1980

8 Juni, 2009 (09:26) | | goldener schnitt | Kommentieren

Nach acht Jahren Schweigepause wagte ich mich wieder daran, das Schreiben von einem Gedicht auszuprobieren. Die Gedanken dazu sperrte ich in meinen Kopf. Ich erzählte niemand etwas davon, lief auf meinen Schuhsohlen unsicher in den größeren Buchhandlungen herum, starrte die Seiten sog. „moderner Lyrik“ an und wusste, ich würde dem Trend, abgebrochene Zeilen zu üben, mich anpassen müssen.
All zu gut erinnerte ich mich daran, warum ich vor diesen acht Pausenjahren in eine schriftstellerische Stille verfiel. Ich hatte eine umfangreichere Herzensblüte mit abendlicher Gefühlsseligkeit und überfrachteten Altreimen an die „Horen“, eine der wichtigsten zeitgenössischen Literaturzeitungen geschickt.
Die Antwort der Redaktion hatte meine künftigen Produktionen einstweilen in ein finsteres Aus geschoben.
„Schön, sehr schön“, hatten sie klar geantwortet. Aber – es wäre „vor hundert Jahren so schön“ gewesen. Nicht heutzutage. Und – sie hatten Recht.
Zuhause suchte ich mir ein besonderes Papier aus einer hinteren Schublade heraus und dachte eine Ansammlung von Grübelminuten nach, an welchem Objekt ich diese modisch abgebrochenen Zeilen üben oder versuchen sollte.

Mein Großvater zog mir durch den Sinn. Er hatte sich erst vor vier Wochen aus dem Leben verabschiedet. Ich hatte ihn mehr als geliebt, bewundert und – ich hatte noch nicht sehr viel Erfahrung mit dem Tod von Menschen gehabt.
Ich schrieb und schrieb, es strömte ein sich wie von selbst dehnendes Wortmeer aus meiner Erinnerung – wie er es fertig gebracht hatte, in dem gesamten 1000-jährigen Reich standzuhalten und kein Mitglied der NSDAP zu werden. Dabei war dies für den geschäftsführenden Direktor einer Kleinfabrik gar nicht so einfach gewesen.
„Ich werde es mir überlegen,“ hatte er refrainmäßig den sich wiederholenden Politanfragen geantwortet – und blieb bis zum Schluss: Nichtmitglied.
Ich sandte meinen Worterguss kurzerhand an eine dieser Literaturzeitungen, eine Zeilengeschwulst, zu der ich schon lang‘ nicht mehr stehen würde.
Der Großvater jedoch muss einen Eindruck hinterlassen haben, auch wenn ich mein Gedicht bald vergessen hatte.

Ein Jahr später zog ich die Nachricht aus meinem klappernden Briefkasten. Mein erstes Gedicht würde abgedruckt.
Ich fand mich in der Zeitung neben Hans-Jürgen Heise und Karl Krolow wieder, die ich damals noch gar nicht kannte.

Angelika Zoellner AutorenBio:

Beitrag vom: 8 Juni, 2009 (09:26) | Autor: Angelika Zoellner | Rubrik: goldener schnitt | Beitrag drucken Beitrag drucken | Kommentieren
Kommentare



Kasper Grimm schrieb:

Das zeigt, dass man sich nicht irgendwelchen Trends oder Vorgaben anschließen darf, sondern nur eigenes aus sich heraus produzieren muss. Der Großvater war die Muse – seltsame Vorstellung: sind das sonst nicht meist niedliche weibliche Wesen?
Die Versuchung, Erwartungshaltungen zu erfüllen, ist groß – die Gefahr dabei vernichtend.
Kasper

Kommentiert am 9. Juni 2009 um 8:37



Kathrin Drescher schrieb:

apropos: „1.1.1.; (Bin nicht sicher mit der Einstufung in die Titel, vielleicht weiß Freifrau von Kathrin was Besseres)“

hab’s mit 5.2. (Goldener Schnitt) versehen. :-)

K.

Kommentiert am 12. Juni 2009 um 23:06



Werner Theis schrieb:

Hallo Angelika,

wie Kaspar schreibt: Man muss sein eigenes Ding machen. Es gibt kein anderes. Nur Authentisches, das gut ist, findet sich an der Seite derer, die rezipiert werden. Aber noch lange nicht alles. Und daher habe ich mir etwas einfallen lassen, das man hier findet.
Danke für Deinen Eintrag.

LG W.

Kommentiert am 15. Juni 2009 um 20:28



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