug ein buntkariertes Kostüm mit einem weißen Kragen um den Hals. Wenn er die baumelnde Schnur zog, spreizte er die Beine und verzog den roten Mund breit bis zu den Ohren. Dem alten Mann sank die Puppe auf den Schoß.

In diesem Augenblick erst sah er zwei Gestalten. Viola mit ihrem Kraushaar und einem roten Tuch um den Kopf. Die versammelten Tiere auf ihrem Mäntelchen. Die langhalsige Giraffe, ein behaglich sich streckendes Schäfchen, ein Krokodil mit gefährlich fletschenden Zähnen,
Sie hatte sich eingehängt bei einem hochgewachsenen, kräftigen Mann. Eine vorspringende, energische Nase und freundliche Augen kamen auf ihn zu, Den Kopf umrahmte das gleiche dunkle Kraushaar wie bei den Töchtern. Nur oben an der Stirn hatte es sich ein wenig gelichtet.
Violas Vater wollte Bruno die Hand zum Gruß reichen. „Nein, nicht. Der alte Mann schüttelte verlegen den Kopf und versteckte die Hände auf dem Rücken.
„Sie sind nicht sauber.“
„Das macht nichts aus“, erwiderte der hochgewachsene Mann mit einer angenehm warmen Stimme und reichte die Hand erneut dem Alten. Bruno kratzte sich verlegen an seinem Schädel und misstraute der ungewohnten Freundlichkeit noch ein wenig. Dann schlug er ein.

„Was wollen Sie“, hatte er eigentlich unwirsch antworten wollen. Doch die Worte waren ihm wie ein zu großes Stück Brot im Hals steckengeblieben.
„Es ist Weihnachten, rief ausgelassen Viola dazwischen, die sich nicht mehr länger zurückhalten konnte, und hüpfte auf einem Bein vor Vergnügen. „Das Christkind hat mir einen bunten Hampelmann gebracht. Ich habe gewusst, es muss deiner sein. Sieht er so aus wie der, den du früher hattest? Bestimmt ist er für dich, Bruno!“
Und Viola hob ihn auf und streichelte mit liebevollen Fingern seinen weißen, gestärkten Kragen und die spitze Narrenkappe, an deren Ende zwei Glöckchen befestigt waren. Die dunkelblau glänzenden Knopfaugen sahen sie undurchdringlich an, als sähen sie bis zum Grund. Mund und Nase aber verzogen sich zu einem breiten, spitzbübischen Grinsen, dem sie nicht widerstehen konnte.
„Ist es der gleiche karierte Stoff, Bruno?“ rief das Mädchen erneut und hielt Bruno den Stoff mit dem rotgrün?karierten Muster dicht unter die Augen.
„Ich denke ja, nickte der Alte. „So oder so ähnlich war er bestimmt.“
Er seufzte und wollte sich gerade wieder die Nase in den Ärmel schneuzen, als ihm einfiel, was für einen vornehmen Besuch er heute hatte.
Viola kramte in der Manteltasche und reichte ihm gleich wieder ein Taschentuch.

„Vater hat gesagt, er hätte noch Schuhe zu Hause und etwas zum Anziehen für dich.“
Ihre Augen funkelten unwiderstehlich, und die Giraffe auf dem Mantel schien ihren Hals zu schwenken und zu rufen „komm doch mit“.
Der Vater bückte sich schon, hatte einen Zettel aus der Schultertasche gezogen und schrieb die Adresse auf
„Sie müssen unbedingt zu uns kommen, Bruno. Es ist nicht weit – höchstens zehn Minuten von hier.“

Bruno warf einen Blick auf den Zettel. „Ja. Ich weiß nicht. Außerdem? – “
Er wusste wirklich nicht, was er antworten sollte.
Bestimmt würde er nicht dahin gehen. Aber was würde Viola sagen? Und ein paar feste Schuhe konnte er wirklich sehr gut gebrauchen.
„Wenn es kalt wird, können Sie in unserem Gartenhäuschen schlafen“, setzte der Vater hinzu und steckte seinen Stift wieder ein. „Das ist näher als Vohwinkel.“
„Das kann ich nicht annehmen.“ Der Alte schüttelte den Kopf. In seinem Alter konnte er sich nicht mehr gut umstellen.
„Wir lassen Sie ganz in Ruhe“, erklärte der freundliche Mann mit der Adlernase. „Sie sind uns zu nichts verpflichtet. Wenn Sie unbedingt wollen, können Sie uns einmal im Keller aushelfen. Höchstens eine Stunde, nicht mehr.“
Bruno streckte seine zittrigen Hände aus mit den langgliedrigen Fingern, die aussahen, als wären sie ursprünglich für eine feinere Arbeit bestimmt gewesen.
„Diese Hände sind das Arbeiten nicht mehr gewöhnt“, sagte er leise.
„Ich weiß“, nickte der Vater und fasste Viola fest an der Hand.
„Aber kommen Sie. Viola freut sich bestimmt. Am liebsten würde sie Sie gleich mitnehmen.“
„Und den Vogel!.“
Bruno lachte und schüttelte immer noch ganz ungläubig den Kopf Er rieb verlegen auf seinen abgewetzten Hosenknien herum und besah sich die Hände.
Viola fasste ihn ungeduldig am Arm.
„Nein, Viola“, griff der Vater ein, nahm ihre Hand von Brunos Arm herunter und zog sie ein kleines Stückchen zurück.
„Wir wollen jetzt gehen. Bruno muss darüber nachdenken und ganz allein entscheiden, ob er kommen will oder nicht.“
Viola verzog den Mund ein wenig zum Schmollen und wollte gerade wieder mit ihren Stiefelchen aufstampfen. Ein Blick auf ihren neuen Freund aber verschloss ihr die Worte im Mund. Bruno lächelte sie so freundlich an. Sie glaubte fast, etwas Feuchtes in seinem rechten Auge zu sehen.
Beinahe wurde ihr auch zum Weinen, und sie wusste gar nicht, warum.

Schließlich stand der Alte auf, packte seinen Blechbecher in den Rucksack zurück und verschnürte ihn sorgfältig. Dann schlüpfte er in seine Mantelärmel hinein, nahm den Käfig in die eine Hand und warf sich mit der anderen den Rucksack lose über den Rücken.
„Nun denn“, brummte er, was so viel zu heißen schien wie „ich komme mit“.
Viola trug den bunten Hampelmann vor sich her und betrachtete ihn mit vorgestreckten Armen. Sie ließ ihn auf- und abtanzen und gelegentlich eine Pirouette schlagen. Dann nickte er mit dem Kopf, verdrehte die blauen Kulleraugen verschmitzt nach allen Seiten, als wollte er sagen, „ich habe es doch gewusst“.

„Ja,“ dachte Viola laut, „nun ist das Christkind doch zu dir gekommen, nicht wahr, Bruno?“
Und der Alte lächelte und wiegte sein runzliges Gesicht, in dem es strahlte und blitzte.
„Du hattest recht, Viola“, erwiderte er und schaute für einen Moment gegen den dunstigen Himmel. Eben kam die Sonne hinter den Dächern hervor und legte ein wenig Wärme über die Lider. „Weihnachten ist für alle. Ich hatte es nur lange vergessen.“

**

SCHLUSS

Meine Lieben, ich wollte mich eigentlich nicht so wichtig machen und die restlichen Teile auf einmal einsetzen, aber wir fahren heute in den Schwarzwald, sind dann nur 1 Tag hier und brausen noch mal weg für eine Woche bis zum 9.1.05. Allen ein wunderbares Neues Jahr!!! Hoffe, ich habe bei der Teilung der Geschichte keinen Fehler gemacht:-((

Beitrag vom 27 Dezember, 2004 (13:24) | Autor: adminxx1 | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Weihnachten ist für alle (III)

27 Dezember, 2004 (13:20) | | tage-bau | Kommentieren

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„Ich muss heimgehen“, erinnerte sie sich plötzlich. „Heute ist Weihnachtsabend. Bald kommt das Christkind zu dir, Bruno. Hast du dir auch etwas Gutes gewünscht? Wenn ich du wäre“, und Viola warf einen Blick auf die bloßen Zehen des alten Mannes, die schmuddelig aus den Stiefeln starrten, „hätte ich mir ? neue Schuhe bestellt“.
„Hm“, meinte Bruno etwas verlegen, und die Runzeln sammelten sich freundlich in seinem Gesicht.
„Zu mir kommt kein Christkind mehr.“
„Kein Christkind? Das kommt zu allen Menschen, hat Mutter gesagt.“
Viola spielte ungeduldig mit ihren Fingern. Das konnte nun wirklich nicht stimmen. Die Mutter schwindelte doch nicht.
„Zu solchen Menschen wie mir kommt schon lange niemand Besonderes mehr“, antwortete Bruno leise und legte seinen Arm um den Vogelkäfig, in dem es ganz still geworden war.
„Früher einmal, als ich so klein war wie du, da ist es noch manchmal gekommen.“
Es musste sehr lange her sein. Aber auf einmal war es dem Alten, als läge ein Duft von Pfefferkuchen in der Luft, und er zog ihn genüsslich durch die Nase. Lichterkerzen und rotbackige Äpfel an den Zweigen. Ein wenig Lametta als silbriges Engelshaar ausgehängt über dem Grün. Hatte es das tatsächlich einmal gegeben?

Er sah seine Schwester vor sich, mit zusammengebundenem Pferdeschwanz auf dem Kopf und einer festlichen Weihnachtsschleife im hellen Haar. Das rote Samtkleid glättete sie vorsichtig mit den Händen. Wie oft war sie zur verschlossenen Türe geschlichen und lauerte neugierig durch das Schlüsselloch. An den Tagen vorher hatte sie schon alle Schränke durchstöbert. Er selbst hingegen hatte sich lieber überraschen lassen.
Es war lange vorbei, das Knistern in der Stube und das Rauschen von unsichtbaren Flügeln. Er hatte es fast vergessen. „Einmal“, hub er an und schaute Viola direkt in die aufgerissenen, runden Augen. „Einmal habe ich vom Christkind einen bunten Hampelmann bekommen. Das war mein liebster Spielkamerad in seinem buntkarierten Kostüm, mit einer weißen Halskrause und einem schmalen roten Rändchen rund um den Hals.
Ich führte allerhand Stücke mit ihm auf, erfand ein Theater, das ich nicht besaß, und verkleidete ihn mit Tüchern, mal als König, mal als Hexenmeister. Hierfür knetete ich ihm eine spitze Nase mitten in sein Gesicht.“ Der Alte musste laut lachen. Und Viola kicherte mit. Diese Nase hätte sie gern auch einmal lang gezogen.
„Er hatte eine lange Schnur zum Aufziehen, und man konnte ihn tanzen und hoch springen lassen.“
Der Alte seufzte und schneuzte sich die Nase in seinen Ärmel.
„Hier.“
Viola fischte kopfschüttelnd ein angebrauchtes Taschentuch aus ihrer Manteltasche hervor.
„Das geht besser,“
Bruno schnaubte ein paar mal prustend in das Papiertaschentuch und ließ es schließlich in seinem Ärmel verschwinden.

Auf einmal stand, wie aus dem Boden gewachsen, ein vielleicht 10 – jähriges Mädchen mit zornrotem Kopf und blitzenden Augen hinter Viola und fasste sie energisch an der Kapuze. Sie trug ein pinkfarbenes Kopftuch mit blauen Tupfen, unter dem das gleiche Kraushaar widerspenstig hervorquoll wie bei der Kleinen.
„Hier steckst du, bei einem schmuddeligen alten Mann. Jetzt kommst du aber sofort nach Hause!“
„Nein, nein!“ Viola versuchte, sich loszureißen und schaute wütend auf Martina. Tatsächlich hatte sie die große Schwester völlig vergessen. Aber nun war es ihr gleich.
Die kleine Sechsjährige stampfte mit den Füßen auf, und ihre schicken Lederstiefel mit blauen Schnürbändchen an der Seite klapperten auf dem Pflaster.
„Aber das ist doch Bruno! Und er ist nicht dreckig … “
Naja. Sie zögerte. Sauber war der Alte nun gerade auch nicht zu nennen.
„Er ist doch mein Freund! Nicht wahr, das bist du doch, Bruno?“
Der alte Mann hob die knochigen Hände und nickte begütigend.
„Morgen komme ich wieder, “ rief Viola. „Untersteh dich!“

Martina zerrte sie am Ärmel hinter sich her, nicht ohne ihr zuvor ein paar Tüten zum Tragen in die Hände gedrückt zu haben.
„Die Läden sind längst zu. Du kommst mich nicht abholen und treibst dich herum.“
Bruno hörte die beiden noch eine Weile schimpfen und wettern. Die Geräusche der Worte trug ein leichter Wind ihm zu, der plötzlich aufkam und ihm Kälte in die durchlässigen Kleider wehte.
„Zu Bruno kommt kein Christkind“, war das letzte, was er noch aufnahm. Wie ein Echo hallte es ihm durch den Kopf, wieder und wieder. „Zu Bruno nicht … zu Bruno kommt kein Christkind. Zu Bruno nicht …“ Der Alte rückte den Käfig noch ein wenig näher zu sich heran, zog seinen abgetragenen Mantel aus und breitete ihn über den Vogel und sich.
Als die Glocken Weihnachten einläuteten, schlief Bruno schon lange.

Am anderen Morgen erwachte der Alte nur schwerfällig. Seine Glieder waren steif gelegen. Er rieb sich die Augen. Was hatte ihn nur für ein Traum genarrt. Die ganze Nacht über war die zutrauliche Stimme des Mädchens um ihn gewesen. Ihr freundliches Gesicht, das krause, unbändige Haar mit den roten Haarspangen. Ihr unbeschwertes Lachen und ihre Hände. ja, fast war ihm noch jetzt, als höre er den Elefant auf ihrem Mantelrücken Trompeten-Töne ausstoßen und sähe die Giraffen ihre Hälse hochrecken vor lauter übermütiger Fröhlichkeit. So hatte lange niemand mit ihm gesprochen.
Aber was war das? Plötzlich stieg ihm ein verlockender Duft in die Nase. Er öffnete die Augen jetzt ganz, beinahe ein wenig unwillig, um den Traum festzuhalten. Wenn er ganz wach war, würde er ihn vergessen und nicht wiederfinden ? wie schon so oft.
Neben ihm auf der Bank stand eine weiß blitzende Thermos-Kanne mit blauem Zwiebelmuster und warmem Kaffee. Er roch ganz frisch aufgebrüht. Und vor ihm, zu seinen Füßen, befand sich eine braune Papiertüte, prall bis oben gefüllt. Bruno bückte sich. Er musste nachsehen, auch wenn Peter sich eben meldete und heftig zwitschernd gegen die Gitterstäbe stieß. Es war lange hell. jetzt wollte er aufgedeckt werden. Zuerst zog Bruno eine dicke Cervelat-Wurst heraus. Scheibenbrot, Butter – runde Äpfel und
Walnüsse. Tatsächlich, sogar duftende Pfefferkuchen mit Schokoladen-Guss und bunten Streuseln verziert. Wer die wohl gebacken hatte?
Der alte Mann sah sich nach allen Seiten um. Mit den Augen wanderte er die Häusereingänge und verwinkelte Ecken ab.
Das konnte doch nicht alles für ihn sein. Es war niemand zu sehen.
Schließlich zog er einen Blechbecher aus seinem Rucksack, öffnete die Thermoskanne und füllte ihn bis obenhin fast zum Rand.
Hm. Das wärmte.
Nachdem er die zweite Tasse zur Hälfte geleert hatte, drehte er sich um zur Rathausuhr. Der kleine Zeiger stand auf der Neun. Ach, hatte er heute lange geschlafen. Heute war Weihnachtstag. Deshalb war es so leise um ihn.
Nun war es wirklich höchste Zeit, Peter die Decke abzunehmen und vom Brunnen einen Guten?Morgen?Schluck für ihn zu holen. Der Vogel jubelte und sprang, schüttelte sich das Wasser von den gelbblauen Federn. Am liebsten hätte ihm der Alte die Türe geöffnet und ihn aus dem Käfig gelassen.
Ob er ihn zurückbekommen hätte?
Das Licht hing spätsommerlich warm den Dächern. Nicht zu glauben, dass jetzt Dezember war. Zwar zog die Sonne eine kürzere Bahn über den Himmel als sonst, aber sie strahlte hell und verlockend.
Bruno dachte, dass er nachsehen müsse, ob in Vohwinkel noch die Rosen blühen im Garten.
Dieses Jahr war alles vertauscht.
Zuunterst in der braunen Packpapiertüte lag noch ein Päckchen. Fest verschnürt in weihnachtliches Geschenkpapier mit musizierenden Engeln darauf. Der Alte löste die Schleife mit fliegenden Händen. Er hielt einen Papieranhänger in der Hand mit einem Weihnachtsbaum und leuchtend roten Kerzen daran
„Für Bruno“, entzifferte er die ungelenken Buchstaben.

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Beitrag vom 27 Dezember, 2004 (13:20) | Autor: adminxx1 | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Weihnachten ist für alle (II)

27 Dezember, 2004 (13:09) | | tage-bau | Kommentieren

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Mit einem Ruck fuhr der Alte hoch und zusammen. Er griff neben sich, umklammerte mit zittrigen Fingern die halbleer getrunkene Schnapsflasche und ließ sie wieder los. Sie drehte sich ein?, zweimal um sich selber, rollte zum Bank-Ende und kullerte letztendlich mit einem heftigen Klirren zu Boden. Der Alte schaute noch ein wenig verwirrt, wie der braune Saft über die Glasscherben rann und neben seinen Füßen eine schmierige Pfütze bildete.
»Achtung! Nicht reintreten.«
Er packte das Mädchen mit seinen vom Alkohol noch unsicheren Händen und zog es am Arm ein Stück näher an sich heran. Dann erst fiel sein Blick auf etwas Dunkles, Kraushaariges mit feuerroten Haarspangen auf den eigenwillig abstehenden Rattenschwänzen. Unter den hellen, unternehmungslustig blitzenden Augen saßen eine neugierige Stupsnase, hoch zum Himmel gerichtet, und ein kleiner, geöffneter Mund.
»Du kannst dir weh tun.« Seine Stimme klang ein wenig rauh und stockend, so als wäre er nicht recht in Übung, so viel auf einmal zu sprechen.
»Was machst du überhaupt hier? Es ist spät und schon lange dunkel.«

Die Laternen hatten ihr Licht aufgehängt und schickten ihren flackernden Schein in den Abend. Kaum jemand ging noch an ihnen vorüber. Die Menschen hatten es eilig, ihre vollen Taschen nach Hause zu tragen.
Heute war Weihnachtsabend.
Neben ihnen breitete sich ein riesiger Tannenbaum aus, nein, eine Fichte mit hoch erhobenen Baumarmen und glühendem Kerzenschein. Geheimnisvoll hüpfte das Licht auf und ab über dem Dunkel des Nadelkleids.
Auch in Violas Augen glitzerten Lichtfünkchen. Erwartungsvoll beschaute sie sich den alten Mann und grübelte, wer er wohl sein mochte.
»Wie heißt du?«, platzte sie schließlich los, und die Neugier tanzte fast sichtbar über der vorwitzig nach vorne gereckten Nasenspitze.
»Ich heiße Bruno. Und du?«
»Viola. Ich bin 6 Jahre alt.«
Sie nahm alle Finger der rechten Hand und den Daumen der Linken dazu, streckte sie hoch und Bruno dicht vor sein stoppeliges Gesicht.
»So viele. Kannst du sie zählen?«
Brunos faltiges Gesicht glättete sich und verzog sich zu einem Grinsen. Er nickte eifrig.
»Und wie heißt der Vogel?« Violas Blick wanderte zu dem drolligen, kleinen Köpfchen, das gerade an den Stangen des Vogelbauers herumschnäbelte.
»Das ist Peter, mein Freund.«
»Hm! Kann dein Vogel auch singen?«
»Ja, das kann er. Aber nicht jetzt und im Winter. Du musst ein andermal kommen.«
Bruno pfiff leise durch die Zähne und zwinkerte seinem Freund oben im Käfig zu. Gleich hob Peter den Kopf, schüttelte sein gelbblaues Federkleid und stieß helle Tönchen aus. Sie verstanden sich gut, der Herr und sein Freund, der Vogel. Das spürte Viola sofort an der Wärme, die in den Augen des Alten aufstieg, wenn er sich seinem Tierchen zuwandte.
Der Alte fuhr sich durch sein strähnig und glatt zurückgekämmtes Grauhaar und schaute ein wenig hilflos zurück auf das Mädchen. Er war es nicht gewohnt, mit Kindern zu sprechen. Er betrachtete das adrette, weit geschnittene Mäntelchen aus blauem Daunen. Das rotkarierte Futter in der Kapuze und die aufgenähten Tiere auf den Ärmeln gefielen ihm.
»Sieh an, das hier ist wohl eine Giraffe.«
»Und das hier ?« Viola verrenkte sich fast den Arm, denn bis zum Rücken konnte sie nur mit einer mühseligen Bewegung hinreichen. »Da hinten musst du hingucken. Siehst du den ganz dicken Elefanten?«
Schließlich hatte sie den rettenden Einfall und drehte sich einfach um.
Bruno konnte nun ihre Kehrseite bewundern.
Er betrachtete den prächtig geschwungenen Rüssel des Elefanten. Sicher hatte ihn die Mutter der Kleinen zurechtgeschnitten und aufgenäht.
Plötzlich stiegen seltsame Erinnerungen in ihm auf und legten sich über seine alt und müde gelebten Augen. »Der Vogel wird kalt.« Viola erinnerte sich, warum sie Bruno geweckt hatte. Ungeduldig hüpfte sie von einem Bein auf das andere.
»Warum gehst du nicht mit ihm nach Hause in deine Wohnung, damit er es warm hat?«
Bruno zögerte.
»Ich habe keine richtige Wohnung.«
»Waaaas? Du hast keine richtige Wohnung?«

Viola verstand nicht, wovon der alte Mann redete. Das hatte sie ja noch nie gehört. jeder Mensch hatte doch eine Wohnung und ein warmes Zuhause.
»Wo schläfst du denn, Bruno?«
»Wenn es wann ist, schlafe ich hier auf der Bank oder dort hinten ein Stück weiter unter der Brücke.«
Bruno streckte den Arm aus und deutete durch den Torbogen zwischen zwei Häusern, durch den man hätte hindurchsehen können, wäre es noch ein wenig heller gewesen.
»Wenn es kalt ist, fahre ich mit der Bahn weit draußen nach Vohwinkel. Dort steht ein baufälliges, altes Haus. Das Dach ist nicht mehr dicht, aber die Mauern wärmen noch gegen die Kälte. Ein paar von uns haben dort eine Matratze und ein paar Wolldecken zum Einwickeln.«
Viola konnte sich ungefähr denken, wie die Wolldecken aussahen, wenn sie das unförmige Tuch betrachtete, das der Alte mit seinen mageren Händen jetzt aus dem Rucksack hervorkramte und dessen ursprüngliche Farbe sie nicht mehr erkennen konnte. Er zog sich nun mit wackeligen Beinen auf die Bank, hob den Vogelbauer herab und deckte ihn sorgfältig zu.

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Beitrag vom 27 Dezember, 2004 (13:09) | Autor: adminxx1 | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Weihnachten ist für alle (I)

24 Dezember, 2004 (12:16) | | tage-bau | Kommentieren

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Viola stand am Rathausvorplatz und betrachtete den alten, mageren Mann mit dem faltigen Gesicht. Es schien ihr, als sei alles an ihm mit einer grauen Farbe überdeckt, seine ungewaschenen Kleider, die ausgebeulten Kniedellen in seinen Hosenbeinen und die vorwitzig aus den Schuhlöchern sich streckenden Zehennägel, Eine Schmutzkruste überzog den Rest von dem, was einstmals Stiefel gewesen waren.
Ja, selbst das Gesicht mit seinen tiefgezogenen Regenfalten über der Stirn und den unrasierten Stoppeln am Kinn hatte an Farbe verloren.
Der alte Mann lag zurückgelehnt auf der Bank. Sein verbeulter Schlapphut mit aufgeschlagener Krempe war zurückgerutscht über den Kopf. Er hatte die Augen geschlossen und stützte sich im Halbschlaf auf einen Rucksack, den sicher schon sein Großvater über Jahrzehnte getragen hatte. Die Ecken glänzten speckig und dünn. Eine der beiden Lederschnallen war abgerissen und ließ sich nicht schließen. Hätte er sprechen können, der alte Rucksack, sicher könnte er viele bunte Geschichten erzählen.
Viola hätte gerne eine von ihnen gehört.
Sie hatte vergessen, dass sie sich gleich mit Martina, der um vier Jahre älteren Schwester, am Alten Markt treffen sollte, um mit ihr nach Hause zu gehen.
Der große Zeiger der Rathausuhr war schon 10 Minuten über die Zeit und lief weiter in schnellen Schritten.
Viola öffnete den Mund und schob langsam einen Fuß vor den anderen, um den Alten nicht zu erschrecken.
Unmerklich war sie ihm ein Stück nähergekommen.
Da entdeckte sie es.
Über ihm, an einen Zweig des breiten, kahlgeblätterten Ahorn, war ein Vogelbauer gehängt. Und ein kleiner Vogel mit gelbblauen Federn hatte den Kopf zwischen die Stäbe gesteckt und sich aufgeplustert.
Das Mädchen stieß einen kleinen Schrei aus. Ach, war der schön. Ob er wohl singen konnte? Sie streckte die Nase neugierig ein ganzes Stück vor. Dann hob sie vorsichtig den Zeigefinger, steckte ihn erst nachdenklich zwischen die Lippen, kaute ein Weilchen auf ihm herum und zog ihn schließlich nass mit einem Ruck wieder heraus.
Zaghaft und doch entschlossen klopfte sie dem Großvater auf das Knie.
»Hallo!«
Nein, er musste wohl sehr müde sein. Der alte Mann rührte sich nur wenig im Schlaf, hob unschlüssig einen Arm und ließ ihn bald wieder fallen.
»Der Vogel wird doch ganz kalt.«
Viola sagte es erst leise, wiederholte dann ihre Worte mehrmals und deutlich immer nachdrücklicher vor sich hin. Immer lauter. Schließlich machte sie eine Pause, hielt den Atem an und schrie los:
»Der Vogel wird doch ganz kalt.«

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Beitrag vom 24 Dezember, 2004 (12:16) | Autor: adminxx1 | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


fest brand. neunter november. – von johannes stellenberg nicht

12 November, 2004 (11:23) | | tage-bau | Kommentieren

Beitrag vom 12 November, 2004 (11:23) | Autor: adminxx1 | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Im Anfang war die Symbiose. Lesung am 15.10.04. in Berlin. – von Johannes Stellenberg nicht

17 Oktober, 2004 (14:30) | | tage-bau | Kommentieren

Flamingo Reigen

In diesem Reigen voller Leichtigkeit
Der herrlich sehnsüchtig uns treibt
Raunen nah sinnlich Nachtgespinste
Sie rufen traumhaft uns noch über Tag
Manch Ängste schweben flüchtig
Und hingegeben still am Boden
Die Zärtlichkeit führt an im Tanz
Nimmt sanft uns bei den Händen

In diesem Reigen der Entzückung
Sind Perlen aufgereiht von Vielen
Erwartung Neugier Lebenslust
Zersprengen feste Paaresrunden
Es wirbt zart unser Liebesspiel
In fremden Blicken und Berührungen
Frau Phantasie verführt hier unsre Sinne
Mild deckt es zu mit ihrem fernen Schleier
Nachher uns die Erinnerung

Zur ersten Symbiose
(Auszug aus „Symbiose und Sprachtraum“)

Der verwirklichte Traum der Liebe: ein Sich-Wiederfinden in der ersten Symbiose?
Der Verschmelzung geht die tiefe unbewusste Sehnsucht nach Aufhebung der Trennung
im Spiegelstadium “ der Frau wie des Mannes “ voraus? Wandert das Ich “ seit es die
imaginäre Einheit mit dem Körper der Mutter verlassen hat “ vergeblich von Objekt zu
Objekt, bis es die eigene Sehnsucht in einem Anderen unglaublich widergespiegelt spürt?
[…]
Es vermag sich also auf der Ebene des Körperlichen eine Rückkehr durch den Spiegel der
Trennung zu vollziehen. Es gibt eine Art Vertrauen zwischen den Symbianden, das ich
lieber als Körpervertrauen bezeichnen möchte, obwohl es ohne den Kopf nie auskommt.
Der andere schmeckt, riecht so richtig gut…?
[…]
Mein Verständnis der Symbiose als Verschmelzung des Ichs mit dem Anderen nimmt zugleich
die metaphysische Sicht auf das natürliche Geschehen wahr.
David singt in einem Psalm: „Du hast mich gebildet im Mutterleib, wunderbar bin ich gemacht.

Was sich als natürlicher Grund unseres „Ichs in Beziehung“ verstehen lässt,
geht im Schmerz einher mit einem zunehmend geistverbundenen Ich.

Unsere tiefe Sehnsucht im Grunde unseres Ichs wiederspiegelt in jener
welthaften Beziehung zum wahren DU die alles umfassende Liebe.


stillstunde

deine hand
ein kleiner vogel

in meinem tal
weiche tiefe stille
sanft erwärmt


im goldenen schnitt

in der mitte
meiner wege

jenseits von
gewählt und
verworfen

umgibt mich
ein moment
tiefen friedens

ohne wahl
gehe ich
vom weg kreuz
in Deine richtung

Beitrag vom 17 Oktober, 2004 (14:30) | Autor: adminxx1 | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Patrick Gruban

15 Oktober, 2004 (20:01) | | tage-bau | Kommentieren

http://www.qype.com/people/gruban

Beitrag vom 15 Oktober, 2004 (20:01) | Autor: adminxx1 | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


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