Beiträge im Jahr 2003

Merry seX-Mas, Miss Molly

24 Dezember, 2003 (09:56) | | tage-bau | Kommentieren

( this is not a christmas-story… and by the way: it’s not a love-song either… )

Eine Frau, ein Mann.
Sitzen sich an einem kleinen, dunklen Holztisch gegenüber, trinken Rotwein, rauchen, reden. Draussen: Der Himmel tiefes Dunkel, die Strassen frisch mit Schnee bedeckt.
Auf dem Tisch brennen vier Teelichter in kleinen, silbernen Gefässen.
Aus dem Radio mischt sich Musik ins Zimmer:
Morgen Kinder, wird’s was geben, morgen werden wir uns freu’n…
„…einmal werden wir noch wach…“, der Mann versucht eine Kinderstimme und rollt seine Augen Richtung Zimmerdecke.
„Ich hab‘ etwas verloren“, sagt die Frau und blickt angestrengt in ihr halbvolles Glas; sie hält es in der rechten Hand und schwenkt es langsam hin- und her.
Der Mann beugt sich vor, wirft mit gerunzelter Stirn einen Blick in das Dekolleté der Frau. „Verloren? Was denn?“, will er wissen, „Und wo denn?“.
„Meine Unschuld hab‘ ich verloren“, sagt die Frau, ohne ihren Blick vom Weinglas abzuwenden, „es war auf einem Dachboden, in meiner Heimatstadt, meine erste grosse Liebe, und weder er noch ich hatten den Luxus eines geschwisterfreien Zimmers, und eine Freundin brachte mich auf die Idee mit dem Dachboden, da würden wir dann ungestört sein, hatte ich jedenfalls gedacht“.
Der Mann tippt mit dem Zeigefinger an ihr Weinglas und fragt: „Wegen der Farbe?“; der Blick der Frau folgt dem Zeigefinger des Mannes: Der trommelt mit seinen Fingergenossen leise auf der dunklen Tischplatte.
„Na wegen der Farbe. In Deinem Glas, der Rotwein. Ich mein‘, wie kommst Du grad auf Unschuld, muss doch mindestens zwanzig Jahre her sein. Also die Farbe vielleicht. Rotwein ist rot, rot wie Blut meinetwegen, und ein zerrissenes Jungfernhäutchen macht Blut. Rot-„; der Mann zündet sich eine Zigarette an.
„Ach was weiss ich“, sagt die Frau und ihre Augenbrauen werden kurzfristig von zwei grösseren steilen Falten getrennt; „manchmal fehlt mir die Taschenlampe für meine Assoziationswege. Und kuck‘ mal ‚raus, kuck‘ mal aus dem Fenster: Ist schon stundenlang ziemlich dunkel“.
Der Mann steht auf und stellt sich ans Fenster, sieht hinaus; „Erdgeschoss. Hier kann man gut ‚reinschau’n, und wenn wir noch ein paar Kerzen mehr anmachen, sind wir gut zu beobachten von draussen. Dieser Rentner aus dem Haus direkt gegenüber, Du weisst doch, der die ganze Zeit nur aus dem Fenster schaut, Kissen unter’m Arm, und manchmal mit Fernglas“. Die Frau zündet sich auch eine Zigarette an.
Aus dem Radio mischt sich Musik ins Zimmer: … stille Nacht… heilige Nacht… alles schläft…
„WIR schlafen nicht. WIR könnten…, na, Du weisst schon…“, grinst der Mann.
„Ich weiss schon, ja tu ich das, tatsächlich?“, die Frau schnippt ihre Zigarette auf den Holzboden. „Kein Sex am Heiligen Abend“, sagt sie, „no way, mein Herr“.
Der Mann seufzt. „Ist schon Heiliger Abend? Ist heute schon wieder morgen? Wir könnten es so sehen: Wir heiligen den Abend, indem wir uns’re Liebe zelebrier’n. Und liefern ein Schauspiel für den armen Opa von gegenüber. Ist sicher schöner als diese nächtlichen Soft-Pornos im Fernseh’n.“
„Übrigens war es ein einziger Krampf, damals, auf dem Dachboden. Und wir haben da auch nur gefummelt, er war allerdings ein hartnäckiger Fummler, also wirklich, es tat weh und hat geblutet. Als wir dann Tage später richtig miteinander geschlafen haben, hat’s nochmal weh getan. Klein wenig geblutet auch“; die Frau hebt die Zigarette wieder vom Boden auf, steckt sie in die feuchte Erde einer Yucca-Palme und beginnt, sich auszuziehen. Der Mann schaut ihr zu. Als sie nackt ist, räumt sie alles, was auf dem Tisch steht, von dort auf den Boden. Dann holt sie ein grosses, weisses Tuch aus dem Schrank und wirft es über den Tisch.
„Uns’re Liebe zelebrier’n, sagtest Du? Wir lieben uns doch gar nicht. Aber bitte. Ich scheiss‘ mal auf das Heilige dieses Abends. Ist ja auch noch früh am Morgen. Bieten wir dem Herrn gegenüber ein karnales Schauspiel. Ich sag‘ Dir was: Wenn Du unbedingt vögeln willst, dann aber nur hier auf dem Tisch und vor allem auf dem Tischtuch. Das hängen wir dann später nach draussen. The tokens of my virginity. Oder so“, und sie grinst und sagt: „Na zieh Dich aus. Naaa und bitte, trödel nicht so rum“.
Der Mann tut, wie ihm gesagt. „Wieso dennn… virginity?“, will er wissen. „Ach“, sagt die Frau und setzt sich auf den Tisch, „ich bin seit fünf Jahren Single. Ohne jedes Irgendwas. Keine Affäre, kein One-Night-Stand. Aber das hattest Du ja sicherlich schon eben in meinem Ausschnitt entdeckt. Oder warum hast Du da dauernd reingestiert? Wie-auch-immer… Da bin ich in den Jahren sicherlich schon wieder zur Jungfrau geworden“.
Als der Mann dann nackt ist, springt die Frau wieder vom Tisch. „Vielleicht ist es doch keine so gute Idee“, sagt sie, „wenn wir hier auf dem Esstisch vögeln. Schau‘, es wird allmählich hell. Wie wäre es draussen im Vorgarten, im Schnee?“, und sie schaut den Mann fragend an. „Da in der Kälte krieg‘ ich sicher keinen hoch“, sagt der Mann, „das wäre mir dann peinlich, falls da jemand vorbeikommt und ich steh da und mein Penis baumelt weichlich im Schneewind“.
Die Frau lässt sich auf den Holzboden fallen, liegt auf dem Rücken und summt ein Liedchen, like a virgin. „Du bist nicht gerade sehr romantisch“, sagt der Mann und lässt seine Augen wandern, über den schmalen Körper der Frau, und die Blicke der Frau wandern am Mann entlang und bleiben dann liegen auf seinem erigierten Phallus.
„Die Sache mit der Romantik hab‘ ich noch nie begriffen“, sagt sie, „aber wen stört’s? Dein Schwanz übrigens schaut gar nicht übel aus, wie ein Besitzergreifer“.

Später, als die Frau ihre vielzitierte ‚Zigarette danach‘ raucht, bemerkt der Mann,
dass sie in einer grossen Blutlache liegen. „Du warst doch wohl nicht wirklich Jungfrau?, fragt er.
„Das viele Blut hier?“, meint die Frau, „Ach Quatsch, ich hab‘ Dir bloss das Hirn aus dem Schädel gevögelt. Schau‘, da windet sich doch Graues im Blut“.
Der Mann wird bleich und springt auf und hält sich die Hände vor den Mund gepresst, es nützt aber nichts und er spuckt seinen Mageninhalt über die Yucca-Palme.
„Wie denn, was denn, mir ausgerechnet am Heiligen Abend die Bude vollkotzen?!,
MEIN LIEBER… Hätten wir’s mal doch besser draussen getan“, und sie schüttelt den Kopf.
„Mein Hirn, mein Hirn!“, kreischt der Mann, rennt wie ein gescheuchtes Huhn im Zimmer hin und her. „Ach, stell‘ Dich nicht so an. VIIEEL isses ja nicht gewesen, schau‘ doch nur. Das Meiste ist Blut“.
„Wo bin ich hier eigentlich gelandet?“, fragt der Mann.
„In einer Geschichte, die keine Weihnachtsgeschichte ist. Die vielleicht überhaupt keine Geschichte ist. Wie auch immer. Heute ist Heiliger Abend. Und jetzt zieh Dich an und verschwinde… heut Nachmittag kommt die liebe Verwandtschaft, da muss ich vorher noch sauber machen und vor allem, ich brauche Braten. Ich muss noch Bratenfleisch besorgen. Fleisch.“ Die Frau schaut ihn prüfend an.
Der Mann gerät in rotblasse Panik, rennt nackt und wortlos aus der Wohnung. Die Frau geht zum Fenster und schaut ihm nach. Im Haus gegenüber geht nun ein Fenster auf, es ist der alte Mann, er hat sein Fernglas an einem Band um den Hals baumeln; jetzt spreizt er Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand zum victory-Zeichen, grinst und ruft: „Merry seX-Mas, Miss Molly!“

Beitrag vom 24 Dezember, 2003 (09:56) | Autor: adminxx1 | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


u-bahn im advent

18 Dezember, 2003 (14:07) | | tage-bau | 2 Kommentare

sie trug nerzmantel und -mütze
und knittriges lippenrot. ihre
brauen: schwarze raupen kurz
vorm kuss, krümmten sich über
den kleinen harten glasmurmelaugen.
als sie aufstand an der haltestelle
kröpcke, hinterliess sie auf ihrem
sitz eine weisse flaumfeder und
als ich mich fragte, ob sie nun
womöglich ein incognito-adventsengel
war oder doch nur eine dumme pute
stieg der weihnachtsmann ein,
setzte sich auf die feder und
nahm einen schluck aus seinem flach-
mann. ich traute mich aber nicht,
ihn zu fragen.

Beitrag vom 18 Dezember, 2003 (14:07) | Autor: adminxx1 | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | (2) Kommentare


Schwebend

1 Dezember, 2003 (22:16) | | tage-bau | Kommentieren

Es sind diese Lichter. Kennst du diese Lichter? Sie sind im Wasser. Diese Lichter. Auch wenn es Nacht ist.
—-
Es ist der Dönerladen an der Ecke in Neckarsulm. Dort fühle ich mich wohl. An der Wand ein Leopardenbild. Auf der Tischplatte ein Bild von der Fußball-Jugendmannschaft – ihr Sohn ist mit dabei. „Mit allem“, fragt sie. Wie immer, mit allem.
Die Menschen hier haben Angst, wenn du zu lange hinter ihnen herläufst, auch am Tage. Die Menschen hier schauen immer auf den Bürgersteig, immer und lange, länger als sie je in den Himmel schauen werden.
Und im Dönerladen an der Ecke in Neckarsulm? Dort gibt es dann noch Tee in kleinen Gläsern mit zwei Stück Zucker.
—-
Im Zug am Wochenende spazierte ein kleines Mädchen durch die Reihen. Ihre Mutter machte die Schaffnerin. Das kleine Kind wurde zum Zug. Die Mutter hielt den Zug an. Das Kind hatte keine Verspätung. Und als der Zug hinfiel tröstete es die Mutter.

Beitrag vom 1 Dezember, 2003 (22:16) | Autor: adminxx1 | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


That’s life I – Eine Banalität

11 Mai, 2003 (14:28) | | tage-bau | Kommentieren

Das Leben ist profan.
Es fängt mit Liebe an.

Und mit dem Tode hört’s dann auf.
Dazwischen liegt der Lebenslauf.

Beitrag vom 11 Mai, 2003 (14:28) | Autor: adminxx1 | Rubrik: tage-bau | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren


Idee: Enno E. Peter & Sabrina Ortmann

WordPress | Basis Theme: Andreas Viklund & webhosting sources | modified by TyrakusCMS